Jahresabschlussbetrachtung

Es ist Zeit für eine kleine Abschlussbetrachtung eines Jahres, in dem wieder nur wenig so gelaufen ist wie erhofft. Auch wenn die aktuelle Corona-Lage prinzipiell absehbar war, ein bisschen besser hätte es schon laufen können. Auf lange Sicht wird es sicher spannend zu analysieren, wie Kommunikation in der Pandemie funktionierte, wie sich Mehrheitsmeinungen gebildet haben, wie sehr Fakten und wie sehr Narrative diese Meinungsbildung bestimmt haben, wer welchen Einfluss auf die Meinungsbildung der breiten Masse hatte, wie Meinungen und Handeln sich unterschieden (und warum), wie sehr gesellschaftliche Strukturen, die nicht auf eine Pandemie ausgelegt sind, das Handeln auch entgegen besserem Wissens bestimmten – Ignoranz auf der einen Seite, kontraproduktive Katastrophenrhetorik und blinder Aktionismus auf der anderen. Dass Menschen in Narrativen denken, nicht in Fakten, war selten so deutlich wie während dieser Pandemie.

Und auch, wie intensiv Narrative verteidigt werden. Wann immer die Realität nicht mitspielte, war die erste Reaktion nie, das Narrativ den neuen Beobachtungen anzupassen, sondern man zeigte erst mal rundherum auf potentiell Schuldige, die durch ihr Verhalten verhindert haben sollen, dass die eigenen Vorhersagen zutrafen.

Und das war völlig unabhängig davon, ob man Verschwörungsideologe war, Homöopathie-Anhänger, Politiker oder Virologe, Modellierer oder Average-Guy. Klar, mit manchen Narrativen war man näher an der Realität als mit anderen, mit manchen Grundeinstellungen war man eher empfänglich für die tatsächlichen Fakten als mit anderen, und manche Fakten haben bei nicht allzu wenigen Menschen über Leben und Tod entschieden. Dennoch: das prinzipielle Verhaltensmuster war bei allen gleich. Die Realität ist nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe? Daran muss jemand schuld sein! Bill Gates, unvernünftige junge Leute, die Politik an sich, Herr Spahn im Speziellen, die neue Regierung, obwohl die noch gar nicht regiert hatte, Virologen und Modellierer oder auch einfach nur Nena, Joshua Kimmich und Richard David Precht. Schon erstaunlich, wer irgendwie Verantwortung für eine Pandemie zu haben scheint. Für so mächtig hätte ich diese Leute gar nicht gehalten. Irgendwie wirkten während der Pandemie alle ja eher ohnmächtig.

Das Projektionspotential war enorm und die Gelegenheit günstig, diffuse Antipathien, die man gegen die ein oder andere Persönlichkeit schon lange hegte, zu konkretisieren. Die Wahl, wer für einen persönlich der böse Schuldige war, hing zum überwiegenden Teil vom eigenen Weltbild ab, selten war man es selbst oder irgendwas, auf das man tatsächlich Einfluss hatte und daher etwas tun könnte.

Es gab ja nicht wenige, die sich über zu tief sitzende Masken beschwert haben, selbst aber nicht auf den Spanien-Urlaub verzichten konnten. Oder die sich aktuell über Fußballspiele vor Publikum beschweren, aber zur Abendveranstaltung ins Theater gehen, die Weihnachtsmärkte schließen wollen, aber Weihnachtsfeiern mit dreistelliger Personenzahl in geschlossenen Räumlichkeiten veranstalten. Schuld sind halt immer die anderen. Ausnahmen finden nur bei sich selbst Anwendung.

Wenn dann gar keine Erklärung mehr funktionierte, war es ein Paradoxon (das „Schweden-Paradoxon“, das „Omikron-Paradoxon“). Paradoxa waren das nie, aber die Postulierung eines Paradoxons ist der letzte Versuch, ein Narrativ zu schützen, der letzte Versuch, die nicht ins Narrativ passende Beobachtung noch einzupflegen.

