Mobilmachung 1914

Darmstadt war zu Beginn des Jahres 1914 eine tief gespaltene Stadt. Ein rasanter wirtschaftlicher Aufschwung hatte dafür gesorgt, dass das einstmals trotz Hauptstadtstatus eher rückständige Darmstadt nun von allen hessischen Städten die größte Steuerleistung und die höchste Kaufkraft besaß. Wie häufig in solchen Fällen verteilte sich der neue Reichtum jedoch sehr ungerecht. Während es am oberen Ende wenige Spitzenverdiener (weniger als 1%) mit mehr als 100.000,- Mark Jahreseinkommen gab, lebten etwa 70% der Bürger von weniger als 2.000,- Mark im Jahr. Der durch den Aufschwung gestiegene Wohlstand kam also nur bei Wenigen an. Die sichtbaren Folgen davon war ein seltsam scharfer Kontrast zwischen den Stadtvierteln, angefangen bei den bürgerlichen Bauten der Oberschicht entlang der Rheinstraße, den Arbeiterquartieren im Johannes- und Martinsviertel, den Jugendstilbauten und der völlig heruntergekommenen und verwahrlosten Altstadt.

Großherzog Ernst Ludwig hatte vor allem durch die Künstlerkolonie versucht, Darmstadts Ruf als langweiliges Provinznest zu verbessern, was ihm durchaus auch gelungen war. Darauf aufbauend erschien infolge von etwas, das wir heute wohl als Stadtmarketing bezeichnen würden, im Frühjahr 1914 mit einer Auflage von 75.000 Exemplaren ein Sonderheft der Reclam-Zeitschrift Universum mit dem Titel „Darmstädter Kunstjahr“. Teil dieses Kunstjahres war neben einer großen Anzahl von Ausstellungen die Eröffnung des von Bernhard Hoetger neu gestalteten Plantagenhains, des von Albin Müllers entworfenen Musiksaals im Neuen Palais und vor allem die dritte Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie, die am 16. Mai auf der Mathildenhöhe eröffnet wurde. Ebenfalls noch im Mai eröffnete im Schloss die „Jahrhundertausstellung deutscher Kunst 1650-1800“. Auf einem Foto vom Tag der Mobilmachung zum 1. Weltkrieg kann man noch ein Transparent am Balkon des Schlosses erkennen, das für diese Ausstellung wirbt. Im Vordergrund sieht man – von einem großen Menschenauflauf begleitet – die Fahneneskorte des Garde-Dragoner-Regiments Nr. 23.

Der Krieg hatte sich freilich schon länger angekündigt, ganz egal, wie sehr man in Darmstadt auch versuchte, Kunst und Kultur in den Vordergrund zu rücken. Unmittelbar nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo am 28. Juni 1914 beginnt die Darmstädter Zeitung mit einer Serie von zum Teil rassistischer Propaganda Stimmung für den Krieg zu machen, der zu diesem Zeitpunkt noch abwendbar gewesen wäre. So liest man am Tag nach dem Attentat auf der ersten Seite einen Kommentar, in dem es unter anderem heißt:

Von jeher ist der südslawische Boden fruchtbar gewesen für den Wahnwitz mit Blut und Mord Politik machen zu können, wie ja überhaupt dem Slawen Dolch, Kugel und Bombe als die letzten und höchsten Potenzen seiner fanatischen Politik erscheinen, einer Rachepolitik, die auch vor dem eigenen Herrscherhaus nicht Halt macht.“

Und weiter heißt es in einem Duktus, der bereits an den Nationalsozialismus erinnert:

„Denn alle serbischen Kulturgüter, alle höheren geistigen Werte des Serbenvolkes sind österreichischen, sind germanischen Ursprungs.“

Der Autor merkt dabei nicht, dass er diese ohnehin haarsträubenden, rassistischen Vorurteile gegenüber Slawen nur wenige Absätze später wieder selbst ad absurdum führt, als er die eben noch als so verwerflich angesehene Rachepolitik jetzt selbst fordert:

„Wir würden es verstehen, wenn diesen Elementen in diesen Tagen von der schwarz-gelben Grenze das Wort des Großen Kurfürsten herüberschallt: ‚Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor!‘ – ‚Einst wird aus meinem Gebein der Rächer mir erstehen’“.

Und einen Tag später, am 30. Juni 1914, legt derselbe Autor noch mal nach:

„Entweder man respektiert in Serbien den Besitzstand Oesterreich-Ungarns und schützt andere Dynastien vor Verschwörungen aus serbischen Nationalhaß oder … Cavete! Hütet Euch!“

Im Zuge solcher Ansichten war der Tag der Mobilmachung, der 01. August 1914, bizarrerweise ein Tag der Freude in Darmstadt. So war es im ganzen Reich. Und nicht nur da, die Mär vom Krieg, der alle Kriege beenden würde, machte in ganz Europa die Runde, von einer nur kurz dauernden Entscheidungsschlacht, die die Verhältnisse endgültig klären und zukünftige Kriege verhindern würde.

