Die erfolglose Suche der AfD nach Werten

Die AfD hatte gestern eine kleine Veranstaltung im Ernst-Ludwig-Saal, einen Bericht hierzu gibt es im Darmstädter Echo: https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/afd-politiker-wettern-gegen-einheitswahn_19133562

Uwe Junge, Vorsitzender der AfD-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz, sagte laut Echo während der Veranstaltung u.a.:

„Es gibt keine Grenzen mehr, keine Ankerpunkte, keine Werte, an denen wir uns orientieren können – alles ist offen“
(Hervorhebung von mir)


Wenn die AfD auf der Suche nach Werten ist, hätte ich da mal einen Lesetipp: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Das überraschte AfD-Mitglied wird dort die Werte finden, an denen wir uns in diesem Land orientieren. Warnhinweis: bitte vor dem Abschnitt mit dem Asylrecht und der Religionsfreiheit Beruhigungstabletten einnehmen.

Apropos Religionsfreiheit: Siegfried Elbert, AfD-Fraktionsvorsitzender in der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung und Direktkandidat für den Wahlkreis 49 (Darmstadt-Stadt I), hat laut Echo gesagt:

Und was das AfD-Landtagswahlprogramm angehe, da wolle er „noch einen draufsetzen“ und fordere ein Kopftuchverbot an Kitas und Schulen.

Auf Elberts Wahlplakaten steht u.a. das Wort „Toleranz“. Mir hatte Herr Elbert vor etwa 2 Jahren eine, wie er es nannte, „strafbewehrte Unterlassung“ angedroht, weil ich hier in diesem Blog u.a. geschrieben hatte, dass wir mit der AfD noch viel zu lachen haben werde. Ich musste bei dem Plakat leider wieder herzlich lachen, tut mir echt leid.

Wie auch immer, was Herr Elbert hier fordert, ist verfassungswidrig, denn die Aussage ist nicht auf Lehrkräfte beschränkt, denen teilweise das Kopftuch ja bereits verboten wurde. Das ist nämlich das, was die AfD in ihrem Wahlprogramm fordert. Wenn Herr Elbert „noch einen draufsetzen“ will, dann will er es also auch Schülern verbieten. Selbst ein juristischer Kniff, das Ganze beispielsweise über Schuluniformen indirekt durchzusetzen, dürfte verfassungsrechtlich problematisch sein. Abgesehen davon, dass Schülern Kleidung vorzuschreiben, natürlich das genaue Gegenteil der plakatierten „Toleranz“ ist.

Wenn daher Herr Junge einen Mangel an Werten beklagt, soll er sich doch erst mal an seine eigenen Parteimitglieder wenden.

Interessant ist auch, was Junge sonst noch so gesagt hat:

… von der illegalen Zuwanderung gehe „die größte Gefahr seit dem Zweiten Weltkrieg“ aus, meint der Oberstleutnant im Ruhestand …

Ernsthaft jetzt? „Seit dem Zweiten Weltkrieg“? Für den Oberstleutnant im Ruhestand geht durch illegale Zuwanderung eine größere Gefahr aus als seinerzeit durch den Kalten Krieg? Den Terrorismus in der BRD (RAF, Landshut oder auch München 1972 und 1980)? Den Staatsterror der DDR?

Herr Junge sprach laut Echo auch von einer „rot-grüne(n) Mischpoke“, die „Deutschland abschaffen“ wolle. Wenn ich mich nicht täusche, gibt es rot-grün nur noch in Bremen und Hamburg. Selbst wenn man rot-rot-grün in Berlin und Thüringen noch dazuzählt, ist das allem Anschein nach aktuell kein allzu verbreitetes Regierungsmodell. Wir leben nicht mehr im Jahr 1998.

Was den Begriff „Mischpoke“ betrifft, muss ich hier mal ganz ehrlich eine Bildungslücke gestehen. Mir war der Begriff zwar schon mal irgendwo untergekommen, die Bedeutung aber unklar. Dass das ursprünglich aus dem Jiddischen kommt, hatte ich vermutet, damit hörte es aber schon auf. Also habe ich mal geschaut. Offensichtlich heißt es eigentlich so viel wie Familie. Es kam dann über das Rotwelsche, wo es schon abwertend im Sinne von „Diebesbande“ gemeint sein konnte, ins Deutsche. Die Jüdische Allgemeine hatte vor gut einem Jahr einen Artikel hierzu: https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/28728, darin heißt es:

Hebräisch nicht abwertend, jiddisch wertneutral, deutsch früher antisemitisch, heute salopp bis verächtlich

und etwas weiter im Artikel:

Für Leo Rosten (Jiddisch, 2002) war die abfällige Eindeutschung wie die Rotwelsch-Vermittlung »auch auf den vulgären Antisemitismus zurückzuführen, der zahlreiche jiddische Begriffe nicht nur missverstanden, sondern in bewusst aggressiver Weise verdreht hat«. So startete Goebbels’ Zeitschrift »Der Angriff« im Januar 1938 eine Hetzkampagne gegen jüdische Gewerbebetriebe mit dem Aufkleber »… und die Mischpoche verdient! Neuer Dreh bringt dem Juden fetten Profit!«.

Na dann… aus juristischen Gründen gehe ich davon aus, dass Herr Junge es „salopp bis verächtlich“ gemeint hat.

Mut zur Halbwahrheit – das Wahlprogramm der AfD zur Landtagswahl in Hessen
Fazit zum AfD-Wahlprogramm

Werbeanzeigen

One Response to Die erfolglose Suche der AfD nach Werten

  1. Pingback: Die AfD darf das Grundgesetz nicht ändern |

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: