Die Totenmaske Shakespeares in Darmstadt

Nur ein paar kleine Bemerkungen, weil ich darauf jetzt über die Feiertage mehrfach hin angesprochen wurde.

Michael Kibler baut seinen neuen Krimi „Treueschwur“ teilweise um die angebliche Totenmaske William Shakespeares auf, die in der Darmstädter Universitätsbibliothek aufbewahrt wird. Die Frage, die dabei natürlich aufkommt, ist: Handelt es sich dabei wirklich um die Totenmaske Shakespeares?

Im Darmstädter Echo hatte sich Kibler dazu zurückhaltend geäußert:

„Inspiriert hat mich die Totenmaske von Shakespeare, die hier in Darmstadt liegt, und sein 500. Todestag im vergangenen Jahr. Experten streiten um ihre Echtheit, einen endgültigen Beweis gibt es nicht.“

http://www.echo-online.de/freizeit/kunst-und-kultur/literatur/michael-kibler-stellt-neuen-darmstadt-krimi-vor_18287149.htm

Auf seiner Homepage klingt er dagegen deutlich überzeugter:

Liegt die Shakespeare-Totenmaske wirklich in Darmstadt?
Ja. Und sie ist frei zugänglich und sogar ohne einen Cent Eintritt zu besichtigen. In der Universitätsbibliothek in Darmstadt, im Untergeschoss hinter einem Glasfenster. Und ist sie wirklich echt? Vieles spricht dafür. So lässt sich die Herkunft von England nach Südhessen exakt dokumentieren. Und die Wissenschaftlerin Hildegard Hammerschmidt-Hummel hat umfangreiche Untersuchungen angestellt, die starke Indizien für die Authentizität liefern. Mehr dazu kann man hier lesen.
Und selbstverständlich: Solange Shakespeares Grab verschlossen bleibt, sind eventuelle DNA-Übereinstimmungen nicht feststellbar.

(https://www.michaelkibler.com/?page_id=6700)

Hier weist er auch auf Hildegard Hammerschmidt-Hummel hin und das ist durchaus bedeutend, denn die anonymen „Experten“, die laut dem Echo-Artikel über die Echtheit streiten würden, ist in Wahrheit nur Hammerschmidt-Hummel, sonst nimmt niemand die Echtheit der Maske an. Übernommen wurde ihre These allerdings von unkritischen Journalisten und der Redaktion des Darmstädter Stadtlexikons. Dort liest man:

Großes öffentliches Echo war den Echtheitsbeweisen gewiss, die die Mainzer Anglistin Hildegard Hammerschmidt-Hummel vornahm. Diese reichten von vergleichenden Vermessungen anhand erwiesener Shakespeare-Bildnisse über kriminaltechnische Untersuchungen bis hin zur Computertomografie. Ein herausragendes Indiz ist eine charakteristische Wucherung am linken Auge, die von heutigen Ärzten als seltene Erkrankung diagnostiziert wurde. Dieses individuelle Charakteristikum weisen zwei echte Shakespeare-Bildnisse und die Darmstädter Totenmaske William Shakespeares gemeinsam auf, womit es die Basis für den Echtheitsbeweis bildet.

Das klingt so, als sei die Authentizität zumindest sehr wahrscheinlich. Doch schon die Grundlagen von Hammerschmidt-Hummels Untersuchungen sind fragwürdig. So ist eines der angeblich „erwiesenen Shakespeare-Bildnissen“ das sogenannte Flower-Porträt. Dessen Echtheit war aber schon immer sehr umstritten und seit einer genauen Untersuchung im Jahre 2004 steht es außer Zweifel, dass es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand, denn es wurden Farbpigmente verwendet, die erst seit dem frühen 19. Jahrhundert Anwendung finden.

Hammerschmidt-Hummels Reaktion auf die Untersuchung ist bezeichnend: sie behauptete, das Porträt sei durch eine Kopie ersetzt worden.

