Johann Conrad Dippel

Letztes Jahr hatte ich mich zu Halloween ja mal mit den Zusammenhängen von Halloween und der Burg Frankenstein beschäftigt (ein Artikel, der diese Tage viele Zugriffe hat). Da sich die Veranstalter des Festival dieses Jahr nicht entblödet haben und mal wieder Werbung machen mit der Lüge, Jacob Grimm hätte 1813 einen Brief geschrieben, in dem es um „schaurige Versuche des Johann Konrad Dippel“ mit Leichenteilen auf dem Frankenstein ginge, ein nicht existenter Brief, der dennoch auf magische Weise die Vorlage für Shelleys Roman Frankenstein gewesen sein soll, möchte ich dem mal die wirkliche Geschichte des Johann Conrad Dippel entgegen setzen. Ich hatte das im alten Blog schon einmal getan. Da es den aber nicht mehr gibt, hier noch mal, natürlich gründlich überarbeitet und verbessert. 

Der auf der Burg Frankenstein geborene und in Nieder-Ramstadt und Darmstadt zur Schule gegangene Johann Conrad Dippel war im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert eine bekannte Persönlichkeit in den deutschsprachigen Ländern sowie einiger angrenzender Staaten wie Holland, Dänemark und Schweden. Auch im 19. Jahrhundert wurde sein Werk und Wirken noch kontrovers diskutiert. Erst danach geriet er vorübergehend in Vergessenheit, bis er aufgrund seines Geburtsortes ab den 1960ern für allerlei erfundene Geschichten, die einen nicht vorhandenen Bezug zu Mary Shelley belegen sollen, reaktiviert wurde.

Geboren wurde Dippel am 10. August 1673 im Forsthaus der Burg Frankenstein, nach julianischer Zeitrechnung, nach dem heute üblichen gregorianischen Kalender wäre es der 20. August. Sein Vater entstammte einer alten Pfarrersfamilie. Seine Eltern hatten sich in der 11 Jahre zuvor von den Frankensteiner Rittern aufgegebenen Burg vor den Armeen Ludwigs XIV. in Sicherheit gebracht, die bis an die Bergstraße vorgerückt waren und auch Darmstadt kurzzeitig besetzten. In dieser Zeit fiel westlich des Schlosses der erste Teil der Stadtmauer. Seit dem Kauf der Burg durch den Darmstädter Landgrafen war sie politisch bedeutungslos geworden. Die Mauern boten aber nach wie vor einen gewissen Schutz vor plündernden Truppen und so war es nicht ungewöhnlich, dass Menschen dort Schutz suchten, vor allem, wenn eine Geburt kurz bevor stand. Es war keine glückliche Geburt, denn wie der örtliche Pfarrer im Kirchenbuch festhielt, kam Dippel offenbar so krank auf die Welt, dass man nicht glaubte, er würde überleben.

Dennoch entwickelte sich der junge Dippel in der Folgezeit offenbar prächtig. Von 1678 bis 1686 besuchte er die Lateinschule in Nieder-Ramstadt. Danach ging er auf das Pädagogium in Darmstadt, wo er am 27. März 1691 seinen Abschluss machte. Sein Studium begann er an der Universität in Gießen. Dort tobte gerade der Konflikt zwischen den orthodoxen Lutheranern und der Reformbewegung der Pietisten, ein Konflikt, der Dippels ganzes Leben bestimmen sollte. 1693 schloss er sein Grundstudium mit einer Disputation unter dem Titel De Nihilo (Über das Nichts) ab, weil – so behauptete er später – er über etwas disputieren wollte, über das noch niemand disputiert hatte. Hier zeigte sich schon früh seine Neigung, gegen alles und jeden opponieren zu wollen, aber auch seine spezielle Art von Humor. Man kann sich das erstaunte Gesicht des Professors regelrecht vorstellen, als Dippel ihm auf die Frage, über was er denn geprüft werden wolle, mit: „Über nichts“ antwortete.

