Der Darmstädter Heiner

Dass die Darmstädter Heiner genannt werden, ist den meisten bekannt. Wie es zu dem Namen gekommen ist, ist jedoch ein großes Rätsel. Man sollte meinen, wenn die Bürger einer Stadt einen solchen Namen mit Stolz tragen, dass sich irgendwer auch gemerkt hat, woher er eigentlich kommt. Doch niemand weiß es, nur wilde Spekulationen dazu existieren.

Heinheim, das sagenhafte Dorf

Für einige Zeit war ganz weit vorne die Behauptung, der Heiner leite sich von Heinheim ab, einem im 30-jährigen Krieg aufgegebenen Dörfchen vor Darmstadt, an das nur noch die Heinheimer Straße erinnert. Doch diese Idee ist Quatsch. Schon, dass sich die Bürger eines Ortes stolz nach einem Nachbarort nennen, wäre eher ungewöhnlich. Man stelle sich nur vor, die Eberstädter würden sich Pungschter nennen oder die Weiterstädter Griesemer. Oft herrscht ja eher eine gewisse Rivalität zwischen Nachbarorten (Jugenheimer sind ja bekanntlich der Meinung, das Beste an Seeheim wäre der schöne Blick nach Jugenheim).

Dass der Heiner von Heinheim kommt, lässt sich aber auch ganz konkret widerlegen, denn trotz sich hartnäckig haltender Behauptungen hat es dieses Dörfchen Heinheim nie gegeben. Tatsächlich leitet sich die Heinheimer Straße vom „Großen Hainum“ ab. Der Große Hainum war aber kein Dorf, sondern ist der alte Name der Fasanerie. Auch vom Großen Hainum kann sich der Name Heiner nicht ableiten, da dieser Name schon weit über ein Jahrhundert nicht mehr üblich war, als der Name Heiner für alteingesessene Darmstädter auftauchte. Da hieß der Wald schon lange Fasanerie. Und Fasane nennen sich die Darmstädter nicht.

Allerdings wenn es einen Großen Hainum gab, gab es natürlich auch einen kleinen Hainum und der taucht als „Im kleinen Heinheim“ noch auf den Buxbaum-Karten auf, war also noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts geläufig. Dieser befand sich westlich der Fasaneriemauer. Georg Wilhelm Justin Wagner erwähnte in Die Wüstungen im Großherzogtum Hessen (1862) zudem ein Heinheimer Feld, das er noch etwas weiter fasste als Buxbaum den Kleinen Heinheim, nämlich bis zum Karlshof. Vielleicht galt zumindest zeitweise das gesamte Gebiet zwischen Kranichsteiner Straße, Dieburger Straße und Fasanerie als Heinheimer Feld.

Aber wie soll eine Ableitung dieses Feldes auf Darmstädter Altstadtbewohner (nur sie waren ursprünglich Heiner) erfolgt sein?

Im Zweifelsfall war es immer ein Personenname

Eine einfachere und deutlich näherliegende Lösung des Rätsel ist der Vorname Heiner. Dies ist auch die Erklärung, die am häufigsten angeführt wurde. Die Begründung wäre dann, dass man Darmstädter (oder zumindest Altstädter) deswegen Heiner nannte, weil es ein typischer und sehr geläufiger Name in der Altstadt war, etwa so wie man Iren (vor allem in England) als Paddys bezeichnet, weil der Name Patrick bzw. die Kurzform Paddy in Irland sehr geläufig ist.

Das Problem ist: in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der Name Heiner für Darmstädter das erste Mal auftaucht, war das kein überdurchschnittlich verbreiteter Vorname, auch nicht die Hauptform Heinrich. Viel mehr hießen die Leute hier häufig Ludwig oder Georg. Diese Erklärung ist zwar die einfachste, aber offensichtlich falsch.

Peter Dinkel versuchte 1996 eine Ableitung von Carl Heiner, einem Darmstädter Chemiefabrikanten des 19. Jahrhunderts. Dieser soll vorzugsweise die vor der Goldenen Krone auf Arbeit wartenden Tagelöhner angeheuert und darüber hinaus scharenweise in die Turngemeinde 1846 gebracht haben. Deswegen nannte man diese Leute dann „die Heiner“ nach dem Nachnamen ihres Chefs und weil sie Tagelöhner vor einer Altstadtgaststätte waren, übertrug sich der Name irgendwann auf alle Altstadtbewohner.

Das ist eine sehr phantasievolle Theorie, aber leider unhaltbar. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Mitglieder der Turngemeinde 1846 jemals „Heiner““ genannt wurden oder dass dort auffällig viele Tagelöhner Mitglied gewesen wären. Carl Heiner spielte keine herausragende Rolle in dem Verein und war keineswegs so prominent, dass er als Namenspatron hätte dienen können.