Kann man es ihr verübeln? Ihr über Jahre aufgebautes Kartenhaus mit eher schwammigen, weichen Argumenten würde hoffnungslos einstürzen, wäre belegt, dass das Flower-Porträt kein authentisches, zu Lebzeiten Shakespeares entstandenes Abbild ist. Psychologisch ist das nachvollziehbar, wenn man sich jahrelang in eine Idee verrannt hat, die sich dann als nicht haltbar erweist. Man will die Jahre ja nicht verschwendet haben. Dass das aber von verschiedener Seite unkritisch hingenommen wird, allem voran unserem Stadtlexikon, ist dagegen schwieriger zu akzeptieren.

Hammerschmidt-Hummels Hauptargument für die Identifizierung echter Shakespeare-Porträts ist die „charakteristische Wucherung am linken Auge“. Anhand der Untersuchung des Flower-Porträts wird klar, dass dies keine zuverlässige Methode zur Identifizierung echter Shakespeare-Porträts ist, denn offenbar erzeugt man mit Leichtigkeit false-positives.

Die beiden anderen Porträts, deren Echtheit Hammerschmidt-Hummel nachgewiesen haben will, sind zum einen das Chandos-Porträt und die Davenant-Büste. Die Davenant-Büste wurde allerdings erst im 18. Jahrhundert von dem Künstler Louis Francois Roubiliac gefertigt. Es war eine Auftragsarbeit des Schauspielers David Garrick.

Hammerschmid-Hummel bezeichnet diese Zuordnung als Irrtum, hat dafür aber keinerlei Belege außer ein Vergleich der Gesichtszüge nach ihrer – nachgewiesenermaßen unzuverlässigen – Methodik.

Es ist ja auch nicht sonderlich überraschend! Wenn jemand im 18. oder 19. Jahrhundert ein Shakespeare-Bild anfertigen will, ob nun als Porträt, Totenmaske oder was auch immer, wie macht er das wohl? Natürlich: er bedient sich einem bekannten Bild des Dichters. Dass es dann auch dieselben oder zumindest ähnliche, vergleichbare Merkmale aufweist, sollte niemand sonderlich erstaunlich finden.

Lediglich das Chandos-Porträt wird auch von anderen Forschern als möglicherweise authentisch betrachtet. Gesichert ist aber auch das nicht. Kurz: Hammerschmidt-Hummels „Belege“ sind gar keine. Es sind allenfalls Indizien, die Widersprüche nur sehr unzureichend „wegerklären“.

Die Existenz der Totenmaske lässt sich nur bis ins Jahr 1775 zurückverfolgen. In dieser Zeit gab es schon eine große Nachfrage nach Shakespeare-Bildern, sicher mehr als vorhanden waren, und wie das so ist, wird eine solche Nachfrage dann trotzdem befriedigt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Totenmaske aus diesem Grund im 18. Jahrhundert angefertigt wurde, um sie dem ersten nachweisbaren Besitzer Franz Graf Kesselstatt als angeblich authentische Totenmaske Shakespeares zu verkaufen, ist extrem hoch. Ich meine: wo war die Maske denn davor?

Für die Belletristik ist das sicherlich in Ordnung. Geschichten leben vom Möglichen, nicht zwangsläufig vom Tatsächlichen. Aber man sollte schon deutlich machen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei der Totenmaske in der Darmstädter Universitätsbibliothek um die von Shakespeare handelt, verschwindend gering ist.

Nachtrag/Korrektur/Ergänzungen:

In einer ersten Fassung dieses Beitrags hatte ich geschrieben, Hammerschmidt-Hummel hätte behauptet, dass Kesselstatt auch im Besitz der Totenmaske des Dramatikers Ben Jonson, ein Zeitgenosse Shakespeares, gewesen wäre. Da war mir ein Fehler durch ungenaues Lesen unterlaufen. Hammerschmidt-Hummel spricht von einem „Bildnis“, nicht von einer Maske.

Das allerdings hat mich dazu bewogen, noch einmal genauer hinzuschauen, denn dieses Bildnis spielt durchaus eine wichtige Rolle. Zunächst einmal, so sieht es aus:

Shake1

Ob das Ähnlichkeit mit Ben Jonson hat, mag jeder selbst entscheiden, ein zu Lebzeiten entstandenes Porträt ist bei Wikipedia zu sehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Ben_Jonson

Der Grund, warum man es für das Porträt Jonsons hält, basiert allein auf der auf dem Bild vermerkten Jahreszahl 1637, dem Todesjahr Jonsons.

Dieses Bild befand sich im Nachlass Kesselstatts und war in dessen Haushalt gut sichtbar ausgestellt gewesen, angeblich (nicht nachweisbar!) mit dem Vermerk: „Den Traditionen nach, Shakespeare“.

Zu ihm passt aber die Jahreszahl nicht. Der Hofmaler Louis Becker vermutete daher, dass es das Entstehungsjahr des Bildes ist, was bedeuten müsste, da Shakespeare da längst tot war, dass es von einer Totenmaske gefertigt wurde.

Das klingt alles wenig plausibel. Auch, dass dieses Bild offenbar bei Personal und Besuchern der Kesselstatts bekannt war und auch in seinem Nachlass versteigert wurde, die ungleich wertvollere Totenmaske Shakespeares aber nicht, lässt Skepsis aufkommen. Becker machte sich dann dennoch auf die Suche nach dieser Maske und fand sie angeblich bei einem Trödler, der später, als das Interesse an der Maske wuchs, nicht mehr ausfindig zu machen war. Das ist schon sehr seltsam, zumal Trödler damals massenweise mit gefälschten Kunstgegenständen gehandelt haben.

Nun muss man überlegen, was da geschah: ein Porträt, das Shakespeare zeigen soll, es aber offenkundig nicht tut, dient als Vorlage, um eine Maske bei einem Trödler als die Shakespeares zu identifizieren. Das ist – gelinde gesagt – abenteuerlich. Es ist aber genau diese Maske, die heute als die Totenmaske Shakespeares ausgegeben wird.

Ist die Maske daher vor der Mitte des 19. Jahrhunderts und vor allem in England nachweisbar?

Eigentlich nicht – bzw. ich bin nicht sicher, ich hatte aus der Berichterstattung zu der Maske geschlossen, dass sie Kesselstatt 1775 in London erworben haben will. Einen Beleg dafür habe ich allerdings nur bei Hammerschmid-Hummel gefunden, die schreibt:

Ich hatte im Juni 1995 das große Glück dieses Dokument aufzufinden, und zwar in einer handschriftlichen Familienchronik der reichsgräflichen Familie von Kesselstatt in Sütterlinscher Schrift. Das was schon erhebend. Der junge Graf Kesselstatt selbst, Kunstkenner, späterer Mainzer Domherr und der erste bekannte Eigentümer der Maske, war 1775 in London gewesen, wo er nicht nur die Totenmaske Shakespeares, sondern auch ein Totenbildnis von Shakespeares Dramatikerkollegen und Freund, Ben Jonson, erworben haben muß.

Das Dokument muss mal überprüft werden, mal schauen, ob das auffindbar ist. Ich verstehe aber die Aussage Hammerschmid-Hummels zumindest so, dass da lediglich drinsteht, dass Kesselstatt in London war, nicht, dass er dort eine Totenmaske gekauft hätte.

[Nachtrag vom 04.01.2018: Ich habe jetzt mal in einem der Bücher, die Hammerschmidt-Hummel veröffentlicht hat, nachgesehen. Demnach steht in dem Dokument tatsächlich nur, dass Kesselstatt 1775 nach London reiste. Das heißt, die Existenz der Maske ist tatsächlich erst für Mitte des 19. Jahrhunderts belegt, sie taucht urplötzlich bei einem Mainzer Trödler auf, nachdem ein Hofmaler 2 Jahre lang erfolglos bei allen Trödlern danach gefragt hatte.

„Na, so ein Zufall, ich hatte die Maske doch die ganze Zeit, sie lag nur unter diesem Haufen da vergraben… wieviel wollten sie gleich noch mal dafür zahlen?“ – also bitte, warum zieht überhaupt jemand ernsthaft so was Hanebüchenes in Erwägung?].

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7 Responses to Die Totenmaske Shakespeares in Darmstadt

  1. spbrunner says:

    Wundert mich überhaupt nicht. „Ob Homer gelebt hat, wissen wir nicht. Sicher ist, dass er blind war“. Wo ist denn die Ben Jonson-Maske abgeblieben?

    • Jörg says:

      Ich habe grade noch mal nachgeschaut, da muss ich in dem Artikel noch was korrigieren, Hammerschmidt-Hummel spricht von einem „Totenbildnis“ Jonsons, nicht von einer Maske, nach einer Schnellrecherche weiß ich auch, was sie meint. Ob das allerdings Jonson zeigt, ist a) unklar und da wird’s interessant b) scheinbar der Grund, warum man Mitte des 19. Jhds. sich auf die Suche nach der Totenmaske machte, die man dann anhand dieses Porträts (wohlgemerkt angeblich von Jonson, nicht Shakespeare!) bei einem Mainzer Trödler, der später nicht mehr ausfindig machbar war, identifizierte! Alles sehr dubios und es wirft die Frage auf, ob die Maske überhaupt bis 1775 und vor allem bis nach England zurück verfolgbar ist, aber da muss ich noch mal ein bisschen recherchieren!

  2. Carsten says:

    Danke für die Aufklärung.
    Mein persönlicher Beitrag zum Thema Shakespeare ist weinger historisch als vulgär-literearisch, dafür aber definitiv echt und sauber mit Quellen belegt 😉

    Schöner beleidigen mit Shakespeare
    http://neunmalsechs.blogsport.eu/2016/schoener-beleidigen-mit-shakespeare/

  3. Jörg Bergmann says:

    Totenmasken anzufertigen war wohl seinerzeit eine Modeerscheinung. Die Authentizität der Darmstädter Totenmaske ist allerdings sehr fraglich, da Shakespeare offenbar nur zwei Portraits gesichert zugeordnet werden können. Somit macht es Sinn, eventuell auch damals schon aus kommerziellen Gründen, von verstorbenen öffentlichen Persönlichkeiten Totenmasken anzufertigen. Hier ist ein Link zu einer Totenmasken-Ausstellung im Musée d’Orsay: http://www.musee-orsay.fr/de/veranstaltungen/ausstellungen/im-musee-dorsay/ausstellungen-im-musee-dorsay-mehr-informationen/article/le-dernier-portrait-4186.html?S=&tx_ttnews%5BbackPid%5D=252&cHash=8240ff9ab8&print=1&no_cache=1&

  4. Pingback: Nochmal die Totenmaske… |

  5. Walter Kuhl says:

    „Ich hatte im Juni 1995 das große Glück dieses Dokument aufzufinden, und zwar in einer handschriftlichen Familienchronik der reichsgräflichen Familie von Kesselstatt in Sütterlinscher Schrift.“
    Streng genommen kann der Eintrag dann nicht vor 1911 vorgenommen worden sein. Vor Sütterlin schrieb man und frau ja bekanntlich Kurrent.

    • Jörg says:

      Guter Hinweis, allerdings bezeichnen viele Leute jede Kurrentschrift als Sütterlin, weil das heute die bekannteste Variante ist. Von daher ist das Dokument wahrscheinlich schlicht nicht in Sütterlin. Ist aber natürlich ein bezeichnender Fehler, den Hammerschmidt-Hummel da macht. Und man muss sich natürlich fragen, wie gut sie das Dokument transkribiert hat, wenn sie Sütterlin nicht von Kurrent unterscheiden kann.

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