Mein Wunsch für die Zukunft: kritischere Historiker

Heute im Echo ein Artikel von Peter Engels über den Wiederaufbau der Stadtverwaltung nach dem 2. Weltkrieg: http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/demokratie-mit-erlaubnis-der-amerikaner_15842248.htm

Der Artikel ist etwas dröge geschrieben. Das liegt wohl daran, dass Engels zu viele Aspekte in zu wenig Text unterbringen musste. Immerhin muss man ihm positiv zugestehen, dass er zumindest in diesem knappen Rahmen um ein komplettes Bild bemüht war. Ludwig Metzger wird nicht – wie sonst immer – durchweg gelobhudelt, sondern zumindest ganz leicht lässt Engels auch mal Kritik zu, als er z.B. erwähnt, dass Metzger nie eine schlüssige Begründung für seine zeitweilige Zusammenarbeit mit der KPD geben konnte. Dass die einzig schlüssige Begründung eigentlich nur Machtkalkül gewesen sein kann, schwingt da zwischen den Zeilen mit.

Ein paar andere Stellen bereiten mir dagegen etwas Bauchschmerzen. Dass Metzger sich der Anweisung der Amerikaner verweigerte, alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder aus der Stadtverwaltung zu entlassen, wird mit dem Satz beschrieben:

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Was Niebergall sonst noch so geschrieben hat…

Angesichts der spontanen Politisierung einer Aufführung des unpolitischen Datterichs und auch der aktuellen Glorifizierung Ernst Elias Niebergalls angesichts des Jubiläumsjahrs fiel mir ein, dass Niebergall tatsächlich ein politisches Werk verbrochen hat: “Der Mann aus Marais” heißt es und hat die französische Revolution zum Thema. Ich muss zugeben, dass ich nur die ersten zwei Sätze davon kennen, weil sie Georg Hensel im Anhang zur 1975er Ausgabe des Datterichs zitiert, diese Sätze haben es aber schon in sich:

Frankreich hatte die heiligen Bande des Königtums gebrochen, um sich in die drückenden Fesseln seiner Stellvertreter schmieden zu lassen. Aber Ludwigs XVI. schuldloses Haupt, dem zügellosen Pöbel hingeworfen, konnte den aufsteigenden Sturm nicht beschwören…”

Laut Hensel geht es in dem Werk um einen “royalistischen Vater, [der] aus Pflichtgefühl seinen republikanischen Sohn dem Tod [überlässt]”.

Vielleicht sollte man im Jubiläumsjahr auch mal über die Werte reden, denen Niebergall offenbar anhing. Vielleicht ist Niebergall ja doch der richtige Held für gewisse Leute… ;-)

Datterich gestern

War da jemand gestern zufällig dabei und weiß näheres?: http://www.echo-online.de/nachrichten/kunstundkultur/Demonstration-stoert-Datterich-Auffuehrung-in-Darmstadt;art1161,6296896
Wirkt auf mich etwas unkoordiniert.

Zumindest, was man eigentlich zum Ausdruck bringen wollte, sollte rüberkommen. Das einzige, was ich halbwegs zu erkennen glaube, ist ein Hinweis darauf, dass das Stück teilweise von Lokalprominenz gespielt wird, deren Biographie eher dem Gegenteil der Rollen, die sie verkörpern, entspricht. Aber dass auch Stücke, die im weitesten Sinne von der sozialen Unterschicht handeln (stimmt beim Datterich ja nicht mal 100%-ig), später von der Oberschicht zur Selbstbeweihräucherung vereinnahmt werden, ist ja ein eher gewöhnliches Phänomen. Die lokale Selbststilisierung eines Markwort finde ich auch eher was zum fremdschämen. Aber deswegen eine Theateraufführung zu unterbrechen? Wenn man stört, dann so, dass auch klar und nachvollziehbar wird, warum das geschieht. Sonst tut man dem Publikum, an das man das richtet, und dessen Fähigkeit zur Selbstreflektion auch gewaltig unrecht und sorgt dann erst recht dafür, dass man selbst nicht ernst genommen wird.

Update:

also, aus der weiteren Berichterstattung lässt sich erschließen, dass es wohl hauptsächlich darum ging, dass Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Springer, im Stück den Bennelbächer gespielt hat. Angesichts der Griechenland-Berichterstattung der BILD wurde es wohl als unpassend und zynisch empfunden, dass Döpfner in einem Stück über einen notorischen Schuldner mitspielt. Die Aktion war wohl sehr spontan und dementsprechend unbeholfen und undurchdacht wirkt sie auch. Ein inhaltlicher Vergleich zwischen Datterich und Griechenland, nur weil bei beidem irgendwo mal das Wort Schulden auftaucht, ist aber eher konfus und weit hergeholt und eigentlich sogar ein Eigentor, wenn man sich das Stück mal ganz genau ansieht.

Man könnte nämlich durchaus der Meinung sein, dass der Datterich an seiner Misere ein wenig selbst schuld ist – zumindest Bennelbächer ist im Stück dieser Meinung: “Ich for mei Dahl spiel net mer mit em: ma kann nor bei em valihrn. Mit seine poor Batze, wo er in seim brodkrimmelige Sack hot, will er Ahm des Geld erausluppern: wie er gewinnt, do werd’s vafresse un vasoffe, un Ahm sei Geld is aus dem Spiel. Valihrt er, do bleibt er’sch Ahm schullig un ‘mer krikt nix, un iwwadem bemohkelt er, daß mer’m net genug uf die Finger gucke kann. Mich soll er lahfe losse.” – so gesehen war Döpfner vielleicht sogar die Idealbesetzung ;-).

