Kant und so…

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Ich weiß, es ist ein abgenutztes und oft auch missbrauchtes Zitat, aber ich wollte es trotzdem – auch mir selbst – mal wieder in Erinnerung rufen. Nicht, dass die politische Vorgehensweise aktuell grundsätzlich falsch ist, auch Virologen wie Herrn Drosten halte ich für grundlegend unendlich viel kompetenter als mich selbst, aber angesichts dessen, dass selbst unter Fachleuten keine echte Einigkeit herrscht und die Fachleute sich in der Pandemie nachweislich mehrfach massiv geirrt haben, was kein Vorwurf, aber ein Fakt ist, habe ich, wenn ich sehe, wie die Diskussionen gerade laufen, z.B. was potentielle Gefahren durch Mutationen betrifft, große Bedenken, dass wir in einen Modus geraten, in dem wir Anweisungen wollen und aufhören, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Und je weniger man das macht, desto weniger kompentent wird er, wodurch wir am Ende noch mehr Anweisungen von Experten brauchen. Das Problem ist: Mein Irrtum ist mein Irrtum. Der Irrtum von Experten ist der Irrtum von Millionen.

Niedrigrisiko & Nutzen der Corona-App

Dass das Infektionsgeschehen größer ist, habe ich auch daran gemerkt, dass meine Corona-App jetzt heute bereits zum dritten Mal angeschlagen hat. Alle 3 Begegnungen waren niedriges Risiko.

Ich habe versucht zu verstehen, was das genau bedeutet und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass das eine absolut überflüssige Information ist, weil nicht zu unterscheiden ist, ob ich jemanden 5 Minuten lang auf 2 1/2 Meter nahe gekommen bin oder der Infizierte lediglich auf der anderen Straßenseite vorbeigelaufen oder in einem Auto vorbeigefahren ist, an einer Ampel gestanden hat, etc.

Mittlerweile ist die erste dieser Begegnungen wieder aus der App herausgefallen, woran ich zumindest den Zeitraum, an dem die Begegnung stattgefunden haben muss, eingrenzen kann. Das waren mindestens 9 Tage, bevor ich die Meldung bekam, also ein Zeitraum, in dem sich vermutlich bereits Symptome gebildet hätten, hätte ich mich angesteckt.

Zudem kann ich den Zeitpunkt der Begegnung so stark eingrenzen, dass ich sicher sagen kann, dass ich da längere Begegnungen nur mit Arbeitskollegen hatte, hätte jemand von dort die App gefüttert, wüsste ich das. Nicht mal einkaufen war ich in dieser Zeit. Auch Öffentliche Verkehrsmittel habe ich seit einigen Wochen keine genutzt. Es kann also nur eine Begegnung auf der Straße gewesen sein in einem Zusammenhang, bei dem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Infektionsgefahr ausgeschlossen werden kann.

Man mag nun sagen, dass genau das die „grüne Meldung“ bedeutet, eine Begegnung mit sehr geringem Risiko, aber die Information, die viele Leute verunsichert, ist vollkommen sinnbefreit.

Selbst der Nutzen einer roten Meldung ist fraglich, wenn diese mehr als eine Woche nach der Begegnung stattfindet. Bis dahin bin ich entweder erkrankt oder, falls es eine asymptotische Infektion sein sollte, höchstwahrscheinlich nicht mehr infektiös, bis mein Testergebnis vorliegt. Dann werden andere App-User beunruhigt, unnötigerweise oder zu spät.

„Die Gesundheitsämter sind überfordert“

… sagt Frau Merkel, die sich aktuell auf einer Queste zur Rettung von Weihnachten befindet. Deshalb gibt es jetzt ganz, ganz viele Maßnahmen mit großartigen Konzepten wie „10 Personen aus 2 Haushalten völlig okay, 3 Personen aus 3 Haushalten unverantwortlich“. Viren übertragen sich scheinbar auch in Theatern leichter als in Kirchen, was den Ratsvorsitzenden des EKD zu der Meinung brachte, dass die Maßnahmen gut seien, weil sie nicht willkürlich sind.

Was ich nicht gehört habe: Bekommen die Gesundheitsämter jetzt mehr Personal, so wie es eigentlich schon seit Monaten vereinbart war, aber von vielen Ländern nicht in dem vereinbarten Maß umgesetzt wurde? Ach egal, da müsste man sich ja einen unbequemeren und weniger anonymen Schuldigen suchen….

