Literatur über Darmstadt

Diese kleine Übersicht einiger Literatur, die über Darmstadt erschienen ist, ist von mir vollkommen willkürlich ausgewählt worden. Man könnte es als eine Art Stichprobe bezeichnen.

Es ist dabei zu betonen, dass dies mein persönlicher Eindruck von diesen Büchern ist, weshalb das Ganze keinen durchgängigen Rezensionstonfall hat. Es sind auch keine Interpretationen, die dazu notwendigen Details hätten den Rahmen völlig gesprengt.

Um dennoch den geneigten Leser nicht völlig hilflos mit der Frage: Soll ich dat nun lesen oder net? zurückzulassen, habe ich unter den Schlagwörtern „Pro“ und „Contra“ bei jedem Buch versucht darzulegen, was an dem Buch lesenswert ist und was nicht. Erst hinterher fiel mir auf, dass die „Contra“-Abschnitte meistens länger sind. Dies ist nicht als wertend zu interpretieren, sondern hängt damit zusammen, dass wenn z.B. historisch etwas nicht stimmt, man auch erklären muss, wie’s richtig ist. Dabei entsteht zwangsläufig mehr Text, als wenn ich nur schreibe: das stimmt.

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„Vorsicht, Auto!“

Meine Güte, wie rutscht so was durch die Pressestelle bei der Stadt: *klick*

Wegen dem penetrant deutlichen Copyright-Hinweis bei dem zugehörigen Artikel veröffentliche ich hier mal keinen Screenshot, aber wer hat für so was das Okay gegeben?

Erst mal: Wieso muss man das photoshoppen? War es für Jochen Partsch und Barbara Boczek bei so einem wichtigen Projekt echt nicht zumutbar für ein Foto vom Rathaus zur Grafenstraße zu laufen (und falls nicht, müssen sie dann krampfhaft auf dem Foto sein)? Und wenn man schon so was macht, kann man dann nicht wenigstens ein ordentliches Foto nehmen? Und wer kam auf die abstruse Idee, die beiden mitten auf die Grafenstraße bei ordentlich Verkehr zu stellen?

„Frau Boczek, Vorsicht, hinter Ihnen! Ein Auto!“

Wie es (vielleicht) hier weitergeht – Qualitätscheck und Literatur

Aktuell überlege ich, ob und wie ich mit dem Blog hier weitermache.

Fest steht, dass ich solch Offtopic-Themen wie jetzt die Corona-Krise zukünftig nicht oder nur noch sehr vereinzelt machen werde – auch allgemeine, theoretisierende Beiträge über Geschichtsforschung und Geschichtsbild, wie ich sie in letzter Zeit gelegentlich geschrieben hatte, sollen eigentlich nicht mehr stattfinden, es sei denn, es gibt einen konkreten Anlass dafür.

Statt dessen soll die Konzentration auf das Kernthema, sprich Darmstadt, wieder im Vordergrund stehen. Zwei Bereiche werde ich wohl zunächst (frühestens ab August) abdecken. Den einen könnte man als Qualitätsmananagement bezeichnen. Einige Artikel sind zwischenzeitlich etwas veraltet, teilweise, weil ich neuere Erkenntnisse dazu habe, teilweise, weil ich meine Schlüsse dazu etwas revidiert habe (oder revidieren musste), teilweise, weil mir die Darstellung der entsprechenden Artikel strukturell oder stilistisch nicht mehr zusagt.

Ich hatte zunächst überlegt, diese Artikel grundlegend zu überarbeiten, das passt aber meines Erachtens nicht sehr zum Charakter eines Blogs, der eben auch eine bestimmte Meinung zu einem bestimmten Datum dokumentiert. Daher werde ich in neuen Artikeln einen aktuellen Stand darlegen, also auch meine aktuelle Meinung. Tatsächlich hat sich die nicht grundlegend geändert, aber bei manchen Dingen, gerade was die „dunkle“ Frühzeit betrifft, ist sie im Sinne von „Das finde ich jetzt wahrscheinlicher und das unwahrscheinlicher“ oder „Das finde ich jetzt weniger unwahrscheinlich“ schon etwas anders als manches, was hier zu lesen ist.

