Die Darmstädter Kolonie am Llano

Kennen Sie Gustav Schleicher? Oder Ferdinand von Herff? Falls nicht, ist das nicht weiter ungewöhnlich. Die wenigsten Darmstädter haben je von diesen Namen gehört. In Texas dagegen ist das anders. Dort wird Herff als „Vater des texanischen Krankenhauswesens“ verehrt. Und nach Gustav Schleicher ist ein ganzes County benannt. Beide wurden in Darmstadt geboren und mit ihnen ist eine filmreife Geschichte verbunden, die von der revolutionären Stimmung in der Zeit vor 1848 erzählt, vom frühen Kommunismus, der Abenddämmerung der Monarchie, dem Kolonialismus, dem Pionierleben an der Grenze der Zivilisation, der Kontaktaufnahme mit fremden Kulturen und nicht zuletzt auch von viel Wild-West-Romantik, deren Scheitern von Anfang an unausweichlich ist wie in einem Werner-Herzog-Film.

Und begonnen hatte alles im beschaulichen Darmstadt.

Die Vorgeschichte fand allerdings in Gießen statt. Die Aussicht auf ein langweiliges Beamtenleben im despektierlich Pensionopolis genannten Darmstadt ließ einige der dortigen Studenten in wildromantische Träumereien vom gemeinsamen Auswandern nach Amerika versinken. Einer dieser Studenten, der in Offenbach geborene Hermann Spieß, war 1845 für eineinhalb Jahre durch Amerika gereist und begeisterte nach seiner Rückkehr im Herbst 1846 seine Freunde mit abenteuerlichen Geschichten von den unerschlossenen, leeren Weiten des amerikanischen Kontinents. Nach Darmstadt, dem Geburtsort der meisten seiner Freunde, zurückgekehrt, beschlossen sie, die Auswanderung in Angriff zu nehmen.

Die Freiheit am Boden des Grogkrugs

Im Hotel Ritter, das sich in der Rheinstraße befand, traf man sich nahezu täglich, um Karten zu studieren und leidenschaftlich über die Notwendigkeiten der Reise zu diskutieren. Mehr Zeit schien man allerdings damit zu verbringen, sich sinnlos zu besaufen. So erinnerte sich später zumindest Alexander Büchner, der Bruder von Georg Büchner, der bei einigen dieser Treffen anwesend war:

Was aber noch mehr darnach schmeckte, das war der Grog, dessen Trinken allabendlich mit Feuereifer geübt wurde. Grog trinken zu können, war ja eines der Haupterfordernisse des Daseins im freien Westen.

Diese feuchtfröhlichen Abende endeten dann häufig tief in der Nacht mit einem Haufen Studenten, die zu betrunken waren, um noch nach Hause gehen zu können. Büchner spottete:

Sie nannten das eine Vorbereitung zum Leben im camp […]

Quellen der Inspiration

Sie nannten sich die Gesellschaft der Vierziger. Genau erklärt wurde dieser Name nicht. Drei Inspirationen dürften den entscheidenden Teil zu dieser Namenswahl beigetragen haben. Die erste ist trivial: die Gruppe hatte die meiste Zeit etwa 40 Mitglieder. Nie genau, immer wieder verließen Mitglieder die Gemeinschaft und neue kamen hinzu, aber sie waren immer rund 40 Leute. Die zweite Quelle der Inspirationen dürften die sogenannten Dreißiger gewesen sein. Diese waren in den 1830er-Jahren (daher der Name) ausgewandert, als nach dem Hambacher Fest und ähnlichen Ereignissen die politische Verfolgung gegenüber Menschen mit liberaler Weltanschaung begann. Auch Spieß war 1833 – gerade einmal 15-jährig –  nach dem Frankfurter Wachensturm für zwei Jahre in die Schweiz geflohen.