Nach bestandener Prüfung widmete sich Dippel intensiv seinem Theologiestudium. Schon vorher hatte er sich den Orthodoxen angeschlossen und zum erbitterten Kritiker des Pietismus erklärt. Er hoffte, mit scharfen Polemiken gegen die theologische Reformbewegung eine schnelle Karriere innerhalb orthodoxer Kreise erreichen zu können, unterschätzte dabei aber die Bedeutung, die der Pietismus gerade in Gießen hatte. Er setzte aufs falsche Pferd.

1694 geriet Dippel das erste Mal in finanzielle Schwierigkeiten. Er versuchte, diesen durch Heirat einer jungen Frau aus wohlhabenden Hause zu entgehen. Die Auserwählte lehnte allerdings ab. Einige Jahre später versuchte er es noch einmal bei einer anderen Frau, doch wurde erneut zurückgewiesen. Dippel war davon offenbar so frustriert, dass er erklärte, niemals heiraten zu wollen. Das geschah keineswegs aus einer Form von Romantik heraus, immerhin versuchte er ja keine Heirat aus Liebe anzubahnen, sondern eine, die ihm sein Studium finanziert hätte, es zeigt sich hier vielmehr, wie sensibel Dippel auf Zurückweisung reagierte. Diese Eigenart sollte später, als er schließlich auch akademische Zurückweisungen erdulden musste, sein Leben maßgeblich prägen und aus dem einstigen talentierten Pfarrerssohn einen theologischen Unruhestifter machen.

Zunächst aber unterbrach er 1694 sein Studium, um als Privatlehrer im Odenwald zu arbeiten und sich so seine weiteren Studien zu finanzieren. In dieser Zeit verglich er sich mit dem Evangelisten Johannes und den Odenwald mit der Insel Patmos, auf der von einem zu Dippels Zeiten oft noch mit dem Evangelisten gleichgesetzten, tatsächlich aber anderen Johannes die Offenbarung, das letzte Buch der Bibel, verfasst wurde. Dippel hatte in seinen jungen Jahren ein chiliastisches Weltbild, lebte also in der Naherwartung der in der Offenbarung des Johannes beschriebenen Endzeit.

Ebenfalls in dieser Zeit seiner Lehrertätigkeit im Odenwald entstand ein Manuskript, das den Pietismus widerlegen sollte. Die Universität Gießen neigte aber (mit Unterstützung des Herrscherhauses) immer mehr dem Pietismus zu, so dass Dippel dort keine Zukunft mehr für sich sah. Er bewarb sich zunächst an der eher orthodox ausgerichteten Universität Wittenberg, doch entschied sich kurzfristig dazu, sein Studium doch lieber in Straßburg fortzusetzen. Es ist unklar, wieso es zu diesem Sinneswandel kam. Einige Biographen Dippels haben in der Vergangenheit vermutet, er wäre von der Universität abgelehnt worden, was erklären würde, weshalb er später ausgerechnet den Wittenberger Professor scharf angriff, für den er von einem Gießener Professor ein Empfehlungsschreiben erhalten hatte. Eine solche Ablehnung ist aus den Quellen jedoch nicht nachweisbar und eher unwahrscheinlich.

Auch in Straßburg lief es nicht gut für Dippel. Wie schon zuvor in Gießen bemühte er sich vergebens um einen Lehrauftrag. Daher hielt er, um über die Runden zu kommen, Privatvorlesungen über Chiromantie (Handlesen) und Astrologie, obwohl er von beidem nicht viel hielt. Damit verdarb er sich seinen akademischen Ruf, war er fortan doch als Wahrsager bekannt. Auf der anderen Seite aber begründete er in Straßburg auch seinen Ruf als exzellenter Prediger. Mit seinen Reden konnte er begeistern. Gleichzeitig lebte er ausschweifend, Alkoholexzesse, Schlägereien und Duelle mit dem Degen gehörten in dieser Zeit zu seinem Alltag. In Straßburg war er bald polizeibekannt.

