Überlegungen zur Wildhube

Das Dreieicher Weistum von 1338 erwähnt die im Wildbann Dreieich befindlichen Wildhuben. Von vielen dieser Wildhuben wird angenommen, dass sie die Keimzellen der Orte gewesen sind, die ihren Namen tragen, darunter auch Darmstadt, das nach einem Darmund benannt sein soll, der der erste Wildhübner des Ortes gewesen wäre. Die Wildhube soll am Standort des Schlosses gestanden haben. Damit wäre Darmstadt zur Versorgung der Wildhube entstanden. Gelegentlich ist auch zu lesen, dass die frühen Einwohner der südhessischen Orte Bedienstete der jeweiligen Wildhübner gewesen wären.

Ich halte diese Idee für nicht sehr überzeugend. Zu viele Dinge passen da nicht zusammen. Schon die uneinheitliche Benennung der Huben spricht eher dafür, dass diese Ortsnamen vor der Einrichtung der Huben existierten und die Huben nach den Orten benannt wurden, nicht umgekehrt. In Darmstadt wird die Wildhube als noch existierend erwähnt in einer Zeit, als am Standort des Schlosses bereits eine Wasserburg stand, also keine Wildhube.

Ich vermute den Standort der Wildhube eher in Kranichstein. 1399 wird dort das Einsiedel-Rod erwähnt, aus dem sich danach in knapp 200 Jahren das heutige Jagdschloss Kranichstein entwickelte. Im Gegensatz zum Darmstädter Schloss ist dadurch eine konstante Nutzung für den Jagdbetrieb, also der Hauptaufgabe der Wildhuben, zumindest bis ins 14. Jahrhundert zurück nachweisbar.

Zwei Dinge, die diese Auffassung stützen könnten, sind mir nun aufgefallen.

Beim Jagdschloss Kranichstein befindet sich der Backhausteich. Er wurde 1572 von Landgraf Georg I., der auch das Jagdschloss zu seiner heutigen Form ausbauen ließ, angelegt. Seinen Namen hat der Teich von einem Backhaus, das sich vermutlich in unmittelbarer Nähe befand. Ein Backhaus vor Ort zu haben, ist sicher praktisch, aber nicht zwingend notwendig, um einen Jagdhof zu betreiben. Was aber auffällt ist, dass ein Backhaus (neben sonst nur ganz wenigen Gebäuden) für die Wildhuben im Dreieicher Weistum zwingend vorgeschrieben wurde:

Auch deylent sye den sadelhoffen, die tzu den huben gehorent, das mann uff eynem iglich sadelhoffe sal finden eynen buwehoff, eyn backhuß, eyn schure vnd eyn hunthuß …

Etwas schwer verständlich. Da steht, dass sich auf den Huben ein buwehoff (=Wohnhaus), ein Backhaus, eine Scheuer und ein Hundehaus, also ein Zwinger, befinden muss. Sieht man sich dazu mal folgenden Ausschnitt einer Karte aus dem Jahr 1721 an, so stellt man fest, dass Scheuer und Zwinger vorhanden sind, darüber hinaus aber selbst zu dieser späten Zeit noch fast nichts (das Zeughaus beim Zwinger wurde im späten 17. Jahrhundert errichtet).

Kranichstein 1721

[Die Beschriftung ist auf dem Kopf, weil die Karte nach Süden ausgerichtet ist. Nebenbei bemerkt: ich habe die Karte bei Kristof Doffing gefunden (Link), der dankenswerter Weise jede Menge Karten in hoher Auflösung zur Verfügung stellt. Die offiziellen Archive scheinen von dieser Aufgabe überfordert zu sein und bieten meist nur Digitalisate in viel zu geringer Auflösung an, so dass die Beschriftungen oft nicht lesbar sind und das ganze Digitalisat damit größtenteils unbrauchbar. Eine völlig unverständliche Vorgehensweise. Als wenn es heute noch auf ein paar Megabyte Speicher ankäme!]

Ich habe diese Karte mit heutigen Satellitenaufnahmen (Google Earth) verglichen und anhand von nach wie vor vorhandenen Schneisen, Wegen, Straßen und Gebäuden versucht, die ursprüngliche Fläche des Einsiedel-Rod/Kranichsrod/Kranichstein zu rekonstruieren. Das ist natürlich ohne viele, viele Spekulationen nicht mehr möglich, da das Gelände bereits im 16. Jahrhundert schon allein durch die Anlage des Backhausteichs stark verändert worden ist. Außerdem können die ursprünglichen Grenzen des Geländes nur vermutet werden. Dennoch fällt auf, dass die meisten Varianten, die mir sinnvoll erschienen, auf eine Fläche von ca. 10 bis 12 Hektar hinauslaufen. Die Fränkische Landhufe, also eine der möglichen Einheiten, die als Vorgabe für die Größe der Wildhuben gedient haben könnte, betrug laut Wikipedia 11,968 Hektar.