Einen anderen Artikel, den ich plane und der etwas Zeit in Anspruch nehmen wird, ist eine Übersicht über verschiedene Bücher zum Thema Darmstadt. Dabei wird es nicht um ein konkretes Thema wie Stadtgeschichte o.ä. gehen, sondern mehr eine Stichprobe unterschiedlicher Themen und vielleicht auch Genres (wozu dann natürlich auch die Stadtgeschichte gehört).

Es wird zum Teil um neu erschienene Bücher, zum Teil um ältere, auch vergriffene gehen. An Output hier im Blog wird dabei nicht allzu viel herauskommen, vermutlich nur ein, allerdings etwas längerer Artikel, aber zeitaufwändig ist es für mich persönlich schon, weil ich dazu vorher schlicht noch viel lesen muss (auch wenn ich auch auf ein paar Bücher zurückgreifen werde, die ich bereits vor längerer Zeit gelesen habe).

Wann kommt das? Weiß ich noch nicht genau, aber ich habe im August 2 Wochen Urlaub und werde coronabedingt allenfalls Tagesausflüge in dieser Zeit machen (nebenbei: ich war am Samstag zum ersten Mal, seit ich ein Kind war, wieder zu Fuß in der Ruine Tannenberg und kann das jedem, der halbwegs gut zu Fuß ist, nur wärmstens empfehlen. Auch wenn vor Ort nach wie vor relativ wenig konkret zu sehen ist, atmosphärisch und vom historischen Hintergrund ist das viel schöner als z.B. die überschätzte Burg Frankenstein o.ä. Der Verschönerungsverein leistet hervorragende Arbeit!).

Die 3 Wochen nicht geschafft…

…schade, ich hatte gehofft, dass es Darmstadt 3 Wochen ohne Neuinfektion schafft, aber heute ist eine neue registriert worden. Trotzdem, fast drei Wochen ohne Neuinfektion zeigt, wie überschaubar die Pandemie aktuell bei uns ist.

Das sieht jetzt auch die Landesregierung so und lässt wieder Treffen bis zu 10 Personen zu, wie Buffy gerade verkündet hat. Das ist okay, denke ich – zumal es dem sinnbefreiten Denunanzientum à la: „Da haben eine Handvoll Leute Basketball gespielt und die Kommunalpolizei ist einfach vorbei gefahren!“ Einhalt gebietet.

Wenn es dabei bleibt, beende ich hiermit dann auch meinen Pandemie-Exkurs auf diesem Blog in der Hoffnung, dass die teilweise beunruhigenden Verhaltens- und Denkweisen mancher Leute nur ein Aufmerksamkeitsartefakt gewesen sind. Wann ich konkret zu historischen Betrachtungen der Stadt Darmstadt zurückkehre, weiß ich aktuell aber noch nicht. Kann ein bisschen dauern…

Demonstrationen in Zeiten der Pandemie

Mancher wundert sich über die schnellen Stimmungsschwankungen der Gesellschaft. Eben noch so panisch, dass man jedem, der diese Panik nicht teilte, #staythefuckathome entgegengebrüllt hat. Jetzt, obwohl die Gefahr der Pandemie noch lange nicht vorbei ist, geht man auf Massendemonstrationen mit zu vielen Menschen und zu wenig Abstand. Eben noch war man wütend, weil eine Kirchengemeinde während des Gottesdiensts gesungen und somit den Virus möglicherweise verbreitet hat, jetzt brüllt man seinem 20 Zentimeter entfernt stehenden Mitdemonstranten Parolen ins Ohr.

Warum passiert das?

Hauptsächlich aus 3 Gründen:

1. Weil Rassismus auch in Deutschland ein zu lange auch von Seiten der Polizei und deren übergeordneten Behörden und Lobbyorganisationen verharmlostes, teilweise vertuschtes Problem ist (Oury Jalloh, erinnert ihr euch?).

