Was ich gelernt habe…

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann ich anfing, mich für Darmstadts Geschichte zu interessieren. Einzelne Informationsbrocken, nicht selten falsche, sind mir seit meiner Kindheit immer mal wieder begegnet, aber ab wann ich konkret begonnen habe, Dinge auch mal selbst zu recherchieren und Aussagen zu prüfen, weiß ich nicht mehr.

Was ich noch weiß, ist, dass die beiden ersten Themen, die ich konkret und intensiv recherchiert habe, der Ursprung des Namens Darmstadt und die Hexenverfolgungen 1582 waren. Ersteres war aus simplem Interesse, weshalb ich mich zunächst auch lange mit Sabais‘ Erklärung zufriedengab, also der ersten, auf dich ich gestoßen bin, die so etwas wie eine Argumentation hatte und nicht nur: „das Wort darmund gibt es nicht, muss also ein Name sein“, was alles war, was für die Ableitung von einem Personennamen angebracht wurde.

Die Entstehung meines Interesses an den Hexenverfolgungen war dagegen deutlich komplexer. Schon als Jugendlicher wollte ich immer schreiben und habe auch einiges geschrieben, nicht selten von fragwürdiger Qualität. Und selbst die etwas besseren Texten waren nur deshalb besser, weil ich den Stil besserer Schriftsteller zu imitieren versuchte, erst Tolkien, dann William Golding, dann Eco, dann Wilde, dann Joyce und irgendwann Hunter S. Thompson. Und irgendwo zwischen all diesen, ich weiß nicht mehr genau an welcher Stelle, Gustav Meyrink. Es war ein mehr als wildes Durcheinander, das zeitweise dann auch noch von den Filmen von Werner Herzog, Jim Jarmusch und Terry Gilliam beeinflusst wurde.

In meiner James Joyce-Phase hatte ich dann ein paar Kapitel zu einem Roman geschrieben, der eine Art Ulysses in Darmstadt war. Eine spätere Überarbeitung wirkte dann eher wie Hunter Thompson. Es war ein echtes Chaos und weniger Erzählung als meine persönliche Methode, die Welt zu verstehen. Was mir damit nicht gelang.

Für diesen Roman aber, so zumindest mein Eindruck damals, benötigte ich Elemente aus der Stadtgeschichte und die Hexenverfolgungen passten sehr gut zu der Charakterzeichnung einer der Hauptfiguren, einer jungen Studentin aus prekären Verhältnissen und mit großem Freiheitsdrang.

Also recherchierte ich die Hexenverfolgungen und schrieb einige Rückblenden, die im 16. Jahrhundert spielten. Das aber störte den Rhythmus der Erzählung so sehr, dass ich irgendwann einen Roman entwarf, der komplett im Jahr 1582 spielte. Dafür musste ich dann noch mehr recherchieren, wodurch ich dann – rein zufällig – auf andere interessante Dinge stieß. So ist die Hauptquelle für die Hexenverfolgungen 1582 eine 1994 in der Vereinszeitschrift des Historischen Vereins für Hessen erschienene Arbeit von Thomas Lange und Jürgen Rainer Wolf, die sehr nah an den Primärquellen bleibt und diese auch abdruckt. In derselben Ausgabe der Zeitschrift (die faktisch Buchformat hat) findet sich auch eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Vierziger, eine Gruppe Darmstädter Auswanderer, die 1847 in Texas eine kommunistische Siedlung gründen wollten. Die Geschichte ist unglaublich spannend und obwohl ich mein ganzes Leben in Darmstadt verbracht habe, hatte ich vorher nie etwas davon gehört.

Aus dem Roman wurde nichts. Aus dem einfachen Grund, dass mir mit der Zeit bewusst wurde, dass ein historischer Roman, also eine dramaturgische Erzählung, extrem schwierig zu konstruieren ist, ohne die historische Seriosität zu verlassen. Was wir heute als gute und interessante historische Romane empfinden, sind üblicherweise historisierende Romane, also faktisch Fantasy für Leute, die Fantasy als Literaturgattung ablehnen. Es sind Projektionen unserer heutigen Gesellschaft. Als Beispiel sei der Roman „Die Päpstin“ genannt, der eine Propagandalegende auf den Kopf stellt und mehr Kommentar zur Frage ist, inwieweit die Gleichstellung von Mann und Frau fortgeschritten ist (oder auch nicht). Die Erfinder der Legende wollten vermutlich das Papsttum kritisieren, nicht weil sie die Päpstin verheimlichten, sondern gerade weil eine Frau angeblich einmal an der Spitze stand. Das war Ausdruck der Korruption oder wahlweise auch der Unfähigkeit des Vatikans und eine extrem frauenfeindliche Legende. Der Roman dagegen ist eine Kritik an den nach wie vor patriarchalen Strukturen heutiger Gesellschaften. Das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was die Legende ursprünglich aussagen wollte.