Der Konflikt mit Autoritäten wurde also immer mehr zum Verhaltensmuster Dippels und erklärt daher vielleicht auch seinen langsamen Wandel zu einem der von ihm einst bekämpften Pietisten, stellten diese sich doch gegen den etablierten Klerus, die kirchliche Autorität. Im August 1696 beendeten dramatische Ereignisse Dippels Aufenthalt in Straßburg. In einer jener fragwürdigen Abendgesellschaften, in der der Degen unter Alkoholeinfluss und Übermut viel zu schnell gezogen wurde, war jemand zu Tode gekommen. Dippel war einer der Verdächtigen, entzog sich jedoch der Verhaftung, indem er sich erst einige Tage bei einem Freund versteckte und schließlich aus der Stadt floh. Schuldig war er wohl nicht und diese Sache war wohl eher Anlass als Ursache für seine Flucht. Schwerer dürften die immensen Schulden gewogen haben, die er angehäuft hatte. Er lebte auf Pump und seine Gläubiger wurden ungeduldig.

Er ging zunächst nach Landau, wo er in einem Wirtshaus unterkam und dort so lange fröhlich lebte, bis der Wirt Geld von ihm verlangte. Dank der Bürgschaft eines Freundes konnte er einen Aufschub der Zahlung erreichen und zog sicherheitshalber nach Neustadt an der Weinstraße weiter. Doch auch dort konnte er seine Wirtsrechnung nicht zahlen und machte sich eines Tages einfach aus dem Staub. Gerade noch rechtzeitig, denn nahezu gleichzeitig mit seiner Flucht trafen Söldner ein, die von seinen Gläubigern in Straßburg beauftragt worden waren. Man hätte meinen können, Dippel hätte nun versucht, ohne großes Aufsehen über die Grenze nach Hessen-Darmstadt zu gelangen, doch während er 8 Tage in Worms festsaß und nach einer Möglichkeit suchte, den Rhein zu überqueren, geriet er erst mit einem Franzosen in Streit und hätte sich dann fast mit seinem Wirt geprügelt. Bezahlen konnte er wieder nicht, versetzte diesmal jedoch seinen Magisterring, den er dem Wirt als Pfand überließ. Schließlich erfuhr er, dass bei Oppenheim eine Überfahrt möglich wäre, begab sich auf schnellsten Weg dorthin und wurde prompt festgenommen, weil man ihn für einen Spion hielt.

Doch wie schon bei seiner gerade noch rechtzeitigen Abreise aus Neustadt kam ihm wieder das Glück zu Hilfe, denn zufällig war sein Bruder sowie einige Darmstädter Beamten, die Dippel ebenfalls persönlich kannten, anwesend und konnten für ihn bürgen, so dass er bald wieder freigelassen wurde. Dann irrte er noch weitere sechs Wochen zu Fuß durch das Land, bevor er schließlich in Nieder-Ramstadt bei seiner Familie ankam. In dieser Zeit wandelte er sich endgültig zum Pietisten. Es spricht einiges dafür, dass sein mangelnder Erfolg, als Orthodoxer Fuß zu fassen, einen großen Anteil an diesem Wandel hatte. Zumindest fällt auf, dass ein Schlüsselereignis in dieser Entwicklung offensichtlich rein karrieristische Gründe hatte: möglicherweise mit Hilfe seines Vater, der sehr besorgt um die Zukunft seines umtriebigen Sohnes war, bekam Dippel die Chance, eine Predigt in der Darmstädter Schlosskirche vor dem versammelten Darmstädter Hof, einschließlich Landgraf Ernst Ludwig, zu halten. Weil Ernst Ludwig dem Pietismus zuneigte, legte Dippel seine Predigt pietistisch aus. Wie er selbst unverblümt zugab, einzig in der Hoffnung auf eine lukrative Anstellung am Darmstädter Hof. Tatsächlich wird er kurz darauf Erzieher von Karl Wilhelm von Hessen-Darmstadt, dem zweiten Sohn des Landgrafen.