Die dritte Inspiration ist (allerdings nur auf den ersten Blick) etwas überraschend: das Alte Testament. Die Zahl 40 taucht in der Bibel auffällig häufig auf. Bei der Sintflut soll es 40 Tage lang geregnet haben, Jesus verbrachte 40 Tage in der Wüste, Moses blieb 40 Tage auf dem Berg Sinai und der Zug ins Gelobte Land dauerte 40 Jahre. Auch die Fastenzeit beträgt 40 Tage. Die Zahl 40 beschreibt in der Bibel also häufig einen Zeitraum, der als Übergang zu einer veränderten, üblicherweise besseren Lebenswelt gedeutet werden kann. Spieß bezeichnete Amerika als das „Land, in dem Milch und Honig fließt“, eine Anspielung auf das Gelobte Land der Bibel. Auch Dr. Ernst Große, der beim Hambacher Fest als Redner aufgetreten war und im Auftrag des Mainzer Adelsverein die Verhandlungen mit den Vierzigern leitete, schrieb nach der entscheidenden Sitzung, in der die Auswanderung nach Texas beschlossen wurde, von der „Versammlung der 40 der heiligen Schar“. Zudem sind die Parallelen der Amerika-Auswanderung mit dem biblischen Exodus, dem Auszug aus Ägypten, offensichtlich.

Kommunisten und Adlige

Die Gruppe war ideologisch von liberalen, nationalistischen, vor allem aber kommunistischen und sozialistischen Ideen geprägt. Trotz der daraus zwangsläufigen Ablehnung des herrschenden Systems ließen sich die Vierziger ausgerechnet durch den Verein zum Schutz deutscher Einwanderer in Texas fördern, ein Verein gebildet aus Mitgliedern des Hochadels. Dieser besaß Siedlungsland in Texas.

Die Mitglieder des Adelsvereins waren von dieser Zusammenarbeit mit den kommunistischen Vierzigern keineswegs begeistert. Man muss sich das ein bisschen so vorstellen, als würde heute die Deutsche Bank die DKP beauftragen, ihr wichtigstes und teuerstes Projekt zu übernehmen. Doch der Verein stand mit dem Rücken an der Wand, denn das erworbene Land war an die Bedingung einer baldigen Besiedlung geknüpft, ansonsten würde es zurück an den Staat Texas fallen. Und es lief nicht gut. Zwar hatte der Adelsverein in wenigen Jahren mehr als 7.000 Menschen nach Texas gebracht, doch es gelang nicht, diese in den vorgesehenen Gebieten anzusiedeln, so dass sie sich an wenigen, eigentlich nur als Brückenkopf gedachten Orten konzentrierten. Die Lage dort war katastrophal, viele der Siedler lebten in Zelten und immer wieder brachen Seuchen aus. Bereits 1.000 Menschen waren gestorben, ohne ihr erträumtes Siedlungsland je gesehen zu haben.

Als der Adelsverein an die Darmstädter herantrat, war das daher eine Verzweiflungstat, ein letzter Versuch Schwung in die Sache zu bringen, bevor das Geld endgültig ausging. Die Idee war, dass eine kleine Gruppe Enthusiasten leichter in ihr vorgesehenes Siedlungsgebiet gebracht werden konnte. Würden diese dort eine funktionierende Siedlung aufbauen, so die Hoffnung des Adelsvereins, würde das den entscheidenden Moralschub für die vielen tausend Siedler geben, die frustriert seit Monaten in den Brückenkopforten ausharrten. Später sollte sich herausstellen, dass es den genau gegenteiligen Effekt hatte, denn weil das Projekt auf keinen Fall scheitern durfte, wurden den Vierzigern vertragliche Rechte eingeräumt, die weit über die Rechte der übrigen Siedler hinausgingen. Letztere fühlten sich übervorteilt und so konnte die erhoffte Vorbildfunktion natürlich nicht entstehen.

Auf der anderen Seite offenbarte sich aber auch eine gewisse Hilflosigkeit der Darmstädter. Denn nicht nur, dass der Adelsverein von den Vierzigern ideologisch hätte abgelehnt werden müssen, ihnen war auch die katastrophale Lage in Texas durchaus bekannt. Der Adelsverein stand seit langem unter massiver öffentlicher Kritik, vor allem in der der Gedankenwelt der Vierziger nahestehenden liberalen Presse. Dass die Vierziger dennoch mit ihm paktierten, dürfte wohl bedeuten, dass sie niemals in der Lage gewesen wären, das Unternehmen auf andere Weise zu finanzieren.

Wie umstritten dieses Zweckbündnis war, wird schon allein dadurch deutlich, dass die beiden Anführer der Vierziger, Hermann Spieß und Ferdinand von Herff, ganz entgegen ihrer kommunistischen, liberalen und demokratischen Ideale die Gruppe vom Inhalt ihrer Verhandlungen mit dem Adelsverein erst unterrichteten, als die Entscheidungen schon getroffen waren. Erst bei einer Versammlung am 2. Februar 1847 erfuhren die meisten Vierziger, dass es nach Texas gehen sollte und nicht, wie ursprünglich geplant, nach Wisconsin. Nach heftigem Streit stimmten immerhin acht Mitglieder gegen diesen Plan, auch wenn sie sich der Mehrheitsmeinung zunächst unterwarfen. Zwei von ihnen sprangen jedoch noch vor Reisebeginn ab und wanderten unabhängig von den Vierzigern nach Amerika aus. Zumindest einer von ihnen ging nach Illinois, wo aus Dietzenbach stammende Siedler bereits 1832 ein kleines Örtchen mit dem Namen Darmstadt gegründet hatten.

Aufbruch

Die Struktur der aufbrechenden Gruppe war zweigeteilt: der innere Kern bestand aus zehn jungen Leuten, die sich alle aus ihrer Studienzeit kannten. Sie gehörten derselben Studentenverbindung an. Dem gegenüber standen eine Reihe Handwerker, die sich im Gegensatz zum inneren Kern eher aus der Not als aus einem Ideal heraus dem Unternehmen angeschlossen hatten, sowie einige keiner Gruppe zuortenbare Einzelpersonen, z.B. der noch minderjährige Louis Reinhard.

Außerdem befand sich noch eine ältere Dame als Haushaltshilfe und Köchin in der Reisegruppe, die offiziell nicht der Gesellschaft der Vierziger angehörte. Auch wenn es damals größtenteils üblich war, dass Frauen für den Haushalt und das Kochen zuständig waren, dass fast vierzig Männer sich außerstande sahen, das Kochen zu übernehmen, ist ein weiterer Beleg dafür, wie unvorbereitet die Vierziger auf die Wildnis waren.

Der Aufbruch war vielbeachtet. Hoffmann von Fallersleben schrieb den Auswanderern zu Ehren ein Abschiedsgedicht, das eigentlich die Aufbruchstimmung einfangen sollte, dann aber doch nur von Deutschland schwärmte. Eines der vielen widersinnigen Elemente der Auswanderwelle war, dass man glaubte, in der Ferne die deutsche Kultur und die deutsche Volkstümlichkeit besser erhalten zu können als in der Heimat. So machte sich abgesehen von Ferdinand von Herff auch keiner der Auswanderer die Mühe, die englische Sprache zu lernen.

Die Überfahrt über den Atlantik verzögerte sich aufgrund verschiedener Kleinigkeiten und litt unter schlechten Winden, verlief sonst aber problemlos. Zufällig erreichte man die texanische Insel Galveston am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag. Die Feierlichkeiten nach der langen und eintönigen Überfahrt müssen die Euphorie und die Vorstellung, ein Gelobtes Land erreicht zu haben, unter den Vierzigern enorm verstärkt haben. Die Euphorie hielt auch noch für einige Zeit an und half unzweifelhaft dabei, die bevorstehenden Strapazen der Reise ins Landesinnere zu überstehen. Diese Reise erwies sich als äußerst abenteuerlich.

Eine schwierige Überfahrt

Zunächst verzögerte sich die Weiterfahrt aber erneut, da das vorgesehene Schiff, das man schon zu beladen begonnen hatte, von der amerikanischen Marine beschlagnahmt wurde. Irgendwann während des dadurch erzwungenen längeren Aufenthalts in Galveston mussten zwei Personen die Gemeinschaft verlassen. Sie wurden vom Rest der Truppe ausgeschlossen. Die Gründe hierfür sind unklar. Allerdings lässt sich aus einem weiteren Ausschluss erahnen, dass schon bedeutungslose Kleinigkeiten zu solch einem Rauswurf führen konnten. So verbannte von Herff einen Teilnehmer aus der Gruppe, nur weil dieser im angetrunkenen Zustand in einem Wirtshaus gesagt haben soll, dass er „keine 5 Cents mehr auf die ganze Geschichte“ gäbe. Zum ersten Mal trat hier von Herffs autokratischer Führungsstil, der im eklatanten Widerspruch zu seinen liberalen und kommunistischen Idealen stand, deutlich zutage. Gleichzeitig konnten in Galveston jedoch auch drei neue Mitglieder geworben werden.