Auch die strukturellen Probleme des Journalismus waren selten so deutlich zutage getreten. So zahlreich das Onlineangebot auch sein mag, zentrale Meldungen basieren auf wenigen Agenturmeldungen, die dann immer dieselben Aspekte hervorheben und andere unterschlagen. Zuletzt war das Thema „Untererfassung“ sehr präsent in den täglichen Meldungen. Doch eine Unterfassung gibt es zwangsläufig immer. Den Hinweis, dass das RKI die Inzidenzen im Nachhinein durchaus noch korrigiert und auch da schon seit Ende November ein Plateau festzustellen war, fanden sich in diesen Meldungen nicht. Warum? Weil der Verfasser bei seinen Updates nur auf das RKI-Dashboard schaut, wo die Nachmeldungen noch fehlen. Mehr Recherche vorab ist aber nicht drin, weil dann käme die Meldung ein paar Stunden später und damit zu spät, weil alle anderen schon etwas gemeldet haben. Dass das weniger seriös und mit weniger Fakten gewesen ist, fällt da nicht ins Gewicht. Hauptsache, man hat die meisten Klicks.

Früher hieß es: Nichts ist so alt wie die Nachrichten von gestern. Im Zeitalter von Twitter ist nichts so alt wie der Tweet von heute Morgen. Wer seine Aufgabe als Journalist ernst nimmt, hätte das aber schon wissen können, lange bevor Karl Lauterbach es bestätigt hat. Man hätte beim RKI nur mal 3 Klicks weitergehen müssen.

Statt mehr Recherche verweist man dann darauf, dass „Experten der Meinung“ wären. Die Anonymität ist dabei fatal, denn manchmal werden Personen als Experten angesehen, die neben ihrer Expertise auch Vertreter einer Lobby sind, die daher vielleicht nicht die Unwahrheit sagen, aber doch bestimmte Dinge unverhältnismäßig und verkürzt in den Vordergrund rücken.

Die Abhängigkeit von Agenturmeldungen führt zu dem Eindruck, dass alle Zeitungen irgendwie dasselbe schreiben, was bei den einen zu einer Verfestigung falscher Ideen führen kann und bei anderen zum Ablehnen von Fakten, weil man Meldungen, die einen nichts ins Weltbild passen, ignoriert oder als Lüge ansieht.

Dann gibt es aber auch die vielen Kommentatoren. Hier kann man von Meinungsvielfalt sprechen. Blöd nur, dass diese Kommentatoren meist auch schon den Status von öffentlichen Persönlichkeiten haben und mehr daran interessiert sind, die eigene Marke zu erhalten. Faire Kommentare liest man wenig. Meistens geht es darum, irgendwen zu dissen. Das mag unterhaltsam sein und bis zu einem gewissen Grad seine Berechtigung haben, eine Diskussion oder seriöser Debattenbeitrag ist es nicht. Und da wird es dann kritisch. Den Shitstorm, den Precht (den ich persönlich auch nie sonderlich leiden konnte) erhalten hat, weil er nicht ganz auf Linie mit seiner Meinung ist, war verhältnislos und beunruhigend. Ähnliches gilt für den Shitstorm, den der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit erhielt, nachdem er bei Maischberger den Nutzen von FFP2-Masken relativierte. Dabei rückte er damit lediglich eine Diskussion in die Öffentlichkeit, die in der Wissenschaft nach wie vor existiert.

Gerade deswegen wird seine Aussage aber von einem großen Teil der Öffentlichkeit als unwissenschaftlich angesehen, denn viele verstehen nicht so richtig, wie Wissenschaft funktioniert. Der Begriff „Wissenschaft“ ist zum Scheinargument geworden. Die Aussagekraft wissenschaftlicher Studien können viele nicht einschätzen. Wenn sich dann Studien widersprechen, spricht man hilflos von einem Paradoxon, obwohl gar keines existiert.Sich damit zu beschäftigen, wird hochinteressant sein … im Nachhinein. Solange wir noch in so einer akuten Phase der Pandemie sind, ist alles aber einfach nur Mist.