Dippels Talent, sich selbst ständig in Schwierigkeiten zu bringen, sollte ihn aber auch in der Folgezeit nicht verlassen. Unter dem Pseudonym Christianus Demokritus (eine Anspielung auf den griechischen Philosoph Demokrit) wurde er nun gar zum radikalen Pietisten, brachte also auch die eigentlichen Pietisten gegen sich auf. Außerdem wurden seine chiliastischen Vorstellungen immer bedeutsamer. Er war fest davon überzeugt, dass mit dem Jahr 1700 das tausendjährige Reich beginnen, also die Prophezeiungen aus der Offenbarung des Johannes eintreten würden. Darüber hinaus verlangte Dippel die Trennung von Staat und Kirche. Allerdings anders, als wir uns das heute vorstellen: er wollte die Kirche und die Geistlichen der Autorität des Staates entziehen und damit sozusagen einen Staat im Staat schaffen. Eine von einer ganzen Reihe von Forderungen mit politischem Sprengstoff.

Diese Bombe platzte ausgerechnet mit einer Vorbereitungsschrift zu seiner Habilitation. Dippel stellte sich nun gegen alle Interessensgruppen und sein kurzzeitiger Gönner Landgraf Ernst Ludwig verbot diese Schrift. Dippel wurde vor das Konsistorium (Kirchengericht) zitiert und reagierte dort so, wie man das auch heute noch von Provokateuren kennt, wenn sie merken, dass sie zu weit gegangen sind: er behauptete, dass seine Formulierungen falsch gewesen wären, der eigentliche Inhalt aber richtig. Und er legte gleich noch einmal nach, berief sich auf die Wahrheit und auf Christus und deutete an, dass er alle außer sich nur für zu dumm hielt, seine grandiosen Schlussfolgerungen zu begreifen. Damit war seine akademische Laufbahn endgültig beendet. Er wurde unter Hausarrest gestellt, durfte nicht mehr veröffentlichen und auch nicht weiter seiner mittlerweile aufgenommenen Tätigkeit als Prediger nachgehen.

Dippel reagierte darauf mit einem trotzigen Brief an den Landgrafen, in dem er ihm höflich formuliert den Vorwurf machte, ihn nicht verteidigt zu haben. Außerdem machte er deutlich, dass ihn die Kritik an seinen Schriften nicht beeindrucke und er sich nur „Gott und der Wahrheit“ verpflichtet fühle. Ob das – mitten im Absolutismus – nun Mut oder Dummheit war, ob Einstehen für seine Überzeugungen oder Starrsinn, ist schwer zu beurteilen. Das Ergebnis war aber, dass er nun in aller Munde war, sich viele mächtige Feinde gemacht hatte, aber – weil mächtige Feinde auch immer ihrerseits Feinde haben – auch einige Freunde.

Nun zwangsweise zum Nichtstun verurteilt, konzentrierte er sich auf die bis dahin nur nebenbei betriebene Alchemie. Mit geliehenem Geld kaufte er sich ein Gut im Odenwald und verbrachte die folgenden Monate mit alchemistischen Experimenten. Zwischenzeitlich behauptete er, Erfolg gehabt zu haben und eine Tinktur, die Silber und Quecksilber in Gold verwandelt, gefunden zu haben. War das eine Fehleinschätzung oder wollte er mit dieser Behauptung lediglich neue Geldgeber anlocken? Es fällt zumindest auf, dass seine Entschuldigung, als er die Wirksamkeit der Tinktur vorführen sollte, sehr fadenscheinig klingt: das Glas, in dem sie sich befand, sei leider zerbrochen und er bräuchte nun etwas Zeit (und Geld!), um sie wieder herstellen zu können. Drei weitere Jahre konnte er so nicht nur seine Gläubiger hinhalten, sondern ihnen sogar noch mehr Geld entlocken. Dass er dabei viel von diesem Geld an die Armen verteilte, deutet schon sehr auf einen groß angelegten Betrug hin, wenngleich es auch Ausdruck seiner völligen Selbstüberschätzung sein könnte und er tatsächlich glaubte, diese Tinktur herstellen zu können. Schließlich aber wurden seine Gläubiger ungeduldig und er musste nach Berlin fliehen.

