Die Ironie des Darmund

Es hatte seinerzeit hauptsächlich zwei Gründe, weshalb ich begann, mich mit der Stadtgeschichte Darmstadts zu beschäftigen. Der eine war ein sehr persönliches Interesse an der Geschichte der Hexenverfolgungen und meine Verwunderung darüber, warum ein an sich sehr populäres Thema in Darmstadt nie eine Rolle gespielt hat, obwohl es zumindest einen gut dokumentierten und im Detail sehr interessanten Fall gibt.

Ich hatte damals schriftstellerische Ambitionen und recherchierte den Fall als Grundlage für einen Roman, den ich schreiben wollte, den ich aber nach einigen Monaten wieder aufgab. Auch dafür gab es viele Gründe, einen, den ich mit der Öffentlichkeit teilen kann, ist, dass ich feststellen musste, dass ich zwar ganz gerne einmal historische Romane lese, diese stilistisch aber zu limitiert finde und mich nicht befähigt sah, erfolgreich neue Stilmittel in das Genre einzuführen. Weniger hochtrabend ausgedrückt: Auf Dauer langweilen mich historische Romane.

Hinzu kam, dass selbst deutlich fähigere Autoren als ich in ihren populärsten Werken Erzählelemente ausbreiten, die ich bestenfalls in die Kategorie gut gemeint, also das Gegenteil von gut gemacht, einordnen kann. Als Beispiel sei William von Baskervilles demokratische Theoriebildung in Der Name der Rose genannt. Ich unterstütze Umberto Ecos Absicht hinter der Szene, aber zu lesen fand ich sie furchtbar.

Mein Romanentwurf zu den Darmstädter Hexenverfolgungen krankte an ähnlich anachronistischer Figurenzeichnung und Motiven, die ich aber nicht entfernen konnte, ohne dass mich die ganze Erzählung unsagbar langweilte. Und so gab ich es auf.

Meine Recherchen damals ließen mich aber über weitere Dinge der Darmstädter Geschichte stolpern und dabei stieß ich auf einen Punkt, der mir die Möglichkeit eröffnete, eine fast weiße Landkarte zu betreten, weil die bisherige historische Forschung dazu sehr oberflächig ist. Und das ausgerechnet bei einem der wichtigsten Themen der Stadtgeschichte, nämlich deren Gründung.

Die übliche Erklärung, dass der Ort von einem Wildhübner namens Darimund gegründet wurde, erschien mir zunächst plausibel. Weil man aber beim Recherchieren immer mal wieder abschweift, stieß ich nach und nach auf Dinge, bei denen ich sagen musste: „Moment, das passt nicht dazu, das passt nicht dazu und das da auch nicht“ (was genau, kann man in diesem Blog an verschiedenen Stellen nachlesen).

Also begann ich mich nach Alternativerklärungen umzusehen und stieß auf die von Heinz Winfried Sabais, der den Stadtnamen als „Siedlung am befestigten Durchgang“ und damit als militärisch gesicherten Vorposten Frankfurts deutete. Auch das fand ich zunächst sehr plausibel. Dann recherchierte ich weiter und stellte fest: „Das passt nicht, das passt nicht und das schon gar nicht“.

Da ich keine Lösung fand, versuchte ich mich selbst an Hypothesen und stellte dabei fest, dass auch bei den anderen südhessischen Orten, die auf -stadt enden, die häufige Erklärung, dass sie auf einen Personennamen und damit einem ehemaligen Besitzer zurückgehen, auf sehr wackligen Füßen steht. Später stellte ich das auch für die -Stadt-Orte in der Wetterau fest, wo es noch deutlicher ist. Und dann noch die strukturellen Unterschiede, dass dieses Suffix regional bei den Franken kaum vorkommt, dafür massig bei Alemannen, Thüringern und Sachsen/Angeln, das so konkret niemand wirklich erklären kann, zumindest nicht, wenn man die etablierten Theorien als gegeben annimmt.

Ergebnis dieser Bemühungen ist meine Hypothese der -Stadt-Orte als militärische Kleinstposten aus der Zeit des alemannisch-fränkischen Konflikts, die allerdings schwer bis gar nicht belegbar sein dürfte.

Jetzt kommt die Ironie:

Nebenprodukt dieser Recherchen war nicht nur, dass ich meines Wissen der Erste war, der eine Verbindung des Ortsnamens Pfungstadt mit der Bachbunge (mhd. pungo) herstellte, die den Alternativerklärungen des ungeläufigen Personennamens Pungo (Herr Bachbunge?) und die mehr als unwahrscheinliche Ableitung von einem mittelalterlichen Begriff für einen Geldbeutel gegenübersteht. Vor allem aber war eines meiner Argumente gegen Darimund bzw. Darmund immer, dass dieser Name erst ab dem 18. Jahrhundert nachweisbar ist. Jeder, der diese These vertritt, hat immer behauptet, dass der Name vorher nur im Ortsnamen Darmstadt nachweisbar ist.

Tatsächlich stieß ich bei meinen Recherchen aber auf einen Darmund, der im frühen 8. Jahrhundert gelebt hat, also in der Zeit, in der viele -Stadt-Orte Südhessens erstmals erwähnt werden (Darmstadt selbst noch nicht, doch die Wahrscheinlichkeit, dass es damals ebenfalls bereits existierte, ist sehr hoch). Da das entsprechende Dokument davon spricht, dass dieser offenbar sehr begüterte Darmund große Teile seines Besitzes veräußert, könnte man sogar vermuten, dass er dies deshalb tat, weil er in einen anderen Teil des Reiches, z.B. ins heutige Südhessen gezogen ist. Er könnte dann sogar der Gründer Darmstadts sein, was auch die sprachlichen Vorbehalte gegen diese These schwächen würde.

So muss ich ehrlich zugeben, dass von den südhessischen -Stadt-Orten die größte Wahrscheinlichkeit für einen Ursprung in einem Personennamen neben Groß-Umstadt  Darmstadt hat. Gleichzeitig haben meine Zweifel daran aber dazu geführt, dass ich jede Menge Argumente gegen die weit verbreitete Hypothese, dass Personennamen + „-Stadt“ eine übliche Namensbildung gewesen wäre, gefunden habe. So sehr, dass man sagen muss, wenn Darmstadt auf einen Personennamen zurückgeht, dann war das sehr ungewöhnlich für die Gegend.

Alternativerklärungen wie die Ableitung von einer vielleicht noch aus keltischer Zeit stammenden Landschaftsbezeichnung bleiben von dem aber unbenommen. Die Hypothese von der Ableitung vom Personennamen bleibt eine Hypothese, die nicht alternativlos ist. Ich konnte sie lediglich nicht widerlegen.

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3 Responses to Die Ironie des Darmund

  1. R.A. says:

    Welche Quelle ist das denn? Und in welcher Gegend verkaufte dieser Darmund Besitz?
    So ganz ohne weiteren Indizien scheint mir ein solcher Verkauf kein Grund zur Annahme, er wäre anschließend ausgerechnet in unsere Region gezogen um dort eine Siedlung zu gründen …

  2. Jörg says:

    Vermandois und Noyon, die genaue Quelle muss ich raussuchen, ich muss jetzt aber arbeiten und heute Abend bin ich auch schon verplant, dauert also einen Moment.

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