Literatur über Darmstadt

Diese kleine Übersicht einiger Literatur, die über Darmstadt erschienen ist, ist von mir vollkommen willkürlich ausgewählt worden. Man könnte es als eine Art Stichprobe bezeichnen.

Es ist dabei zu betonen, dass dies mein persönlicher Eindruck von diesen Büchern ist, weshalb das Ganze keinen durchgängigen Rezensionstonfall hat. Es sind auch keine Interpretationen, die dazu notwendigen Details hätten den Rahmen völlig gesprengt.

Um dennoch den geneigten Leser nicht völlig hilflos mit der Frage: Soll ich dat nun lesen oder net? zurückzulassen, habe ich unter den Schlagwörtern „Pro“ und „Contra“ bei jedem Buch versucht darzulegen, was an dem Buch lesenswert ist und was nicht. Erst hinterher fiel mir auf, dass die „Contra“-Abschnitte meistens länger sind. Dies ist nicht als wertend zu interpretieren, sondern hängt damit zusammen, dass wenn z.B. historisch etwas nicht stimmt, man auch erklären muss, wie’s richtig ist. Dabei entsteht zwangsläufig mehr Text, als wenn ich nur schreibe: das stimmt.


Matthias Schmidt – Kiesbergstraße 83: Geschichten aus Darmstadt

Die Bewohner des titelgebenden Mehrfamilienhauses in Bessungen sind die Protagonisten dieses Buches. Episoden aus ihrem Leben werden im Wechsel erzählt und überschneiden sich dabei zwangsläufig. 83

Da ist der attraktive Mechatroniker, den jeder mag, der aufgrund seines Bartes, muslimischer Freunde und geheimnisvoller Reiseplanung in den Verdacht gerät, ein Attentat verüben zu wollen. Oder die griechische Geschäftsfrau, die nicht nur ein mexikanisches Restaurant führt, sondern auch einen Kuriositätenladen ihr Eigen nennt, in dem sie gefälschte Souvenirs verkauft. Außerdem die gealterte Sozialdemokratin, die keinen Schritt ohne ihren Papageien macht, die ständig mäkelnde Russin mit einem dunklen Geheimnis und ihr deutlich jüngerer Ehemann, der schon mal das Horst-Wessel-Lied zum Besten gibt, um die Linken im Haus zu provozieren. Unter anderem den linken Sonderling im Gartenhaus, der für seine durch Immobilien reich gewordene Mutter arbeitet und mit ihr in Konflikt gerät, nachdem sie den Biergarten, der aus steuerlichen Gründen offiziell ihm gehört, zu einem Treffpunkt für Rechtsradikale macht.

Und noch einige mehr.

Pro: Es ist leicht und zugänglich geschrieben. Gleichzeitig wirken die meisten Figuren plastisch und dem Autor gelingt es, eine emotionale Nähe zu ihnen zu erzeugen.

Vor allem für Leute, die abends vor dem Schlafengehen oder in der Straßenbahn schnell mal ein Kapitel lesen wollen, ist es perfekt abgestimmt. Der Lokalkolorit ist ansatzweise vorhanden. Sowohl die tatsächlichen, als auch die Vorbilder der fiktionalisierten Orte sind gut wiedererkennbar. Wer die Orte kennt, ist so schnell tiefer in der Handlung drin.

Contra: Was zunächst wie ein Haus voller skurriler Typen erscheint, erweist sich schnell als eine Ansammlung von Klischees. Roma sind gewalttätige Diebe, Homosexuelle sind sexgeil und erkennen sich gegenseitig sofort, Anwälte sind alle korrupt, Lehrerinnen alkoholkranke, gescheiterte Künstlerinnen, die ein sexuelles Verhältnis zu einem ihrer Schüler unterhalten. Linke tragen Birkenstock, Rechte Uniformen, usw. usw.

Abgesehen von dem sich ständig unmotiviert wiederholenden Motiv der älteren Frau mit jüngerem Liebhaber sind die meisten der keineswegs seltenen Sexszenen völlig unglaubwürdig im Stile von Schundliteratur geschrieben.

“Bombig!“, kommentiert Artemis leise, nachdem sie sich angezogen hat.
„So soll’s sein!“, fügt Stravko souverän hinzu

„Auweia“, denke ich.