Dort zog er dasselbe Spiel von neuem auf und fand wieder jede Menge Unterstützer. Er wurde sogar als alchemistischer Experte beauftragt, eine Tinktur von Domenico Manuel Caetano, dem berühmtesten Hochstapler der Alchemistenszene, zu untersuchen. Mit dem Ergebnis, dass Caetanos Tinktur natürlich völlig wirkungslos war. In Berlin feierte Dippel auch seinen einzigen wirklichen alchemistischen Erfolg: er fand die Rezeptur für das nach ihm benannte Dippels Tieröl, eine Art universal verwendbares ätherisches Öl, das nach einer Anekdote des Chemikers Georg Ernst Stahl eine entscheidende Rolle bei der Entdeckung des Farbstoffs Berliner Blau gespielt haben soll. Einen historischen Beleg für diese Behauptung gibt es zwar nicht, es zeigt aber, welch hohen Bekanntheitsgrad Dippel in dieser Zeit offenbar hatte.

Schließlich verlor man auch in Berlin die Geduld mit ihm und er wurde verhaftet. Nach Fürsprache durch einen befreundeten Adligen kam er gegen Zahlung einer Kaution frei und floh umgehend aus Stadt und quer durch das Land, bis er Ende 1707 schließlich in Holland Zuflucht suchte. Dort promovierte er zum Doktor der Medizin und begann nahe Utrecht mit großem Erfolg zu praktizieren. Allem Anschein nach war er ein besserer Arzt als ein Alchemist. Alte Gewohnheiten legt man aber schwer ab und so verschuldete sich Dippel auch in Holland wieder maßlos, bis er auch dort vor seinen Gläubigern fliehen musste. Diesmal verschlug es ihn nach Altona, das damals zu Dänemark gehörte, wo er zunächst seine Karriere als Arzt erfolgreich fortführte. Außerdem verschaffte ihm der dortige Oberpräsident, Graf Christian Detlev von Reventlow, auf dessen Anwesen Dippel zeitweise lebte, den Posten eines königlich-dänischen Kanzleirats.

Bald aber rutschte er in neue Schwierigkeiten. Er begann, sich kritisch über politische Ereignisse und Entscheidungen sowie die Rechtspflege in Altona zu äußern. Weil seine Kritik auch seinen Gönner Graf Reventlow betraf, strengte dieser daraufhin einen Verleumdungsprozess an, dem sich Dippel auch durch eine Flucht nach Hamburg nicht entziehen konnte. Ergebnis des Prozesses war, dass fünf Schriften Dippels öffentlich verbrannt und er selbst zu lebenslanger Haft auf der Insel Bornholm verurteilt wurde. Nach einigen Wochen, die er in einer Zelle in der dortigen Festung verbringen musste, wurden seine Haftbedingungen aber bereits gelockert und er konnte sich relativ frei auf der Insel bewegen, praktizierte wieder als Arzt, verfasste weitere Schriften und wurde gar als Gutachter beauftragt.

Seine Anhänger, von denen er trotz allem immer noch viele hatte, bemühten sich derweil um seine Freilassung und so durfte er die Insel 1726 nach 7-jähriger Haft wieder verlassen. Danach hielt er sich einige Zeit in Schweden auf und beobachtete geduldig, ob seine Befürworter oder seine Gegner sich durchsetzen würden. Dippel war zum Spielball der Mächtigen geworden, die verbissen darum kämpften, ihn in Schweden zu halten oder davonzujagen. Dippel wäre aber nicht Dippel, hätte er es sich nicht bald schon auch mit Teilen seiner Befürwortern wieder verscherzt und so wurde es auch in Schweden ungemütlich für ihn. Er verließ das Land, tingelte eine Weile durch Deutschland und erreichte schließlich im Dezember 1729 Berleburg, eine pietistische Hochburg. Dort blieb er derselbe, verfasste Streitschriften, führte alchemistische Experimente durch und zerstritt sich früher oder später mit den Leuten, die ihn netterweise in ihr Haus aufgenommen hatten. Der große Skandal blieb aber aus.