Die Pandemie hat sicher auch ihren Teil dazu beigetragen, dass sich hier auf diesem Blog dieses Jahr wenig getan hat – allerdings nur als zusätzlicher Faktor, nicht als auslösender Grund. Mit einer täglichen Serie im Stile von „Was geschah heute vor x Jahren in Darmstadt“ hatte ich eine Zeitlang versucht, Inhalte zu bieten. Es stellte sich aber heraus, dass das zum einen am Ende deutlich mehr Arbeit war als gedacht, weil es zwar sicher genug Ereignisse dafür gibt, aber keine nach Datum sortierte Listen, zum anderen funktionierte die Idee, dass ein täglicher Output mehr Besucher generiert, überhaupt nicht, im Gegenteil, es hat wohl eher dazu geführt, dass die wenigen regelmäßigen Leser, die ich habe, sich nicht mehr jeden Beitrag angeschaut haben.

Die Wahrheit ist, dass Blogs an sich schon längst nicht mehr der heiße Scheiß sind und ohne begleitende Social Media-Seiten, sprich Facebook, Twitter, Instagram etc., nicht mehr funktionieren. Und das wiederum funktioniert nur, wenn man noch mehr Output hat, am besten mehrfach am Tag.

Aber eigentlich ist auch das heute nicht mehr ausreichend. Faktisch müsste man über Anbieter wie Youtube Videos mit gesprochenem Kommentar und ansprechend geschnittenen Bildern anbieten, um Leute zu erreichen. Ein Blog selbst ist allenfalls zur Vertiefung noch zeitgemäß bzw. zum Quellennachweis. Etwas, das ich mir meistens gespart habe, zum einen, weil ich Leute nicht mit einem akademischen Stil verschrecken wollte, zum anderen aber auch einfach, weil das noch mehr Zeit gekostet hätte. Im Nachhinein ärgere ich mich darüber, weil ich selbst schon des Öfteren neu nachrecherchieren musste, woher ich denn eine konkrete Aussage in einem Blogeintrag ursprünglich hatte.

Eine aufwendigere Beschäftigung zum Beispiel mit Videos ist zeitlich für mich nicht drin. Tatsächlich habe ich auch noch andere Hobbys ;-). Und um das wirklich gut zu machen, bräuchte man den Zeitaufwand von zumindest einem Teilzeitjob. Der dann auch ein Job sein müsste, kein Ehrenamt. Solange also das Stadtarchiv oder Staatsarchiv nicht auf die Idee kommt, mehr Öffentlichkeitsarbeit in den Multimediabereich zu stecken, ist das für mich keine Option (und selbst wenn, nehmen die ja nicht mich, sondern, naja, Multimedialeute halt).

Wobei ich tatsächlich wenig gegen eine neue berufliche Herausforderung einzuwenden hätte aus Gründen, die ich hier nicht im Detail erklären kann. Ganz allgemein gehalten gab es einen Vorfall, den ich persönlich mit mir sehr schwer vereinbaren kann. Juristisch war es in Ordnung, für die meisten meiner Kollegen offenbar auch – oder zumindest akzeptabel (nach dem Motto: „geht mich nichts an“), aber es war nicht in Ordnung für mich. Ich habe das zum Ausdruck gebracht, ich habe es auch deutlich zum Ausdruck gebracht, aber faktisch kann ich nichts daran ändern.

Dabei geht es nicht nur um etwas, bei dem ich anderer Meinung war, mir ist durchaus klar, dass die Arbeitswelt nicht immer so ist, wie ich sie gerne hätte, und ich habe schon einiges mitgetragen, das ich prinzipiell für falsch halte und bei dem mir immer wieder „Was soll der Scheiß?!“ durch den Kopf geht. Dann aber auch wieder: „Was geht’s mich an?“. Aktuell fällt es mir aber sehr schwer, mich nicht zu schämen dafür, dass ich aus dem Vorfall keine Konsequenzen gezogen habe. Das war übrigens auch der Auslöser, nach dem ich weitere „Heute vor…“-Beiträge eingestellt habe. Mir ist da die Motivation an allem abhanden gekommen und kommt jetzt erst langsam wieder zurück, im Wechsel mit glücklicherweise nur kurzen depressiven Verstimmungen.

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