Der damalige Bürgermeister Rudolf Mueller erinnert sich im Frühjahr 1917 an den Tag der Mobilmachung:

„Die Menschen weinen und lachen, sie schreien und singen. Die ‚Wacht am Rhein‘ erbraust wie Donnerhall. Ein großer Mann steht auf der Treppenstufe und redet begeisterte Worte zu den Tausenden. Nur die Nächsten hören ihn, aber alle fühlen es, was er sagt, denn er sagt, was sie alle fühlen.“

Auch zweieinhalb Jahre furchtbarster Krieg können Müller, seit 1949 auch Ehrenbürger der Stadt, die Begeisterung nicht nehmen: „Wer am 1. August 1914 Zeuge des Maueranschlags der Mobilmachung gewesen ist, der hat den größten Augenblick der Geschichte der Stadt miterlebt“, schreibt er.

Kritisch reflektierter sind dagegen die Erinnerungen von Ludwig Prinz von Hessen und bei Rhein, dem jüngsten Sohn des damaligen Großherzogs:

„Es waren damals unruhige, erregte, merkwürdig lärmende Zeiten. Jede Nacht hörte man aus der Altstadt herüber singen und johlen, die fabelhaften Lieder, die man damals so schön fand, das Lied vom Rhein – ‚Es braust ein Ruf‘-, das man heute schon lange ad acta getan hat, und ein merkwürdiges Kriegslied, das man vorher nicht kannte, das aber mit dem Refrain endete: ‚Wehe dir, wehe dir, Franzosenblut‘. Reservisten waren eingezogen worden und wimmelten in mit Blumen besteckten Strohhüten durch die Stadt. Die Soldaten wölbten die Brust heraus, als hätten sie den Krieg schon gewonnen.
[…]
Das Trompeterkorps spielte ‚Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus‘. Meinem Vater liefen die Tränen über die Wangen, was wir im Begeisterungstaumel dieses merkwürdigen Kriegsanfangs wohl kaum verstanden. Aber sehr bald liefen uns auch die Tränen aus den Augen, weil wir nämlich Abschied nehmen mußten von einem heißgeliebten Menschen, unserer englischen Nurse, Miß Eady. Sie durfte nicht mehr länger in Deutschland bleiben, sie war auf einmal ein Feind […]“

Diese seltsame, irrationale Begeisterung, mit der die Menschen damals in den Krieg gezogen sind, fast wie in einem Wahn, sollten wir uns heute, 100 Jahre danach, als Warnung in Erinnerung rufen. Wir sind es den Toten schuldig, uns nie mehr für Krieg zu begeistern oder diesen auch nur zu rechtfertigen, unter welch fadenscheinigen Gründen auch immer. Und auch wenn diese massiv absurde Propaganda heute kaum noch möglich scheint, die von Grund auf falsche Idee, dass man Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit mit Militärgewalt beenden könnte, ist heute noch immer lebendig. Kriege beenden keine Kriege. Daran müssen wir uns erinnern, wann immer irgendwer meint, wir müssten irgendwo militärisch „intervenieren“. Krieg ist immer ein Verbrechen, ganz egal, wie man versucht es uns schönzureden.


There’s no gas, no barbed wire, no guns firing now
But here in this graveyard it’s still no mans land
The countless white crosses are mute where they stand
For a man’s blind indifference to his fellow man
To a whole generation that were butchered and damned


Dann kann es geschehen, dass bald niemand mehr lebt
Niemand, der die Milliarden von Toten begräbt
Doch längst finden sich mehr und mehr Menschen bereit,
diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit


The sorrow, the suffering, the glory, the pain
The killing and dying was all done in vain 
For young Willy McBride it all happened again
And again, and again, and again, and again

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2 Responses to Mobilmachung 1914

  1. Marc says:

    Wie unabhängig waren denn die Zeitungen damals? Inwieweit waren da Artikel/Kommentare lanciert, Oder gab es auch deutschlandweit publizierte Texte? Das hatte ich mich damals beim Rückblick der Darmstädter Zeitung auf 1913 gefragt. War das Regierungsmeinung oder ein Redakteur?

    • Ich geh davon aus, dass das schon Meinung des Redakteurs war. Es ist aber schwer zu sagen, inwieweit von Seiten der Regierung gesagt wurde: hier, macht mal einen Artikel in die und die Richtung. Ich weiß auch nicht, ob Historiker die genauen Verflechtungen der Darmstädter Zeitung mit der Regierung mal untersucht haben. Mir ist zumindest keine solche Arbeit bekannt. Allerdings war die Darmstädter Zeitung sicher in keiner Weise unabhängig. Kritische Artikel gegen die Regierung hätten die sich nicht erlauben können. Die mussten der Regierung schon nach dem Mund schreiben, letztendlich war die Zeitung ja auch das amtliche Organ der Regierung, d.h. die verbreiteten die amtlichen Meldungen der Regierung. Da ist man nicht unabhängig. Trotzdem dürfte das schon die feste Überzeugung des Redakteurs gewesen sein, nicht zuletzt auch, weil sie viel radikaler ist als die offizielle Haltung der Regierung und des Großherzogs.

      Was interessant ist, dass diese Frage (also die Unabhängigkeit der Darmstädter Zeitung) auch mal Thema im Reichstag des Norddeutschen Bundes im März 1870 war. Kann man hier nachlesen; http://books.google.de/books?id=63FHAAAAYAAJ&pg= (ab Seite 371).

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