Zahlenfetisch

Thema Nr. 1 ist aktuell ja der Reproduktionsfaktor. Trotzdem die Neuinfektionen stetig fallen, verharrt dieser bei ca. 1. Solange er nicht unter 1 liegt, sollen wir über weitere Lockerungen lieber nicht nachdenken.

Am Anfang hat man immer auf den exponentiellen Verlauf hingewiesen. Wie unsicher dieser war, zeigt aber schon, dass die Reproduktionsrate deutlich früher auf 1 gesunken ist als ursprünglich angenommen.

Überhaupt hatte man sich zu Beginn der Pandemie bei diesem Wert gehörig verschätzt.

Mittlerweile soll das Berechnungsmodell deutlich verbessert worden sein. Trotzdem bleibt es ein Schätzwert, den das RKI bei aktuell 1,0 mit einem Konfidenzintervall von 0,8 bis 1,1 angibt. Dennoch treffen wir anhand von Veränderungen im Zehntelprozentbereich Aussagen über die Entwicklung der Pandemie, definieren das gar als eine der wichtigsten Entscheidungsgrundlagen.

Als Wissenschaftler hätte ich da ja Bauchschmerzen…

PS: Es stimmt übrigens nicht, dass die Reproduktionsrate „seit Tagen“ ansteigen würde, wie häufig zu lesen war. Auch der Hinweis, dass sie bereits „bei 0,7“ gelegen hat, ist irreführend, weil dieser Wert einmal kurz nach Ostern für gerade mal 2 Tage erreicht wurde. Ansonsten zuckelt der Wert seit fast 2 Wochen zwischen 0,9 und 1,0 hin und her. Bei einem Intervall von 0,3 ist es mehr als fragwürdig daraus Schlagzeilen wie „Ansteckungsgefahr steigt wieder“ zu produzieren.

PPS: Faktisch scheint es sogar so zu sein, dass man sich nur von einen in den anderen Rundungsbereich bewegt hat, die Schwankung also sogar nur im Hundertstelprozentbereich liegt.

3 Responses to Zahlenfetisch

  1. Pingback: Corona Lockdown Tagebuch Teil 2 - Covid-19 | Neun Mal Sechs

  2. Max K. says:

    Was erwartest du, wenn selbst bei Lehramtsstudierenden der Physik erst in einer der letzten Veranstaltungen mal genauer auf Messungenauigkeit, Genauigkeitsintervalle, Sicherheit und ähnliches eingegangen wird. Im Bachelor Chemie gar nicht …
    Unsicherheiten und Messunschärfen sind nicht Teil des Wissenschaftsbildes des Otto-Normalverbrauchers, erst recht nicht beim Großteil der Medienschaffenden. Die Schlagzeile ist da in der Regel mehr wert, als der Informationsgehalt.

    • Jörg says:

      Spannend ist auch, dass das RKI R seit ein paar Tagen mit 0,7x angibt, man aber keine Meldungen à la „Infektionsrisiko sinkt rapide“ liest. Wäre zwar so auch falsch, aber zumindest konsequent. Statt dessen gibt’s kritische Kommentare, weil Sachsen-Anhalt, wo man bald jeden Virus persönlich beim Vornamen kennt, mal einfach so die Kontaktbeschränkungen lockert.

      Corona ist die erste auch für Industrienationen größere Katastrophe im Zeitalter von Liveticker und Clickbait. Das merkt man gerade sehr und es beeinflusst unser Handeln unverhältnismäßig.

      Hinzu kommt, dass sich einige darin suhlen, die Welt zu retten, indem sie zuhause bequem die Füße auf den Tisch legen. Wäre ja doof, wenn das zu schnell vorbei wäre – oder sich gar herausstellt, dass das gar nicht das war, was wirklich den signifikanten Unterschied gemacht hat.

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