Am 18. Juli konnte man endlich weiterreisen, doch schon in der darauffolgenden Nacht lief man auf eine Sandbank auf. Dies war wenig überraschend, denn die Besatzung samt Kapitän war vollkommen betrunken. Als sie sich ihrer misslichen Lage bewusst wurden, versuchten sie einfach zu verschwinden und das Schiff mit Passagieren zurück zu lassen. Von Herff hielt sie mit gezogener Waffe davon ab.

Man hätte nun denken können, dass die Mannschaft sich für die nur wenige Tage dauernde Überfahrt zum texanischen Festland etwas zusammenreißen würde, doch nahe der Matagorda Bay liefen sie erneut auf eine Sandbank auf. Ein Leck am Rumpf entstand. Während der Zimmermann Louis Kappelhof dieses Leck notdürftig reparierte, übernahm ein nicht zu den Vierzigern gehörender Mitreisende kurzerhand das Steuer und brachte das Schiff ans sichere Ufer. Bezeichnend ist, dass ausgerechnet jener Louis Kappelhof, der mit seinem beherzten Einsatz das ganze Unternehmen und möglicherweise das Leben seiner Kameraden rettete, eine von drei Personen war, die einige Tage später wegen angeblich schlechtem Betragens aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden.

Marsch ins Landesinnere

Fünf Tage später machte man sich mit Hilfe von 14 Maultiergespannen auf den Weg ins Landesinnere. Es war Hochsommer und quälend heiß, so dass man meistens nur während der Dämmerung reiste und tagsüber ruhte. Trotz einiger Krankheitsfälle, darunter auch Malaria, schienen die Auswanderer guter Stimmung gewesen zu sein. Es wurde viel gesungen und von Texas in den höchsten Tönen geschwärmt. Ob allerdings der Spott, den der Instrumentenmacher Heinrich Backofen ertragen musste, nachdem er sich ein Pferd gekauft hatte, um nicht mehr laufen zu müssen, noch freundschaftliches Necken war oder Ausdruck eines weiteren Konfliktherdes, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass sich Backofen, der mit 43 Jahren der Zweitälteste der Gruppe war, unter den jungen Leuten sichtlich unwohl fühlte.

In mehreren Gruppen erreichte man in der Zeit vom 8. bis 10. August das zwischen San Antonio und Austin liegende Neu Braunfels (heute New Braunfels). Dort konnte man dank des vorausgereisten Hermann Spieß eine Farm als Stützpunkt errichten. Spieß selbst war durch eine Reihe undurchsichtiger Zufälle mittlerweile die Karriereleiter heraufgefallen und zum Generalkommissar des Adelsvereins in Texas geworden, obwohl dies von Seiten des Adelsvereins wohl keineswegs gewünscht war. Nachdem aber der amtsmüde, vormalige Generalkommissar aufgrund einer Fehlinterpretation zweier in Spieß‘ Besitz befindlicher Briefe ihm bereits die Geschäfte übergeben hatte, bestätigte der Adelsverein dies kurz darauf, um Ärger mit den Vierzigern zu vermeiden. Eine folgenschwere Entscheidung, denn Spieß nutzte seinen Machtgewinn dazu, die Vierziger zu bevorzugen, was den Konflikt mit den übrigen Siedlern, die sich ohnehin gegenüber den Vierzigern benachteiligt fühlten, anheizte.

Aber auch innerhalb der Gruppe brachen weitere Konflikte aus. Vor allem die kommunistischen Vorstellungen des inneren Kreises sorgten für Unmut, so dass man sich nach langen, teils heftigen Diskussionen auf einen Kompromiss einigte, der die Hälfte des Siedlungsgebiets anteilig zum Privateigentum der einzelnen Mitglieder bestimmte und nur die andere Hälfte zum Gemeineigentum im kommunistischen Sinne.

