Wie gefährlich ist der Ausbruch? – Update 27 – letztes hoffentlich

Ich denke, die Entwicklung ist eindeutig. Bis wir die Talsohle erreicht haben, ist das ständige Starren auf die Zahlen mehr Neurose als Information, weshalb ich diese kleine Reihe hier, die schon viel zu lange geht (27 Updates! Du liebe Zeit!), wahrscheinlich beende.

Spannend bleibt Schweden, aber aus anderen Gründen als bisher. Die Inzidenz ist jenseits von gut und böse und scheint dort zu bleiben, während in Resteuropa die Welle langsam zu Ende zu gehen scheint. Von daher werden sich alle Kritiker an der schwedischen Herangehensweise bestätigt fühlen. Eine Frage scheint man sich aber lieber nicht stellen zu wollen: Wieso Schweden den ganzen Winter und bis weit ins Frühjahr hinein einen mehr als doppelt so hohen Inzidenzwert wie Deutschland haben kann, ohne dass es das dortige Gesundheitssystem überlastet? Hätten wir uns Ausgangssperren und zumindest scharfe Kontaktbeschränkungen erspart, wenn die Politik unserem Gesundheitssystem mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte?

Und auch noch lustig, das war auf hessenschau.de vor 2 Wochen:

Dann hat man es aktualisiert und jetzt sieht es so aus:

Schon wieder hat man den Bereich des Konfidenzintervalls verlassen, nur wenige Tage halten diese Rechenmodelle durch. Man könnte meinen, irgendwer käme mal auf die Idee, diese Modellrechnung nicht mehr anzugeben, weil sie sinnbefreit ist. Aber eine Reflexion über all die vielen Daten, die wir täglich um die Ohren gehauen bekommen, findet kaum statt. Nur furchterregende Zahlen bringen Klicks. Und hinterher kräht kein Hahn mehr danach.

Ich erinnere noch mal: wir sollten mittlerweile 230.000 Neuinfektionen pro Tag haben, so eines dieser, u.a. vom Spiegel propagierten Modelle. Dass diese absurd hohe Zahl, die einem eine Menge Aufmerksamkeit und den Medien jede Menge Klicks gebracht hat, jetzt nicht als das bezeichnet wird, was sie von Anfang an war, ist bemerkenswert. Das Erklärungsmodell ist jetzt, dass die Warnung vor dieser Situation sie verhindert hätte.

Das klingt erst mal plausibel, ist aber was? Genau, unwissenschaftlich, denn es fehlt eines der grundlegenden wissenschaftlichen Prinzipien: Die Falsifizierbarkeit. Ich sage 230.000 Neuinfektionen jeden Tag voraus. Trifft es ein, habe ich recht gehabt, trifft es nicht ein, habe ich auch recht gehabt. Man kann das Modell also rein formal schon nicht widerlegen, es ist dauerhaft sicher, das ist mangelnde Falsifizierbarkeit und damit unwissenschaftlich. Wer das Modell verteidigt, hat etwas Grundlegendes in der wissenschaftlichen Methodik nicht verstanden.

Wie gefährlich ist der Ausbruch? – Update 26

Wir haben eindeutig den Peak überschritten. Die Fallzahlen gehen deutlich zurück, die Todeszahlen steigen nicht mehr und selbst die Situation auf den Intensivstationen ist zwar noch angespannt, verschlechtert sich aber auch nicht mehr.

Grund dafür ist eindeutig die fortschreitende Impfkampagne. Wir haben zwischenzeitlich den Punkt überschritten, an dem auch in Großbritannien die Impfkampagne in den Fallzahlen sichtbar wurde.

Die Saisonalität des Virus könnte unterstützend wirken, einen allzu großen Einfluss kann sie aber nicht haben, sonst würden die Fallzahlen nicht so abrupt und deutlich sinken. Das ist das Ergebnis des Impfens, daran besteht kein Zweifel.