Der Eindruck der Schundliteratur wird auch durch die teilweise gruselige Orthografie verstärkt. Da fehlen noch mal mindestens zwei bis drei Korrekturschleifen, und das exzessive Verwenden von Satzzeichen übersteigt selbst das Maß, das in Comics üblich ist.

Die Darstellung juristischer Vorgänge ist realitätsfern, etliche Handlungsstränge werden irgendwann einfach nicht mehr weitergeführt und nur am Ende noch einmal kurz pflichtschuldig, aber wenig abschließend erwähnt. Kurz: Das Buch benötigt noch etliche Überarbeitungen.

Fazit: Die literarische Qualität des Romans ist überschaubar, Freunde von Seifenopern könnten jedoch ihren Spaß daran haben.

Sonja Morawietz und Hartmut Heinemann – 111 Orte in Darmstadt, die man gesehen haben muss

111 Orte ist eine Buchreihe des Emons Verlag, für die mittlerweile so viele Varianten erschienen sind, dass mir das Zählen zu mühselig war (mein Favorit: „111 Whiskys, die man getrunken haben muss“ – kein Scheiß, gibt es). Das ist so exzessiv, dass ich mich nicht über eine Sonderausgabe: „111 ‚111 Orte‘-Bücher, die man gelesen haben muss“ wundern würde.

111Für jeden Ort gibt es einen kurzen Artikel mit Foto, dazu einen kleinen Infokasten mit Adressen, Anfahrt, wo vorhanden Öffnungszeiten und einen Tipp, der von Einkehrmöglichkeiten bis zu weiteren nahe gelegenen Sehenswürdigkeiten reichen kann. In der Ebook-Fassung hat man sogar einen Direktlink zu Google Maps, außerdem Querverweise zu anderen Artikeln.

Kurios ist, dass das Darmstadtium nur im Bezug zu der mittlerweile dort untergebrachten Darmstadtia Erwähnung findet, aber keinen eigenen Eintrag hat.

Pro: Professionell gemacht mit qualitativ hochwertigen Fotos. Als Teil einer umfangreichen Reihe hat man bereits einen gewissen Standard erreicht, der völlige Aussetzer – ob nun inhaltlich, stilistisch oder in der Präsentation – vermeidet. Dazu sehr übersichtlich und gut lesbar. Bei einigen der ausgewählten Orte wie z.B. dem Riegerplatz zeigt sich, dass die Autoren sich durchaus in Darmstadt auskennen und hier so einige Zeit verbracht haben.

Contra: Zu viel Quasi-Copy & Paste aus Nachschlagewerken und teilweise schlampige Recherche. So wird bspw. der Hinkelsturm samt Mauer und der Weiße Turm als die einzigen Überreste der mittelalterlichen Stadtbefestigung bezeichnet … ähm, nein. Der Mauerrest im Darmstadtium und die Mauer am heutigen Hiroshima-Nagasaki-Platz sind auch Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Außerdem gehören Teile des Schlosses streng genommen zur Stadtbefestigung. Tatsächlich hätte diese ohne das Schloss-Areal nicht funktioniert.

Dass man bei 111 Orten, die zudem auch noch ein möglichst breites Publikum ansprechen sollen, auch auf die nähere Umgebung von Darmstadt schaut und es mit der Stadtgrenze nicht ganz so genau nimmt, ist okay. Dass im Infokasten zum August-Euler-Flugfeld aber als Adresse „Flughafenstraße, 64295 [sic!] Darmstadt-Griesheim [sic!]“ steht, ist dann schon etwas schräg. Dass zudem im nächsten Satz auf das Heimatmuseum Griesheim mit der Adresse „Groß-Gerauer-Straße 18-20“ (ohne weiteren Hinweis in welcher Stadt) verwiesen wird, dürfte Ortsunkundige am Ende ganz woanders hinführen.

Dass die Auswahl stellenweise etwas willkürlich wirkt, ist angesichts der Vorgabe, 111 Orte in Darmstadt zu finden, die aus irgendeinem Grund interessant sind, wohl nicht überraschend, aber bei einigen Artikeln sind entweder die persönlichen Interessen und Geschmäcker der Autoren zu sehr in den Vordergrund gerückt oder sie machen schlicht Werbung für einige Läden.

