Der Name Darmstadt

Die Bedeutung des Namens der Stadt Darmstadt hat im Laufe der Jahrhunderte zu vielen Spekulationen geführt. Ein kaiserlicher Forstbeamter, eine Grafentochter und ein römischer Kaiser wurden ebenso als Gründer und Namensgeber vermutet wie der Darmbach.

Personenname

Im 17. und 18. Jahrhundert herrschte die These vor, Darmstadt ginge auf ein nach dem römischen Kaiser Trajan benanntes Kastell zurück. Aus Trajans Stätte wurde im Laufe der Zeit Darmstadt. Angeblich soll man 1553 beim Abbruch eines alten Turms eine Münze mit Trajans Bildnis gefunden haben, die dies belegt.

Das Kastell Darmstadt blieb auch im 19. Jahrhundert Teil der heimatkundlichen Literatur, wurde aber mehr und mehr von der Idee einer fränkischen Gründung abgelöst, errichtet von einem Adligen, der mal Daremund, mal Darimund, mal Darmund, mal Tarimundis genannt wurde. In den 1950ern setzte sich dann eine Variante durch, die den nun überwiegend Darimund geschriebenen Gründer zu einem Wildhübner des Bannforsts Dreieich in der Zeit Karls des Großen machte.

Auffällig ist, dass sich diese Interpretationen analog zu politischen Ideologien entwickelt haben. In Zeiten des Heiligen Römischen Reichs glaubte man, die Stadt sei nach einem römischen Kaiser benannt. Als die Reichsidee dem Nationalismus wich, wurde der Ortsgründer zu einem Franken zur Zeit des Ostfränkischen Reichs, das als Ursprung Deutschlands galt. In der frühen Bundesrepublik schließlich war es ein eher bescheidener Beamter Karls des Großen, dem „Vater Europas“.

Alternative Ableitungen

Parallel zu den Thesen einer Benennung nach einer Person gab es immer wieder alternative Ideen, in diesen Fällen meist von Laien entwickelt. Vor allem im 19. Jahrhundert verbreitete sich die Idee, die Stadt wäre nach dem Darmbach benannt: Darmstadt = die Stätte am Darm(bach).

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesellten sich zum Wildhübner Darimund noch weitere Vorschläge. Nach Hans Bahlow war Darmstadt der „Ort am Moorbach“, für Heinz Winfried Sabais die „Stätte am befestigten Durchgang“, wobei er Darmstadt als eine Art Zollstation im Vorfeld von Frankfurt interpretierte.

Etwa zu Beginn des 21. Jahrhunderts wiederum leitete Heinrich Tischner den Namen aus dem Keltischen ab: die Stätte am Eichenberg. Zwischenzeitlich hat er diese Hypothese verworfen und bevorzugt ebenfalls einen Personennamen.

Auf Basis verschiedener Ideen habe auch ich selbst eine Hypothese aufgestellt, die Darmstadt als Teil einer Kette alemannischer Wachposten aus der Zeit des alemannisch-fränkischen Konflikts sieht. Die Namen hätten dann eher Sachbezug. Bei Darmstadt bzw. in der ältesten bekannten Schreibweise darmundestat könnte die Mittelsilbe mit einer indoeuropäischen Wurzel, die sich zu Worten wie mons im Lateinischen oder mount(-ain) im Englischen weiterentwickelt hat, in Verbindung gebracht werden und sich auf die Erhebung östlich des ursprünglichen Siedlungsgebiets beziehen.

Was spricht nun für oder gegen all diese Thesen?

Kaiser Trajan

Ob es diesen Münzfund gab oder dieser lediglich anekdotisch eine bereits bestehende These bekräftigen sollte, ist nicht mehr nachvollziehbar. Die auffällig konkrete Jahreszahl 1553 deckt sich mit dem Beginn der Aufbauarbeiten am Schloss nach den Zerstörungen im Schmalkaldischen Krieg.