Trotzdem konnte dies den weiteren Zersetzungsprozess der Gemeinschaft nicht stoppen. Der Jurist Heinrich Kattmann kam mit dem Führungsstil des 5 Jahre jüngeren von Herff nicht länger zurecht und verließ die Vierziger. Die Abgänge, die im Laufe der Reise immer wieder vorkamen, wurden im Großen und Ganzen aber wieder aufgefüllt, indem man neue Mitglieder bei den bereits vor Ort befindlichen Siedlern anwarb.

In der Wildnis

Ebenfalls in Neu Braunfels trafen die Vierziger zum ersten Mal auf Ureinwohner, genauer einer Delegation der Comanchen, mit denen sie erste freundschaftliche Beziehungen knüpften. Unter den Ureinwohnern war auch Emil von Kriewitz, der als Agent der Kolonialisten an den kürzlich abgeschlossenen Friedensverhandlungen mit den Comanchen beteiligt war. Kriewitz steckte offensichtlich in Schwierigkeiten. Er war als Indianer verkleidet und schob den Darmstädtern heimlich einen Zettel zu, in dem er erklärte, dass er im Moment nicht mit ihnen reden könnte. Auf dem Rückweg zum Comanchencamp konnte er entkommen und versteckte sich drei Tage in Neu Braunfels, während die Comanchen nach ihm suchten. Die Darmstädter verrieten ihn nicht und zum Dank führte er sie zum Llano River, dem designierten Siedlungsgebiet der Gruppe. Dort gründeten sie nahe der Einmündung des Elm Creek in den Llano River die Siedlung Bettina, benannt nach der von den Anführern der Gruppe verehrten Schriftstellerin Bettina von Arnim. Der Name setzte sich aber außerhalb der Vierziger kaum durch. Die übrigen deutschen Siedler in Texas sprachen prosaisch von der Darmstädter Kolonie am Llano.

Anders als es ihnen von Herff bei der Ankunft in Galveston versprochen hatte, standen noch keine Blockhütten oder auch nur irgendeine Art von Unterkunft. Von Herff und Spieß hatten erfolglos versucht, schwarze Sklaven für den Aufbau dieser Hütten zu bekommen – wieder so ein Bruch mit den eigenen Idealen. Die Vierziger mussten alles selbst aufbauen, wozu kaum einer von ihnen ausgebildet war, denn die meisten Handwerker hatte man im Verlauf der Reise rausgeworfen oder vergrault. So gelang es ihnen lediglich, eine kleine Gemeinschaftshütte sowie eine kleine Küche und einen Vorratsschuppen zu errichten. Außerdem hatten sie eine kleine Windmühle in Einzelteile zerlegt den weiten Weg von Europa bis zum Llano River mitgeschleppt, die sie zusammensetzten und aufbauten. Ein bisschen IKEA in der Wildnis. Sie selbst mussten jedoch in Zelten schlafen. Erst einige Zeit später konnten sie noch zwei weitere Hütten errichten, die aber auch kaum ausreichend waren, um allen eine Unterkunft zu bieten.

Wohl auch aufgrund dieser katastrophalen Zustände bat Heinrich Backofen nach Neu Braunfels zurückkehren zu dürfen, wo drei oder vier der Gruppe sich um das von Spieß gekaufte Farmland kümmerten. Aber auch dort hielt es ihn nicht mehr lange und er kehrte bald darauf enttäuscht und verbittert nach Darmstadt zurück.

Die übrigen der Vierziger sahen das Unternehmen trotz aller Probleme jedoch als vollen Erfolg, lobten den Zusammenhalt und waren offensichtlich völlig berauscht von dem abenteuerlichen Leben, das sie nun führten und das in der Heimat niemals möglich gewesen wäre. Tatsächlich wäre die Gemeinschaft in der Wildnis aber wohl elendig verhungert, wären sie nicht durch den Adelsverein von Neu Braunfels und Friedrichsburg (heute Fredericksburg) aus versorgt worden. Das aber sahen sie nicht.

Ein entspanntes Verhältnis zu den Ureinwohnern

Die Beziehung zu den Ureinwohnern entwickelte sich überraschend herzlich. Besonders für die Studentenlieder, die die Vierziger immer wieder sangen, zeigten die Comanchen reges Interesse. Das Lied Es steht ein Wirtshaus an dem Rhein, so berichtet von Herff, wäre von den Indianern begeistert aufgenommen worden. Vielleicht war es die Skurrilität des Vortrags, die die Comanchen faszinierte, denn das Lied wurde vorgetragen „mit obligater Picoloflöte, Trompete und 12 Kroppendeckeln nebst Gießkanne“.