Sture Statistiker

„*Aus einem Landkreis in Baden-Württemberg wurden aufgrund eines Softwareupdates gestern 410 Fälle weniger als zuvor übermittelt. Die Daten werden derzeit korrigiert.“

schreibt das RKI heute. Dementsprechend führt es bei den Neuinfektionen in Baden-Württemberg auch eine -371. Wenn man das Problem so genau schon kennt, ist es echt so schwer, es vor der Veröffentlichung bei Baden-Württemberg manuell um 410 Fälle nach oben zu korrigieren? Da das ja eine Statistik ist, die auch der Übersicht des Verlaufs der Pandemie dient, versaut man so regelmäßig die Daten. Es ist ja nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Und nicht immer dokumentiert das RKI es. Dass Bayern gestern nur 2 neue Fälle hatte und heute 271 dürfte wohl auch eher ein Softwareproblem (oder Anwenderproblem) sein, als eine tatsächlich sprunghafte Zunahme, soll heißen: gestern etwas mehr Fälle, heute etwas weniger.

Und morgen wird die Statistik wieder total falsch sein, weil da dann die 410 Fälle, die man heute zu wenig hat, einfach wieder draufgepackt werden… plus die Fälle, die es tatsächlich neu gibt. Bin schon gespannt, wer es morgen dann wieder alles – völlig investigativ – auf die Reihe bekommt, von starken Zuwächsen bei den Neuinfektionen zu faseln.

Lockdown-Lockerungs-Soundtrack

Langsam scheint mich der Youtube-Algorithmus zu kennen. Vor dem Lockdown waren die Vorschläge zum Teil so haarsträubend, dass ich regelmäßig in meine Tastatur gebissen habe. Mangels Weggehmöglichkeiten habe ich in letzter Zeit aber offenbar so viel durch Youtube geklickt, dass die Vorschläge mittlerweile annehmbar werden.

Nachdem mich der Algorithmus zunächst mit John Fogerty überflutet hatte, was nun für mich sicher nichts Neues war, habe den Mann immerhin 3mal Live gesehen, verändern sich jetzt auch die obskuren Vorschläge von obskur haarsträubend scheiße zu obskur haarsträubend gut.

Zum Beispiel mit The Reverend Peyton’s Big Damn Band:

Zugegeben, auf Dauer etwas repetitiv, aber macht Spaß. :oD

Zahlenfetisch

Thema Nr. 1 ist aktuell ja der Reproduktionsfaktor. Trotzdem die Neuinfektionen stetig fallen, verharrt dieser bei ca. 1. Solange er nicht unter 1 liegt, sollen wir über weitere Lockerungen lieber nicht nachdenken.

Am Anfang hat man immer auf den exponentiellen Verlauf hingewiesen. Wie unsicher dieser war, zeigt aber schon, dass die Reproduktionsrate deutlich früher auf 1 gesunken ist als ursprünglich angenommen.

Überhaupt hatte man sich zu Beginn der Pandemie bei diesem Wert gehörig verschätzt.

Mittlerweile soll das Berechnungsmodell deutlich verbessert worden sein. Trotzdem bleibt es ein Schätzwert, den das RKI bei aktuell 1,0 mit einem Konfidenzintervall von 0,8 bis 1,1 angibt. Dennoch treffen wir anhand von Veränderungen im Zehntelprozentbereich Aussagen über die Entwicklung der Pandemie, definieren das gar als eine der wichtigsten Entscheidungsgrundlagen.

Als Wissenschaftler hätte ich da ja Bauchschmerzen…

PS: Es stimmt übrigens nicht, dass die Reproduktionsrate „seit Tagen“ ansteigen würde, wie häufig zu lesen war. Auch der Hinweis, dass sie bereits „bei 0,7“ gelegen hat, ist irreführend, weil dieser Wert einmal kurz nach Ostern für gerade mal 2 Tage erreicht wurde. Ansonsten zuckelt der Wert seit fast 2 Wochen zwischen 0,9 und 1,0 hin und her. Bei einem Intervall von 0,3 ist es mehr als fragwürdig daraus Schlagzeilen wie „Ansteckungsgefahr steigt wieder“ zu produzieren.

PPS: Faktisch scheint es sogar so zu sein, dass man sich nur von einen in den anderen Rundungsbereich bewegt hat, die Schwankung also sogar nur im Hundertstelprozentbereich liegt.

Kommunikationsentscheidungen

Der Spiegel meldet heute:

Mehr als Tausend neue Coronafälle in Deutschland

Es waren 1.018, mehr als 700 weniger als letzten Montag.

Möglich wäre auch gewesen:

RKI meldet geringste Zahl an Neuinfektionen seit dem 14. März

Bin mal gespannt, was sie Mitte der Woche melden, wenn die Neuinfektionen aufgrund des Meldeverzugs wie jede Woche ansteigen.