Auch bei den Hexenverfolgungen läuft man schnell Gefahr, sie als Kommentar der gegenwärtigen gesellschaftlichen Stellung von Frauen zu missbrauchen. Zwar ist es keineswegs falsch, dass die jahrhundertelange Unterdrückung von Frauen auch in der Zuspitzung auf weibliche Opfer der Hexenverfolgungen zum Ausdruck kam. Aber das Thema ist viel, viel, viel komplexer. Doch weil ich ein moderner Mensch bin, neigte ich in dem Romanentwurf dazu, die Opfer der Hexenverfolgungen in moderner feministischer Sichtweise zu interpretieren. Warum? Weil das für uns heute relevant ist. Andere Aspekte der Hexenverfolgungen sind dagegen für uns heute weniger interessant und gehen dann in einem Roman unverhältnismäßig unter, zumindest, wenn er für uns heute interessant zu lesen sein soll.

Also ließ ich das sein. Die Büchse der Pandora war aber geöffnet und von da an kam ich von einem Thema der Darmstädter Geschichte zum nächsten. Darunter auch die Behauptungen eines gewissen Walter Scheele über die Burg Frankenstein und den dort geborenen Alchemisten Johann Konrad Dippel.

Die Beschäftigung mit Scheele war extrem unterhaltsam und befriedigend, weil er es einem so leicht machte, die besseren Argumente zu haben. Im Nachhinein bin ich nicht ganz glücklich damit, dass ich vermutlich ein wenig dazu beigetragen habe, dass er den Quatsch nicht mehr macht. Am Ende wollte er ja nur eine spannende Geschichte erzählen. Daran ist nichts verwerflich. Nicht jeder hat dasselbe Interesse an Geschichte wie ich. Und wenn man sich daher mit gewissen Details nicht beschäftigt, weil sie für einen nicht sonderlich relevant sind, dann stoßen einen die Unstimmigkeiten auch nicht so sehr auf. Und ohne die Unstimmigkeiten zählt dann nur, ob die Geschichte gut erzählt ist. Und vielleicht noch, was man damit aussagen will. Aber das hängt dann am Weltbild des Publikums und hat weder mit Fakten noch Geschichte viel zu tun.

Selbst schuld ist er aber auch, weil er gegenüber Kritik sehr unangebracht reagiert hat. Mittlerweile, ich habe wenig von ihm gehört in letzter Zeit, scheint er es ein wenig eingesehen zu haben, dass er Geschichtenerzähler ist und kein Historiker, dass seine Aussagen keinen historischen, sondern Unterhaltungswert haben. Sofern mir da nicht Informationen fehlen, soll das auch ausdrücklich meine Wertschätzung haben. Es ist aber bezeichnend, dass er erst mit Nazi-Ufos kommen musste, bevor er gemerkt hat, dass er den Bogen vielleicht doch etwas überspannt.

Am Ende hat er aber auch durchaus Dinge erreicht. Ich hätte mich nie intensiv mit Johann Konrad Dippel beschäftigt, hätte Scheele nicht so viel Unsinn über ihn erzählt. Und Dippels Biographie ist durchaus sehr spannend, auch ganz ohne Frankensteins Monster.

Die Beschäftigung mit Scheeles Aussagen, vor allem, dass man bei der Widerlegung mit relativ geringer Mühe Erfolgserlebnisse haben konnte, war für mich ein völlig neuer Lernprozess. Denn weil Scheele einen pseudowissenschaftlichen Stil pflegt, es gleichzeitig aber sehr leicht macht, die Fehler in seiner Argumentation (und nicht selten auch schlichte Erfindungen) zu erkennen, lernte ich, das auch bei seriöseren Autoren zu bemerken.

Ein schönes Beispiel dafür ist die angebliche Totenmaske Shakespeares. Die Verfechter der These machen es einem nicht ganz so leicht wie Scheele. Vor der Beschäftigung mit Scheeles Thesen hätte man mich damit möglicherweise überzeugen können. Dabei ist es völliger Mumpitz.

Ich musste allerdings auch lernen, dass man vorsichtig sein muss, bei dieser Herangehensweise nicht selbstgefällig zu werden und Dinge abzulehnen, nur weil sie etabliert sind. Ich bin zwar nach wie vor nicht davon überzeugt, dass der Name Darmstadt auf den Personennamen Darmund zurückgeht, aber ich war über lange Zeit sehr aggressiv gegenüber dieser These. Nicht ganz ohne Grund, denn die Problematik, dass die These im 19. Jahrhundert einfach mal jemand in den Raum geworfen hat, woraufhin es, weil es gut in den Zeitgeist passte, wieder und wieder abgeschrieben wurde, bis man es als Fakt angenommen hat, sehe ich nach wie vor. So dürfen sich keine Thesen etablieren. Meine Ablehnung der These als zumindest eine von mehreren Möglichkeiten schoss dann aber über das Ziel hinaus. Immerhin: sowohl die These selbst als auch meine Ablehnung sind schöne Beispiele für ein argumentum ad ignorantiam.

Vergeudete Zeit war das nicht, weil nachdem auch Sabais‘ Erklärung einem genaueren Blick nicht standhielt, der Versuch, alternative Erklärungen zu suchen, durchaus interessante Beobachtungen ergeben hat, nicht nur zu Darmstadt, sondern der gesamten frühmittelalterlichen Siedlungsstruktur Südhessens oder eigentlich sogar ganz Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens. Ich bin nicht sicher, ob sich vor mir jemand wirklich so intensiv die Verteilung von Siedlungen mit dem Suffix -stat angeschaut hat. Dass ich dennoch meine Hypothese dazu nicht belegen konnte, spricht zwar ein bisschen gegen sie, die offenen Fragen, die da bleiben, werden sich aktuell bei professionellen Historikern aber überhaupt nicht gestellt. Dabei gäbe es dort durchaus spannende Forschungsansätze.

Letztendlich musste ich dann selbst die Quelle finden, die eines meiner Hauptargument gegen Darmund widerlegt, nämlich, dass es keinen Beleg für die Existenz dieses Namens vor dem 18. Jahrhundert gibt, und selbst dieser einmalig bei einer Figur aus einem Theaterstück auftaucht und daher frei erfunden sein könnte. Und dann passt diese Quelle auch noch zeitlich und inhaltlich so gut, dass es sogar möglich wäre, dass es der Darmund war, der unserer Stadt seinen Namen gegeben hat. Ein fränkischer Adliger, der seine Besitztümer verkaufte in einer Zeit, in der massiv fränkische Adlige ihre Heimat verließen, um in Südhessen Ortschaften zur Kontrolle der einheimischen Alemannen zu gründen. Natürlich ist das extrem spekulativ und wird sich wohl nie belegen lassen, aber dass es plausibel ist, ändert sich daran auch nicht, dass ich nach wie vor, müsste ich mich für eine Möglichkeit entscheiden, auf eine andere tippen würde.

Was mir diese Entdeckung aber auch gezeigt hat, ist, wie zäh und mühselig es sein kann, bis man ein winziges neues Detail entdeckt, bis einem eine Idee kommt, wo man noch nicht nachgeschaut hat. Zäh ist das, weil in den allermeisten Fällen findet man dort dann eben auch nichts.

Am Anfang war die Beschäftigung mit der Darmstädter Geschichte sehr befriedigend, weil je weniger man weiß, desto mehr Neues kann man entdecken, desto mehr Erfolgserlebnisse hat man, desto mehr neue Erkenntnisse bekommt man. Später wurde es mühseliger, Neues zu entdecken, die Erfolgserlebnisse seltener. Das kann frustrierend sein und manchmal führt diese Frustration dazu, neue Erkenntnisse forcieren zu wollen, auch wenn es dafür einfach zu wenige Informationen gibt. Das habe ich an ein paar Stellen gemacht. Und dementsprechend weniger überzeugt als bei der Widerlegung Scheeles.

Das ist sicher einer der wichtigsten Gründe, weshalb meine Beschäftigung mit der Darmstädter Geschichte an einen toten Punkt geraten ist, und das faktisch seit ich vor mittlerweile 5, fast 6 Jahren eine Quelle finden konnte, die die Existenz des Namens Darmund spätestens im 8. Jahrhundert belegt. Das habe ich eine Zeitlang noch aufgearbeitet und in meine bisherigen Thesen eingepflegt. Aber das war es dann eigentlich. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte ich danach nur noch größere Recherchen zu Shakespeares Totenmaske angestellt, aber Thesen widerlegen, ist immer deutlich einfacher, als sie zu belegen.

Sinnlos war das alles sicher nicht. Auch die Zeit war sicher nicht vergeudet. Aber es erklärt eben doch, warum auf diesem Blog nicht mehr viel los ist. Das Potential, das ich aus dem Thema mit den Möglichkeiten, die ich aktuell habe, sprich in meiner Freizeit mit öffentlich zugänglichen Quellen, deren Sichtung auch in dieser begrenzten freien Zeit, die natürlich auch durch andere Dinge aufgebraucht wird, erfolgen kann, hat sich erschöpft. Natürlich kann es sein, dass ich über eine neue Information stolpere oder jemand anderes eine neue Information zutage bringt, die dann wieder eine ganze Kaskade von neuen Recherchen und neuen Erkenntnissen zur Folge hat. Solange das aber nicht geschieht, ist diese Form der Beschäftigung mit der Darmstädter Geschichte für mich ausgereizt.

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