Wieso die Ruine der Stadtkapelle nur im Infokasten zur Gedenktafel für Merck kurz erwähnt wird, Maruhn dagegen einen eigenen Artikel hat, erschließt sich nicht.

Fazit: Als schnelles Nachschlagewerk und Anregung durchaus brauchbar. Dem Konzept geschuldet aber inhaltlich etwas dünn.

Hansjörg Holzamer – Jakes Traum – Der Tod des Nichtschwimmers

Der vergangenes Jahr verstorbene Hansjörg Holzamer war hauptsächlich als Leichtathletik-Bundestrainer bekannt. jakeEr betreute u.a. Hans Baumgartner bei dessen Olympiasilber und Florian Schwarthoff bei dessen Olympiabronze. Darüber hinaus war Holzamer aber auch Lehrer an der Lichtenbergschule in Darmstadt und hatte dort Mitte der 90er das zweifelhafte Vergnügen mich in Gemeinschaftskunde zu unterrichten.

Der Tod des Nichtschwimmers ist ein Romanfragment, erstmals 1978 in kleiner Auflage erschienen. Es erzählt mit sich häufig ändernden Erzähltechniken einzelne Szenen um eine Gruppe Darmstädter Jugendlicher. Den Episoden liegen tatsächliche Ereignisse zugrunde, allerdings oft überzeichnet. Einem erkennbaren roten Faden folgt das Romanfragment zu keiner Zeit, es ist eher eine Aneinanderreihung von Szenen, Briefen und Gedankenfetzen. Holzamer selbst bezeichnet dies in einem kurzen Nachwort als

Der „Roman“ entsteht im Kopf des Lesers.

Pro: Die literarische Qualität einiger Szenen ist herausragend. Die Fragmentierung der Szenen, der Wechsel der Stilmittel, das Fallenlassen und unvermittelte Wiederaufnehmen von Handlungssträngen (und oft auch nicht), der Wechsel zwischen großer Detailliertheit und Oberflächigkeit, all das sorgt beim Leser für ein Gefühl der Desorientierung, das sich mit der Desorientierung von Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsenwerden spiegelt.

Contra: Die literarische Qualität einiger Szenen ist katastrophal. Ja, wirklich, mir fällt spontan kein anderes Buch ein, dass solch extremen Schwankungen in der Qualität unterliegt. Praktisch jeder Originalität steht ein Klischee gegenüber, jeder guten Szene eine banale. Darüber hinaus ist die Konzeption als Fragment eine verpasste Chance. In dem Buch steckt deutlich mehr Potential als herausgeholt wurde. Das Buch zu einem echten Roman zu machen, der rund erscheint, der eine echte Erzählung ist, der nicht einfach nur dahin wabert, hätte es vielleicht zu einem der großen Werke der Gegenwartsliteratur machen können. So ist es eher eine Anomalie.

Fazit: Kein Buch für jedermann. Mehr Zeitzeugnis als Roman. Unter gewissen Aspekten eine unverzichtbare Lektüre, unter anderen pure Zeitverschwendung.

Michael Kibler – 66 völlig unbedeutende Orte in Darmstadt: Abseits der Reiseführer

Das Konzept ist so etwas wie die Antithese zu den „111 Orten“. Statt der typischen Sehenswürdigkeiten wie die Mathildenhöhe zeigt man sonst eher Übersehenes, das aber aus irgendeinem Grund trotzdem interessant ist. Vielleicht, weil es skurril ist, vielleicht, weil es andere Autoren oder das Stadtmarketing bislang schlicht übersehen haben. 66

Pro: Rein stilistisch merkt man Kibler seine langjährige Erfahrung als Schriftsteller an. Die Artikel sind größtenteils gut geschrieben, er verliert sich nicht in Expertendetails, denen so mancher Historiker an der ein oder anderen Stelle verfallen wäre, die aber nur für ein Spezialpublikum interessant sind. Außerdem hat das ganze Konzept des Buchs seinen Charme. Kleine Skurrilitäten, durch Zerstörung oder veränderte Bebauung verschwundene Orte mit eigener Geschichte und Geheimtipps verleihen einer Stadt mehr Charakter als hochgehypte Sehenswürdigkeiten.

