Gefährliche Vergleiche und gesellschaftliche Relevanz einer einstigen Provinzposse

Nach dem Magistrat hat jetzt auch die Stadtverordnetenversammlung der Umbenennung von acht Darmstädter Straßen zugestimmt, deren Namensgeber eine politische Einstellung hatten, die sich mit den Werten einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft nicht vereinbaren lässt.

Vorher gab es eine leidenschaftliche Debatte. Scheinbar (ich selbst war nicht vor Ort) allerdings nur über die Hindenburgstraße. Bei den anderen Straßen scheint es kaum Argumentationen dafür oder dagegen gegeben zu haben. Weder bei denen, die hinter den Umbenennungen eine Art Bildersturm vermuten, noch bei jenen, die es für inakzeptabel halten, dass wir Straßen nach Demokratiefeinden benannt haben. Die Rechtfertigung seitens Oberbürgermeister Jochen Partsch, weshalb der Hoetgerweg nicht umbenannt werden soll („eine zu starke Diskreditierung“ vor „seiner übrigen Lebensleistung“), die man so ja auch bei den anderen „Kandidaten“ hätte anwenden können, stieß offenbar auf keinen nennenswerten Widerspruch.

Das zeigt schon, dass es bei der Debatte weniger um die Umbenennungen an sich geht, sondern sehr explizit um die Hindenburgstraße. Der Rest ist eher Kollateralschaden. Das bedeutet aber auch, dass man gegen seit Jahrzehnten festgezurrte Meinungen ankämpft, bei denen Argumentationen eher stilistischen Zweck haben und nicht den Wunsch, zu einem gemeinsamen Konsens zu gelangen.

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Bezahlschrankenjournalismus

Jetzt habe ich mich zum ersten Mal dazu hinreißen lassen, die Bezahlschranke bei Echo-Online zu akzeptieren und für einen sogenannten „Echo plus“-Artikel zu bezahlen, weil es darin um die Straßenumbenennungen geht: https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/acht-strassennamen-in-darmstadt-werden-umbenannt_20176914.

Und was findet sich dahinter an journalistischem Mehrwert? Lediglich direkte und indirekte Zitate aus dem auf der Homepage der Stadt frei zugänglichen Bericht des Fachbeirats.

Die ursprüngliche Meldung war kostenfrei und da hatte zumindest jemand bei Jochen Partsch und Peter Engels ein kurzes Statement eingeholt. Hier hat man nun aber absolut keinen journalistischen Mehrwert, die Zitate werden lediglich mit gelegentlichen Formulierungen wie „stellt Historiker Köhn fest“ verziert. Ich habe für ein Copy & Paste-Produkt aus frei zugänglichen Informationen bezahlt.

Der Bezahlschrankenjournalismus wird die Zeitungen so sicher nicht retten, weil ich werde mir in Zukunft dreimal überlegen, ob ich so was noch mal mache ohne vorher zu wissen, ob in dem Artikel irgendeine Form von journalistischer Arbeit steckt. Aus freien Informationen kostenpflichtige zu machen, ist eine seltsame Idee von Journalismus.

Ich persönlich zahle übrigens jeden Monat freiwillig einen Betrag an die taz, damit die ihr Onlineangebot nicht hinter Bezahlschranken verbarrikadieren müssen und Leute, die tatsächlich jeden Euro zweimal umdrehen müssen, sich informieren können. Ein Konzept, das recht gut zu funktionieren scheint.

 

Warum es wichtig ist…

„Haben die denn nichts Wichtigeres zu tun?“

Das war wohl die häufigste Reaktion auf die Nachricht, dass die Hindenburgstraße sowie 7 weitere Straßen in Darmstadt umbenannt werden sollen (oft allerdings in weniger neutraler Wortwahl). Vor allem in den sozialen Medien, so mein Eindruck, waren die Leute mit dieser Meinung klar in der Überzahl. Aber auch im Gespräch mit „echten Menschen“ fiel die Aussage des Öfteren. Lediglich in meinem engsten Freundeskreis gab es auch schon mal ein spontanes: „Das wurde aber auch Zeit!“

Es dürfte daher in der weiteren Debatte entscheidend sein, den Menschen zu vermitteln, warum das kein sinnloser Verwaltungsakt ist, sondern eine wirklich wichtige Entscheidung.
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Mitglied des Kreistags Groß-Gerau bezeichnet den Magistrat der Stadt Darmstadt als Novemberverbrecher

Im letzten Beitrag hatte ich, weil ich fair bin und Menschen im Zweifelsfall auch vor sich selbst schützen möchte, die Namen und Bilder der Facebook-Kommentare auf der Seite der AfD-Fraktion anonymisiert.