1732 schickte er einen Vertragsentwurf an Landgraf Ernst Ludwig, demzufolge Dippel die alte Herrschaft Frankenstein vom Landgrafen erhalten sollte. Im Gegenzug bot Dippel ein geheimnisvolles Elixier an, mit dessen Hilfe der Wert jener Güter (also Burg Frankenstein samt dazugehöriger Dörfer und Einwohner) „mitt leichter Mühe, ohne Kunst, und gefährliche Arbeith, und mit Handreichung 3 biss 4 Persohnen“ erzielt werden könnte. Allem Anschein nach versuchte Dippel also erneut eine alchemistische Tinktur, die Silber in Gold verwandeln konnte, zu verkaufen. Diesmal wollte er es aber geschickter machen als bei seinem ersten Versuch. Rechtlich wollte Dippel die Herrschaft Frankenstein als Lehen verstanden wissen. Der Hintergrund ist wohl, dass er auf diese Weise besser vor dem Zugriff seiner Gläubiger geschützt gewesen wäre und statt Dutzender von Gläubigern lediglich den Landgrafen hätte hinhalten müssen. Der Landgraf lehnte allerdings ab. Schon allein aus politischen Gründen konnte eine erneute Etablierung der von seinem Vater so teuer erkauften Frankensteiner Herrschaft nicht in seinem Interesse sein. Der Landgraf, der selbst so viele Schulden hatte, dass Hessen-Darmstadt kurz vor dem Staatsbankrott stand, hatte aber dennoch großes Interesse an Dippels Elixier und so gab es noch einen zweiten Vertragsentwurf, nach dem Dippel eine gehörige Summe Geld für seine Tinktur erhalten sollte. Letztendlich verhinderte Dippels Tod den Abschluss der Verhandlungen.

Von solchen Versuchen abgesehen, war es mittlerweile ruhiger um Dippel geworden. Teilweise so ruhig, dass Gerüchte aufkamen, er sei gestorben. 1733 sah er sich deshalb veranlasst, unter seinem Pseudonym Christianus Demokritus bekanntzugeben, dass er erst im Jahr 1808 sterben werde und jede Nachricht von seinem Tod vor diesem Jahr falsch sei. Das war zweierlei: zum einen war es Dippels Humor, fast ein wenig wie in dem berühmten Zitat von Mark Twain: „The report of my death was an exaggeration“, zum anderen wollte Dippel es als Aussage von Christianus Demokritus verstanden wissen, womit er deutlich machte, dass dies nicht nur ein Pseudonym war, sondern eine Kunstfigur, die auch nach Dippels Tod noch weiterleben würde.

Nicht einmal ein Jahr nach seiner vollmundigen Ankündigung starb Dippel irgendwann in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1734. Als Todesursache wurde ein Schlaganfall diagnostiziert, doch kaum jemand wollte das glauben. Seine Gegner behaupteten, er hätte sich bei alchemistischen Experimenten selbst vergiftet oder – etwas dramatischer – der Teufel hätte sich seine Seele geholt. Seine Anhänger dagegen glaubten an einen Mord durch seine Feinde oder sie beriefen sich auf Dippels Dementi, dass alle Meldungen von seinem Tod vor 1808 falsch wären, und glaubten fest daran, dass er noch lebte. Dippel war der Elvis des 18. Jahrhunderts. Erstaunlich ist, dass der Prediger den Titel für seine Rede bei Dippels Begräbnis nach einem Wahlspruch von Queen Elizabeth I. wählte: video taceo („Ich sehe [und] ich schweige“). Ist das als kritischer Kommentar zu Dippels Leben zu verstehen? So als wollte er sagen: wärst du doch besser manchmal ruhig gewesen? Das muss offen bleiben.

Advertisements

One Response to Johann Conrad Dippel

  1. Pingback: Archäonews – 29.10.2013 | Tribur.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: