Albert Schwanholz, der erste Darmstädter Heiner

Die Überschrift ist eigentlich Betrug. Albert Schwanholz war definitiv nicht der erste Heiner und auch nicht der Erste, der sich selbst als Darmstädter Heiner bezeichnete. Aber er ist der Erste, von dem wir wissen. Er stand 1872 vor Gericht, weil er – unter anderem – von einem Lehrjungen 2 Gulden erpresst hatte. Dabei hatte er ihm mit seiner „Qualität als ‚Darmstädter Heiner'“ gedroht.

Der Begriff Heiner hatte damals offensichtlich einen anderen Klang als heute. Man konnte Menschen damit Angst einjagen, trug ihn aber auch mit Stolz, vielleicht ein bisschen so wie wenn man heute Mitglied der Hells Angels ist. Auch die zweite bekannte Erwähnung des Heiner 4 Jahre später lässt auf Kleinkriminelle und Schlägertypen schließen.

Es dauerte weitere 10 Jahre, bis der Begriff seinen Schrecken verlor und langsam zu dem wurde, was er heute ist. Viel ist über die Bedeutung des Begriffs spekuliert worden (siehe auch hier), aber keine Erklärung ist wirklich zufriedenstellend.

Albert Schwanholz war also nicht der erste Heiner und er würde sich bestimmt sehr über mein Interesse an ihm wundern, dennoch hatte ich den verregneten Sonntag damit verbracht, einmal zu schauen, was ich über diesen Albert Schwanholz herausfinden konnte. Das war keine echte Recherche, ich habe dazu ja nicht mal das Haus verlassen, aber es ist doch interessant, was man anhand einiger weniger Daten über einen Menschen zumindest erahnen kann.

Dabei ist es gar nicht so einfach, über einen Menschen aus der Unterschicht des 19. Jahrhundert überhaupt irgendetwas herauszufinden. Tatsächlich gibt es gleich am Anfang einen großen Widerspruch, der infrage stellt, ob der in verschiedenen Quellen wiederholt nachweisbare Albert Schwanholz mit jenem Albert Schwanholz identisch ist, über den in einem Zeitungsartikel von 1872 erwähnt wird, dass er sich als „Darmstädter Heiner“ bezeichnet hatte. Das Alter stimmt nämlich nicht ganz überein.

Andererseits gab es damals noch keine Personalausweise und es war nicht so schwierig, sich ein wenig älter zu machen, als man war. Gründe dafür sind genug denkbar. Schwanholz war ein Waisenkind, vielleicht hat er sich früher mündig gemacht, um über sich selbst bestimmen zu können. Eine noch einfachere Erklärung wäre, dass die Altersangabe in der Zeitung schlicht ein Irrtum war. So was kommt auch heute noch vor.

Hinzu kommt, dass der Name Schwanholz in Darmstadt zu jener Zeit nicht allzu geläufig war. Dass dann zufällig zwei Albert Schwanholz‘ von ähnlichem Alter in der Darmstädter Altstadt gleichzeitig ansässig waren, ist zwar möglich, aber eher unwahrscheinlich. Ich zumindest gehe davon aus, dass es sich – trotz des Widerspruchs beim Alter – um dieselbe Person handelt. Mit Bestimmtheit sagen kann ich es aber nicht.

Geboren wurde er als Johann Albert Schwanholz am 21. September 1851, war demnach im Oktober 1872, als er vor Gericht stand, erst 21 Jahre alt und nicht 28, wie es der Zeitungsartikel angibt.

Seine Mutter starb bereits 1852. Wie aus der Sterbefallanzeige hervorgeht, war sie ledig. Außerdem hatte sie noch eine Tochter namens Johannette Georgine Schwanholz, die ungefähr ein Jahr älter als Albert war. Der Vater der Kinder scheint namentlich nicht bekannt gewesen zu sein. Auch bei Alberts erster Heirat 1871 ist nur seine Mutter dokumentiert.

