Historische Gründe

Kennt Ihr das? Dass Ihr irgendwas schon tausendmal gehört, gelesen oder erlebt habt? In Darmstadt geschieht das regelmäßig an der Hindenburgstraße. Dort haben am späten Montagabend drei – wie das Echo schreibt – „Senioren“ das Straßenschild überklebt und aus der Hindenburgstraße die „Halit-Yozgat-Straße“ gemacht. Nicht zum ersten Mal. Wurden natürlich auf frischer Tat ertappt.

Klaus Honold, früher mal beim Echo, heute „städtischer Sprecher“ sagt dazu:

Aus heutiger Sicht ist Hindenburg durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler einer der Wegbereiter der NS-Diktatur. Aber er war auch demokratisch gewählter Reichspräsident der Weimarer Republik. Die Person Hindenburg würde heute nicht mehr mit einer Straße geehrt, die Straße bleibt aber aus historischen Gründen so benannt“

Das ist Wort für Wort dasselbe, was er vor genau einem Jahr dazu gesagt hat. Copy & Paste ist schon was Praktisches. Strg-C und Strg-V und alles ist gesagt. Ich verstehe allerdings nicht so genau, was die „historischen Gründe“ sein sollen, weshalb die Straße so benannt bleibt. Was damit ja wohl gemeint ist, ist, dass die Straße so benannt bleibt, weil sie schon seit gut 100 Jahren so heißt. Das ist aber kein historischer Grund, sondern bloß eine Gewohnheit. Historisch gesehen ist – so sagt zumindest Herr Honold – Hindenburg „einer der Wegbereiter der NS-Diktatur“. Es sind ja gerade die historischen Gründen, weshalb die Straße umbenannt werden sollte. Die Gründe, weshalb die Straße nicht umbenannt werden sollte, sind Gründe, für die ich sogar ein Stück weit Verständnis habe, aber es sind eben gerade keine historischen Gründe!

Und eines ist unbestreitbar: hätte man die Straße, wie es der Magistrat 2006 beschlossen hatte, damals schon umbenannt, würde heute kein Hahn mehr danach krähen, auch nicht die, die gegen eine Umbenennung waren. Denn die Gründe, die gegen eine Umbenennung angeführt wurden, hätten sich nach über 10 Jahren längst verflüchtigt. Und dass der Name Hindenburg aus dem Stadtbild verschwunden wäre, könnte einen ja doch nur dann stören, wenn man doch der Meinung ist, dass uns ein solcher Straßenname gut steht, oder?

Im Echo liest man auch:

„Das wird jetzt eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und Amtsanmaßung geben“, kündigte die Polizeisprecherin an. Der Vorfall sei der Stadtverwaltung gemeldet, die sich jetzt um die Wiederherstellung der Schilder kümmere.

Boah, „Amtsanmaßung“, oder meinten die Majestätsbeleidigung? Aber ich finde das putzig, dass die Stadtverwaltung sich jetzt ehrenhaft und sorgsam mit Blut, Schweiß und Tränen um die Wiederherstellung der Schilder kümmert, also die Klebefolie abzieht. Organisieren wir einen Flashmob, der diese heldenhafte Aktion mit Applaus goutiert! Und dann führen wir sie durch die Stadt zu allen Schildern, die verbogen sind oder anderweitig ihren Zweck nicht mehr erfüllen, damit sie die auch gleich richten.

Ach schön, das werde ich jetzt bis zum Tag, an dem ich die Tapete so scheußlich finden werde, dass ich lieber sterbe, als sie mir weiter anzusehen, jedes Jahr zum Jahrestag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erleben. Alte Damen und Herren, die mit Rollatoren durch die Straßen marodieren und Straßenschilder überkleben, Polizisten, die dafür Pressemitteilungen herausbringen (das machen die nicht für jede x-beliebige Sachbeschädigung!) und aufopfernde Stadtbedienstete zu Hungerlöhnen beschäftigte Leiharbeiter im Auftrag der Stadt, die die Schilder wieder in den Zustand bringen, dass sich die Mühe, sie zu bekleben, lohnt.