2. Weil nach den Restriktionen wegen der Corona-Krise es eine psychologische Katharsis ist. Man löst die Frustrationen in einer Handlung auf, die in keinem kausalen Zusammenhang stehen muss, aber einen schon länger schwelenden inneren Konflikt auflöst. Deswegen stürzen sie in Großbritannien die Statuen von Sklavenhändlern.

3. Weil – anders als der Staat offenbar glaubt – der mündige Bürger durchaus die Welt selbst einschätzen und Abwägungen selbst treffen kann. Weil er (und natürlich auch sie) aus der Geschichte gelernt hat, dass eine Pandemie irgendwann endet, der Rassismus aber nicht.

Denkt daran, falls die Demonstrationen tatsächlich ein Superspread-Event auslösen sollten. Der Virus ist eine Naturkatastrophe, Rassismus ist eine Entscheidung.

American Skin – geschrieben unter dem Eindruck des Todes von Amadou Diallo, der 1999 von 4 Polizisten erschossen wurde. 20 verschwendete Jahre, ohne dass sich etwas geändert hat. Das Lied ist nahezu genauso lang wie die 8 Minuten und 46 Sekunden, die George Floyd am Boden gepresst lag.

I got my boots caked with this mud
We’re baptized in these waters
And in each other’s blood

(American Skin)

Now Tom said : ‚Mom, wherever there’s a cop beatin‘ a guy‘
‚Wherever a hungry newborn baby cries‘
‚Where there’s a fight against the blood and hatred in the air‘
‚Look for me, Mom, I’ll be there‘.

‚Wherever there’s somebody fightin‘ for a place to stand‘
‚Or decent job or a helpin‘ hand‘
‚Wherever somebody’s strugglin‘ to be free‘
‚Look in their eyes, Ma, and you’ll see me‘.

(The Ghost of Tom Joad)

Irrtümer

Was mir auch auffällt, ist, dass wenige Leute aktuell bereit sind, grundlegende Irrtümer zuzugeben. Die Schwedendebatte ist da das beste Beispiele, aber es gibt auch noch andere. Zum Beispiel höre ich nichts von jenen Leuten, die bei den ersten zaghaften Lockerungen diese nicht nur für verfrüht hielten (eine Meinung, die man mangels Informationen haben konnte), sondern sogar behaupteten, man müsste noch viel härtere Maßnahmen einführen, etwas, was auch da schon eindeutig eine faktenferne Forderung gewesen ist. Auch die bislang vollkommene Verweigerung einer Fehleranalyse seitens der Medien ist arrogant und gefährlich.

Wenn man das sagt, muss man aber auch mal auf sich selbst schauen und sich hinterfragen, was man selbst falsch gesehen haben könnte.

Falsch war sicherlich mein Eindruck zu Beginn der Krise und des Lockdowns, dass es wenig Sinn macht, die Kurve ohne Rücksicht auf Verluste immer weiter zu drücken. Die Überlegung dahinter war, dass man auf diese Weise den Ausbruch nur verschiebt, schlimmstenfalls so weit, dass er parallel zur Influenzawelle kommt. Die Folge wären viel mehr Tote.

Die Idee würde ich – Stand heute – als falsch bezeichnen. Das massive Herunterdrücken der Kurve hat das Infektionsgeschehen nachverfolgbar gemacht. Genau das könnte uns durch den Herbst und Winter bringen, bis dann nach einem erneuten Abflauen der Pandemie vielleicht so langsam ein Impfstoff verfügbar ist.