Contra: Konsequent durchgehalten wird das Konzept nicht. Tatsächlich gibt es bei einigen Artikeln sogar Überschneidungen mit „111 Orte in Darmstadt, die man gesehen haben muss“. Wie die Centralstation ins Konzept passt, erschließt sich nicht. Auch die zerstörte Stadtkapelle hat in einem Buch mit dem Titel „unbedeutende Orte“ wenig verloren (irgendwie ironisch, dass sie dafür bei den 111 Orten, die man gesehen haben muss, fehlt).

Darüber hinaus sind die einzelnen Artikel arg kurz. So was hätte man als Blog machen können, nicht als Buchveröffentlichungen. Auch sind die Fotos teilweise von mäßiger Qualität.

Für die meisten Leser vermutlich nebensächlich, für mich persönlich aber recht ärgerlich, ist zudem, dass Kibler, also der Autor, der Darmstadt-Krimis mit Bezügen zur Stadtgeschichte schreibt, über Ludwig I. so etwas behauptet:

Er hat sich unter anderem dadurch verdient gemacht, dass er die erste Verfassung auf deutschem Boden verabschiedet hat.

Wer die erste Verfassung auf deutschem Boden verabschiedet hat, ist auch ein bisschen eine Frage der Definition, sowohl in der Frage, was ist eine Verfassung, als auch in der Frage, was ist „auf deutschem Boden“. Ganz weit gefasst könnte man bis zur Goldenen Bulle zurückgehen. Auch unter napoleonischem Einfluss entstanden Verfassungen auf deutschem Boden. Meist werden aber erst die landständischen Verfassungen, die infolge des Wiener Kongresses entstanden, als Verfassungen im modernen Sinn aufgefasst. Da war auch die des Großherzogtums dabei. Nur bei Weitem nicht als erste. Unter anderem deswegen, weil gerade der alte Lui die Verabschiedung so lang wie möglich hinauszögerte. Bayern und Baden beispielsweise führten ihre Verfassungen bereits 2 Jahre früher ein, Frankfurt noch mal 2 Jahre früher. Die Verhandlungen des Wiener Kongresses hatten den Großherzog zur Einführung dieser Verfassung verpflichtet, sein langes Herauszögern und einige ältere Zitate von ihm legen nahe, dass er das nur zähneknirschend gemacht hat.

Fazit: Ein Buch mit Charme, starkem Lokalkolorit und Persönlichkeit, allerdings etwas zu oberflächig und inhaltsarm.

Andel Müller – Rockin‘ Rausch: Romaneske Aufzeichnungen

Im Zentrum des Romans stehen die Proteste gegen die Entlassung eines unliebsamen Lehrers, eine Geschichte, die auf einer tatsächlichen Begebenheit beruht. Müller versucht, das Ganze in einen gesellschaftspolitischen Zusammenhang zu bringen, der Konflikt zwischen den 68ern und deren Elterngeneration, die Entwicklung der jüngeren deutschen Geschichte und den Einfluss von Rockmusik darauf.

rockinPro: Von der literarischen Qualität ist Rockin‘ Rausch vermutlich das beste in dieser kleinen Übersicht. Die Darstellungen der Proteste nach der Entlassung von Heinz Günter Lüdde haben einen durchaus bleibenden Wert. Darüber hinaus stecken in einigen Dialogen scharfsinnige Erkenntnisse, die gesellschaftliche Widersinnigkeiten entlarven, wie z.B. dass nach christlicher Lehre Hitlers Verbrechen – Reue vorausgesetzt – von Gott vergeben werden würden, sein Selbstmord aber nicht.

Darüber hinaus behält der Roman über weite Strecken seine Qualität und bietet einen roten Faden, der einen am Ende nicht so ratlos zurück lässt wie das inhaltlich vergleichbare „Jakes Traum: Der Tod des Nichtschwimmers“.

Contra: Manchmal wirkt das Buch wie eine Guido-Knopp-Dokumentation, der Zusammenschnitt der immer gleichen Geschichtsbilder. Zu oft verliert sich der persönliche Blickwinkel in ein etabliertes, kollektives Narrativ, das so überstrapaziert ist, dass es langweilt. An manchen Stellen driftet der Autor auch in Selbstgefälligkeiten ab. Auch wenn ich politisch den meisten Aussagen selbst nahe stehe, da wird mir das Buch zu elitär und besserwisserisch. Leute mit anderen Meinungen können diese selten gut darlegen, dienen dem Autoren eher als Projektionsfläche, ihre schwache Argumentation als Stütze seiner eigenen, die dadurch überzeugender wirken soll. Man könnte das als den Versuch einer Imitation der platonischen Dialoge deuten, es wirkt aber äußerst unglaubwürdig.

Auch die Bezüge zur Rockmusik funktionieren nicht so richtig. Als jemand, der sich da durchaus auch auskennt, frage ich mich, wie erträglich die ständigen Zitate von Liedtexten sind, wenn man nicht den Luxus hat, die meisten dieser Lieder zu kennen und zu mögen. Und als Kenner dieser Lieder ist es dann doch viel zu oberflächig, trivial und einseitig.

Fazit: Lesenswertes Buch, wenn auch mit einigen ärgerlichen Schwächen.

Peter Engels – Darmstadt: Kleine Stadtgeschichte

Peter Engels kleine Stadtgeschichte ist genau das Buch, das man von einem Stadtarchivar erwartet. Es ist eine – dem Umfang geschuldete – oberflächige Übersicht der Stadtgeschichte.

Pro: Als Leiter des Stadtarchivs dürfte es wohl niemanden geben, der für so eine Veröffentlichung kompetenter ist. Dass er jeden Tag geschunmittelbaren Zugang zu den Primärquellen hat, zahlt sich auch aus. Das Buch hat viele Fotos und Digitalisate, die alles anschaulicher machen. Im Gegensatz zu den meisten anderen im Buchhandel erhältlichen Veröffentlichungen zur Stadtgeschichte enthält die kleine Stadtgeschichte meistens auch im Detail korrekte Informationen. Das ist weniger selbstverständlich, als es vielleicht klingt.

Contra: Die Seriosität erkauft sich das Buch mit einer gewissen Langeweile. Wenn die spannenden und die langweilen Aspekte der Stadtgeschichte etwa denselben Raum einnehmen, dann erfährt man über erstere zu wenig, um mit letzteren übermäßig gequält zu werden.

Darüber hinaus habe ich unter Pro bewusst geschrieben, dass man „meistens auch im Detail korrekte Informationen“ bekommt. Einige, zum Teil erhebliche Ausnahmen sind durchaus zu finden. Am auffälligsten diese Aussage zu den Menhiren bei der Scheftheimer Wiese:

Keltischen Ursprungs ist vielleicht die 1966 entdeckte Menhir-Anlage ganz im Osten der Darmstädter Gemarkung …

Das Problem ist nicht so sehr, dass das nicht stimmt – nicht stimmen kann. Fehler passieren und auch als Historiker muss und kann man nicht jeden Forschungsstand in jedem Bereich parat haben. Auch, dass bei der Recherche mal was daneben geht, gehört dazu.

Das Problem ist, dass er nahezu denselben Satz schon 2002 in „Geschichte Bessungens“ geschrieben hat. Also nicht nur, dass er den Fehler macht, was okay wäre, auch nach 17 Jahren (die kleine Stadtgeschichte erschien 2019) ist er nicht nur nicht selbst darüber gestolpert, sondern es hat ihn auch offenbar absolut niemand darauf aufmerksam gemacht.

Das sagt viel über die Feedbackkultur in diesem Bereich aus und erklärt zumindest teilweise, warum über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, völliger Unsinn im Umlauf ist.

Fazit: Kompetente Übersicht über die Stadtgeschichte, aber etwas langweilig und nicht ganz frei von inhaltlichen Fehlern.

Katja Behrens – Roman von einem Feld

In Roman von einem Feld wird über ein Jahr hinweg das Oberfeld beschrieben, der Wandel der Jahreszeiten,feld das Verhalten der Tiere, immer wieder unterbrochen mit einzelnen Episoden über die Menschen, die vorbeikommen. Dabei treten aber nicht nur Menschen auf, die während der erzählten Zeit des Romans über das Oberfeld wandeln, sondern wie Geister tauchen immer wieder Menschen aus längst vergangener Zeit auf, so dass man mit ihnen eine – meist kleine – Episode aus der Stadtgeschichte miterleben kann.