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6 Responses to Historische Gründe

  1. Ralf Arnemann says:

    Ach ja – je länger die Nazi-Diktatur zurückliegt, desto heftiger wird der Widerstand.

    Ich sehe durchaus historische Gründe dafür, den Namen zu behalten.
    Denn das wirklich Kritische an Hindenburg ist NICHT die Ernennung Hitlers – die hat er versucht lange zu verhinden und hat dabei seine verfassungsmäßigen Kompetenzen bis zum Äußersten ausgereizt. Da wird letztlich Hindenburg zum Sündenbock dafür gemacht, daß eine demokratische Mehrheit in Deutschland Hitler wollte.

    Wirklich schlimm war Hindenburg mit seiner „Dolchstoß“-Lüge. Wegen der sollte man eher eine Knastzelle nach ihm benennen als eine Straße.

    Aber danach kam eben die Kehrtwende in seiner Biographie und er hat sich als Kandidat aller demokratischen Parteien gegen Hitler engagiert.

    Und die Demokraten, die vor 1933 gegen Hitler kämpften und nach 1945 wieder eine Demokratie aufbauten, die waren eben der Auffassung, daß Hindenburg in Gesamtwertung sehr wohl eine Straße bekommen sollte. Und DAS ist der historische Zusammenhang, den man respektieren sollte.

    Und nicht die vertrottelte Reaktion einiger Rentner, dieJahrzehnte später glauben es besser zu wissen als die Zeitzeugen und eine demokratische Entscheidung zur Straßenbenennung nicht respektieren wollen.

    • Jörg says:

      die hat er versucht lange zu verhinden und hat dabei seine verfassungsmäßigen Kompetenzen bis zum Äußersten ausgereizt

      Dass er es lange versucht hat zu verhindern, ist sicher richtig. Aber auch ’33 war er keineswegs gezwungen, Hitler zum Kanzler zu ernennen. Er war in einer extrem schwierigen Situation und ich hätte definitiv nicht an seiner Stelle sein wollen, aber auch ’33 hätte er Hitler nicht zum Kanzler ernennen müssen. Die Verfassung hat ihm durchaus noch eine Wahl gegeben. Ob Hindenburg dadurch Hitler hätte verhindern können, ist eine andere Frage, aber zum Kanzler machen, hätte er nicht gemusst.

      Wirklich schlimm war Hindenburg mit seiner „Dolchstoß“-Lüge.

      Das stimmt zweifelslos, vermutlich hat er dadurch Hitler viel mehr ermöglicht als durch die Ernennung zum Kanzler. Das war dann eher was nach Motto, die Geister, die ich rief, werd‘ ich nun nicht los.

      Und die Demokraten, die vor 1933 gegen Hitler kämpften und nach 1945 wieder eine Demokratie aufbauten, die waren eben der Auffassung, daß Hindenburg in Gesamtwertung sehr wohl eine Straße bekommen sollte.

      Naja, die Straße hieß ja schon vorher so. Ich glaub nicht, dass sich kurz nach 1945 da sonderlich viel Leute ernsthafte Gedanken drüber gemacht haben. Zumal ja grade die Leute in den Stadtverwaltungen, auch in Darmstadt, nicht mehrheitlich Widerstandskämpfer waren, sondern das waren überwiegend Leute, die vor Hitler, während Hitler und dann eben auch nach Hitler in den Verwaltungen saßen.

      • Ralf Arnemann says:

        > Ich glaub nicht, dass sich kurz nach 1945 da sonderlich viel
        > Leute ernsthafte Gedanken drüber gemacht haben.
        Aber sicher!
        Es gab ja einige Straßen/Plätze/Gebäude in Darmstadt, die mit NS-Bezug benannt waren. Und die hat man konsequent alle abgeräumt.
        Nur eben die Hindenburgstraße nicht – weil die Zeitzeugen da keinen NS-Bezug gesehen haben.

        • Jörg says:

          Es gab ja einige Straßen/Plätze/Gebäude in Darmstadt, die mit NS-Bezug benannt waren. Und die hat man konsequent alle abgeräumt.