Das war vor allem auch deshalb ein Denkfehler, weil er erkennbar war. Meine Argumentation lag ja gerade in der naheliegenden Vermutung, dass es hauptsächlich die Superspread-Events sind, die den Virus verbreiten. Der Denkfehler ist, dass man dann nur die auch unterbinden muss. Das stimmt aber erst, wenn man das Infektionsgeschehen unter Kontrolle hat. Hatten wir aber bei Beginn des Lockdowns nicht mehr. Natürlich war das eine Panikreaktion, natürlich hat man zu spät reagiert. Weil man aber schon an dem Punkt, wo das sprichwörtliche Kind in den Brunnen gefallen war, gewesen ist, musste man so handeln.

Deswegen werden aber auch nicht alle Maßnahmen richtig. Die staatliche Bevormundung ging an einigen Stellen deutlich zu weit. Und geht sie bis jetzt. Während es Demonstrationen mit vierstelliger Teilnehmerzahl gibt (was ich für absolut richtig, aber auch potentiell gefährlich halte), dürfen sich in Hessen immer noch drei Singles nicht in einem Park zusammensetzen. Epidemiologisch macht das keinerlei Sinn. Wenn sich gleichzeitig zwei Familien mit vielleicht je 4 Mitgliedern treffen können, verbreitet das den Virus mit größerer Wahrscheinlichkeit, denn diese haben zwischenzeitlich über Arbeit und Schule ja auch wieder mehr Sozialkontakte außerhalb der eigenen Familie. Gleichzeitig ist die Regelung im privaten Raum extrem großzügig, alles, was unterhalb einer „Hausparty“ (die Landesregierung nutzt tatsächlich diesen Begriff) liegt, ist im Prinzip möglich.

Man versucht, das Infektionsgeschehen bei denen zu drücken, die keine so große Lobby haben wie bspw. die Bundesliga. Es bleibt zu hoffen, dass die Gerichte das der Landesregierung bald um die Ohren hauen. Die Gerichte waren das einzige staatstheoretische Element, das in der Krise seiner Aufgabe ohne grobe Fehler nachgekommen ist.

Denn bei allen Irrtümern, eine meiner Aussagen bleibt richtig: Der Staat kann in so einer akuten Krise von mir verlangen, meine sozialen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, was aber mein persönliches Minimum ist, hat er nicht für mich zu entscheiden. Der letzte Abwägungsprozess muss mir selbst überlassen bleiben, denn die Grundidee des Bürgers ist die Mündigkeit. Diese darf man sich nicht vom Staat nehmen lassen, auch nicht aus Angst. Genau das geschieht aber, wenn man sich von der eigenen Regierungschefin loben lassen muss, dass man Regeln eingehalten hat. So was macht man bei kleinen Kindern. Die Idee, dass der Staat uns in Krisen wie kleine Kinder behandeln muss, darf sich nicht verfestigen. Wir sind mündige Bürger, wir treffen unsere eigenen Entscheidungen.

„…sie haben auch Menschenleben gekostet“

Und An­dre­as du Bois, Di­rek­tor der Essener Kli­nik für Gy­nä­ko­lo­gie und Gy­nä­ko­lo­gi­sche On­ko­lo­gie, sagt: „Uns hat eine Schwem­me von ver­zwei­fel­ten Pa­ti­en­ten er­reicht, de­ren The­ra­pi­en un­ter­bro­chen wor­den sind.“ Hil­fe­su­chen­de aus ganz Deutsch­land hat­ten sich an das Essener Krebs­zen­trum ge­wandt. „Ich kann doch nicht ein Ri­si­ko ver­nach­läs­si­gen, weil ich ein zwei­tes habe“, sagt du Bois. „Ein Tu­mor macht kei­nen Lock­down, nur weil wir ein Vi­rus ha­ben.“

