Der Fall Dorothea Daniel

Hätte es 1602 in Darmstadt schon eine Boulevardzeitung gegeben, auf diesen Fall hätte sie sich wohl nur allzu begierig gestürzt. Ehebruch und Inzest bzw. „Blutschande“, wie man es damals nannte, eine Gruppe angesehener, älterer Bürger, die eine junge Frau zum Geschlechtsverkehr nötigen, dazu ein Ehemann, der seine gerade 19-jährige Frau aus unklaren Gründen anderen Männern zu eben diesem Geschlechtsverkehr „überlässt“, ah, da würde sich jeder Chefredakteur doch erfreut die Hände reiben und sich die tollsten Bindestrich-Wortkreationen als Spitznamen für die junge Frau ausdenken, das Ganze mit einem Ton der Empörung vorgetragen, gleichzeitig aber kein schmutziges Detail auslassend.

Doch die Geschichte ist bei naher Betrachtung das erschütternde Schicksal einer jungen Frau, die – ganz ähnlich den Opfern der 12 Jahre zuvor in Darmstadt zu Ende gegangenen Hexenprozessen – erst das Opfer kurioser Lebensumstände wurde, wie man sie höchstens in sehr abgelegenen kleinen Odenwalddörfern vermutet hätte, um dann anschließend noch einmal Opfer einer widersinnigen Justiz zu werden.

Was war geschehen?

Zwischen der Angeklagten Dorothea Daniel, gerade mal 19 Jahre alt, und dem Ehemann ihrer Schwester, dem Hufschmied Johann Knippschild, war es zum Sex gekommen. Kurioserweise war das nicht nur Ehebruch (auch Dorothea war verheiratet), sondern die Anklage lautete zudem auch auf „Blutschande“ (Inzest). Verschwägerte Personen waren nach damaliger Auffassung auch „Blutsverwandte“. Mehr noch, Dorotheas Schwester war bereits 1598 gestorben und Johann Knippschild seit zwei Jahren mit einer neuen Frau verheiratet. Trotzdem galten Dorothea und Johann als Blutsverwandte.

Wie es zu diesem Geschlechtsverkehr gekommen war, ist reichlich undurchsichtig. Angeblich soll Dorotheas Mann, der Schneider Philipp Daniel, höchstpersönlich Johann Knippschild im Ehebett bei seiner Frau untergebracht haben. Nungut, es mag gerade angesichts der engen Wohnverhältnisse in der Stadt zunächst nichts allzu Ungewöhnliches dabei sein, wenn zwei (nach damaliger Definition eng verwandte) Personen sich ein Bett teilen, doch Philipp Daniel soll laut dem erhaltenen Protokoll der Verhandlung auch seinen Schneidergesellen mit „unzüchtigen Worten und Gebärden“ an seine Frau gewiesen haben.

Was zum Geier war denn da passiert? Ein Schneider, der zu seinem Schwager sagt: „da, leg dich zu meiner Frau ins Bett“ und zu seinem Gesellen etwas, das ungefähr in die Richtung „Besorg’s ihr!“ gegangen sein muss? Da ist die erste Intention, dass diese Leute einfach nur übertriebene Moralvorstellungen hatten, schnell verflogen. Ein solches Verhalten würden wir wohl auch heute als sehr befremdlich empfinden.

Darmstadt war damals klein wie heute ein Dorf und so sprach sich so etwas natürlich schnell herum. Schon bald stand die gesamte Nachbarschaft Schlange: Hans Keller, der Holzvogt (eine Art Forstbeamter), Kaspar Keiser, der Bäcker, Konrad Griesheimer, der Metzgermeister, Jost Osterrod, Angehöriger einer angesehenen Pfarrersfamilie und fürstlicher Beamter, Wilhelm Breier, der Glasermeister, Hans Metzger, der Küfer, und Anstadt Luthemer, alles Angehörige der bürgerlichen Oberschicht oder wie der Ankläger es formulierte „alte verständige Männer“ erschienen bei der jungen Frau. Ob mit Gewalt oder mit erpresserischen Mitteln (z.B. der Drohung ihren Ehebruch und den Verkehr mit ihrem Schwager zur Anzeige zu bringen), ist nicht ganz klar, auch nicht, ob alle 7 Männer gleichzeitig zu ihr gekommen waren oder nacheinander über mehrere Tage oder Wochen hinweg, auf jeden Fall aber wurde sie von den Männern erst bedrängt und schließlich zum Sex gezwungen.

Das alles wurde so auch vom Gericht ermittelt und bestätigt. Der Verteidiger plädierte trotz der offenbaren Zwangslage der jungen Frau auf Landesverweisung oder Züchtigung (was für ne Ansicht: von einem Rudel alter Männer vergewaltigt und dafür dann vom Staat entweder davongejagt oder verprügelt). Der Richter jedoch sah die Sachlage anders als der Verteidiger: er verhängte die Todesstrafe. Kurz darauf wurde Dorothea Daniel auf dem Marktplatz geköpft.

Kann man letztendlich zumindest nicht vollständig ausschließen, dass der Verkehr mit ihrem Schwager und dem Schneidergesellen möglicherweise freiwillig geschehen war, war der Sex mit den sieben „alten verständigen Männern“ in jedem Fall unter Zwang geschehen. Daher wurde diesen auch mit empfindlichen Strafen gedroht. Ob sie jedoch tatsächlich bestraft wurden, ist unklar, definitiv nicht mit dem gleichen Strafmaß wie ihr Opfer, denn alle Sieben sind noch Jahre später in Darmstadt ansässig.

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2 Responses to Der Fall Dorothea Daniel

  1. Kristof says:

    Ich finde ja solche Geschichten (wenn auch recht unappetitlich) viel interessanter als Landgrafen und ihre Kriege.

  2. nadlerin says:

    Mir fehlen die Worte.

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