Zum Klugscheißen ungeeignet

Woran merke ich, dass Heinerfest ist? Die Zugriffszahlen auf mein Blog schnellen ungesund in die Höhe, weil gefühlt halb Deutschland auf einmal wissen möchte, wieso die Darmstädter Heiner genannt werden. Und das obwohl der entsprechende Artikel hierzu sowieso schon der mit weitem Abstand am häufigsten aufgerufene dieses kleinen, schwach frequentierten Blogs mit unklarer Lesermotivation ist (oder Autorenmotivation? Egal).

Und dann maße ich mir in dem Artikel nicht mal eine konkrete Antwort an, anders als beispielsweise das Stadtlexikon. Dessen Lösung ist zwar eine mehr als wilde Spekulation ohne Grundlage, der romantische Versuch, den vermutlich eher banalen Namen besonders alt und bedeutungsvoll zu machen, aber Hauptsache man kann den Leuten eine Antwort bieten. Mehr will man ja auch nicht. Man will nicht darüber nachdenken, was stimmen könnte, sondern eine Antwort, mit der man dann anderswo klugscheißen kann. Als ich noch ein Kind war, waren die meisten Leute auch mit der Erklärung zufrieden, Darmstadt hieße Darmstadt, weil man nicht Armstadt und Umstadt nicht Dummstadt heißen wollte und daher Darmstadt den Buchstaben D übernommen hat. Schon mit 14 habe ich vor Schmerzen aufgejault, wenn jemand diese Geschichte reflexartig zum Besten gab. Dieser volksetymologische Holzhammerhumor ist weder lustig noch interessant. Da ist mir selbst die Geschichte von der Grafentochter Darmunda lieber, trotz der Aneinanderreihung unorigineller Klischees.

Tatsächlich gibt es aber eine durchaus vollkommen korrekte Antwort auf die Frage, warum die Darmstädter Heiner genannt werden, auch wenn das nicht das ist, was die Leute eigentlich wissen wollen.

Der Heiner war im späten 19. Jahrhundert ein zunächst völlig unbedeutender Slang-Begriff, wie sie zu Dutzenden in der Geschichte aufploppen und, weil sie eigentlich wenig bis gar nichts bedeuten und oft nur in einem sehr kurzen Zeitraum überhaupt Sinn machen, auch schnell wieder verschwinden. Zufällig fiel der Heiner aber in den Boom der Heimatkunde und wurde deshalb in unzähligen Büchern festgehalten. Ob das Gleiche geschehen wäre, wäre der Begriff 100 Jahre früher aufgeploppt, ist fraglich. Auch vergleichbare Spitznamen wie Mucker und Lapping tauchen nur unwesentlich früher auf als der Heiner.

Der Zusammenhang mit der starken Verschriftlichung und der Identitätssuche in Zeiten der zersplitterten Kleinstaaterei nach dem Zusammenbruch des sogenannten Heiligen Römischen Reichs ist schon sehr naheliegend, denn es gibt keine bekannte Quelle für den Heiner vor 1872. Wenn es den Spitznamen überhaupt schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts gab, dann war er alles andere als geläufig.

Ein bisschen ist das wie mit den Grimmschen Märchen. Da meinen wir auch immer, das wären authentische Zeugnisse uralter Geschichten. Tatsächlich manifestierten die Grimms aber bei vielen ihrer Märchen lediglich die regionale Momentaufnahme von sich ständig verändernden, dem Zeitgeist anpassenden Erzählungen.

Erzählungen waren über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte keine fest definierten Geschichten, sondern ständig im Fluss. Immer dann, wenn sie aufgeschrieben wurden, stoppte dieser Fluss und seither gilt das als die eigentliche „Originalversion“, als das eigentlich Authentische. Dabei wollten Erzähler mit den Geschichten immer etwas ausdrücken und wenn das die Überlieferung nicht hergab, veränderten sie die Geschichten. Die zufällige Momentaufnahme dieses Flusses im 19. Jahrhundert als authentisch anzunehmen, ist eine reichlich naive Herangehensweise.

Oder ein anderes Beispiel, das viele Leute immer wieder überrascht: die alten griechischen Philosophen hielten nicht viel von geschriebenen Worten, das war etwas für Bürokraten und Ägypter. Sokrates schrieb gar nichts. Platons heute so geschätzten Werke waren kaum mehr als Werbebroschüren, um zahlungskräftige junge Männer in die Akademien zu locken. Die eigentliche Philosophie fand im Gespräch statt, Platons Dialoge waren nur Beispiele, wie so ein Gespräch verlaufen konnte. Die Philosophie und das Wort waren aber ständig im Fluss. Es war etwas Veränderliches. Das stehende Wort, gefangen, ohne Dynamik, konnte unmöglich das Denken repräsentieren. Das verstehen wir heute nicht mehr richtig. Gerade das geschriebene Wort hat für uns mehr Wert.

Ohne die regionale Heimatkunde, ohne die Inflation entsprechender Buchveröffentlichungen, ohne die – auch preisliche – Massentauglichkeit dieser Bücher, ohne die Identitätssuche im Regionalen, die nach dem Ende eines zumindest gefühlten Imperiums, das noch auf das Römische Reich zurückging, begann, der Heiner wäre wohl schon nach einer Generation wieder verschwunden, ersetzt durch etwas Zeitgemäßeres und vor allem in seiner Bedeutung auch Verständlicheres.

Und wer weiß, was aus dem Heiner geworden wäre, hätte sich nach dem 2. Weltkrieg ein anderer von den durchaus zahlreich vorhandenen Vorschlägen für das jetzt Heinerfest genannte Stadtfest durchgesetzt?

Aber natürlich wollen die Leute eigentlich gar nicht wissen, wieso sich dieser Begriff so festsetzen konnte. Sie wollen wissen, was der Begriff „Heiner“ ursprünglich bedeutete und wieso das identitätsstiftend für die Darmstädter – oder einen Teil der Darmstädter – wurde. Gäbe ja durchaus klangvollere Namen. Beim Lapping weiß man das, beim Mucker kursieren zwar auch eher volksetymologische Falschinterpretationen, aber eigentlich kennt man die richtige Antwort, beim Heiner gibt’s dagegen nur wilde Spekulationen, die allesamt wenig wahrscheinlich sind. Vielleicht macht auch das Ungewisse ein bisschen den Reiz aus.

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