Pro: Das Konzept ist großartig. Das Oberfeld als Hintergrund zu nehmen, um Szenen aus der Stadtgeschichte wie ein Echo der Zeit vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen, gehört zu den besten Ideen, um Menschen die Geschichte einer Stadt nahe zu bringen.

Contra: Leider ist das Konzept das einzig Gute an dem Roman. Er ist – ganz ehrlich – schlecht geschrieben. Es gelingt der Autorin nur ganz selten, eine emotionale Nähe zu den Figuren aufzubauen. Über weite Strecken ist das Buch das Runterrattern kurzer Hauptsätze, die andere Autoren bestenfalls als Stichpunkte verwendet hätten, um auf deren Basis dann den eigentlichen Roman zu schreiben.

Hinzu kommt, dass viele der dort beschriebenen historischen Ereignisse haarsträubend falsch sind. Da wird z.B. nahegelegt, im 17. Jahrhundert hätte alle Welt geglaubt, die Erde sei eine Scheibe.

Fazit: Eine gute Idee allein ist noch kein guter Roman. Wenn ich schon bei Der Tod des Nichtschwimmers von einer verpassten Chance gesprochen habe, dann gilt das hier noch um ein Vielfaches mehr.

Wiebke Kronz und Lea Rothmann (Hrsg.) – Darmstadt im Zwielicht der Randkulturen

Das 2011 erschienene Buch ist eine Sammlung von mehreren Artikeln, die einige Darmstädter Randkulturen beleuchten (weniger in der Soziologie verhaftete randZeitgenossen würden wohl eher von Subkulturen sprechen). Die Spannbreite ist dabei enorm: Es gibt einen Artikel über den Bauwagenplatz in Kranichstein, einen über die Gothic-Szene, über Kleingärtner und einen über LARPer, also Live-Rollenspieler. Rollenspiel erlebt aktuell wieder einen kleinen Boom, 2011 war das etwas sehr Obskures (und LARP ist es eigentlich immer noch).

Pro: Einige Beiträge sind wirklich gut, vor allem der über die Bauwagenszene. Auch überhaupt Randkulturen, auch solche, die einem nicht täglich beim Weg durch die Innenstadt begegnen, zu thematisieren, macht das Buch interessant. Es vervollständigt ein Bild von Darmstadt abseits des Stadtmarketings. Dazu gibt es zwar leider nur Schwarz-Weiß-Fotos, die auch nicht immer in sonderlich guter Qualität vorliegen, diesen aber gelingt der persönliche Blick und die Nähe, die vielen begleitenden Fotos anderer Publikationen fehlen. Vor allem die Fotos der Punkszene mag ich sehr.

Contra: Bei Weitem nicht jeder Beitrag ist gelungen. Schon die einleitenden Artikel, die im Stile soziologischer Hausarbeiten gehalten sind, dürften viele Leser verschrecken. Da liest man ständig Begriffe wie „Reflexionsschleife“, „Kulturelle Kodierungen“ oder „Dichotomie von physischem und sozialem Raum“. Das ist mühsam zu lesen und trägt nicht wirklich etwas zu dem Buch bei, zumal die dabei formulierte Definition von Randkulturen nicht mal auf alle Artikel zutrifft.

Einige Beiträge sind zudem sehr oberflächig oder haben gar überhaupt kein erkennbares Konzept.

Fazit: Ich bin froh, dass ich mir das Buch damals gekauft habe. Es ist anders, und das ist gut so, denn was sonst so über Darmstadt erscheint, ist üblicherweise thematisch, stilistisch und inhaltlich über Jahrzehnte völlig überstrapaziert worden. Wie bei anderen Veröffentlichungen in dieser Übersicht ist es aber auch etwas ärgerlich, weil es noch deutlich besser hätte sein können.

One Response to Literatur über Darmstadt

  1. spbrunner says:

    Schöne schlüssige Zusammenstellung, vielen Dank. Allerdings hätte bei der an den Tag gelegten Pingeligkeit nicht ausgerechnet
    Peter Engels Oberflächlichkeit oberflächig werden dürfen, auch wenn dieser sympathische Fehler die Herkunft des Autors entlarvt. -)

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