Amtliche Nettigkeiten

Wenn man heute offizielle bzw. amtliche Protokolle oder Verfügungen liest, dann sind die meist sehr verklausuliert, so dass man erst mal darüber nachdenken muss, was eigentlich wirklich gemeint ist. Früher war man da deutlich direkter und ehrlicher und so wissen wir aus einigen Dokumenten, was z.B. die Leute im Stadtrat wirklich voneinander gedacht haben. Auch der Landgraf bzw. später der Großherzog nimmt in seinen Schreiben kein Blatt vor den Mund.

Über viele Jahrhunderte hinweg war es so, dass man nur dann in den Stadtrat gewählt werden konnte, wenn dort ein Platz frei wurde. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert war ein Ratsherr aber auf Lebenszeit gewählt und das bedeutete, wenn man politische Karriere in Darmstadt machen wollte, dann musste man üblicherweise darauf warten, dass ein Ratsmitglied starb. Dann stimmten die übrigen Ratsherren untereinander ab, wen sie in ihrer Mitte aufnahmen. Der Rat war also eher ein elitärer Klub und keineswegs eine Vertretung der Bürger. Die organisierten sich lange Zeit über andere Mandatsträger, die in etwas undurchsichtigen hierarchischen Beziehungen zum Stadtrat, aber auch zueinander standen.

Trotzdem es so schwer war Ratsmitglied zu werden, waren die qualitativen Fähigkeiten der Ratsherren eher bescheiden. 1664 beispielsweise wird über die Aufnahme eines neuen Mitglieds diskutiert, das nicht mal lesen und schreiben kann, obwohl das für die Aufgaben eines Ratsherren (der in regelmäßigen Abständen auch Bürgermeister wurde) unerlässlich war. Das sah man damals durchaus auch als Problem, ein Ausschlusskriterium war es aber nicht, denn es wird im selben Schreiben auch festgestellt, dass ja bereits zwei Analphabeten im Rat sitzen.

Auch von den Fähigkeiten des im selben Jahr in den Rat aufgenommenen Georg Philipp Schlechter hielt man nicht viel. So heißt es über ihn (durchaus originell formuliert), dass er „sich selbst für also klug und witzig hielt, dass er sich über seinen Verstand wunderte“. Dem Bader Wolf Mack, der ebenfalls in diesem Jahr Ratsmitglied wurde, sagte man nach, er würde zu viel den schönen Frauen nachsehen (und wahrscheinlich nicht nur das).

Die Wahl von Schuknecht

Als im Jahr 1770 ein Platz im Stadtrat freigeworden war, machte sich der damals 48-jährige Johann Martin Schuknecht, der spätere Baumeister des Landgrafen, nach dem die Schuknechtstraße benannt ist, Hoffnungen auf diesen Ratssitz. Immerhin hatte er schon mehrfach versucht einen Platz zu ergattern und war vom Stadtrat immer wieder vertröstet worden.

Schuknecht übte immer mehr Druck auf den Rat aus, dem langsam die Begründungen ausgingen, wieso sie ihn nicht aufnehmen sollten. Bei der letzten Wahl vor jener im Jahr 1770 konnte man Schuknechts Ambitionen nur noch einmal bremsen, indem man ihm versprach, dass er den nächsten frei werdenden Platz in jedem Fall erhielte, falls er dieses eine Mal noch auf eine Kandidatur verzichte. Als dieses Versprechen nicht eingehalten wurde und Schuknecht befürchten musste, niemals in den Rat aufgenommen zu werden, wendete er sich mit einem Brief an den Landgrafen, in dem er erklärte, dass er ja gar nicht nach großen Ehren strebe, der Landgraf aber dennoch bitte dafür sorgen solle, dass ihm diese spezielle Ehre dann doch zuteil werden würde. Anders gesagt: wenn ihr mich nicht mitspielen lasst, petz ich’s dem Lehrer.