Jetzt bloß nicht die Panik verlieren, nur weil’s mal gut läuft, Rincewind.

The song of the tired and the weary

Update 13.04., ca. 12.30 Uhr

Nachdem ich mich mit meiner Meinung in den letzten Wochen manchmal ein wenig einsam fühlte, gibt es erste Anzeichen, dass der Verstand der Welt doch noch nicht abhanden gekommen ist und ich gar nicht so falsch liege. Weil deren Server gerade überlastet ist, habe ich die Empfehlungen der „Nationalakademie Leopoldina“ konkret noch nicht lesen können, aber Spiegel schreibt darüber unter anderem:

In ihrer sehr breit angelegten Stellungnahme warnen die Forscher davor, die Folgen der Kontaktsperren für die psychische und physische Gesundheit der Menschen nicht zu unterschätzen. Diese seien immens. Auch müsse den Bürgern eine Perspektive kommuniziert werden, wie der Weg aus der Corona-Krise gemeistert werden kann. Das würde die psychische Belastung der Menschen reduzieren, aber auch die Bereitschaft steigern, weiter die Hygiene- und Kontaktgebote zu befolgen. In diesem Punkt kritisieren die Forscher am direktesten, wie die Politik bislang mit der Krise umgegangen ist.

Nur die Politik zu kritisieren, ist aber falsch, die Medien haben hier ihre Kontrollfunktion teilweise nicht erfüllt, was man z.B. an solch völlig abstrusen Meldungen über zunehmende Mobilität, Forderungen nach noch mehr Einschränkungen oder einen angeblichen Expertenstreit über die Ergebnisse der Studie in Gangelt sehen kann. Selbst als Drosten deutlich machte, dass die Tatsache, dass es aus seiner Sicht ungeklärte Fragen gibt, kein „Verriss“ ist, hinderte nicht daran, das weiter so darzustellen.

Eine Lehre aus der Krise daher vielleicht: Lieber schauen, was die Wissenschaft dazu schreibt und den Umweg über die klassischen Medien meiden. Wie wenig sie Wissenschaft verstehen, haben sie in diesen Wochen exzellent unter Beweis gestellt.

Weiterer Auszug:

Graphiken zeigen täglich das rasante Wachstum der Infizierten und die kumulierte Anzahl der an COVID-19 Verstorbenen. Diese Informationsdichte und die selektive Präsentation ausgewählter absolu-ter Zahlen erhöhen die subjektiv erlebte Bedrohung und erschweren den Blick auf die tatsächlichen Risiken.

Flatten the Curve?

Sieht zumindest so aus:

flatten

Allerdings werden sich die beiden letzten Punkte und in einem geringen Maße wohl auch der drittletzte Punkt wegen dem Meldeverzug noch nach oben verschieben. Flacht die Kurve ab oder ist sie eher gerade? Fest steht, ein exponentielles Wachstum gibt es definitiv aktuell nicht mehr. Bei Lockerungen besteht allerdings die Gefahr, dass dieses wieder entsteht.

Gleichzeitig geht es nach wie vor nicht darum, dass sich niemand mehr ansteckt, das ist unrealistisch, sondern darum, dass sich nicht zu viele gleichzeitig anstecken. Es ist also die Zeit, durch schrittweise Experimente herauszufinden, was die Kurve wie stark ansteigen lässt. Ggf. muss einiges davon dann wieder zurückgenommen werden. Statt also darüber nachzudenken, was nun dauerhaft wieder gelockert werden kann und was nicht, sollte man lieber ein paar Sachen, die die Kurve voraussichtlich nicht dramatisch ansteigen lassen (also alles, wo mehr als eine Handvoll Leute auf ganz engem Raum zusammenkommt) wieder zulassen, dafür den Leuten aber auch gleich sagen: Ein paar Dinge davon werden wir in 3 bis 4 Wochen nochmal zumindest kurzzeitig einschränken müssen.

Mehr Regionalität wäre auch angebracht. Es macht keinen Sinn, dass in Mecklenburg harte Ausgangssperren gelten, weil in Bayern ein neuer Cluster entstanden ist – oder umgekehrt. Weil man da einen Kompromiss aus beiden Situationen finden muss, der an einer Stelle zu hart und an der anderen zu ineffektiv ist. Leider läuft hier die Tendenz in die andere Richtung und man möchte mehr einheitliches Vorgehen. Einheitliche Richtlinien, was in welcher Situation zu tun ist, wären sinnvoller.