          Ja, aber nur weil das der Alliierte Kontrollrat so vorgeschrieben hat. Wenn sich da einer ernsthafte Gedanken gemacht hätte, würdest du heute auf dem Weg von der Bismarckstraße zum Rhönring nicht über die Kasinostraße fahren, sondern über die Blumenthalstraße.

  2. Carsten says:

    Schön geschrieben! Hast du Kontakt zu den Leuten, die das gemacht haben?

    Straßenbenamungen werden von Ehrerweisungen (so war das damals gemeint) in historische (meint: Unveränderliche) Stadtmarken umdefiniiert.

    In einem anderen Kontext schrieb ich
    „Denkmäler sind heute ja geradezu Symbol für die postmoderne Deutungsbeliebigkeit. Da werden Kriegerdenkmäler (die Soldaten Treue und Mut und sonstwas andichten) umdefiniert zu Mahnmalen (damit man jedem inhaltlichen Konflikt entgeht), die angeblich ein „Nie wieder“ vermitteln sollen (während die gleichen Akteure kein Problem damit haben, Soldaten, Bomben und Kampfflugzeuge in alle Welt zu schicken).
    Aber: Sind dann die Statuen der Diktatoren Ludwig I. und Ludwig IV. auch Mahnmale, die an die Schrecken der Monarchie erinnern sollen? Nein, so würden das die gleichen Akteure dann vermutlich nicht sehen wollen. Das sind doch Erinnerungen an die Stadtgeschichte, historischen Monumente.
    Aber dann kann man doch sicher wenigstens den alten Bismarck am Ludwigsplatz endlich beseitigen, dessen einzige Verbindung zur Stadt darin besteht, dass er „nach 1851 wiederholt in Darmstadt residiert[e]“ (Quelle: Echo) und aus diesem Grunde auch gleich (untertänigst) zum Ehrenbürger ernannt wurde. Skrupel, dafür die Schutzpatronin Darmstadtia (aka Hassia) der Stadt zu opfern, hatte man damals jedenfalls nicht. Es dauerte nur 38 Jahre, 6 Monate und 10 Tage, bis Darmstadt für solchen Untertanengeist die Quittung erhielt. Aber wir ehren / erinnern / mahnen weiter (an/vor) diesen(/m) Bismarck.
    Und so huldigt Darstadt auf seinen zentralen Plätzen zwei Monarchisten, einen Militaristen und das Infanterieregiments 115 (unter Aufzählung dessen glorreicher Schlachten). Interessante Botschaft, die wir da an unsere Kinder und natürlich an die Geflohenen und Migranten aus anderen Ländern senden. Über unsere Kultur und Werte.“

    Quelle:
    http://neunmalsechs.blogsport.eu/2015/georg-buechner-per-denkmal-entsorgen/

    • Ralf Arnemann says:

      > Denkmäler sind heute ja geradezu Symbol für die postmoderne Deutungsbeliebigkeit.
      Guter Punkt. Wobei „heute“ sich im wesentlichen auf Deutschland bezieht, in anderen Ländern ist das m. W. nur ganz selten üblich.
      Und es ist natürlich absurd, ein Denkmal einfach mit einer neuen Bedeutung versehen zu wollen, weil man die ursprüngliche Intention nicht mehr teilt.

      Denkmäler und Straßennamen und Gebäude sind eben Dokumente ihrer Zeit. Man würde heute kein Denkmal mehr für Bismarck oder Ludwig I aufstellen – aber man respektiert die schon stehenden. Man würde heute kein Jagdschloß mehr bauen – aber man reißt Kranichstein nicht ab.

      Und ähnlich gilt das eben für die vielen Straßennamen, bei denen man viele problematisieren könnte. Bei ziemlich allen Personen vor 1900 kann man davon ausgehen, daß sie nach heutigen Maßstäben, antidemokratisch, frauenfeindlich und homophob wären. War halt damals allgemein so üblich und hat nichts mit den Gründen zu tun, für die diese Leute jeweils per Straßenbenennung geehrt wurden.

      Konsequent wäre dann, alle 20 Jahre die Straßennamen durchzugehen und alle umzubenennen, die nicht mehr den aktuellen Standards entsprechen …

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