Die po­li­ti­schen Maß­nah­men zur Ein­däm­mung der Seu­che ha­ben vie­le Men­schen­le­ben ge­ret­tet, das ist un­be­strit­ten. Aber sie ha­ben auch Men­schen­le­ben ge­kos­tet. Sie ha­ben Bür­gern, die sich nie mit dem Vi­rus in­fi­ziert ha­ben, kör­per­lich und see­lisch ge­scha­det. Mit Blick auf die Ge­sund­heit al­ler Bür­ger hät­ten die Maß­nah­men wohl dif­fe­ren­zier­ter aus­fal­len müs­sen. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on hät­te we­ni­ger stark auf Angst und mehr auf Auf­klä­rung set­zen sol­len: dar­über, was die Fol­gen ver­scho­be­ner Ope­ra­tio­nen oder aus­ge­fal­le­ner Un­ter­su­chun­gen sein kön­nen.
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/news-die-lage-am-morgen-a-7f06980a-58cf-4450-9ab3-71cfe2cedda2

Und das eigentlich Schlimme ist: Das ist kein simpler Erfahrungswert, den man leider erst mal machen musste, nein, es war von Anfang an klar, dass es Folgen dieser Art geben wird (und das ist ja nur eines von ein paar Dutzend Beispielen). Niemand sollte sich dahinter verstecken können, dass die Covid19-Toten statistisch besser erfassbar und daher dramatischer mit mathematischen Kurven darstellbar sind – und deshalb so schöne Schlagzeilen abgeben.

Schwedische Ironie

Die Ironie am schwedischen Weg ist ja, dass, wenn er sich jetzt tatsächlich als falsch herausstellt, das vor allem daran liegt, dass der Virus am Ende leichter in den Griff zu bekommen ist, als die schärfsten Kritiker des schwedischen Wegs geglaubt haben. Wenn der Virus tatsächlich ohne massive zweite Welle in den Griff zu bekommen ist, dann wäre es auch für Schweden besser gewesen, schnell die Fallzahlen zu drücken. Viele – auch Drosten bspw. – halten es mittlerweile für denkbar, dass die zweite Welle gar nicht kommt oder sie deutlich schwächer als befürchtet sein wird.

Hintergrund ist, dass sich mehr und mehr abzeichnet, dass die Superspread-Events größeres Gewicht haben und der Virus sich nicht so flächendeckend gleichmäßig verbreitet, wie es während der Hochphase der ersten Welle den Eindruck hatte. Ist das der Fall, sind hauptsächlich die Superspreader das Problem, dann kann man den Virus mit gezielten Maßnahmen gut in Schach halten, ohne immer gleich das ganze Land herunterzufahren.

In diesem Fall wird man am Ende sagen können, dass das Ziel, die Todeszahlen von Anfang an auf Biegen und Brechen so niedrig wie möglich zu halten, vor der Grundimmunisierung stehen muss. Wäre es anders herum, würde man auf lange Sicht mehr Menschen retten, ließe man mehr Infektionen zu, weil es dann mehr als fatal (im wahrsten Sinne des Wortes) wäre, die zweite, dann unvermeidliche Welle einfach nur in den Herbst/Winter zu verschieben.

Die Ironie ist, dass – falls sich (hoffentlich) herausstellen sollte, dass die zweite Welle schwächer wird als befürchtet oder vielleicht sogar gar nicht kommt – am Ende der schwedische Weg vermutlich falsch war, allerdings aus Gründen, die die schärfsten Kritiker des schwedischen Weges ja völlig anders gesehen haben.

Ach, und dass viele immer noch zu doof sind, relative von absoluten Zahlen zu unterscheiden, Statistiken als Argumentationsgrundlage verwenden, ohne sie auch nur im Ansatz zu verstehen, bleibt beunruhigend.

Inzidenz 0²

Darmstadt hat nun seit 14 Tagen keinen Neuinfizierten mehr gemeldet.

Spricht jemand darüber?

Nein, das Echo mimt statt dessen mal wieder das Sprachrohr der Denunzianten, indem es eine Zuschrift zum Aufhänger macht, in der sich ein „besorgter Bürger“ darüber beschwert, dass die Kommunalpolizei angeblich an basketballspielenden Jugendlichen vorbeigefahren ist, ohne was zu sagen.