Da kam mir eine neue Idee. Nach dem Tod seiner Mutter musste Albert unter Vormundschaft gestellt werden. Wäre der Vater ausfindig machbar gewesen, hätte man sicher ihn herangezogen. Folglich war Alberts Mutter nicht nur ledig, sondern es kannte auch niemand den Vater ihrer Kinder. In einigen der frühen Erwähnungen des Heiner wird noch unterschieden zwischen den Heinern und anderen Darmstädter Jungen. Könnte es ursprünglich also etwas mit der sozialen Herkunft zu tun haben? Waren Heiner vielleicht unehelich geborene Kinder, deren Vater nicht bekannt war, sei es, weil er sich nach einer kurzen Liebschaft aus dem Staub gemacht hat, sei es, weil er ein durchziehender Vagabund war, sei es, weil die Mutter Opfer einer Vergewaltigung wurde oder sei es, weil der Vater ein kurzzeitig in Darmstadt stationierter Soldat war.

Letzteres war ein großes Thema in jener Zeit. In Irland und Schottland, die im Gegensatz zu uns ihre musikalische Tradition aus jener Zeit besser pflegen, gibt es unzählige, auch heute noch viel gespielte Volkslieder aus dieser Zeit, deren Sinn es offenbar ist, junge Mädchen davor zu warnen, Liebschaften mit kurzzeitig in ihrem Ort stationierten Soldaten einzugehen. Und wem Irland und Schottland zu weit weg erscheint, der kann auch an den Tambourmajor in Woyzeck denken. Sein Name wird – wenn ich mich recht erinnere – niemals erwähnt. Das ist also dasselbe Erzählmotiv wie in den schottisch/irischen Volksliedern, auch wenn er bei Büchner natürlich einen anderen Zweck für die Erzählung hat.

Als Erklärung für den Heiner vielleicht ein bisschen zu weit hergeholt, aber es ist nachgewiesen, dass sich der Begriff zu Beginn schnell und deutlich in seiner Bedeutung wandelte, vom gewalttätigen Schlägertyp zum stolzen, der Mundart fähigen Ureinwohner Darmstadts. Vorerst würde ich nicht zu dieser Erklärung neigen, aber es ist etwas, das man im Hinterkopf behalten sollte, für den Fall, dass man über weitere Indizien stolpert.

Zurück zu Albert Schwanholz.

Am 27. November 1871, also knapp ein Jahr bevor er als Darmstädter Heiner in der Zeitung auftaucht, heiratet er Christiane Wagner. Ab diesem Jahr taucht er zudem im Darmstädter Adressbuch auf. Er wohnte in der Hinkelsgasse 1. Zudem erfahren wir aus dem Adressbuch, dass er von Beruf Fabrikarbeiter war.

Allzu glücklich scheint die Ehe nicht gewesen sein, denn 1876 findet sich im Adressbuch zusätzlich der Vermerk „Frau“, was wohl bedeutet, dass nur noch seine Frau dort wohnte, ab 1878 heißt es dann konkret: „geschiedene Ehefrau des abwesenden Fabrikarbeiters“.

Der Begriff abwesend macht neugierig. War er nach der Trennung von seiner Frau einfach nur unbekannt verzogen, in einer anderen Stadt oder – was angesichts seiner Vorgeschichte nicht weit hergeholt ist – vielleicht im Gefängnis?

Ab 1890 taucht er zusätzlich zu seiner geschiedenen Frau wieder in den Adressbüchern auf, erst in der großen Kaplaneigasse, dann in der Schloßgartenstraße, dann wieder zurück in der großen Kaplaneigasse, dann in der Heinheimer Straße und schließlich in der Alexanderstraße, wo er 1896 als „Handarbeiter“ bezeichnet wird. Ab 1897 verliert sich dann seine Spur. Vielleicht ist er aus Darmstadt weggezogen, wahrscheinlicher dürfte aber sein, dass er gestorben ist. Mit gerade mal 45 Jahren.

Albert hatte wieder geheiratet. Mit Maria Elisabethe Stein hatte er von 1889 bis 1896 vier Kinder. Etwas mysteriös und daher vielleicht wert, genauer recherchiert zu werden, ist zudem der Sterbeeintrag einer Margarethe Rühl, die am 01. Februar 1905 in Darmstadt verstorben ist. Als Ehepartner wird Albert Schwanholz angegeben. Sein jüngstes Kind wurde am 23. April 1896 geboren. Dieses hatte er noch mit Maria Elisabethe Stein. Wenn er wirklich 1896 gestorben ist, hätte er sich noch nach April scheiden lassen und neu heiraten müssen. Nur, um dann noch schnell zu sterben. Möglich, aber doch ein enges Zeitfenster. Also doch zwei Albert Schwanholz‘?

Zwei Indizien sprechen dafür, dass es sich in allen drei Fällen um dieselbe Person handelt. Der erstgeborene Sohn der Elisabethe Stein hieß Wilhelm mit Vornamen. Das war auch der Vorname von Johann Albert Schwanholz‘ Großvater. Da ihm seine männliche Abstammungslinie höchstwahrscheinlich unbekannt war, ist es durchaus naheliegend, dass er seinem erstgeborenen Sohn den Namen des Vaters seiner Mutter gab.

Und was Margarethe Rühl betrifft, so wird der Name ihres Vaters mit Georg Rühl angegeben. Und ein Georg Rühl war der Eigentümer des Hauses in der Hinkelsgasse 1, als Albert Schwanholz dort als junger Mann gemeldet war. Denkbar, dass Georg Rühl derjenige war, der die Vormundschaft des kleinen Albert übernommen hatte, nachdem dessen Mutter jung gestorben war.

Dann war Margarethe Rühl so etwas wie seine Stiefschwester und sie sind zusammen aufgewachsen. (Vielleicht war Georg Rühl aber nur zufällig der Vermieter von Albert gewesen. Das Maß an Spekulation ist hier natürlich extrem hoch.)

Man könnte jetzt also versuchen, so etwas wie ein Leben in der Darmstädter Altstadt im 19. Jahrhundert nachzuzeichnen.

Albert Schwanholz wird als uneheliches Kind mit unbekanntem Vater geboren. Seine Mutter stirbt wenige Monate nach seiner Geburt und obwohl er wohl aus einer eher recht bürgerlichen Familie stammte (sein bereits 1841 gestorbener Großvater war Collegienhauswärter), war der soziale Abstieg mit diesen Voraussetzungen im 19. Jahrhundert schwer zu verhindern. So ist es nicht verwunderlich, dass er in der beginnenden Industrialisierung das macht, was alle ohne großen Möglichkeiten tun, nämlich als Fabrikarbeiter anzuheuern.

Da da das Geld trotz aller Schufterei eher knapp ist, wird er zudem ein Kleinkrimineller und bedroht schon bald einen Lehrling mit den Worten: „Gib mir 2 Gulden oder du lernst meine Qualitäten als Darmstädter Heiner kennen.“

Er geht eine unglückliche Ehe ein, bevor ihm vielleicht seine kriminellen Neigungen zum Verhängnis werden und er für einige Jahre in den Knast einwandert. Seine Frau lässt sich derweil scheiden.

Wieder auf freiem Fuß heiratet er erneut und obwohl diese Ehe mit vier Kindern gesegnet ist, überschatten die finanziellen Schwierigkeiten, die auch dazu führen, dass sie in kaum einem Haus länger als ein paar Monate bleiben können, diese Ehe so sehr, dass sie schließlich scheitert.

Erst ganz am Ende seines Lebens, vielleicht schon unheilbar krank, schafft er es, seine Jugendliebe zu bitten, ihn zu heiraten. Etwas, das er sich sein ganzes Leben lang nicht getraut hatte, wegen dem Gerede der Leute, weil sie 10 Jahre älter als er war und außerdem wie eine große Schwester auf ihn aufgepasst hatte, als er noch klein war. 

Wie könnte man herausfinden, was davon wirklich zutrifft?

Einige Dinge sind sicher noch recherchierbar. Vielleicht ist herauszubekommen, wer die Vormundschaft für Albert Schwanholz übernahm, ob er zwischen 1876 und 1890 tatsächlich Insasse in irgendeinem Gefängnis war, was aus seiner älteren Schwester geworden ist, ob er wirklich 1896 gestorben ist (vielleicht gibt es eine Sterbenachricht?). Außerdem hatte er vier Kinder, vielleicht leben ja Nachfahren noch und haben noch Dokumente aus jener Zeit.

 

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