Insel der glückselig Besorgten

Bei einer Infoveranstaltung zu der neuen Flüchtlingsunterkunft zwischen Sensfelderweg und Otto-Röhm-Straße sagte Oberbürgermeister Jochen Partsch, dass man Probleme nicht großreden solle: Link. Ein unspektakulärer Satz, der die Sache aber erstaunlich gut trifft, weil er die Mär der „besorgten Bürger“, man würde Probleme, die durch die Unterbringung von Flüchtlingen entstehen, ignorieren, dezent kritisiert. Nie hat jemand behauptet, dass es keine Probleme gibt. Wie könnte man auch? Aber die Probleme werden von den „besorgten Bürgern“ in einem Maße aufgebauscht, dass man sie schon als Projektionen sehen muss und nicht als tatsächliche Probleme.

Wer da einwendet, dass es ja zweifelsfrei eine ganze Reihe von Straftaten (darunter sogar Tötungsdelikte) unter Flüchtlingen gab, der übersieht, dass man bei jeder ausreichend großen Gruppe von Menschen entsprechende Beispiele findet. Durch die Medien gingen mehrere Mord- bzw. Totschlagsfälle, bei denen ein Ehemann seine Frau aufgrund einer wohl gescheiterten Beziehung getötet hat. Das allerdings gehört auch bei Deutschen zu den häufigsten Motiven bei Tötungsdelikten, wobei das in den Medien dann üblicherweise unter dem Begriff „Familiendrama“ verharmlost wird. Möchte man etwa nur, weil man Deutscher ist, für diese Fälle in Sippenhaft genommen werden, sich ständig dafür rechtfertigen oder gar von „besorgten Bürgern“ mit einem freundlichen „Wir wollen euch hier nicht haben“ empfangen werden, wenn man irgendwo – noch dazu nur vorübergehend – unterkommt? Warum verhält man sich dann Flüchtlingen gegenüber so? Wir sollten endlich begreifen, dass Menschen Individuen sind und keine homogene Gruppe, bei der jeder für das verantwortlich ist, was irgendwer anders gemacht hat. Nebenbei: die meisten Straftaten in diesem Zusammenhang dürften wohl die Angriffe auf Flüchtlingsheime sein. Das sehen aber scheinbar deutlich weniger „besorgte Bürger“ als Angriff auf unsere Werte.

Man kann selbstverständlich darüber diskutieren, ob die Unterkünfte beim Sensfelderweg die optimale Lösung sind, da gäbe es sicher auch noch Alternativen. Wenn man sich aber bei dem Artikel auf Echo-Online so einige Nutzer-Kommentare dazu durchliest, entstehen da Zweifel, dass es den Leuten wirklich um einen optimalen Umgang mit Flüchtlingen geht und nicht nur um ein grundloses „wollen wir hier nicht haben“. Da fallen z.B. so Begriffe wie die „Leitkultur“ des „Gastgeberlandes“, die man respektieren müsste. Der Begriff Leitkultur – ähnlich wie der Begriff „christlich-abendländische Kultur“ – ist letztendlich der Versuch, die Werte aufzuweichen, die man vorgibt schützen zu wollen, denn die Begriffe sind so schwammig, dass da jeder sein eigenes Bild von basteln kann, was das letztendlich ist. Eine ausreichende Definition unserer Werte haben wir allerdings: es sind die Grundrechte des Grundgesetzes. Nur gehört da eben auch das Asylrecht dazu. Man könnte also durchaus zu der Meinung gelangen, dass Menschen, die die „deutsche Leitkultur“ oder den „christlich-abendländischen Kulturkreis“ beschwören, eigentlich diejenigen sind, die unsere hart durch die Aufklärung erkämpften Werte infrage stellen. Der Schritt von der Frage: „Bist du Christ oder Muslim?“ zu „bist du die richtige oder die falsche Art von Christ?“ ist nicht sehr groß. Wenn also die CSU jetzt „christliche Flüchtlinge“ bevorzugen will, sind sie diejenigen, die unsere Werte infrage stellen und gefährden.