Zwischenzeitlich habe ich aber feststellen müssen, dass einer dieser Kommentare vermutlich von einem Mitglied der AfD-Fraktion im Kreistag Groß-Gerau stammt: Thorsten Blümlein. Sofern es sich nicht um einen Identitätsdiebstahl oder ein Fakeprofil handelt, bezeichnet Herr Blümlein die Mitglieder des Darmstädter Magistrats als „Novemberverbrecher“. Zu dem Begriff verweise ich erneut auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberverbrecher

Hier ein Screenshot von der Facebookseite der AfD-Fraktion Darmstadt, Thema des Beitrags war die Umbenennung der Hindenburgstraße:

Bluemlein

Widergesetzliche Überklebung, das wacklige Rückgrat des Magistrats und die obligatorische AfD

Ein paar kleine Nachträge zum Thema Hindenburgstraße:

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Zeichen und Wunder – Hindenburg verlässt uns

Ich gebe ehrlich zu, dass es mich überrascht und ich nicht damit gerechnet habe, aber der Magistrat zeigt Rückgrat und will die Hindenburgstraße tatsächlich umbenennen, damit der Name des Mannes, ohne den Hitler nicht legal an die Macht gekommen wäre, der mit der Dolchstoßlegende einen großen Beitrag zur Entstehung des Nationalsozialismus‘ geleistet hat, aus unserem Stadtbild veschwindet: https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/die-darmstadter-hindenburgstrasse-wird-umbenannt_20133249

Geht tatsächlich eine mittlerweile jahrzehntealte Debatte zu Ende?

Abwarten. Der Aufschrei ist erwartbar. Bleibt zu hoffen, dass man sich nicht wieder weichkochen lässt wie seinerzeit, als der Magistrat zuletzt eine Umbenennung beschlossen hatte und dann doch wieder eingeknickt war.

Noch überraschender ist aber, dass der Magistrat noch sieben weitere Straßennamen umbenennen will. Peter Grund, Christian Heinrich Kleukens, Hans von der Au, Gustav Brandis, Walter Georgii, Richard Kuhn und Alarich Weiss sollen zumindest namentlich ebenfalls aus dem Stadtbild verschwinden.

Es gäbe noch viel mehr fragwürdige Straßennamen in Darmstadt, wie ich vor einiger Zeit einmal festgestellt habe, aber acht Straßen auf einmal umzubenennen, das wird hart bei der Durchsetzung. Spannend bleibt zumindest zu sehen, wer demnächst sein Wort für NSDAP-Mitglieder wie Peter Grund erheben wird.

Nachtrag:
Die Ironie an der Sache ist ja, dass, wenn sich gewisse Kreise in der Vergangenheit nicht so vehement gegen eine Umbenennung der Hindenburgstraße gesperrt hätten, bei all den anderen, die jetzt auch umbenannt werden sollen, wohl nie so genau hingeschaut worden wäre. Wenn ich den Echo-Artikel richtig verstehe, war bspw. die SS-Mitgliedschaft von Alarich Weiss bislang unbekannt.

Den Hindenburg machen (2) – Wider dem Narrativ

Tatsächlich gibt es einmal fast so etwas wie Neuigkeiten. Wie dem Echo mit Berufung auf Oberbürgermeister Partsch zu entnehmen ist, werden in etwa zwei Monaten die Empfehlungen des „Fachbeirats für die Prüfung der Darmstädter Straßennamen“ bekannt gegeben.

„Geprüft wurden vor allem mögliche Verflechtungen von Namenspaten während der Nazizeit. Man kann aber nicht immer die Lebensleistung von Menschen auf die NS-Zeit reduzieren.“

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