Shakespeares Totenmaske und das Flower-Porträt in Wikipedia-Logik

Wikipedia verwirrt mich.

In der aktuellen Version (Stand 10.03.2019) des Artikels über William Shakespeare liest man unter anderem dies:

Weitere Porträts, über deren Authentizität kein breiter Konsens vorliegt und die zum Teil sehr umstritten sind, sind u. a.:

[…]

  • das Flower-Porträt von 1609, das zunächst nach einer Untersuchung der National Portrait Gallery im Jahr 2004 als Fälschung des 19. Jahrhunderts angesehenen wurde. In jüngster Zeit haben neuere Forschungen jedoch zu der Annahme geführt, das nicht, wie zuvor angenommen, dieses Porträt nach der Vorlage des Droeshout-Stichs von 1623 entstanden sei, sondern vermutlich umgekehrt dem Stich von 1623 als Vorlage gedient habe.

„Belegt“ wird dies mit einem Verweis auf „Ina Schabert(Hrsg.): ‚Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt.‘ 5., durchgesehene und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2009“.

Blöd nur, dass sich diese Behauptung schon in der 4. Auflage des Buches finden lässt, die bereits im Jahr 2000 erschienen ist (siehe hier), also vor der Untersuchung aus dem Jahr 2004, in der festgestellt wurde, dass Teile des Gemäldes mit Chromgelb (Blei(II)-Chromat) gemalt wurden. Chromgelb wurde 1797 entdeckt und findet erst seit 1818 Anwendung als Pigment. Folglich kann auch das Flower-Porträt nicht früher entstanden sein.

Weiter heißt es:
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Nochmal die Totenmaske…

(Nachtrag zu diesem Beitrag: Die Totenmaske Shakespeares in Darmstadt)

Hach, wenn man Bücher vermarkten muss… Michael Kibler hat hessenschau.de ein Interview zu seinem neuen Krimi gegeben. Darin sagt er u.a. über die Totenmaske:

… liegt die Totenmaske unten in der Uni-Bibliothek neben den Garderobenspinden für die Studenten hinter einem Fenster, noch nicht mal hell erleuchtet. Es ist unfassbar, wie die Stadt Darmstadt mit ihren hohen Kulturgütern umgeht.

Vielleicht will sich die Stadt Darmstadt aber auch nur nicht vor der gesamten Fachwelt zum Horst machen.

Vor 20 Jahren hätte man gesagt: Es gibt so viele Indizien, die dafür sprechen. Heute sagt jeder: Es ist ja nicht über einen DNA-Test abgesichert. Was ja auch stimmt. Es sprechen starke Indizien dafür, der Rest ist Glaubenssache. Ich persönlich halte sie für echt.

Nee, vor 20 Jahren hat man das auch schon für Unsinn gehalten, Hammerschmidt-Hummel hatte bereits Mitte der 1990er ihre Thesen vorgestellt. Die Fachwelt war wenig überzeugt. Und um einen DNA-Test geht es gar nicht. Sondern darum, dass alles, was für eine Authentizität angeführt werden kann, eine in ihrer Aussagekraft fragwürdige Untersuchungsmethodik ist, die nachweislich in zumindest einem Fall ein eindeutig falsches Ergebnis hervorgebracht hat, und eine mehr als dubiose Auffindungsgeschichte gepaart mit dem Mangel einer historischen Dokumentation der Existenz der Totenmaske. Wo war die Maske denn, bevor sie Mitte des 19. Jahrhunderts bei einem Mainzer Trödler unter einem Haufen wertlosen Ramsch aufgetaucht sein soll, nachdem der Hofmaler Louis Becker zwei Jahre lang praktisch jedem Trödler auf die Nase gebunden hatte, dass er die Maske sucht, deren Existenz er anhand eines Porträts, das gar nicht Shakespeare zeigt, vermutete?

Die Auffindungsgeschichte ist nicht plausibel, die Methodik zum Nachweis der Echtheit fragwürdig, die Existenz einer Totenmaske historisch nicht belegt und eher unwahrscheinlich, da es zu Zeiten Shakespeares zumindest bei Bürgerlichen noch eher unüblich war, dass Totenmasken angefertigt wurden. Mag sein, dass man das bei jemandem so populärem wie Shakespeare dennoch getan hat, dann stellt sich aber zwingend die Frage, wieso dann so eine populäre Totenmaske mehr als 200 Jahre vollkommen undokumentiert geblieben ist!

Ich verlange ja nicht viel, aber ein bisschen gesunde Skepsis würde mich vielleicht dazu bringen, solche Bücher zu lesen. 😉

Die Totenmaske Shakespeares in Darmstadt

Nur ein paar kleine Bemerkungen, weil ich darauf jetzt über die Feiertage mehrfach hin angesprochen wurde.

Michael Kibler baut seinen neuen Krimi „Treueschwur“ teilweise um die angebliche Totenmaske William Shakespeares auf, die in der Darmstädter Universitätsbibliothek aufbewahrt wird. Die Frage, die dabei natürlich aufkommt, ist: Handelt es sich dabei wirklich um die Totenmaske Shakespeares?

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Weitere Anmerkungen zum (Online-)Stadtlexikon

So, eine kleine Ergänzung zum gestrigen Beitrag. Ich habe noch ein bisschen in der Onlineversion des Stadtlexikons gestöbert und habe noch zu ein paar anderen Artikeln ein paar Anmerkungen.

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