Sture Statistiker

„*Aus einem Landkreis in Baden-Württemberg wurden aufgrund eines Softwareupdates gestern 410 Fälle weniger als zuvor übermittelt. Die Daten werden derzeit korrigiert.“

schreibt das RKI heute. Dementsprechend führt es bei den Neuinfektionen in Baden-Württemberg auch eine -371. Wenn man das Problem so genau schon kennt, ist es echt so schwer, es vor der Veröffentlichung bei Baden-Württemberg manuell um 410 Fälle nach oben zu korrigieren? Da das ja eine Statistik ist, die auch der Übersicht des Verlaufs der Pandemie dient, versaut man so regelmäßig die Daten. Es ist ja nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Und nicht immer dokumentiert das RKI es. Dass Bayern gestern nur 2 neue Fälle hatte und heute 271 dürfte wohl auch eher ein Softwareproblem (oder Anwenderproblem) sein, als eine tatsächlich sprunghafte Zunahme, soll heißen: gestern etwas mehr Fälle, heute etwas weniger.

Und morgen wird die Statistik wieder total falsch sein, weil da dann die 410 Fälle, die man heute zu wenig hat, einfach wieder draufgepackt werden… plus die Fälle, die es tatsächlich neu gibt. Bin schon gespannt, wer es morgen dann wieder alles – völlig investigativ – auf die Reihe bekommt, von starken Zuwächsen bei den Neuinfektionen zu faseln.

Lockdown-Lockerungs-Soundtrack

Langsam scheint mich der Youtube-Algorithmus zu kennen. Vor dem Lockdown waren die Vorschläge zum Teil so haarsträubend, dass ich regelmäßig in meine Tastatur gebissen habe. Mangels Weggehmöglichkeiten habe ich in letzter Zeit aber offenbar so viel durch Youtube geklickt, dass die Vorschläge mittlerweile annehmbar werden.

Nachdem mich der Algorithmus zunächst mit John Fogerty überflutet hatte, was nun für mich sicher nichts Neues war, habe den Mann immerhin 3mal Live gesehen, verändern sich jetzt auch die obskuren Vorschläge von obskur haarsträubend scheiße zu obskur haarsträubend gut.

Zum Beispiel mit The Reverend Peyton’s Big Damn Band:

Zugegeben, auf Dauer etwas repetitiv, aber macht Spaß. :oD

Zahlenfetisch

Thema Nr. 1 ist aktuell ja der Reproduktionsfaktor. Trotzdem die Neuinfektionen stetig fallen, verharrt dieser bei ca. 1. Solange er nicht unter 1 liegt, sollen wir über weitere Lockerungen lieber nicht nachdenken.

Am Anfang hat man immer auf den exponentiellen Verlauf hingewiesen. Wie unsicher dieser war, zeigt aber schon, dass die Reproduktionsrate deutlich früher auf 1 gesunken ist als ursprünglich angenommen.

Überhaupt hatte man sich zu Beginn der Pandemie bei diesem Wert gehörig verschätzt.

Mittlerweile soll das Berechnungsmodell deutlich verbessert worden sein. Trotzdem bleibt es ein Schätzwert, den das RKI bei aktuell 1,0 mit einem Konfidenzintervall von 0,8 bis 1,1 angibt. Dennoch treffen wir anhand von Veränderungen im Zehntelprozentbereich Aussagen über die Entwicklung der Pandemie, definieren das gar als eine der wichtigsten Entscheidungsgrundlagen.

Als Wissenschaftler hätte ich da ja Bauchschmerzen…

PS: Es stimmt übrigens nicht, dass die Reproduktionsrate „seit Tagen“ ansteigen würde, wie häufig zu lesen war. Auch der Hinweis, dass sie bereits „bei 0,7“ gelegen hat, ist irreführend, weil dieser Wert einmal kurz nach Ostern für gerade mal 2 Tage erreicht wurde. Ansonsten zuckelt der Wert seit fast 2 Wochen zwischen 0,9 und 1,0 hin und her. Bei einem Intervall von 0,3 ist es mehr als fragwürdig daraus Schlagzeilen wie „Ansteckungsgefahr steigt wieder“ zu produzieren.