Konflikte mit den insgesamt sieben Ureinwohner-Stämmen, mit denen die Vierziger in Kontakt traten, gab es praktisch keine. Vor allem die Comanchen schienen ihrerseits sehr bemüht zu sein, ein gutes Verhältnis zu den deutschen Siedlern zu pflegen. Als es einmal in Bettina zu Diebstählen kam, brachten die Comanchen die gestohlene Ware am nächsten Tag verlegen zurück mit der Behauptung, ihre Frauen hätten dies entgegen ihres ausdrücklichen Willens mitgehen lassen.

Das gute Verhältnis beruhte aber auch auf Gegenseitigkeit. Ferdinand von Herff, ausgebildeter Arzt, behandelte immer wieder kranke Ureinwohner und führte bei einem Comanchen sogar erfolgreich eine Star-Operation durch. Das zeugt von einem hohen gegenseitigen Vertrauen. Dass er zum Dank ein geraubtes Mexikanermädchen geschenkt bekam, lässt dagegen tief blicken. Auch mit anderen Siedlern gingen die Comanchen nicht zimperlich um. Immer wieder kam es zu Zwischenfällen, manchmal sogar tödlichen. Die Deutschen dagegen hatten ein besonders Schutzmerkmal: ihre Bärte. Daran erkannten die Comanchen sie und ließen sie in Frieden. Der 17-jährige Louis Reinhard, der als einziger keinen Bart trug, weil er ihm noch nicht so richtig wachsen wollte, hatte, als er einmal allein unterwegs war, eine beängstigende Begegnung mit einem Trupp unter Führung von Häuptling Santa Anna. Nur mit Mühe und viel Zeichensprache konnte er dem berühmten Krieger vermitteln, dass er zu den Deutschen gehört und er ihn doch deswegen bitte nicht massakrieren soll.

Die Gemeinschaft zerfällt

Der Niedergang des Unternehmens begann im Winter 1847/48. Für die meisten Siedler gab es nun in Bettina nichts mehr zu tun und so hielten nur acht Leute die Stellung. Die anderen kehrten nach Neu Braunfels zurück, mussten jedoch feststellen, dass es auch auf der dortigen Darmstädter Farm nur wenig zu tun gab. Gelangweilt traten nach und nach immer mehr Mitglieder aus der Gemeinschaft aus und suchten ihr Glück anderswo.

Hermann Spieß hatte dagegen juristische Schwierigkeiten und musste zeitweise sogar untertauchen, wodurch auch er beim Aufbau der Siedlung endgültig ausfiel. Hintergrund war eine Auseinandersetzung mit dem Abenteurer und Schriftsteller Friedrich Armand Strubberg. Dieser hatte sich zusammen mit einigen Helfershelfern im Oktober 1847 die Farm Nassau angeeignet. Da die Farm im Besitz des Adelsverein war, sah Spieß sich als Generalkommissar zum Eingreifen genötigt.

Was er dann im Morgengrauen des 29. Oktobers 1847 veranstaltete, hatte Züge eines Wildwestfilms. Mit einer Handvoll zusammengetrommelter Männer, darunter auch der Darmstädter Architekt August Lerch, versuchte er die Farm im Handstreich zu nehmen. Es kam zu einer wilden Schießerei und am Ende war auf jeder Seite jeweils ein Todesopfer zu beklagen. Lerch wurde verhaftet. Spieß konnte sich dank seiner Beziehungen einer unmittelbaren Verhaftung entziehen, musste aber wie erwähnt untertauchen und war von nun an hauptsächlich mit den juristischen Folgen seiner Selbstjustiz beschäftigt. Damit war zum ersten Mal einer der Führer der Vierziger ausgeschaltet. Da er zudem als seinen stellvertretenden Generalkommissar in seiner Abwesenheit meist den Vierziger Gustav Schleicher heranzog, fiel auch dieser für die Siedlungstätigkeiten aus.