Ordnungsdezernent Reißer macht auf Rückfrage sofort Männchen und sagt, dass er die Kommunalpolizei für das Thema noch mehr „sensibilisieren“ werde, statt sich endlich mal vor sein Personal zu stellen und mal die klare Ansage zu machen, dass man den Abwägungsprozess, an welchem Punkt man einschreitet, den Leuten überlassen sollte, die das jeden Tag machen und daher die entsprechende Erfahrung haben – und nicht Leuten, die die Corona-Krise nutzen, um diejenigen anzuschwärzen, die ihnen sowieso schon immer ein Dorn im Auge waren.

Die Frage, die das Echo auch hätte stellen können, wäre zudem gewesen, ob ein solches Einschreiten angesichts einer Inzidenz von 0 verhältnismäßig gewesen wäre. Jede der durch die Verordnungen eingeführten Einschränkungen steht unter dem Vorbehalt der Verhältnismäßigkeit. Und auch die Akzeptanz der Bevölkerung hängt unmittelbar mit dieser Verhältnismäßigkeit zusammen. Wer zu kleinlich sanktioniert, wird diese Akzeptanz verlieren.

Vielleicht hätte Herr Reißer auch einfach mal auf die Vollzugshinweise der Landesregierung zu den Verordnungen hinweisen können:

Bei der Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten gilt das Opportunitätsprinzip. Bei der Entscheidung über die Einleitung von Bußgeldverfahren können sowohl Überlegungen zur Art und Schwere des Verstoßes als auch zur Einsatzsituation und dem Verwaltungsaufwand berücksichtigt werden.

Aber da hätte sich Herr Reißer ja mal für seine Beamten eingesetzt.

kleine Korrektur:
Wenn man es ganz genau nimmt, sind es aktuell erst 13 Tage mit 0 Neuinfektionen, es ist heute der 14. Tag. Der ist ja noch nicht ganz rum. Die 7-Tage-Inzidenz war am 27.5. auf 0 gefallen, ich habe vorhin aber nicht bedacht, dass das nicht „seit 14 Tagen“ bedeutet, sondern dass heute erst „der 14. Tag“ ist. Inhaltlich macht es aber keinen entscheidenden Unterschied.

Nachtrag 4.6.:
So, jetzt stimmt auch die ursprüngliche Formulierung, der 14. Tag ist rum, Darmstadt seit 14 Tagen ohne Neuinfektion. Aktuell wird noch 1 Person intensivmedizinisch behandelt. Das Echo schreibt: „Darmstadt bereitet sich auf zweite Corona-Welle vor“.

Aktualisierter Schwede (3) – vorerst letzter Beitrag hierzu – mit dem Versuch einer Synthese

Tägliche Neufälle:

ends

Verhältnis zur Einwohnerzahl
endsverg

Tägliche Tote in Schweden:
deadsend

Diese kleine Reihe stelle ich jetzt erst mal ein, weil es offenbar keine große Veränderungen und damit auch keine neuen Erkenntnisse gibt. Widerlegt ist der in den Medien verbreitete Quatsch eines Zusammenhangs der schwedischen Strategie mit der Sterberate, die ist deutlich gesunken, obwohl die Fallzahlen auf gleichem Niveau geblieben sind (Fun-Fact: Hätte man auf dem Höhepunkt der Sterberate die Strategie gewechselt und einen Lockdown durchgeführt, könnte man jetzt behaupten, der Lockdown hätte die Senkung der Sterberate ausgelöst. Scheinkorrelationen – der Erzfeind aller Statistiker – haben wir in der Krise auch so einige).

Spannend bleibt die Frage, wie lange es dauert, bis die Pro-Kopf-Fallzahlen in Schweden auf das Niveau von Deutschland sinken. Daran wird sich entscheiden, ob sich die schwedische Strategie auf lange Sicht rechnet. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch hinsichtlich des Immunisierungsgrades, weil, was ja vielfach übersehen wurde, ist, dass es nicht nur Herdenimmunität oder keine Herdenimmunität gibt, sondern dass jeder, der durch eine Infektion immun ist, auf die Ausbreitung der Pandemie dieselbe Wirkung hat wie jemand, der vollkommen isoliert zuhause bleibt. Da kann es auf lange Sicht schon einen gewaltigen Unterschied machen, ob 2% immun sind oder 10%.

Seriös sagen kann man das aber frühestens in ein bis zwei Jahren. Es bleibt jedoch schon jetzt festzuhalten, dass die schwedische Strategie nicht so katastrophal falsch war, wie viele behaupten. Die hohe Sterberate hat komplexere Gründe, wie ja auch Länder mit hoher Sterberate trotz massiven Ausgangssperren belegen. Und da heute (noch) niemand seriös sagen kann, was auf lange Sicht die bessere Strategie gewesen wäre, konnte das natürlich auch zu Beginn der Krise niemand seriös sagen. Schweden musste eine Entscheidung treffen. Und uns sollte klar sein, dass Deutschland vermutlich dieselbe Strategie gefahren hätte, wären wir wie Schweden nie in eine Phase des exponentiellen Wachstums geraten. Vor dieser Phase ließ man noch Karneval und Starkbierfeste zu. Warum hätte man da eine Kehrtwende machen sollen, wenn die Zahlen wie in Schweden nur moderat angestiegen wären? Das plötzliche exponentielle Wachstum hat Deutschland in diese Strategie getrieben. Das war kein wohlüberlegtes Handeln. Das war Panik.

Und wie das so ist, wenn man etwas aus reiner Panik ad hoc entschieden hat, muss man sich hinterher vergewissern, dass das, was man getan hat, richtig war. Am besten macht man das, indem man auf irgendwen mit dem Finger zeigen kann, der es offenbar falsch gemacht hat, weil er nicht so panisch reagiert hat. Und was Besseres als Schweden hat man da nicht gefunden? Allein das zeigt schon ein bisschen die Schwäche der Argumentation.

Dabei könnte man auch eine ganz simple Synthese versuchen: Mag ja sein, dass das für Schweden eine gangbare Strategie war, weil sie nie in die Phase des exponentiellen Wachstums geraten sind, Deutschland aber schon. Und deshalb waren in dieser Phase vielleicht auch härtere Maßnahmen notwendig.

Dabei kommen wir um eine Erkenntnis kaum herum: Das, was wir jetzt mit den Lockerungen machen, ist ziemlich nahe an der schwedischen Strategie dran. Warum? Weil das exponentielle Wachstum vorbei ist und wir davon ausgehen können, dass die Schäden, die das Virus aktuell anrichtet, geringer sind als die Schäden durch einen längeren Lockdown. Zum Zeitpunkt des exponentiellen Wachstums war das umgekehrt.

Wer den Streit beilegen will, könnte das daher leicht tun. Ich habe nur den Eindruck, dass die Wenigsten das wirklich wollen.

Nachtrag:
Der Spiegel hat aktuell einen Artikel online, der suggeriert, dass die Sterberate weiterhin massiv ansteigen würde. Sie berufen sich auf Daten von John Hopkins. Grundsätzlich falsch sind die Daten nicht, aber es ist wieder eines dieser Beispiele, wie in dieser Krise Statistiken zur Visualisierung einer Meinung genutzt werden, aber nicht wirklich analysiert. Die Sterberate ist rückläufig. Nicht sehr massiv, aber doch sichtbar. Das liegt daran, dass die Sterberate – anders als die absolute Zahl der Toten – eben nicht in Korrelation zu den Fallzahlen steht. Das ist eigentlich ganz einfache Mathematik, die zu dem Schluss führen sollte, dass in Schweden etwas gewaltig schief gelaufen ist, aber man es sich viel zu leicht macht, das jetzt darauf zu beschränken, dass Schweden mit weniger Verboten gearbeitet hat. Die Zusammenhänge sind deutlich komplexer und wer wirklich Leben retten will, sollte sich damit beschäftigen, statt krampfhaft eine vor Wochen schnell herausgefeuerte These weiter zu verteidigen.