PPS: Faktisch scheint es sogar so zu sein, dass man sich nur von einen in den anderen Rundungsbereich bewegt hat, die Schwankung also sogar nur im Hundertstelprozentbereich liegt.

Kommunikationsentscheidungen

Der Spiegel meldet heute:

Mehr als Tausend neue Coronafälle in Deutschland

Es waren 1.018, mehr als 700 weniger als letzten Montag.

Möglich wäre auch gewesen:

RKI meldet geringste Zahl an Neuinfektionen seit dem 14. März

Bin mal gespannt, was sie Mitte der Woche melden, wenn die Neuinfektionen aufgrund des Meldeverzugs wie jede Woche ansteigen.

Jetzt bloß nicht die Panik verlieren, nur weil’s mal gut läuft, Rincewind.

The song of the tired and the weary

Update 13.04., ca. 12.30 Uhr

Nachdem ich mich mit meiner Meinung in den letzten Wochen manchmal ein wenig einsam fühlte, gibt es erste Anzeichen, dass der Verstand der Welt doch noch nicht abhanden gekommen ist und ich gar nicht so falsch liege. Weil deren Server gerade überlastet ist, habe ich die Empfehlungen der „Nationalakademie Leopoldina“ konkret noch nicht lesen können, aber Spiegel schreibt darüber unter anderem:

In ihrer sehr breit angelegten Stellungnahme warnen die Forscher davor, die Folgen der Kontaktsperren für die psychische und physische Gesundheit der Menschen nicht zu unterschätzen. Diese seien immens. Auch müsse den Bürgern eine Perspektive kommuniziert werden, wie der Weg aus der Corona-Krise gemeistert werden kann. Das würde die psychische Belastung der Menschen reduzieren, aber auch die Bereitschaft steigern, weiter die Hygiene- und Kontaktgebote zu befolgen. In diesem Punkt kritisieren die Forscher am direktesten, wie die Politik bislang mit der Krise umgegangen ist.

Nur die Politik zu kritisieren, ist aber falsch, die Medien haben hier ihre Kontrollfunktion teilweise nicht erfüllt, was man z.B. an solch völlig abstrusen Meldungen über zunehmende Mobilität, Forderungen nach noch mehr Einschränkungen oder einen angeblichen Expertenstreit über die Ergebnisse der Studie in Gangelt sehen kann. Selbst als Drosten deutlich machte, dass die Tatsache, dass es aus seiner Sicht ungeklärte Fragen gibt, kein „Verriss“ ist, hinderte nicht daran, das weiter so darzustellen.

Eine Lehre aus der Krise daher vielleicht: Lieber schauen, was die Wissenschaft dazu schreibt und den Umweg über die klassischen Medien meiden. Wie wenig sie Wissenschaft verstehen, haben sie in diesen Wochen exzellent unter Beweis gestellt.

Weiterer Auszug:

Graphiken zeigen täglich das rasante Wachstum der Infizierten und die kumulierte Anzahl der an COVID-19 Verstorbenen. Diese Informationsdichte und die selektive Präsentation ausgewählter absolu-ter Zahlen erhöhen die subjektiv erlebte Bedrohung und erschweren den Blick auf die tatsächlichen Risiken.

Flatten the Curve?

Sieht zumindest so aus:

flatten

Allerdings werden sich die beiden letzten Punkte und in einem geringen Maße wohl auch der drittletzte Punkt wegen dem Meldeverzug noch nach oben verschieben. Flacht die Kurve ab oder ist sie eher gerade? Fest steht, ein exponentielles Wachstum gibt es definitiv aktuell nicht mehr. Bei Lockerungen besteht allerdings die Gefahr, dass dieses wieder entsteht.

Gleichzeitig geht es nach wie vor nicht darum, dass sich niemand mehr ansteckt, das ist unrealistisch, sondern darum, dass sich nicht zu viele gleichzeitig anstecken. Es ist also die Zeit, durch schrittweise Experimente herauszufinden, was die Kurve wie stark ansteigen lässt. Ggf. muss einiges davon dann wieder zurückgenommen werden. Statt also darüber nachzudenken, was nun dauerhaft wieder gelockert werden kann und was nicht, sollte man lieber ein paar Sachen, die die Kurve voraussichtlich nicht dramatisch ansteigen lassen (also alles, wo mehr als eine Handvoll Leute auf ganz engem Raum zusammenkommt) wieder zulassen, dafür den Leuten aber auch gleich sagen: Ein paar Dinge davon werden wir in 3 bis 4 Wochen nochmal zumindest kurzzeitig einschränken müssen.

