Nazi-UFOs auf dem Frankenstein

Na, ist das mal ne Überschrift?

Wie komm ich da drauf? Naja, natürlich bin da nicht ich drauf gekommen, sondern Walter Scheele, selbsternannter Burgschreiber der Burg Frankenstein und die Hauptquelle für die haltlose Behauptung, Johann Konrad Dippel wäre das reale Vorbild für Mary Shelleys Frankenstein gewesen.

Scheele hat gerade ein neues, teilweise allerdings aus alten Versatzstücken bestehendes Buch über die Burg Frankenstein veröffentlicht (Burg Frankenstein – eine Zeitreise), und ich dachte mir, hungernde Künstler muss man unterstützen und hab mir die Kindle-Version für 4,- € geleistet.

Auf die altbekannten Thesen will ich nur kurz eingehen. Im Prinzip gilt immer noch dasselbe, was Michael Müller (hier) und ich (hier) vor ein paar Jahren dazu geschrieben haben, wobei ich meinen Text dazu noch mit ein/zwei neueren Erkenntnissen (hier) ergänzen müsste. An der Grundaussage ändern die aber nichts.

Auch im neuen Buch Scheeles steht wieder jede Menge (neuer) Unsinn über Johann Konrad Dippel und Mary Shelley. Da werde ich im Detail jetzt aber nicht drauf eingehen, nur auf die Sachen, die offenbar eine Reaktion auf die Kritik der letzten Jahre sind.

So sind überraschenderweise seine beiden Hauptargumente stark entschlackt worden. Diese waren ein angeblicher Tagebucheintrag Mary Shelleys, der einen Besuch auf Burg Frankenstein beschreibt, und außerdem ein Brief Jacob Grimms, den dieser an Mary Shelleys Stiefmutter geschrieben haben soll, in dem er eine örtliche Sage von Burg Frankenstein festhält, die einige Ähnlichkeiten nicht so sehr mit Shelleys Roman aber mit der Darstellung des Monsters in Hollywoodfilmen hat.

Beides existiert nicht. Der Tagebucheintrag beschreibt in holprigem Englisch eine Situation, die so nicht stattgefunden haben kann, und den Grimm-Brief kennt niemand, Scheeles Gewährsmann (Donald Glut) hat auf Rückfrage erwidert, dass er noch nie etwas von dem Brief gehört hat, die Bibliothek, die den Brief aufbewahren soll (Bodleian Library in Oxford), hat auf Rückfrage genervt erwidert, dass sie ständig danach gefragt würden, das Ding aber nicht haben und auch nie gehabt haben. Überhaupt ist keinerlei Korrespondenz zwischen den Grimms und Shelleys Stiefmutter bekannt.

Den Tagebucheintrag erwähnt Scheele in seinem neuen Buch überhaupt nicht mehr. Das werte ich als Eingeständnis, dass er ihn selbst nicht mehr für authentisch hält. Würde man das, wäre es ja ein eindeutiger Beleg für Shelleys Aufenthalt auf Burg Frankenstein. Direkt zugeben tut er das natürlich nicht. Der Abschnitt mit dem Grimmbrief ist noch vorhanden, aber sehr verkürzt. Den angeblichen Inhalt gibt er gar nicht mehr wieder. Gleichwohl behauptet er, dass dieser Brief „Unter Historikern […] längst nicht mehr umstritten“ wäre. Wenn man umstritten interpretiert als „die sind sich nicht einig“, dann stimmt das. Historiker sind sich einig: den Brief gibt’s nicht. Dass Scheele das Gegenteil suggerieren will, ändert daran nichts.

Auch auf einen anderen Kritikpunkt hat Scheele offenbar reagiert: so hatte er wiederholt behauptet, dieser Brief läge in der Bodleian Library in Oxford, was nachweislich nicht stimmt – auch für die Vergangenheit. Jetzt sagt er, der Spender des Nachlasses hätte den Brief wohl einem Freund überlassen. Aaaahja, und woher genau weiß Scheele dann davon? Seine kuriose Schlussfolgerung daraus: „Tatsache“ wäre es aber, dass „zahlreiche Kenner der Materie diese Schilderung in dem Brief von 1813 gesehen“ hätten. Ja, wer denn? Nur Scheele hat bislang behauptet, den Brief gesehen zu haben.