Wir sind die …

Eine kleine Randbemerkung im Echobericht über die Lilienfeier, die vor lauter Uffstiech nicht untergehen sollte, wie ich finde:

[…] und in der Mitte, auch für die Kameras gut sichtbar, schwebt ein Geist: Der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete Charles M. Huber, von dem seine anwesenden Parteifreunde auf Anfrage übereinstimmend berichten, sie hätten ihn zuletzt vor zwei Jahren in Darmstadt erblickt. http://www.echo-online.de/sport/svdarmstadt98/Lilien-feiern-Triumph-mit-Tausenden-Fans;art1168,6250776

Und gerade vorhin hatten wir bei einem viel zu frühen Glas Bier auf der Bastion darüber diskutiert, was davon zu halten ist, dass Partsch nicht am Karolinenplatz gesprochen hat. Ich hab da noch ein wenig zynisch bemerkt, dass die OB-Wahl noch zu weit weg ist. Aber wenn ich jetzt das mit dem Huber lese, ist es doch irgendwie sympathisch, dass sich nicht bei jeder Gelegenheit beim Urnenpöbel angebiedert wird. ;-)

Wahrheit ist geschäftsschädigend

Ach, wenn man einmal mit dem Frankenstein anfängt, ergeben sich immer gleich jede Menge andere Dinge. Eines, was ich gerade erfahren habe, ist folgendes:

Die staatliche Schlösserverwaltung des Landes Hessen hat in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsverein Eberstadt-Frankenstein 50.000 Exemplare eines Faltblatts drucken lassen (müsste das hier sein, gibt’s auch in Englisch). Es ist die typische kostenlose Auslegeware für interessierte Touristen, wie man sie auf fast allen Burgen und Schlössern findet. Finanziert wurde der Druck von Steuergeldern. Als Gaststättenbetreiber einer Burggaststätte sollte man für so ein Geschenk des Landes Hessens und engagierter Bürger eigentlich dankbar sein, sollte man meinen. Nicht so jedoch auf der Burg Frankenstein, denn der Gaststättenpächter Mathias Bührer, der da oben Hausrecht hat, weigert sich das Faltblatt zu verteilen. Der Grund? In dem Faltblatt steht eben auch, dass die häufig getroffene Behauptung einer Verbindung der Burg mit Mary Shelleys Roman Frankenstein oder der moderne Prometheus unhaltbar ist. Das stimmt zwar, ist aber eine geschäftsschädigende Feststellung.

Wer mal da oben im Restaurant zu Gast ist, kann Herrn Bührer ja mal auf das Faltblatt ansprechen. Ist doch schade, dass der Steuerzahler da etwas bezahlen muss, das dann niemand nutzen kann, weil es dem persönlichen Geschäftsmodell eines Gaststättenbetreibers widerspricht.


Disclaimer/Haftungsausschlussklausel: Dieser Blogeintrag ist nicht geschäftsschädigend! Leute an der Nase herumführen dagegen schon.

Altes Hoftheater

Auf der Baustelle in der Alexanderstraße will man Reste des alten Hoftheaters bzw. dem alten Opernhaus entdeckt haben: http://www.echo-online.de/region/darmstadt/Reste-des-Alten-Hoftheaters-auf-603qm-Baustelle-freigelegt;art1231,5958296.

Da nach der Entdeckung der viel spannenderen Fundamente des Hölzernen Hauses im Schlosshof kaum was passiert ist, hält sich meine Erregung darüber aber sehr in Grenzen, vorsichtig ausdrückt. Liegt aber vielleicht auch ein wenig daran, dass ich grade mein Bad sanieren lasse und staubige Mauer momentan wirklich nicht mehr sehen will. ;-)

Das Echo über Karl Wolff

Hin und wieder kann man auch Artikel im Darmstädter Echo empfehlen, diesmal über den aus Darmstadt stammenden und nach dem Krieg auch wieder in Darmstadt lebenden Nationalsozialisten Karl Wolff, sogar gleich 2 Artikel:

http://www.echo-online.de/region/darmstadt/historisch/geschichte/Helfende-Haende-in-der-Heimatstadt;art8747,5934794
http://www.echo-online.de/region/darmstadt/historisch/geschichte/Darmstadts-schwaerzester-Fleck;art8747,5931134
(wenn die Paywall blockiert, einfach mal einen anderen Browser verwenden, das reicht oft. Ansonsten halt mal anmelden und die kostenfreien Artikel, die man dann jeden Monat hat, nutzen).

Ein paar Sätze sind zwar ein bisschen viel Bohei (Himmler in Bezug zu einer Anekdote von Anfang 1936, also noch vor dem sogenannten Erlass über die Einsetzung eines Chefs der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern, schon als “neben Adolf Hitler die mächtigste Figur im Dritten Reich” zu bezeichnen, ist viel Wind in einen Quatsch mit Soße geblasen), im Großen und Ganzen aber lesenswert.

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