Das ist natürlich noch meilenweit von der Spur eines Belegs entfernt, trotzdem fällt auf, dass beim Standort Kranichstein für die Wildhube vieles recht gut passt, beim Standort Darmstädter Schloss dagegen überhaupt nichts.

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8 Responses to Überlegungen zur Wildhube

  1. R.A. says:

    > Es wird angenommen, dass diese Wildhuben die Keimzellen der Orte gewesen sind,
    > die ihren Namen tragen …
    Woher kommt diese These?
    Für das zentrale Gebiet um Dreieich mag das stimmen, aber in der Wildhubenliste gibt es genug Orte (insbesondere Frankfurt, aber auch Offenbach, Vilbel und Langen), da ist das ziemlich unwahrscheinlich.

    > Gelegentlich ist auch zu lesen, dass die frühen Einwohner der südhessischen
    > Orte Bedienstete der jeweiligen Wildhübner gewesen wären.
    Auch da habe ich Glaubensprobleme.
    So eine Wildhube ist doch von der Konzeption her ziemlich autark. Da lebt der Hübner mit Familie und Knechten in seinem Gehöft – der Zuzug weiterer Personen ist weder nötig noch gewünscht. Die Hube liegt im oder am Bannwald, es gibt daher außer dem direkt anliegenden Garten keine Landwirtschaft.
    Irgendwelche Ansiedlungen (egal ob früher oder später entstanden) teilen sich vielleicht den Namen mit der Hube, werden in der Regel aber etwas Abstand halten (müssen).

    Die Zuordnung der Wildhube nach Kranichstein würde hervorragend passen.

    • Für das zentrale Gebiet um Dreieich mag das stimmen, aber in der Wildhubenliste gibt es genug Orte (insbesondere Frankfurt, aber auch Offenbach, Vilbel und Langen), da ist das ziemlich unwahrscheinlich.

      Ja, da war ich beim Schreiben ziemlich ungenau ;-). Richtiger wäre wohl gewesen zu schreiben, dass viele dieser Wildhuben die Keimzellen der Orte gewesen sein sollen, deren Namen sie tragen. Ich werde das mal noch korrigieren. Für Städte wie Frankfurt oder auch Trebur hat es meines Wissens tatsächlich nie jemand behauptet.

  2. dejot says:

    Hallo,
    ich finde das eine spannende Theorie. Gab es denn für die bisherige Annahme, das Schloss sei Nachfolger der Wildhube, überhaupt irgendwelche Hinweise, die konkret auf den Schlossstandort hingewiesen haben? Denn wenn die Wildhube in Kranichstein gewesen wäre, kann am Standort des Schlosses vor dem 14. Jahrhundert auch eventuell nichts gewesen sein, oder?
    Gruß, Daniel Jünger

    • Es gibt keine konkreten Hinweise für den Standort Schloss. Das ist ne Spekulation aus dem 19. Jahrhundert, die aus unerfindlichen Gründen bis heute „mitgeschleppt“ wird. Die Idee war, dass die Katzenelnbogener Grafen die Wildhube zu einer Wasserburg ausgebaut haben könnten. Einen konkreten Hinweis darauf gab es aber nie. Das Schloss hat im Herrenbau noch ein wenig der Bausubstanz des alten Palas der Burg, außerdem gibt es im Keller Überreste des Bergfrieds und unter der Erde liegen noch alte Mauerreste der ursprünglichen Burgmauer. Irgendwelche Indizien für eine Wildhube gibt es nicht. Es ist mir unverständlich, dass man an der Idee so lange festhält.

      Denn wenn die Wildhube in Kranichstein gewesen wäre, kann am Standort des Schlosses vor dem 14. Jahrhundert auch eventuell nichts gewesen sein, oder?

      Die Wasserburg, deren Ursprung das Schloss ist, wurde bereits im 13. Jahrhundert gebaut, aber ansonsten: ja, wahrscheinlich war vor dem 13. Jahrhundert an der Stelle nichts. Das Schloss steht in einer Senke des Darmbachs. Bei jedem stärkeren Regen hätte das Gelände unter Wasser gestanden. Erst mit dem Bau der Wasserburg macht der Standort Sinn, weil man da dann das hinabfließende Wasser des Darmbachs für den Burggraben nutzen konnte.

      • dejot says:

        Den Zusammenhang zwischen Wasserburg und Darmbachsenke sehe ich auch so. Wenn man eine Wasserburg – und das ist ja in unserer Region zunächst einmal wahrscheinlich eine Turmhügelburg mit Vorburg – bauen will und einen Standort entlang des Darmbaches sucht, dann ist dies eigentlich die einzige geeignete Stelle.
        Weiter bachaufwärts kommt zuerst das starke Gefälle des Baches und des Geländes, das die Herstellung eines Ringgrabens schwierig macht. Weiter östlich ist das Graben (Kies) unkomfortabler als in der sandigen Niederung, wo heute das Schloss steht. Auch könnte ein Angreifer bei einem Standort weiter östlich gerade wegen des Gefälles den Graben wohl relativ einfach trocken legen (Stauwehr öffnen – schneller Abfluss garantiert). Am ausgewählten Standort braucht es aber kein Aufstauen des Wassers, bis Griesheim hat der Darmbach ja äußerst wenig Gefälle, ein Trockenlegen des Burggrabens ist da nicht mehr so einfach.
        Und ein Standort weiter bachabwärts würde ja bedeuten, dann ziemlich im Feuchtgebiet zu sitzen. Die Nähe zur Bergstraße wird ja auch eine Rolle gespielt haben.
        Wenn aber der Standort des späteren Schlosses aus solchen technischen Überlegungen heraus gewählt wurde, dann kann das Schloss auch nicht Keimzelle des Ortes darmundestat sein, der ja schon vor 1330 erwähnt wurde und auch vermutlich zeitlich vor dem Burgenbau. Vielleicht verstärkt dies Ihre These zum Stadtnamen, wo Sie ja einen möglichen Zusammenhang mit der Erhebung östlich der heutigen Kernstadt sehen (Mathildenhöhe),denn nun muss der ursprüngliche Ort nicht mehr am Schloss, sondern kann auch woanders, z.B. östlicher gelegen haben.
        Es wäre dann denkbar, dass die Darmstädter Altstadt planmäßig an ihrem Ort angelegt wurde, der aus strategischen Gründen (Nähe zur Burg, Bergstraße, größere Nähe zu Bessungen) sinnvoll war. Die Katzenelnbogener haben ja auch andere Städte die sie gegründet haben, neben eine bestehende Siedlung platziert und nicht bestehende Siedlungen ausgebaut.
        Ich denke es gibt in der mittelalterlichen Geschichte von Darmstadt noch einige Vorstellungen, die, wie Sie so schön formuliert haben, mitgeschleppt wurden und die nicht unbedingt so richtig sein müssen. Deshalb finde ich es wichtig, Theorien wie Ihre zu der Wildhube und dem Stadtnamen aufzustellen und zu untermauern, um zu zeigen, dass die „mitgeschleppten“ Vorstellungen eigentlich ohne Nachweise stehen und nur deswegen überall zu lesen sind,weil die Theorie selbst halt schon so alt ist.

        • der ja schon vor 1330 erwähnt wurde und auch vermutlich zeitlich vor dem Burgenbau.

          Definitiv. Die Ersterwähnung wird auf die 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts datiert, die Burg entstand wie gesagt im 13. Jahrhundert.

          Was auch noch gegen die Wildhube spricht: das Gelände der Wasserburg war auch noch kleiner als das heutige Schlossgelände. Es war so eng, dass der Bergfried in die Burgmauer integriert war. Das dürfte kaum den Ansprüchen, die der König/Kaiser an einer Wildhube hatte, entsprochen haben.

  3. Kristof says:

    Schön, daß dir meine Karten helfen. Genau deshalb mache ich das 🙂
    Man kann übrigens auch direkt auf die Stelle in der Seite verlinken, ich habe bei den Überschriften entsprechende Textanker eingebaut. Zu dieser Karte z.B. : http://darmstadt.ykom.de/serverlocal/diys_static/hessen_sammlung_karten_ulb.html#KRANICHST1721__ID_30_8_2015_20_53_18_868

    Ich kann gerne versuchen, diese Karte interaktiv zu machen.

  4. Kristof says:

    Oh, ich sehe gerade: Das gibt’s schon, da habe ich mir wohl die Mühe gemacht und vergessen, es zu verlinken. Bitte schön:
    http://langen.ykom.de/cgi-bin/mapserver.pl?bm_11=osm&bm_31=terrain&bm_34=topo&bm_37=worldimg&owm_67=ykom_da1789um&owm_68=ykom_da1795&owm_70=ykom_da1798_umg&owm_72=ykom_da1807_umg&owm_75=ykom_da1820_umg&owm_134=ykom_da_1802_umgebung&owm_149=ykom_kranichstein1721&owm_150=ykom_la1800&om_17=ovadminbounds&om_26=ovsemitrans&om_27=ovtoner&t=Kranichstein&a=createmap
    Ebene „KRA 1721“ aktivieren.

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