Der Stadtrat tobte, betonte sein Recht, seine Mitglieder selbst zu wählen und dass das neue Mitglied, Johann Justus Sparschneider, ja schon gewählt wäre. Landgraf Ludwig IX. ignorierte den Einwand jedoch und verfügte am 17. Februar 1770: „Der Schuknecht wird also confirmiret [bestätigt] und bey nächster Vacanz [die nächste offene Stelle] soll der Sparschneider eintretten.

Die Formulierung ist etwas kurios. Zwar musste der Landgraf alle in den Stadtrat Gewählten bestätigen, aber die Wahl Schuknechts hätte er kaum bestätigen können, da Schuknecht überhaupt nicht gewählt worden war. Dass ihm das voll bewusst ist, macht der Landgraf auch deutlich, denn er bestätigt zwar grundsätzlich das Wahlrecht des Rates, fügt aber hinzu, dass sich der Stadtrat auch „untertänigst gefallen“ lassen müsse, wenn der Landgraf „einem oder anderm würdigen Bürger aus besonderer Gnade gratifizieren“ will. Einfacher gesagt: Ihr dürft nur dann selbst wählen, wenn’s mir  wurscht ist, wer gewählt wird.

Der gewürfelte Bürgermeister

Der geistersehende Landgraf zeigte auch einige Jahre später wieder seine große Originalität (man könnte auch sagen, Unfähigkeit zu nachvollziehbaren, konsequenten Entscheidungen), nämlich als es 1790 bei der Wahl des Oberbürgermeisters zum Streit kam.

Damals wurde der Oberbürgermeister nur auf ein Jahr gewählt. Es konnten nur Ratsmitglieder gewählt werden und stimmberechtigt war ebenfalls nur der Stadtrat. Normalerweise war es so, dass sich alle Ratsmitglieder reihum bei dem Posten abwechselten. Das war zwar nirgendwo gesetzlich festgelegt, war aber ein altes Hergehen, an das sich meist gehalten wurde. Da aber dennoch formal jedes Mal gewählt wurde, bestand durchaus die Möglichkeit mit dieser Regel zu brechen, zum Beispiel wenn man den amtierenden Oberbürgermeister für so überragend hielt, dass man ihn für eine weitere Amtszeit wählte, meist aber um jemanden eins auszuwischen, indem man ihn bei der Wahl überging und einfach den Nächsten in der Reihe wählte.

Genau das geschah 1789 bei der Wahl des Oberbürgermeisters für 1790. Im Rat herrschte wohl eine geteilte Meinung über den nach dem Turnus eigentlich zu wählenden Johann Wilhelm Becker und so bekam er bei der Wahl nur vier Stimmen. Fünf Ratsmitglieder wählten dagegen Johann Valentin Hessemer, der nach dem Turnus eigentlich erst im darauffolgenden Jahr an der Reihe gewesen wäre.

Becker und Hessemer stimmten jeweils für einen ihrer Unterstützer, da man nicht für sich selbst stimmen konnte. Schuknecht, der damals schon schwer erkrankt war und bald darauf starb, hatte eigentlich Becker seine Stimme versprochen, dann aber überraschend erklärt, er stimme mit der Mehrheit. Becker ließ die Wahl nicht einfach auf sich sitzen und beschwerte sich beim Landgrafen. Der wies sein Oberamt an, eine Untersuchung einzuleiten, die darin bestand, dass man den Stadtrat um eine Stellungnahme bat.

Nun geschah etwas Seltsames: der Stadtrat tagte am 22. Dezember 1789 deswegen und sandte einen Bericht an das Oberamt. Doch an der Sitzung hatten nur die Gegner Beckers teilgenommen. Wo waren die anderen? Hatten sie aus Protest die Sitzung boykottiert? Oder hatte man Beckers Befürworter vielleicht von der Teilnahme abgehalten? Das wissen wir nicht, aber angesichts dieses Hintergrunds überrascht es nicht, dass die Stellungnahme des Stadtrats kein gutes Haar an Becker ließ.