Mehr Regionalität wäre auch angebracht. Es macht keinen Sinn, dass in Mecklenburg harte Ausgangssperren gelten, weil in Bayern ein neuer Cluster entstanden ist – oder umgekehrt. Weil man da einen Kompromiss aus beiden Situationen finden muss, der an einer Stelle zu hart und an der anderen zu ineffektiv ist. Leider läuft hier die Tendenz in die andere Richtung und man möchte mehr einheitliches Vorgehen. Einheitliche Richtlinien, was in welcher Situation zu tun ist, wären sinnvoller.

Update, 13.04.2020, ca. 10.00 Uhr

Die Frage, ob die Kontaktsperren ab dem 20. April gelockert werden sollen, spaltet. 40% sind aktuell für eine Lockerung oder gar eine komplette Abschaffung, 44% wollen sie verlängern.

Niemand kann seriös mit Sicherheit sagen, was die Kontaktsperren wirklich bringen und welchen Schaden sie vielleicht anrichten, wenn man über ein paar Tage hinausdenkt. Auch sagt die Umfrage nichts darüber aus, wie lange die Leute die Kontaktsperren verlängern wollen. Man kann niemanden Unvernunft oder Panik unterstellen, wenn er die Kontaktsperren sicherheitshalber noch eine Woche verlängern will. Bei einem Monat sähe es dagegen anders aus.

So gesehen spiegelt dieses Meinungsbild durchaus die Unsicherheit der Situation wieder und ist nachvollziehbar.

Doch laut derselben Umfrage plädieren 12% der Befragten für eine Verschärfung der Maßnahmen. Da muss man sich schon fragen, ob die Kommunikation der Krise richtig ist, denn auf welcher Faktenbasis eine weitere Verschärfung Sinn machen soll, ist nicht ersichtlich. Die Infiziertenzahlen entwickeln sich in dem Maß, wie es zu erwarten war. In diesem Maß wird es definitiv zu keiner Überlastung des Gesundheitssystems kommen. Wer eine Verschärfung für sinnvoll hält, ist verflixt schlecht informiert … oder in Panik.

Es gibt diesen unterbewussten Wunsch nach einer kollektiven Katastrophenerfahrung. Ein Grund ist, dass das identitätsstiftend sein kann. Ein anderer, weil die menschliche Psyche einen Kontrollverlust nicht ertragen kann. Und wenn etwas nicht vollständig kontrollierbar ist, gibt es nur zwei Strategien: Ignoranz oder Aktionismus. Mit immer härteren Maßnahmen gaukelt man der eigenen Psyche vor, dass man die vollständige Kontrolle über eine Situation erlangen könnte, über die es keine vollständige Kontrolle geben kann. Jedes Handeln, das dem „Kampf gegen den Virus“ gilt, belohnt den Wunsch nach Kontrolle, unabhängig davon, ob man dadurch tatsächlich mehr Kontrolle erhält. Man fühlt sich besser und weniger hilflos. Aberglaube funktioniert genauso.

Am Ende führt das dazu, dass aktuell Bischof Georg Bätzing irrlichterte, dass das Ganze vielleicht ein „Glücksfall der Geschichte“ wäre. Manche suhlen sich gerne in einer Katastrophe. Würde man Maßnahmen lockern, wäre das vielleicht ein Zeichen, dass dieser „Glücksfall“ allzu schnell endet.

Update 11.4.

Ich habe eine interessante Mail von einem Arzt bekommen, den ich von früher kenne. Er leitet derzeit die medizinischen Maßnahmen gegen die Coronakrise in einem deutschen Landkreis. Er schätzt die Lage so ein, dass seine Krankenhäuser gut vorbereitet sind.
Auf der politischen Seite hat er es mit Leuten zu tun, die von maximalen Krisen ausgehen, von Zuständen wie in einer der am härtesten betroffenen Regionen Europas. Das sei der Maßstab für die Anforderungen der Politiker, also Worst Case, der schlimmste Fall.