Endgültig aufgegeben wurde die Siedlung im Spätsommer 1848, nicht zufällig genau in der Zeit, da die vertraglich zugesicherte Versorgung der Siedlung durch den Adelsverein endete. Nach der ersten Ernte wurde zudem klar, dass der ausgewählte Siedlungsort für den Ackerbau recht ungeeignet war. Die noch vorhandenen Mitglieder der Gruppe zogen sich zunächst auf die Darmstädter Farm in Neu Braunfels zurück. Von dort aus plante man das Unternehmen an anderem Ort erneut zu versuchen und von Herff, der das Scheitern offenbar nicht wahrhaben wollte, kehrte sogar noch ein letztes Mal nach Darmstadt zurück, um neue Auswanderer zu werben und sprach dort pathetisch von einem „Aufbruch des deutschen Proletariats nach Texas“. Doch mittlerweile war in Deutschland die Revolution ausgebrochen und  kaum einer interessierte sich für seinen Aufruf. In Amerika zerfiel derweil die Darmstädter Gruppe in Neu Braunfels und zerstreute sich in alle Winde.

Zunächst versuchten sich einige im kleineren Rahmen erneut an den Aufbau einer Siedlung. Diese Farm ging später in der neu gegründeten Stadt Boerne auf, die heute noch existiert. Einige andere siedelten im näheren Umkreis.

Was wurde aus den Vierzigern?

Von einigen Mitgliedern der Vierziger kennen wir das weitere Schicksal. Peter Bub, ein Landwirt aus Heppenheim, starb am 21. August 1848 am Gelbfieber, Adolf Hahn, Kadett aus Darmstadt, am 17. Oktober 1848 an Typhus, knapp ein Jahr später Adam Koeppel, Apotheker aus Wörrstadt, an Malaria. Friedrich Louis, Forstkandidat aus Eulbach, wurde 1860 in einer Kneipe von einem betrunkenen Iren erschossen. Für den Iren ging es aber auch nicht gut aus. Er wurde von einem aufgebrachten Mob gelyncht.

Unbestätigten Gerüchten zufolge soll Otto Amelung, Ökonom aus Darmstadt, in Arizona mitsamt seiner Familie von Ureinwohnern getötet worden sein. Wilhelm Friedrich, Kameralist aus Griedel, wurde Vorsteher einer Munitionsfabrik in San Antonio und kam 1864 bei einer Explosion ums Leben. Hermann Spieß‘ politische Karriere war nach dem Nassau Farm-Zwischenfall am Ende. Er gründete eine Familie und zog 1867 nach Missouri, wo er 1878 starb. Jakob Küchler, Kameralist aus Schöllenbach, arbeitete im Vermessungswesen und scheiterte 1862 beim Versuch, mit einer Gruppe Deutscher während des Amerikanischen Bürgerkriegs aus Texas nach Mexiko zu fliehen. Er war einer der Überlebenden des heute als Kriegsverbrechen gewerteten Massakers am Nueces River. Er starb 1893 im Alter von 70 Jahren.

Gustav Schleicher, Ingenieur aus Darmstadt, startete eine erfolgreiche politische Karriere und schaffte es bis zum Abgeordneten im amerikanischen Kongress. Ein County in Texas wurde nach ihm benannt. Er starb am 10. Januar 1879 kurz nach seiner Wiederwahl in seinem Büro in Washington D.C. Dr. Ferdinand von Herff schließlich wurde ein berühmter Arzt und Chirurg. Er trug entscheidend zum Aufbau des Krankenhauswesens in Texas bei. In Boerne wurde ihm in Form eines Obelisken ein Denkmal gesetzt. Er starb erst 1912 im hohen Alter von 92 Jahren.

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2 Responses to Die Darmstädter Kolonie am Llano

  1. Carsten says:

    Sehr spannend und toll erzählt! Habs hier
    http://neunmalsechs.blogsport.eu/2016/with-the-partsch-in-america-oho/
    verlinkt und auch in meine Linksammlung
    http://neunmalsechs.blogsport.eu/linksammlungen/darmstadt-links/
    aufgenommen.

  2. Peter Brunner says:

    Jahre später: S. Stanisic beschäftigt sich mit den Kolonisten:
    http://www.hr-online.de/website/specials/literaturland/index.jsp?rubrik=95118&key=standard_document_64380656

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