Dass er zu dem Amt nicht tauge, war noch die freundlichste Aussage. Schon seit zwei Jahren käme er seinen Verpflichtungen als Stadtrat nicht mehr nach und sei überhaupt erst in den letzten drei Sitzungen vor der Wahl wieder im Rathaus erschienen. Offensichtlich nur um sicherzugehen, dass er dieses gut bezahlte und einflussreiche Amt übergeben bekam. Er könnte nicht ein Wort fehlerfrei schreiben, wäre 1779, als er zuletzt das Bürgermeisteramt führte, völlig unfähig gewesen und hätte die damals angehäuften Schulden nie zurückgezahlt. Er würde „das Maul zu voll nehmen“, wäre unfreundlich und grob. Kurz: der Stadtrat war der Meinung, dass Becker ein inkompetenter Grobian war, ein Großmaul, für so ein wichtiges Amt absolut ungeeignet.

Becker hielt sich dagegen nicht mit Eingaben beim Oberamt auf, sondern wandte sich direkt an den Landgrafen. Er behauptete, die Feindseligkeit ihm gegenüber rührte daher, dass er nie davor zurückgeschreckt war, für die Gerechtigkeit einzustehen, und jede Verfehlung sofort zur Anzeige gebracht hätte, selbst wenn davon ein Ratsmitglied betroffen war. Hier merkt man, dass der Streit wohl in der Tat sehr persönlich war. Becker war einigen Ratsmitgliedern auf die Füße getreten und die traten jetzt zurück. Außerdem prangerte er die verwandtschaftlichen Verstrickungen im Stadtrat an. Hessemer kam aus einer einflussreichen Familie, die schon etliche Ratsmitglieder gestellt hatte.

Schließlich fuhr Becker noch ganz große Geschütze auf, betonte in triefend falscher Bescheidenheit, dass er natürlich überhaupt keinen Wert darauf legen würde, unbedingt Bürgermeister sein zu müssen, aber wenn er es nicht würde, dann „würde in Ewigkeit kein rechtschaffen denckender Mann im Rath zum Oberbürgermeister gewählt, vielmehr die Wahl immer auf einen zur Familie oder sonstigen Anhang gehörigen fallen und somit die Bürgerschaft vervortheilt und ruinirt werden. Und wer würde dann am meisten dabei leiden müssen? Das höchste Interesse würde versäumt, viele Bürger ruinirt und wenige Räuber unrechtmäßig bereichert.“

Becker brachte also seine persönliche Karriere mit dem Schicksal von Stadt und Bürgerschaft in Verbindung: entweder er wird Oberbürgermeister oder die Stadt geht den Darmbach runter. Man kennt diese Argumentationsweise heute noch. Sie wird von Populisten verwendet, die sich, obgleich selbst Politiker, als eine Art Anti-Politiker stilisieren, scheinbar das Volk gegen die Politiker verteidigen und paradoxerweise ausgerechnet damit politische Karriere machen. Der Landgraf war sichtlich genervt und verfügte am 29. Januar 1790: „Der Hessemer und der Becker sollen würflen und wer die meisten Augen wirft, soll Oberbürgermeister seyn.“

Alea iacta est … oder auch nicht, denn als die beiden Kontrahenten am nächsten Tag auf dem landgräflichen Oberamt diese Verfügung des Fürsten vorgelesen bekamen (und tatsächlich Würfel bereitgelegt wurden), weigerten sich beide. Becker sagte, er hätte ein Gelübde abgelegt, niemals zu spielen. Hessemer warnte allgemein vor den Folgen, ohne näher zu erklären, wie er das meint. Der Landgraf hatte daraufhin endgültig genug und ernannte am 13. Februar 1790 Becker zum Oberbürgermeister. Er verzichtete dabei auf jede weitere Erklärung.