Zumindest mir neue Ausführungen macht er zu dem ominösen Konrad von Frankenstein, den angeblichen biologischen Vater Johann Konrad Dippels, von dem er daher auch ganz legitim ein Adliger von Frankenstein geworden wäre. Dazu konstruiert er eine putzige Dreiecksgeschichte, bei der am Ende Dippels Vater den Sohn als legitim annimmt, weil jener der Mutter als der bessere Vater erscheint. Konrad von Frankenstein besteht dagegen darauf, Taufpate zu werden und dass der Junge seinen Namen bekommt, daher Dippels zweiter Vorname und der Zusatz von Frankenstein… hmm, Moment: Dippels Vater nimmt das Kuckuckskind als seinen Sohn an, weil der versoffene Frankensteiner nicht als legitimer Vater taugt. Trotzdem erbt Dippel von diesem nicht nur den Namen, sondern vor allem auch das Adelsprädikat. Klingt unlogisch? Ist es auch.

Dippels Paten, von denen er seine Vornamen bekommen hat, sind übrigens im Kirchenbuch von Nieder-Beerbach festgehalten: es waren der Pfarrer Johann Heinrich Vietor und der Burgvogt Conrad Riedberger. Kein von Frankenstein.

Scheele scheint aber selbst an der ganzen Sache ein wenig die Lust verloren zu haben. Seine Darstellungen sind durch ständige Abschweifungen unterbrochen, von denen oft nicht klar wird, was sie in diesem Zusammenhang überhaupt sollen. Mehr Spaß scheint er daher an seinen neuesten Erkenntnissen zu haben: Wernher von Braun auf Burg Frankenstein!

Das ist jetzt keine Satire meinerseits, all das, was jetzt folgt, behauptet er wirklich:

Wernher von Braun und Henry Kissinger hätten sich nach dem Krieg auf der Burg Frankenstein getroffen, mit dem Ziel Kissingers, von Brauns Teilnahme an der „Action Paperclip“ unter Dach und Fach zu bringen. Scheele nennt es wirklich „Action Paperclip“, was er meint, ist die Operation Paperclip. Beweis dafür ist ein Foto, das vier Personen zeigt, aber weder Kissinger noch von Braun. Die wollten angeblich nicht mit drauf sein. Na so ein Pech!

Von Braun hätte in Darmstadt an der TH Raketenforschung an der „V10“ betrieben. Diese „V10“, eigentlich eine Waffe, die von Deutschland aus abgeschossen bis nach New York reichen sollte, wäre später zur Redstone-Rakete weiterentwickelt worden. In dieser Zeit hätte von Braun in Frankfurt gewohnt, was der Sohn eines ehemaligen Offiziers des „5. Korps“ in Frankfurt bestätigt hätte. Dessen jüdische Mutter wiederum lebte im selben Haus wie von Braun und freundete sich mit ihm an, schenkte ihm ein von Sitting Bull und Buffalo Bill signiertes Plakat. Diese jüdische Mutter wäre übrigens deshalb von den Nazis unbehelligt geblieben, weil sie sich von ihrem Mann hätte scheiden lassen und ihren bayrischen Mädchennamen wieder angenommen hätte (tja, so einfach ging’s).

Okay, das ist, sagen wir, skurril, aber was dann kommt, weiß ich nicht, wie man es bezeichnen soll.

Nach seiner Verhaftung durch die Gestapo wäre von Braun in einer Nacht und Nebel-Aktion nach Nieder-Beerbach geflogen worden. Warum fragt man sich? Weil er durch die Haft in einem so schlechten gesundheitlichen Zustand gewesen wäre, dass man dringend was machen musste. Und nur im Mühltal, nahe der Burg Frankenstein, fand sich ein Arzt, der ihn behandeln konnte. Iss klar, ne?

Das kam natürlich raus und sofort rückte die Gestapo aus, um sich von Braun zu schnappen… ähm, dass von Brauns Verhaftung eine Einzelaktion Himmlers war, die Hitler da schon längst wieder rückgängig gemacht hatte, ah, Details… viel wichtiger ist, dass sich von Braun dann in der Josephshütte versteckte, wo er den Nazi-Schergen entkam, weil die davon ausgingen, dass sich ein Kamerad nicht in einem dreckigen Abstellraum verstecken würde. Ein Glück, dass die Nazis immer so dumm wie in einem Indiana-Jones-Film sind.

Ach, und der wahre Grund, warum bei der Brandnacht Merck und Röhm kaum getroffen wurden? Na klar, weil Wernher von Braun an der TH an der, ja, ich hab’s auch nicht glauben wollen, an der Atombombe gearbeitet hat!