Aber selbst wenn man wirklich eine solche Münze gefunden haben sollte, belegt diese gar nichts. Die These scheint der Versuch zu sein, die Residenzstadt besonders alt und schon im römischen Reich verwurzelt erscheinen zu lassen, um ihr eine größere Legitimität zu verleihen. Kein ungewöhnlicher Vorgang für diese Zeit. Römische Bauten im Bereich der mittelalterlichen Stadt sind jedoch keine bekannt.

Der Wildhübner

Die nach wie vor verbreitete Idee vom Ursprung Darmstadts in einer Wildhube des Bannforsts Dreieich kann nicht stimmen, da sie ein Anachronismus ist. Darmstadt ist aller Wahrscheinlichkeit nach älter als der Bannforst und die 1338 erwähnte Wildhube Darmstadt kann aus verschiedenen Gründen nicht am Standort der mittelalterlichen Stadt gestanden haben. Möglicherweise ist sie mit dem Einsiedel-Rod identisch, aus dem später das Jagdschloss Kranichstein werden sollte. Das war aber zu weit weg, um der Ansiedlung am Darmbach ihren Namen gegeben zu haben.

Der Franke

Plausibler ist die Hypothese von einem fränkischen Adligen, der in der Zeit nach der Unterwerfung der Alemannen durch die Franken als einer von vielen zur Absicherung des neu eroberten Gebiets entsandt wurde.

Im Jahr 708 verkaufte ein Darmundus dem Abt des Klosters Saint-Bertin verschiedene Güter in Vermandois und Noyon, im Kerngebiet der Franken also. Es ist durchaus denkbar, dass er dies tat, weil er seinen angestammten Besitz veräußern musste, um in das Alemannengebiet zu ziehen. Dort angekommen könnte sein neuer Besitz, das Dörfchen, aus dem später Darmstadt werden sollte, nach ihm Darmunds Stätte genannt worden sein: Darmundestat, wie der Ort noch im 11. Jahrhundert hieß.

Dass es sich hierbei wirklich um den Gründer Darmstadts handeln könnte, ist wohl eher unwahrscheinlich, zumindest aber belegt es die Existenz des Namens Darmund im 8. Jahrhundert.

Problematisch ist, dass das Suffix -stat nicht fränkisch zu sein scheint, da es im fränkischen Kerngebiet kaum vorkommt, dafür aber massiv im alemannischen, thüringischen und sächsischen. Auch in England kann man entsprechende Orte (-stead) eindeutig mit der angelsächsischen Besiedlung in Verbindung bringen.

Ebenfalls gegen die These einer fränkischen Gründung spricht, dass Darmstadt Teil einer Grafschaft Bessungen war, dessen Hauptort eine deutlich größere Gemarkung als Darmstadt hatte. Die untergeordneten Orte dürften tendenziell eher alteingesessene Siedler gewesen sein. Fränkische Adlige, die das Land in einer Art „Kolonialisierung“ besiedelt haben, hätten wohl alle ähnlich große Besitztümer erhalten. Außerdem scheinen die -stat-Orte überwiegend Königsbesitz gewesen zu sein, was eher für eine Aneignung älterer Orte spricht als für eine Siedlungstätigkeit kleiner Adliger wie es bei den jüngeren -heim-Orten zu vermuten ist.

Das häufig eingebrachte Argument, Darmstadt folge einer in Südhessen gängigen Namenskonvention, demnach es hier üblich gewesen wäre, Orte nach der Struktur Personennamen + -stat zu bilden, ist ein Zirkelschluss. Stockstadt und Crumstadt haben eindeutig keinen Personennamen als Grundlage. Behauptungen bei anderen Städten wie beispielsweise bei Pfungstadt, das nach einem Pungo benannt sein soll, sind fraglich, da wahrscheinlicher als der unübliche Personenname Pungo sein dürfte, dass Pungo eine mittelalterliche Bezeichnungen für die Bachbunge war, eine Sumpfpflanze, die in der Pfungstädter Gegend sicher gute Voraussetzungen fand.

Alternativen

Darmbach

Die Ableitung vom Darmbach ist widerlegt. Dieser heißt erst seit dem 19. Jahrhundert so.