Fürstlich abgesegnete Unfähigkeit im Amt

Etwas später im selben Jahr starb Schuknecht und hinterließ einen freien Platz im Stadtrat. Auch um diesen gab es einen herzhaften Streit, diesmal jedoch weniger zwischen den Ratsmitgliedern, sondern zwischen dem Rat und dem Landgrafen, mittlerweile Ludwig X.

Knackpunkt war, dass der Landgraf angeordnet hatte, dass Schuknecht auch fachlich ersetzt werden müsste, was bedeutete, dass ein Bauverständiger in den Stadtrat gewählt werden sollte. Der Rat wählte daraufhin den Zimmermeister Johannes Kopp, doch der Landgraf bezweifelte, dass es sich dabei um einen Bauverständigen handelte und ordnete eine Prüfung an. Das Ergebnis dieser Prüfung war wenig schmeichelhaft für das Ratsmitglied in spe: „Rechenkunst und Geometrie versteht der Meister Kopp nicht die mindeste, er kann nichts als die vier Rechnungsarten, kann keine Flächen, noch weniger Körper berechnen, folglich keine Bauanschläge machen noch mit Grund beurtheilen“. Kopp konnte also nur mit Mühe und Not die Grundrechenarten, hatte sonst aber keinerlei Ahnung von Geometrie oder dem Bauwesen.

Der Landgraf ordnete daraufhin an, dass die Prüfung, die man Kopp hatte ablegen lassen (insgesamt 85 Fragen) mit anderen Kandidaten durchgeführt würde und der, der am besten abschneidet, in den Rat kommen sollte. Daraufhin prüfte man weitere Kandidaten mit dem Ergebnis, dass der Bildungsstand in der Stadt auf einem erschreckend niedrigen Niveau war: nicht einmal einstellige Zahlen konnten die Kandidaten fehlerfrei dividieren. Obwohl Kopp also absolut unfähig war, war er der beste Mann im Ort. So kam er dann doch noch in den Stadtrat und bestimmte das Bauwesen in der Stadt maßgeblich.

Landgraf Ludwig X. mutierte zu Großherzog Ludewig I. und urteilte nach Kopps Tod bei der Bestätigung von dessen Nachfolger verbittert: „Der Kopp war der miserabelste Inspektor, der nur existiren konnte; er sah nichts nach und lies alles gehen, wie es wollte, so daß alle Wege aussahen, als wenn die Schweine dieselben zu besorgen hätten, wovon Ich Mich vorigen Herbst mit Meinen Augen nur zu viel überzeugt habe. Um diesem Unwesen endlich ein Ende zu machen, so wird für jetzt diese Wahl in so weit bestätiget und unter diesen bestimmten Bedingnissen, daß er alle Wege und die Straßen Pflaster in Ordnung bringe, durch ordentliche geschickte Pflasterer, und nicht von den hiesigen Versoffenen“.

Auch die abschätzige Meinung, die der so beliebte Großherzog (dem man später als „dankbares Volk“ ein protziges Denkmal errichtete) von seinen Darmstädter Untertanen hatte, ist ein schöner Beleg für das verquere, verzerrte Bild, das bis heute von Seiten der Stadt Darmstadt über die einstigen Herrscher propagiert wird. Ob religiöse Fanatiker wie Georg I., nach dem wir eine Straße benannt habe, stramme Antisemiten wie Georg II., nach dem zu einer Hälfte eine Schule benannt ist, größenwahnsinnige Provinzfürsten, die sich mit Kaiser Augustus und König Salomon vergleichen ließen, wie Landgraf Ernst Ludwig oder Verhaltensgestörte mit Wahnvorstellungen wie Ludwig IX., die Geschichte blickt milde auf die Unfähigen und Verrückten.

Okay, diese polemischen Zuordnungen sind viel zu einseitig und überspitzt, aber es gibt wirklich keinen Grund, diese Leute in Denkmälern, Straßen- und Schulnamen zu ehren.

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