Schräg genug? Wir sind noch nicht fertig. Es fehlen noch die Nazi-UFOs. Die sollen auf „dem Waldsportplatz am Ilbeskopf erprobt“ worden sein. „Schildkröte“ soll das Teil geheißen haben und so ausgesehen haben, wie man sich ganz klassisch fliegende Untertassen vorstellt. Diese Fluggeräte hätten mithilfe einer „Klystronröhre“ die Radargeräte der Alliierten stören können und wären wohl das, was einige Piloten der US-Airforce als „Foo Fighters“ bezeichneten (nein, nicht die Rockband). Scheele gibt ein Best-Of der UFO-Verschwörungstheorien, Area 51 wird genauso erwähnt wie „Flug 19“, ein berühmter Fall, bei dem eine ganze Fliegerstaffel bei einem Routineflug im Bermuda-Dreieck spurlos verschwunden ist.

Ach, und dann ist ja auch noch das Foto… das Foto, das den Test der „Schildkröte“ auf dem Ilbeskopf zeigen soll. Das „Foto“, das Scheele da abbildet, ist eine in diesem Zusammenhang häufig gezeigte Illustration des Illustrators Jim Nichols – und ich bin ziemlich sicher, dass Scheele dafür keine Vervielfältigungsrechte hat.

Am Ende aber ist das „Foto“ nur die (diesmal allerdings sehr überspannte) Taktik, die er immer benutzt. Er zweifelt dann an, dass es sich tatsächlich um ein Foto handelt, solange man kein Negativ zur Hand gehabt hätte, usw. Das soll dem Leser suggerieren, dass er alles kritisch recherchiert hat. Den Quark, den er vorher als Tatsache dargestellt hat, ist demnach fundiert und wahr. Und wohlgemerkt: er zweifelt nur das „Foto“ an, nicht die Experimente.

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4 Responses to Nazi-UFOs auf dem Frankenstein

  1. Carsten says:

    Erstaunlich was manche Menschen so produzieren – da wundert man sich nicht über die vielen Verschwörungstheorien.

    Ich frage mich: Glaubt er das selbst? Falls nicht: Warum schreibt er nicht gleich Fiction? Nur aus Vermarktungsgründen?

    Danke jedenfalls für die Arbeit und die informative und bisweilen unterhaltesame Lektüre.

    • Glaubt er das selbst?

      Tja, das ist die große Preisfrage. Das Problem ist glaub ich, dass er das seit Jahrzehnten macht und damit gutes Geld verdient hat. Burg Frankenstein ist für Darmstadt und Umgebung ein bisschen wie das Loch Ness für Schottland. Als ich vor 2 Jahren in den Highlands war, bin ich am Loch Ness nicht mal aus dem Auto gestiegen, weil ich mich für die vielen Touristen da geschämt habe. Da ist keinerlei Sehenswürdigkeit. Solche Seen gibt’s in Schottland unzählige und die meisten sind deutlich schöner als das Loch Ness, aber da stolperst du mitten in den sonst so einsamen Highlands über ganzen Armeen bewaffnet mit Fotoapparaten, wo nichts zu sehen ist. Es gibt da oben Steinkreise, Megalithen, Jahrtausende alte Ganggräber, die man völlig ohne Eintritt betreten kann, von der großartigen Landschaft ganz zu schweigen, alles total spannende Sachen, aber da ist kein Mensch. Nur an einem an sich recht langweiligen See, über den ein paar Leute jede Menge Blödsinn erzählt haben, Fotos gefaked haben, etc. werden wahrscheinlich mehr Umsätze generiert als an allen anderen schottischen Sehenswürdigkeiten zusammen. Für nichts. Und so ist das auch mit der Burg Frankenstein (die Burg ist ja auch nicht grade die schönste in der Gegend), das ist ein Geschäftsmodell. Mehr nicht. Und hin und wieder muss man neue Zielgruppen erschließen.

      Warum schreibt er nicht gleich Fiction?

      Macht er ja auch, das liest nur keiner. Scheele hat mehrere Regionalkrimis veröffentlicht, die aber in der Schwemme an Regionalkrimis untergegangen sind.

      • Carsten says:

        Jedenfalls gut, das jemand wie du mit deinem Wissen das richtig stellt. 🙂

      • Carsten says:

        Was Schottland angeht: Ich liebe es auch. Aber in bin froh, dass sich die Massen an bestimmten Orten sammeln. Dann verschonen sie den Rest – und mich 😉
        Das gleiche habe ich in den USA erlebt – dadurch dass der Massentourismus kanalisiert wird (besonders genial mit Disneyland), bleiben die Naturparks relativ unberührt.

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