Auch die sogenannte Bundesnotbremse kann allenfalls einen minimalen Einfluss haben, wobei schon fraglich ist, ob das rein zeitlich bereits jetzt in den Zahlen angekommen sein kann.

Wie weit die Kurve runtergeht, bevor sie die Talsohle erreicht, ist nicht absehbar, zumal die Impfkampagne an Fahrt gewinnt und die deutliche Erhöhung der wöchentlichen Impfungen in den letzten anderthalb Wochen noch gar nicht in den Zahlen angekommen sein kann. Der Schutz ist ja nicht sofort nach der Spritze da, das dauert bis zu 2 Wochen.

Fest steht allerdings schon jetzt, dass die prognostizierten 230.000 Neufälle pro Tag, die für den Mai befürchtet wurden, in den Bereich der Panikmache gehören und mit Wissenschaft nichts zu tun hatten. Es gab eine Menge Unsicherheiten, die 2. Welle war stärker als das aus den bis da verfügbaren Daten erwartbar war, deswegen aber ins andere Extrem umzuschlagen und sich um den Faktor 10 zu verschätzen, zeigt wie gefährlich eine Pandemie auch für unsere Psyche ist. Als der Spiegel diese Prognose verbreitete, hat sich niemand getraut, öffentlich zu sagen, dass das eine unseriöse Prognose ist. Nicht mal jetzt werden sich das allzu viele trauen. Im Gegenteil dürfte die Meinung eher dahin tendieren, dass diese Prognose schon richtig war … wenn denn die Realität eine andere gewesen wäre.

Wichtig ist, dass jetzt weiter so schnell geimpft wird, denn es ist nicht absehbar, wie weit der Inzidenzwert drückbar ist, wenn wir Maßnahmen wieder lockern wollen. Wenn wir da nicht unter 50 kommen, haben wir nicht viel gewonnen. Es spricht aber alles dafür, dass das möglich ist. Es war letztes Jahr möglich und selbst wenn man einwendet, dass die Mutation jetzt ansteckender ist, gleicht sich dieser Effekt durch die fortschreitenden Impfungen ja mindestens aus. Aktuell gibt es keinen Grund anzunehmen, dass dieser Sommer nicht zumindest so wie der letzte wird. Wahrscheinlich sogar besser.

Wie gefährlich ist der Ausbruch? – Update 25

Wie letzte Woche schon vermutet, gibt es noch einen leichten Anstieg, es ist aber recht eindeutig, dass wir nah an dem Plateau sind. Die von Modellierungsexperten für Anfang Mai prognostizierten bis zu 230.000 Fälle pro Tag dürften innerhalb von ein bis zwei Wochen kaum noch eintreffen, selbst wenn es noch einmal einen deutlichen Anstieg der Fallzahlen geben sollte.

Erklärungen darüber, was ein solches Modell leisten kann und was nicht, ändern nichts daran, dass man mit Prognosen hausieren gegangen ist, die nicht seriös waren. Angeblich war in diesem Modell die dämpfende Wirkung des Frühjahrs und die zunehmenden Impfungen berücksichtigt. Trotzdem traf man nicht mal annähernd das Konfidenzintervall, was bedeutet, dass das Modell absolut ungeeignet dazu war, die mögliche Entwicklung korrekt abzubilden. Wenn ich damals blind gesagt hätte, die Inzidenz wird Anfang Mai irgendwo zwischen 20 und 300 liegen, wäre das eine sinnbefreite Aussage gewesen, aber nicht ungenauer als diese Modellrechnungen – und näher an der Realität. Und da die Politik so schnarchnasig reagiert, kann man sich jetzt nicht einmal damit rausreden, dass die Warnung vor dieser Entwicklung sie verhindert hat. Noch können die politischen Entscheidungen der letzten Tage ja nicht in den Fallzahlen angekommen sein.

Was man eher damit erreicht hat, ist, dass die Menschen jetzt, da es deutlich weniger Fälle sind als prognostiziert, Warnungen weniger ernst nehmen und überhaupt eher das Gefühl bekommen, dass es doch gar nicht so schlimm ist. Diese Stimmung in der Bevölkerung haben nicht Verschwörungstheoretiker erzeugt, sondern Politik, Medien und Wissenschaft, die einen überzogenen Alarmismus mit wenig Substanz in der Datenlage an den Tag gelegt haben. Bei einem so dynamischen Phänomen wie einer Pandemie einfach eine Kurve anhand der Entwicklungen der letzten paar Tage stur weiter zu zeichnen und dann zu glauben, man könnte eine Prognose Monate im Voraus treffen, ist keine Wissenschaft, sondern Effekthascherei.

Screenshot hessenschau.de, 24.04.2021, 10.00 Uhr

Wie gefährlich ist der Ausbruch? – Update 24

So langsam kommen wir wieder in den Bereich, in dem die Zahlen belastbar sind. Wir hatten denselben V-förmigen Verlauf, wie wir ihn auch an Weihnachten hatten. Der hakenartige Abbruch des Wachstums seit 2 Tagen ist, genauso wie der massive Anstieg die Tage davon, eher mathematisch als pandemisch bedingt. Ob wir uns am Scheitelpunkt befinden, wird in den nächsten Tagen klar werden. Dieser muss noch nicht unbedingt erreicht sein, denn verzögerte Meldungen sorgen zunächst für einen geringeren Anstieg, dann für einen überschätzten und schließlich wieder für einen unterschätzten, daher dieses abrupte Abbrechen die letzten beiden Tage. Es könnte also durchaus sein, dass die Zahlen noch mal anziehen. Dass allerdings ausgerechnet gestern, als der weitere Anstieg ausblieb, die erste Schlagzeile, die ich gelesen habe, irgendwas lautete wie: „Massiver Anstieg setzt sich fort“, zeigt, wie sehr sich die Wahrnehmung von der Realität entkoppelt hat. Was die Zahlen eigentlich bedeuten, darüber denken die Leute gar nicht wirklich nach.

Das geschieht übrigens auch in die andere Richtung: Dass München seine Beschränkungen kurz nach Ostern teilweise aufhob und kurz darauf wieder einführen musste, hat nichts mit einem sich ruckartig verändernden Infektionsgeschehen zu tun, sondern schlicht mit einer sich verändernden Testanzahl. Das hätte man nicht wissen können, sondern müssen. Trotzdem klammert man sich an die Inzidenzzahl wie an einen Fetisch mit dem Ergebnis, dass die Eindämmungsstrategie vollkommen ineffektiv ist.

Ein weiterer Anstieg in der nächsten Woche ist durchaus ein mögliches Szenario, auf der anderen Seite sprechen aber auch immer mehr Indizien dafür, dass wir uns dem Scheitelpunkt zumindest nähern. Wenn wir Glück haben, gerade noch rechtzeitig, bevor die Intensivbetten volllaufen. Das ist dann aber kein Verdienst von Politik, Wirtschaft oder sonst wem, sondern vermutlich eine Mischung aus voranschreitenden Impfungen und vielleicht doch dem langsam besser werdenden Wetter.

Nach einem deutlich sichtbaren Anstieg ist die Sterberate zuletzt kaum noch gestiegen, Infektions- und Todeszahlen driften weiter auseinander. Bei allen Schwierigkeiten und Verbesserungspotential zeigt das, dass die Impfstrategie funktioniert. Es geht nicht darum, jeden Husten zu verhindern, sondern Menschenleben zu retten, und das tun wir gerade. Massiv. Das scheint in der Dauerschleife effekthaschender Katastrophenmeldungen ein wenig unterzugehen. Eine statistische Schätzung, wie viele Leben die Impfungen bereits gerettet haben, wäre nicht unseriöser als viele andere Kennziffern und würde die Gefahr, sich mit AstraZeneca zu impfen, sicher in ein anderes Licht stellen.

