Mysterien im Schloss

Eben auf „Kabel 1 Doku“ in der Sendung „Mysterien im Schloss“: endlich mal wieder eine Runde „Johann Conrad Dippel ist Frankenstein“ mit dramatischen Aufnahmen von unserer Burg Frankenstein. Wer es sehen will, wird in der Mediathek von K1 Doku fündig: http://www.kabeleinsdoku.de/tv/mysterien-im-schloss/video/11-der-gefangene-mit-der-eisernen-maske-ganze-folge

Keine Ahnung, wie lange K1 Doku ganze Folgen in ihrer Mediathek lassen, also im Zweifelsfall beeilen, bevor es gelöscht wird. Der Teil mit Dippel beginnt bei ca. 7:30 Minuten und endet bei ca. 13:25. In der Sendung kommt als Expertin Miranda Seymour zu Wort. Über deren Seriosität hatte ich mich bereits hier mal ausgelassen: https://darmundestat.wordpress.com/?s=bl%C3%B6de+details

Ich wollte ursprünglich die Fehler der Sendung auseinander nehmen, aber das ist eigentlich zu mühselig, weil es einfach nur 6 Minuten lang haarsträubender Quatsch ist. Aber falls es mal jemand googlet, jetzt oder wenn die Sendung wiederholt wird: praktisch keine der Aussagen in der Sendung entspricht den Tatsachen. Abgesehen von ein paar kleinen unbedeutenden Details, wie dass die Burg im 13. Jahrhundert gebaut wurde, stimmt nichts von dem, was gesagt wurde. Der überwiegende Teil ist frei erfunden, der Rest grob aus dem Zusammenhang gerissen.

„Das zeugt schon von einem gewissen rechtsstaatsfernen Verhalten“

… so zumindest Jürgen Gasper, Gerichtssprecher des Verwaltungsgerichts Darmstadt, gegenüber dem Hessischen Rundfunk bzgl. der Ankündigung von Bürgermeister Reißer, dass die umstrittene 36-stündige Sperrzone für Eintracht-Fans trotz eindeutig anderslautendem Gerichtsurteil unverändert aufrecht erhalten bleibt.

Der Einschätzung kann ich mich nur anschließen. Es kann nicht angehen, dass die Exekutive die Entscheidungen der Judikativen ignoriert und einfach Fakten per Gewaltmonopol schafft. Und das nur, weil man von einem ordnungspolitischen Problem offenbar hoffnungslos überfordert ist. Ganz ehrlich, nach der Aktion heute wäre es ein Skandal, wenn Reißer im Amt bleibt. Er pfeift auf Gerichtsentscheidungen, provoziert eine Flut von Klagen gegen die Stadt, trägt zur Eskalation der Sache bei, zur Solidarisierung gegen polizeiliche Maßnahmen (!) – statt gegen die gewaltbereiten Idioten – und er schadet dem Ansehen der Stadt. Der Spiegel bezeichnet es schon als Posse und gibt gleich den Tipp mit, dass man als Eintracht-Fan ja morgen mit dem Eilantrag zum Verwaltungsgericht gehen könnte (das außerhalb der Sperrzone liegt) und danach gleich weiter in die Innenstadt. Das wird spaßig: wie schnell ist die Polizei wohl darüber informiert, wer sich noch so alles in der Innenstadt aufhalten darf?

Nachtrag 30.4. um 9.51 Uhr: Das Echo meldet gerade, dass das Innenstadtverbot aufgehoben wird. Es bleibt zu vermuten, ob man Reißer klargemacht hat, auf welch rechtsstaatlich fragwürdigen Niveau er sich befindet, ob es die Angst vor der zu erwartenden Klageflut war oder die simple Tatsache, dass die Situation für die Polizei zu unberechenbar geworden ist. Um den Eindruck zu zerstreuen, dass man von seinem Amt überfordert ist, ist das aber jetzt zu spät.

Stille Post nach Art des Frankenstein

Ich soll das doch nicht tun… bei Youtube nach Burg Frankenstein suchen. Aber es ist einfach so lustig. Man sieht aber auch schön, wie da so manche Geschichten entstehen. Einer behauptet was, der nächste erzählt’s irgendwie so ähnlich aber etwas ungenau weiter, der dritte versteht das dann falsch und versucht es wieder trotz mangelhaftem Wissens in irgendeinem ihm logischen Zusammenhang zu bringen. Dann kommt irgendwann so was raus wie hier:
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Nazi-UFOs auf dem Frankenstein

Na, ist das mal ne Überschrift?

Wie komm ich da drauf? Naja, natürlich bin da nicht ich drauf gekommen, sondern Walter Scheele, selbsternannter Burgschreiber der Burg Frankenstein und die Hauptquelle für die haltlose Behauptung, Johann Konrad Dippel wäre das reale Vorbild für Mary Shelleys Frankenstein gewesen.

Scheele hat gerade ein neues, teilweise allerdings aus alten Versatzstücken bestehendes Buch über die Burg Frankenstein veröffentlicht (Burg Frankenstein – eine Zeitreise), und ich dachte mir, hungernde Künstler muss man unterstützen und hab mir die Kindle-Version für 4,- € geleistet.

Auf die altbekannten Thesen will ich nur kurz eingehen. Im Prinzip gilt immer noch dasselbe, was Michael Müller (hier) und ich (hier) vor ein paar Jahren dazu geschrieben haben, wobei ich meinen Text dazu noch mit ein/zwei neueren Erkenntnissen (hier) ergänzen müsste. An der Grundaussage ändern die aber nichts.
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Organisationstalente

In den – ich weiß nicht mehr genau – 4 (?) Jahren, in denen das Landesmuseum renoviert wurde und die Pflasterung neu gemacht worden ist, hatte man es ja trotzdem immer gewährleisten können, einen Weg für die Fußgänger zum Herrngarten, dem Staatsarchiv, dem Welcome-Hotel und der Uni offen zu halten. Jetzt müssen die armen Jugendlichen Jungunternehmer aus der Irgendwasmitmedien Eventmanagement-Branche die Bühnen für das Schlossgrabenfest aufbauen. Da muss dann schon mal der ganze Platz gesperrt werden.

Ich stand da also im strömenden Regen heute Morgen vor einem Flatterband und konnte keinen ersichtlichen Grund erkennen, warum der Platz gesperrt werden müsste. 4 oder 5 Figuren liefen in weiter Ferne gelangweilt hin und her, aber niemand auch nur annähernd nah genug, dass man mal hätte fragen können, ob das wirklich ernst gemeint ist. Ich war dann auch bei Weitem nicht der einzige, der sich sagte, ich lauf doch jetzt nicht wieder zurück. Also Flatterband ignoriert und gelaufen. Dreiviertel des Weges hatte ich schon geschafft, da kam ein Saure-Milchgesicht auf mich zu und meinte unhöflich: „Dass da abgesperrt ist, haben Sie gesehen“.
Ich: „Ich wollte ja nur mal fragen, ob es einen Grund dafür gibt, dass ihr den kompletten Platz hier absperrt.“

Darauf bekam ich zwar keine Antwort, wohl aber auf die Frage, wo denn dann die Leute, die hier durchmüssen, langgehen sollen: „Da an der Straße lang!“
Ich wieder: „Das kann doch nicht euer Ernst sein, dass die Leute jetzt da auf dem Grünstreifen am Cityring laufen sollen, noch dazu bei dem Wetter, wenn da was passiert!“

Hat den jungen Mann aber nicht weiter interessiert. Ich also (wie gesagt, ich war ja schon fast auf der anderen Seite der Absperrung) wieder zurück und drumrum gelaufen. Und ich muss zugeben, ich bin ein bisschen stolz drauf, dass ich damit die Jungs mehr bei ihrer Arbeit behindert habe, als wenn die einfach die paar Fußgänger über den Platz hätten laufen lassen, auch wenn man dann vielleicht mal beim Aufbau ein bisschen aufpassen muss. Den Leuten unnötige Arbeit zu machen, hilft meist mehr als jedes vernünftige Argument. 😉

Denkverbote

Hab grade festgestellt, dass eine laut Selbstbeschreibung innovative Darmstädter Onlinezeitung auch ihre Appetizer nur noch Abonnenten zur Verfügung stellt. Statt dessen gibt’s für potentielle Neukunden die „publizistischen Leitlinien“ der Zeitung. Unter Punkt 2 findet man da, dass die Mitarbeiter von Verlag und Redaktion einstehen würden für die „Wiedererlangung der vollständigen völkerrechtlichen Souveränität der deutschen Nation“.

Wie soll man das denn verstehen? Noch dazu bei einer Regionalzeitung?

Ich könnte jetzt darüber spekulieren. Angesichts meiner Erfahrungen mit dieser Zeitung, die, trotz des zweifachen Hinweises auf der neuen Startseite, dass es um eine Berichterstattung „ohne Denkverbote“ ginge, versucht hatte mir per Anwalt zu verbieten, in irgendeiner Weise über sie zu schreiben, halte ich mich mit Interpretationen zurück. Außer einer vielleicht: wenn man so plakativ daher faselt, dass man gegen Denkverbote ist, ist es nicht gerade … nunja … „souverän“ den Mitarbeitern eine politische Aussage aufzuzwängen, die der Meinung der allermeisten Staatsrechtler eklatant widerspricht. Dass diese Staatsrechtler recht haben, darf man offenbar bei dieser Zeitung nicht denken.

Mir stehen mal wieder meine wenigen Resthaare zu Berge.

Ergänzung:
hab mich noch ein bisschen umgesehen und festgestellt, dass sie auch auf ihrer Facebookseite explizit auf die Veröffentlichung der Leitlinien hinweisen. Jetzt frag ich mich natürlich, ob das nur ein letzter verzweifelter Versuch ist, mit einer Provokation doch noch mal Aufmerksamkeit zu erregen, nachdem sie schon seit geraumer Zeit ja nun von wirklich überhaupt niemanden mehr wahrgenommen werden. Wenn dem so sein sollte, dann, verflixt, bin ich drauf reingefallen ;-).

Blöde Details

Ich hab grad mal wieder einen Blick in Wikipedia geworfen und mir den aktuellen Stand der Artikel rund um den Frankenstein/Dippel-Mythos angesehen, was immer wieder irgendwo zwischen haarsträubend und urkomisch ist. Man wundert sich aber schon ein bisschen, wie scheißegal manchem Geisteswissenschaftler offenbar schnöde Fakten sind. So liest man auf Wikipedia unter anderem:

Die Literaturwissenschaftlerin Miranda Seymour weist darauf hin, dass Mary Shelley in ihrem Tagebuch kurz nach ihren Reisen durch die Region um Burg Frankenstein von „gods [making entirely] new men“ spricht. Sie hält den Zusammenhang für mehr als lediglich zufällig.
http://de.wikipedia.org/wiki/Frankenstein_(Roman)#cite_ref-21

Mal abgesehen davon, dass es mir sehr schwerfällt, irgendeinen Zusammenhang zwischen der Aussage: „Gott schafft völlig neue Menschen“ und „Johann Konrad Dippel ist das Vorbild Frankensteins“ zu sehen, stimmt die Behauptung einfach nicht. Shelley schreibt am 28. August 1814 (also bereits Tage bevor sie den viel diskutierten Aufenthalt in Gernsheim hat):

[…] and there surveyed at our ease the horrid and slimy faces of our companions in voyage; our only wish was to absolutely annihilate such uncleanly animals, to which we might have addressed the boatman’s speech to Pope: „‚Twere easier for God to make entirely new men than attempt to purify such monsters as these.“ After a voyage in the rain rendered disagreable only by the presence of these loathsome creepers we arrive, Shelley [Anm.: gemeint ist Percy Shelley] much exausted, at Dettingen [Anm.: gemeint ist Dottingen im Schwarzwald Korrektur: gemeint ist natürlich Döttingen in der Schweiz, sorry] our resting place for the night.

Man sieht also: der Satz hat gar nichts mit einem monstererschaffenden Frankenstein zu tun. Shelley bezeichnete ein paar Mitreisende aufgrund ihres heruntergekommenen Erscheinungsbilds als „Monster“. Außerdem ist es ein Zitat und stammt ursprünglich gar nicht von ihr. Und dann ist die Behauptung, Shelley hätte diese Aussage „kurz nach ihren Reisen durch die Region um Burg Frankenstein“ getroffen, schlicht falsch. Es war vorher.

Es ist schon reichlich verwunderlich, wie sehr offenbar so viele Menschen krampfhaft wollen, dass Shelleys Roman ein konkretes historisches Vorbild hat. Als wenn sich dadurch etwas an der Qualität des Werkes ändern würde…