Räuber und Hünen

Im Jahr 2000 versuchte Rudolf Becker das Rätsel zu lösen und stieß dabei auf die bisher älteste bekannte Erwähnung des „Heiner“. Am 25. Oktober 1872 verhandelte das Bezirksstrafgericht in Darmstadt einen Fall der Bedrohung und Erpressung. Ein Albert Schwanholz hatte versucht, sein Opfer einzuschüchtern, indem er mit seinen Qualitäten als Darmstädter Heiner gedroht hatte. Einige Jahre später, 1876, wurde eine Bande von sechs Männern als „Darmstädter Heiner“ bezeichnet, die im Wald Holz rauben wollten und vom Förster überrascht wurden, den sie mit Äxten in die Flucht schlugen.

Heiner waren also erstmal nicht einfach alteingesessene Darmstädter, sondern Gewalttäter. Schnell aber änderte sich die Bedeutung. Etwa 10 Jahre später bezeichnete man Jugendliche aus der Altstadt als Heiner und benutzte den Namen bereits mit einem Augenzwinkern, bevor er dann kurz darauf zu einem Ehrennamen gebürtiger Darmstädter wurde. Becker spekulierte dabei, dass der Name sprachlich mit „Hüne“ verwandt sein könnte.

Doch auch diese Idee hat einige schwerwiegende Probleme. Becker muss für seine etymologische Ableitung tief in der Vergangenheit graben, genauer gesagt im Mittelhochdeutschen. Nur dann kann man eine Verbindung zwischen Hüne und Heiner konstruieren. Das würde aber bedeuten, dass sich der Begriff Heiner stetig aus dem Mittelhochdeutschen entwickelt hat und wäre demnach schon Jahrhunderte vor der ältesten bekannten Erwähnung 1872 geläufig gewesen. Wo aber sind Fundstellen dazu? Nicht mal der Datterich kennt den Heiner oder eine ähnliche Form für die Altstadtbewohner. Der Heiner muss also später entstanden sein.

Weitere Ideen

Ein paar andere Ideen wären auch noch denkbar. So war beispielsweise der Name Hein für den personifizierten Tod sehr geläufig. Matthias Claudius, der in Darmstadt im 19. Jahrhundert sehr verehrt und vor allem viel gelesen wurde, hatte 1775 eines seiner Bücher „Freund Hain“ gewidmet, bei dieser Widmung sah man ein Bild des Sensenmanns. Heiner könnte dann eine Art „Pseudo-Plural“ sein: der Hein->die Heiner. Heiner waren ursprünglich nur die Altstadtbewohner. Bedenkt man die große soziale Lücke zwischen dem Beamtenapparat der Residenzstadt Darmstadt und der völlig verarmten Altstadtbevölkerung, häufig hungernd und abgemagert, scheint es gar nicht so weit hergeholt, dass die dortigen Bewohner in die Nähe von „Gevatter Tod“ gerückt wurden, erst recht wenn sie zudem noch gewalttätig waren.

Diese Idee löst sich auch vom zentralen Problem von Beckers These: die Überlieferungslücke. Anders als ein volkstümlicher, seit dem Mittelalter abgeschieden von jeder dokumentarischen Erwähnung dahinsiechender Dialektbegriff muss sich „Freund Hein“ nicht klammheimlich jahrhundertelang verstecken. Er ist die ganze Zeit da. Ein bisschen wie bei Edgar Allen Poe, übersehen gerade, weil er nicht versteckt war.

Noch eine Möglichkeit wäre die Ableitung von einem französischen Begriff. So was kam vor allem in der frankophilen Zeit häufig vor, man denke nur an den Lapping, besonders im 19. Jahrhundert das Bessunger Pendant zum Darmstädter Heiner. Dieser leitet sich von französisch lapin = Kaninchen ab. Heiner könnte sich dann aus haine = Hass oder eher haineux = hasserfüllt entwickelt haben. Französisch war entweder die Sprache von Besatzern bzw. einquartierten Soldaten oder von der adligen Oberschicht, die mit Französischkenntnissen prahlten. Eine Typologisierung der Altstädter als hasserfüllt wäre durchaus treffend, gerade im 19. Jahrhundert war die Altstadt ein übler Fleck, Schlägereien waren an der Tagesordnung, die Polizei begab sich nachts nur sehr ungern in diese Gegend. Ein Franzose oder Französischsprechender, der nach einem Raubüberfall den Täter wiederholt als hasserfüllt bezeichnete, könnte demnach der Urheber des Heiner sein.

Doch alles ist spekulativ. Was fehlt, ist der entscheidende Hinweis in irgendeiner bislang übersehenen Quelle, alten Zeitungen vielleicht, einer Buchveröffentlichung, die nicht direkt von Darmstadt handelt, sondern den Heiner nur am Rande erwähnt, oder ein privates Fundstück, ein alter Brief vielleicht. Solange eine solche Quelle nicht auftaucht, kann niemand sagen, warum die Darmstädter sich Heiner nennen. Sie werden es wohl trotzdem weiter tun. 😉

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2 Responses to Der Darmstädter Heiner

  1. Pingback: Der fast erwartete Einbruch. | DieFalscheNeun.com – Hessischer Profifußball im Blickpunkt.

  2. Heiner Wißler says:

    Ein Göttinger HEINER sagt DANKE! für Eure Arbeit !!!

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