Tatsächlich haben wir aktuell nur ein akutes Problem: die sich andeutende Kapazitätserschöpfung der Intensivstationen. Das ist ein sehr massives Problem, aber auch hier ist der Fokus der Diskussion etwas seltsam. Die Formel: nächtliche Ausgangssperre -> weniger Intensivpatienten ist fraglich. Oder korrekter ausgedrückt: höchstwahrscheinlich nicht signifikant. Gleichzeitig aber der massivste Eingriff in unsere Grundrechte, den wir bisher in der Bundesrepublik erlebt haben. Die Verhältnismäßigkeit kann ich nicht sehen. Und auch wenn es mich aktuell nicht betrifft, weil ich zurzeit abends sowieso nicht weggehe, hoffe ich, dass die Gerichte diesen Unfug stoppen.

Man sollte sich vielmehr die Frage stellen, wieso Deutschland, das zwar gerade einen massiven Anstieg der Fallzahlen erlebt hat, aber im europäischen Vergleich immer noch in der unteren Hälfte der Inzidenzzahlen liegt, dieses Problem hat, viele europäische Länder, die schon seit Wochen deutlich über einer Inzidenz von 200 liegen, aber nicht. Zumindest nicht alle. Wieder entsteht der Eindruck, dass das, was die Politik über den Sommer, als die Zeit da war, versäumt hat, jetzt die Bürger ausbaden müssen, und dann auch noch die Schuld zugeschoben bekommen, wenn Notmaßnahmen wie Ausgangssperren nur eine geringe Effektivität zeigen.

Und da muss man nicht nur auf Herrn Laschet zeigen, der nach mehreren Tagen des Nachdenkens die revolutionäre Osteroffenbarung hatte, dass wir zu viele Kontakte haben, sondern niemand aus der politischen Klasse, niemand der in den Medien dauerpräsenten Virologen hat ein effektives, realistisches, über längere Zeit gangbares Konzept vorgelegt.

Tatsächlich könnte jetzt zu Beginn des Frühjahrs eine kurzzeitige ZeroCovid-Strategie von maximal 3 Wochen funktionieren. Aber nur, wenn der Einfluss des Wetters so groß ist, wie es die meisten der ZeroCovid-Vertreter ja leugnen. Und vor allem darf das nicht zu dem Fehlschluss führen, dass wir das schon im Januar hätten machen sollen, da hätte das nicht funktioniert, weil zu wenige Leute geimpft waren und es zu kalt war, dass die Leute hätten Dauerlüften können. Falls wir je wieder in solch eine Situation geraten sollten, brauchen wir etwas Intelligenteres als ZeroCovid.

Letztendlich ist es solch ein Chaos, dass man auf zwei Dinge hoffen muss: 1. der mögliche Rückgang der Fallzahlen durch das beginnende Frühjahr und 2. dass wir jetzt langsam eine Impfquote erreicht haben, bei der im Vereinigten Königreich erste Wirkungen in den Fallzahlen sichtbar wurden. Das lässt hoffen, dass die Fallzahlen ab nächster oder übernächster Woche zurückgehen. Sicher wissen tun wir das aber erst in 2 Wochen.

Heute

Wie gefährlich ist der Ausbruch? – Update 23

Die Sterberate geht weiterhin zurück, ein moderater Anstieg in den nächsten Wochen ist allerdings sehr wahrscheinlich, einfach, weil die Infektionszahlen nach oben geschossen sind. Es ist aber schon jetzt absehbar, dass das Verhältnis zwischen Infektionen und Toten weiter auseinander strebt. Die Pandemie ist noch lange nicht ungefährlich, aber sie wird weiterhin ungefährlicher, auch wenn das Problem der langsam voller werdenden Intensivstationen sehr akut ist. Es ist das größte Problem, das wir aktuell haben, die Panikmache diesbezüglich ist aber trotzdem überzogen. Das Problem fällt ja nicht von einem Tag auf den anderen vom Himmel, statt sinnbefreit harte Lockdowns zu fordern, deren Wirkung ohnehin erst ansetzen würde, wenn die Intensivstationen voll sind, sollte man lieber die Zeit nutzen, Kapazitäten weiter auszubauen. Es ist ja absehbar, dass die Patienten mehr werden. Aber Lockdowns zu fordern, ist halt der einfachste Weg. Dafür muss man nichts tun.