Der Arzt schreibt: „Der Wahnsinn ist dieses unverrückbare Kopfkino, das in den uns vorgeschalteten politischen Ebenen abläuft. Der totale Ausfall einer effektiven Zusammenarbeit, Kontrolle und Checklisten statt Analyse und Lösung. Dabei fällt es mir schwer, die Kollegen mit immer neuen Krisenfantasien zu konfrontieren und Steigerungen der Steigerung zu erörtern, die Spannung für den Höhepunkt, der seit Wochen erwartet und noch immer nicht in der Härte eingetreten ist, aufrechtzuerhalten. Kurzum, medizinischer und realer Verlauf kollidieren mit einem Angst-Szenario hin zur Panik und im Grunde Handlungskollaps der politischen Institutionen.“
https://www.spiegel.de/politik/news-corona-wissenschaftler-krisenphantasien-ostermarsch-osteransprache-a-f446f8ca-afb6-4dd8-aa04-15466f924e74

Mir scheint es zudem, dass wir gerade Kompensationshandlungen durchführen. Wir alle haben den Virus zu Beginn unterschätzt und um das auszugleichen, ist jetzt eine starke Neigung da, immer noch mehr draufzupacken. Auch jetzt wird immer noch über noch härtere Maßnahmen diskutiert, obwohl bislang alles so verläuft, wie es zu erwarten war. Wer glaubt, die Verdopplungsrate müsste jeden Tag um mehrere Tage steigen, versteht die Mathematik dahinter nicht. Wer nach wie vor meldet, dass die Zahl Neuinfektionen angestiegen ist, was ca. drei Mal die Woche geschieht, versteht nicht, dass die absolute Zahl an Neuinfektionen tendenziell steigen muss, wenn mehr Leute infiziert sind. Sinkt sie dennoch, ist das ein großartiger Erfolg. Aber „schon wieder mehr Neuinfizierte“ ist halt einfach die bessere Schlagzeile.

Meistgeklickt aktuell bei Spiegel ist dieser Artikel: https://www.spiegel.de/wissenschaft/corona-krise-gefaehrliche-stimmungsumschwung-in-der-deutschen-bevoelkerung-a-1a24c2e2-58a9-4e6c-b9bd-64f73537a38b

Dabei werden da Zusammenhänge erstellt, die gar nicht da sind. Mehr Bewegung allein bedeutet nicht mehr Sorglosigkeit. Im Gegenteil, wenn die Leute Alternativen finden, um sich zu bewegen, ist das für unser aller Gesundheit von Vorteil. Ein Immunsystem muss auch gestärkt werden.

Auch, dass die Aussicht auf ein Ende die Leute zur Sorglosigkeit animieren könnte, ist schwer aus der Luft gegriffen. Ein Ende absehen zu können, dürfte im Gegenteil eher dazu motivieren, das noch ein/zwei Wochenenden durchzuziehen. In dem Moment, an dem klar wird, dass man monatelang quasi eingesperrt ist, dürfte die Neigung, sich darüber hinwegzusetzen, deutlich größer sein. In Bayern sieht man ja schon, dass härtere Maßnahmen eher den gegenteiligen Effekt haben.

Die Leute waren von der Situation geschockt. Wer geschockt ist, erstarrt. Mittlerweile gibt es viele neue Informationen und man darf den Menschen durchaus zutrauen, dass sie bis zu einem gewissen Maße eine Risikoeinschätzung selbst treffen können, auch wenn die nicht 100% mit der der Medien kompatibel ist. Die Meinungsbreite unter Wissenschaftlern ist ja auch recht groß. Ein bisschen mehr Zutrauen in die Schwarmintelligenz kann man schon haben. Wenn Leute jetzt anfangen, sich eher um ihren Job und die Folgen der Maßnahmen zu sorgen, dann vielleicht nicht, weil sie den Virus unterschätzen, sondern weil sie anfangen, mehr als nur 3 Tage in die Zukunft zu denken.

Update, 7.4. – und noch eine kleine Bemerkung

Ich habe ihn damals bei seiner Einführung belächelt, aber tatsächlich erfüllt der Ethikrat seine Aufgabe: https://www.tagesschau.de/inland/ethikrat-lockerung-corona-101.html