Es war eine Verkürzung der im 18. Jahrhundert auftauchenden Bezeichnung Darmstädter Bach. Vorher wurde das Gewässer zeitweise auch als Fluss bezeichnet, davor wiederum nur als Bach, ohne genauere Bezeichnung.

Moorbach

Hans Bahlows etymologische Ansätze gelten allgemein als sprachliche Konstrukte ohne Grundlage. Er führt häufig Bedeutungen für Wortwurzeln an, für die er keinerlei Belege hat. Zudem sind Namensschöpfungen auf der Grundlage von Begriffen wie Sumpf, Moor oder Wasser bei ihm so exzessiv häufig, dass es irgendwann keinerlei Sinn mehr ergibt.

Der befestigte Durchgang

Auch dies gilt heute als sprachliches Konstrukt. Es ist nicht so substanzlos wie Bahlows Ableitung, vor allem der Bezug zum mittelalterlichen Allerweltsbegriff Munt, den Sabais herstellte, ist recht plausibel. Seine Ableitung von dar als Tor oder Durchgang beruht aber wohl auf veralteter Literatur und ist daher unwahrscheinlich. Zudem ist unklar, was der befestigte Durchgang sein soll. Die Erklärung als Zollstation ist wenig befriedigend.

Wachposten

Ein Argument für diese These ist, dass es in der Wetterau eine ganze Reihe von -stat-Orten gibt, die im Vorfeld des Glaubergs entstanden zu sein scheinen und damit möglicherweise Teil der Verteidigungsstrategie der dort nachgewiesenen alemannischen Höhenburg waren. Alemannisch deshalb (im Gegensatz zu Kelten und Franken, die den Glauberg ebenfalls nutzten), weil die Anordnung der -stat-Orte eine Orientierung in Richtung fränkisches Gebiet nahelegt. Denkbar wäre eine Meldekette, die die durch einen Hügel vom Glauberg aus versperrte Sicht kompensieren sollte. In diesem Zusammenhang wären wohl sachliche Namensgebungen zu erwarten, die durch örtliche Begebenheiten bedingt sind, zumindest aber keine Personennamen.

Die Idee vom militärischen Wachposten macht aber nur Sinn, wenn es auch eine zentrale Befestigung in der Nähe gab, so wie in der Wetterau den Glauberg. Eine solche ist in Südhessen für diese Zeit aber nicht bekannt. Ein einzelner Wachposten auf dem Höhenzug entlang der Bergstraße wäre wohl effektiver gewesen.

One Response to Der Name Darmstadt

  1. R.A. says:

    Es sollte inzwischen Konsens sein, daß Trajan, Wildhübner und Darmbach nicht in Frage kommen.

    Den Franken wird man nie nachweisen können, aber der wäre plausibel. Wenn Darmundus als fränkischer Name belegt ist, und die Ansiedlung fränkischer Adliger in der Region auch, dann würde das gut passen.
    Ich sehe es nicht als Problem, daß „-stat“ bei den Franken unüblich ist. Denn er hätte ja nicht gleich eine ganze Siedlung gebaut, die er hätte benennen müssen. Sondern nur seinen eigenen Hof, da ist eine Benennung durch den Eigentümer nicht üblich. Sondern da entsteht der Name meistens durch die Nachbarn, die irgendeinen Namensbezug brauchen, wenn sie über den Hof reden. Und diese Nachbarn werden im Zweifelsfall Alemannen gewesen sein.

    Den Wachposten glaube ich nicht, da ich schon Zweifel bei den „-stat“-Orten rund um den Glauberg habe und ich so weit südlich überhaupt keinen militärischen Sinn mehr erkennen kann.
    Die „sachliche Namensgebung“ wäre dagegen kein Hindernis. Militäreinrichtungen werden sehr häufig nach Personennamen benannt, insbesondere nach den lokalen Kommandanten. Aber bei den Alemannen werden wir wohl keinen Darmundus o. ä. nachweisen können.

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