Die letzten Tage scheint es einen leichten Rückgang der Zuwächse bei den Infektionen gegeben zu haben. Ein Abflachen der Kurve deutet sich an, auch der R-Wert ist ziemlich abrupt gesunken, bei ein paar Tagen könnten das aber auch noch statistische Schwankungen sein.

Um so ärgerlicher, dass wir wegen der Feiertage jetzt wieder in einen Datenblindflug gehen. Dass das RKI nach einem Jahr Pandemie immer noch nicht in der Lage ist, tagesaktuell zumindest auch die Anzahl durchgeführter Tests anzugeben, ist nicht nachvollziehbar. Würde man weniger Zeit damit verbringen, ständig zu wiederholen, wie besorgniserregend doch alles ist, und mal ein bisschen proaktiver werden, neue Ideen umsetzen, wüssten wir vielleicht längst mehr und könnten viel gezielter vorgehen, was effektiver und weniger schädlich wäre als die jetzige Holzhammermethode.

Überhaupt fällt auf, dass vor allem diejenigen der Bevölkerung besonders viele Vorschriften machen wollen, die selbst zwar Einfluss und Möglichkeiten hätten, aber schlicht keinerlei Idee. Was wäre denn, wenn wir nicht so schnell gleich mehrere Impfstoffe entwickelt hätten? Was, wenn eine neue Pandemie kommt, bei der das nicht so schnell funktioniert? Was, wenn eine Mutation alles zunichte macht? Das denkfaule Verlassen auf die Impfstoffe, die wissenschaftliche Leistung anderer Leute, ist der Grund, warum wir seit einem halben Jahr in dieser Welle festhängen. Man hätte längst Methoden entwickeln können, Ausbrüche effektiver einzudämmen. Wer jetzt kontrollierte Versuche, Ideen dem Realitätscheck zu unterwerfen, als „Jugend forscht“ diskreditiert und schon alles absagen will, wenn der erste Versuch nicht funktioniert, versucht nur von der eigenen Ideenlosigkeit abzulenken. Dass Wissenschaft nicht ohne Empirie auskommt, sieht man ja jetzt an den aufgetretenen Nebenwirkungen bei AstraZeneca. Auch den Nutzen von Masken haben wir letztes Jahr festgestellt, weil es entgegen der da noch aktuellen wissenschaftlichen Meinung einfach mal ausprobiert wurde. Erst danach hat man den dahinter steckenden Mechanismus wissenschaftlich erklären können. Einige scheinen momentan allerdings Schockstarre mit Wissenschaft zu verwechseln.

Wir müssen das Dilemma aus Infektionsgeschehen und „ohne direkte menschliche Kontakte funktioniert unsere Gesellschaft nicht“ auflösen, vor allem für zukünftige Pandemien. Das tun wir nicht, indem wir alle wegsperren und darauf warten, dass so viele Leute geimpft sind, dass sich das ausreichend auf die Infektionszahlen auswirkt.

Wie gefährlich ist der Ausbruch? – Update 22

Ich habe die Sterblichkeitskurve etwas nach links verschoben. Sie war ja an der Ausbruchswelle im letzten Frühjahr orientiert, mittlerweile wird aber deutlich, dass die Leute später sterben. Um einen Eindruck der Toten parallel zu den Infektionen zu haben, muss man die Sterblichkeitskurve daher etwas verschieben. So wird deutlicher, in welchem Maß das Risiko zu sterben im Vergleich zur ersten Welle zurückgegangen ist.

Ein bisschen Grübeln musste ich über die aktuelle Entwicklung, aber jetzt, wo mehr und mehr klar wird, dass die Welle wohl hauptsächlich über Kinder und Jugendliche angetrieben wird, ist es sehr plausibel. Die Mutation verbreitet sich unter diesen stärker als der Wildtyp, wodurch ein doppelter Effekt entsteht: zum einen die höhere Infektiosität des Virus, zum anderen die extrem geringe Immunität unter Kindern und Jugendlichen, weil diese noch völlig ungeimpft sind und dadurch, dass der Wildtyp sie weniger betraf, auch kaum natürliche Immunität aufgebaut haben. Es macht auch evolutionär Sinn, dass der Virus sich in diese Richtung entwickelt, mehr als die angeblich höhere Sterblichkeit.

Man muss sich auch die Frage stellen, wie ansteckender die Virusmutation wirklich ist, wenn sie sich jetzt an die Gruppe angepasst hat, die die wenigste Immunität hat. Das verzerrt den R-Wert.

Sterblichkeit ist ein interessantes Thema: Der Rückgang verlangsamt sich, ist aber noch da. Es ist eindeutig, dass die Gefahr, an Covid19 zu sterben, weiter zurückgeht. Gleichzeitig füllen sich die Intensivbetten. Warum ist das so? Aus eben diesem Grund: weil weniger Leute sterben. Wenn es sie schwer erwischt, liegen sie jetzt länger im Krankenhaus und belegen dort die Betten. So paradox es klingt, aber die zunehmende Belastung der Intensivstationen ist mittelfristig ein positives Zeichen. Die Menschen sterben uns nicht mehr so einfach weg wie vor einem Jahr.

Apropos vor einem Jahr: Die Positivrate ist aktuell auf einem ähnlichen Niveau wie Anfang April. Wieso es anhaltend die Meinung gibt, dass es nicht wie vergangenes Jahr möglich sein sollte, die Fallzahlen schnell zu drücken und über den Sommer dann auch auf einem niedrigen Niveau zu halten, ist nicht so recht nachvollziehbar. Der andauernde Grundpessimismus ist wenig hilfreich. Das ZeroCovid-Prinzip ist im Dauerlockdown gescheitert, mit dem zu erwartenden Rückgang der Infektiosität im Frühjahr und Sommer sind Maßnahmen aber plötzlich auch wieder effektiv anwendbar. Man muss das nur konzentriert zum richtigen Zeitpunkt machen und nicht planlos in Dauerschleife, wenn die Wirkung minimal ist. Im schlimmsten Fall hat uns der Dauerlockdown diese Chance jetzt verbaut, weil ein mehrwöchiger, harter (echter) Lockdown kaum noch zumutbar sein dürfte.

Wie gefährlich ist der Ausbruch? – Update 21

Gut, diese Woche gibt’s dem allgemeinen Geschnatter nicht viel zu ergänzen. Dass wir in einer neuen Infektionswelle sind, ist eindeutig. Inwieweit Schnelltests diese Woche schon eine Rolle gespielt haben, wird wieder erst Mitte nächster Woche klar werden. Letzte Woche zumindest war ihr Einfluss noch minimal.

Die Sterbefälle gehen weiter zurück, die Intensivbettenbelegung legt aber nahe, dass dieser Rückgang bald endet. Ob es dann wieder einen Anstieg geben wird, bleibt abzuwarten.

Was angesichts der Debatten, ob und welche Lockerungen ein Fehler waren, untergeht, ist, dass die deutsche Inzidenzzahl im europäischem Vergleich immer noch recht gut ist. Polen hat mehr als 350, Ungarn mehr als 500, Tschechien fast 700. Von unseren direkten Nachbarländern ist es aktuell nur in Dänemark minimal besser.  Europa an sich ist in einer neuen Infektionswelle, das kann man nur bis zu einem gewissen Punkt verhindern, aber nicht vollständig.

Wahrscheinlich fällt uns auch der Sommer auf die Füße, wo wir trotz verglichen mit jetzt kaum vorhandenem Infektionsgeschehen viel zu wenig zugelassen haben. Wir haben dadurch Infektionen verhindert, die jetzt massiv gebündelt in einer Zeit nachgeholt werden, in der es deutlich gefährlicher ist. Dass sich der Virus jetzt unter Jüngeren verbreitet, liegt ja daran, weil es dort kaum Immunität gibt. Das liegt nicht nur an der Impfpriorität, sondern auch daran, dass wir das Entstehen von Immunitäten im Sommer, wo wir es uns hätten erlauben können, massiv verhindert haben. Was auch relativ geringe Immunität schon bringen kann, sieht man ja jetzt an der deutlich zurückgehenden Inzidenz bei älteren Leuten. Herdenimmunität herrscht auch dort lange noch nicht, trotzdem ist die Inzidenz dort nur halb so hoch.

Was so mitgeteilt wird… und was so tatsächlich passiert

Heute zu lesen auf hessenschau.de in Bezug auf die Terminvergabepraxis seit Freitag:

Das Ministerium teilt mit, derzeit würden nur Slots in der Woche ab 22. März belegt. Erst danach würden weitere Termine vergeben. […]

Im Ergebnis erfahren die registrierten Bürgerinnen und Bürger in etwa eine Woche vor ihrem Termin für die Erstimpfung, wann sie dran sind.“

Nun, meine Mutter hat am Freitag ihre Termine mitgeteilt bekommen. Der 1. ist am 29. März. Das ist weder die Woche vom 22., noch etwa eine Woche vor dem Termin.

Wie gefährlich ist der Ausbruch? – Update 20

Aktuell:

Darmstadt:

Zweifelsfrei steigen die Fallzahlen wieder an. Die Sterberate geht dagegen nach wie vor zurück, tatsächlich entwickeln sich Fall- und Todeszahlen aktuell sogar auseinander. Das ist der Moment, an dem wir uns daran erinnern sollten, dass es darum geht, dass so wenige Leute wie möglich sterben, nicht, dass niemand mehr einen Husten bekommt.

Davon aber abgesehen, warum steigen die Zahlen jetzt, vor allem so sprunghaft?

Die Lockerungen sind wohl nicht ursächlich, das ist zu früh, um es schon in den Fallzahlen zu sehen. Die höhere Verbreitung der Mutationen ist eine mögliche Erklärung. Wenn das der Fall ist, werden die Fallzahlen jetzt steigen und auf einem Plateau wieder zum Stillstand kommen.

Auffällig ist der ruckartige Anstieg wenige Tage, nachdem kostenlose Schnelltests für jeden angeboten werden. Leider gibt es bislang keine verlässlichen Daten dazu, wie sehr die Testzahl dadurch diese Woche gestiegen ist. Per Google habe ich einzelne Kreise gefunden, die Angaben dazu machen, aber das ist zu stichprobenartig und zu wenig repräsentativ, um daraus wirklich Schlüsse zu ziehen, zumal unklar bleibt, ob alle positiven Schnelltests ansonsten wirklich unentdeckt geblieben wären. Bei Symptomen wären sie wohl zeitverzögert auch entdeckt worden. Andererseits verstehe ich es so, dass grundsätzlich alle positiven Tests (außer den Selbsttests) in der Statistik auftauchen, was natürlich heißt, wenn ein Schnelltest per PCR-Test bestätigt werden muss, dass dann jeder dieser Infizierten zweimal in der Statistik auftaucht. Ob da politische Entscheidungen auf Basis von Inzidenzwerten wirklich Sinn machen?

Mein Eindruck ist, dass der Anstieg nicht – oder zumindest nicht signifikant – durch die Schnelltests verursacht wird. Auch Lothar Wieler bestritt das heute, wobei man da schon kritisch einwenden muss, dass er auch noch keine Daten dazu hat, vor allem nicht zu dem sprunghaften Anstieg seit gestern.

Also, noch mal abwarten, ich werde mich in dem Fall gerne irren. Sicher wissen kann man es frühestens am Dienstag, wenn die Akkreditierten Labore die Positivrate von dieser Woche mitteilen. Wenn diese wider Erwarten nicht allzu sehr steigt, verursachen die Schnelltests den Anstieg.