Aber bleiben wir bei den Kommentaren auf Echo-Online und dem Darmstadt-Bezug: da geht es an einer Stelle um die deutschen Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg und dass die damalige Integration ja angeblich was ganz anderes war. Den direkten Vergleich finde ich zwar auch etwas schwierig, aber die Begründung, warum das so anders war, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Grund wäre: es waren keine Afrikaner und keine Moslems. Das stimmt, aber wieso ist das von Relevanz? Die Erklärung ist bezeichnend: die Heimatvertriebenen haben Deutsch gesprochen und hart gearbeitet. Außerdem wäre es Sache der „nationalen Solidarität“ gewesen, diese Leute aufzunehmen, die durch Leistungswillen dem Sozialstaat nicht zur Last gefallen wären. Ach ja, und dann ist aus unerfindlichen Gründen auch ganz böse, dass die „afrikanischen Flüchtlinge“ als nächstes die „Familien-Zusammenführung machen“ würden.

Hier sieht man, dass da ein Deutschland der Vergangenheit imaginiert wird, das so nie existiert hat. Meine Großeltern mütterlicherseits stammten aus dem Sudetenland. Als meine Großmutter zusammen mit meiner Mutter, die da noch ein kleines Kind war, hier – zunächst im Odenwald – unterkam (mein Großvater war in Kriegsgefangenschaft), wollte sie hier niemand haben. Da war nichts von wegen „nationaler Solidarität“. Im Gegenteil, als Großvater aus Russland zurückkam, saß er zunächst in Berlin fest. Als meine Großmutter dann verzweifelt in Darmstadt versuchte, eine Reise für ihn hierher zu organisieren (also eine „Familienzusammenführung“ zu machen), wurde ihr vom zuständigen Beamten wörtlich gesagt, was sie denn hier überhaupt wolle und sie solle sich doch gefälligst zu ihm nach Berlin scheren, allein, in dieser Zeit und mit einem Kleinkind, nachdem sie gerade erst eine traumatische Flucht hinter sich hatten. So sah die „nationale Solidarität“ mit den Heimatvertriebenen wirklich aus.

Sehr interessant ist übrigens auch, dass sie aus einem ländlichen Raum stammte, in dem es bei Frauen üblich war, ein Bäuerinnenkopftuch zu tragen. Und wie wurden deshalb die hier in Darmstadt und Umgebung untergekommenen Sudetendeutschen genannt? „Kopftuchgeschwader“, ein Begriff, den man heute manchmal wieder hört, aber in Bezug auf Kopftuch tragende Muslima. Kollektivbeleidigungen aufgrund eines äußerlichen Erscheinungsbildes, das war die „nationale Solidarität“ nach dem Krieg.

Bliebe noch das „hart gearbeitet“. Oh, ja, das haben sie. Mein Großvater – gelernter Konditor – arbeitete, nachdem er dann am Ende doch hierherkommen konnte, weil die ihn in Berlin auch nicht haben wollten, als Gabelstaplerfahrer bei Merck. Meine Großmutter putzte für den Rest ihres Lebens bei einer reichen Chemikerfamilie. Lagerarbeiter und Putzfrau – also Berufe, wo heute wohl überdurchschnittlich viele Nichtdeutsche (bzw. Nichtdeutschstämmige), Flüchtlinge und im Falle der Putzfrauen kopftuchtragende Muslima arbeiten.

Das war die Realität damals. Sich irgendwas anderes herbei zu imaginieren, um gegen heutige Flüchtlinge zu hetzen, empfinde ich als Nachfahre von Heimatvertriebenen (auch väterlicherseits bin ich das ja eigentlich, allerdings liegt es da rund 300 Jahre zurück) unerträglich. Von daher: natürlich entstehen Probleme mit dem Zuzug von Flüchtlingen und darunter gibt es natürlich auch Leute, die Straftaten begehen werden, das hat nie jemand bestritten, aber wir können uns nicht davon abschotten, dass es Flüchtlinge gibt und dass es sie in stark schwankender Intensität immer geben wird. Es gibt keine Insel der Glückseligen in einer Welt voller Leid. Und es gehört zu unseren Werten, dass wir Flüchtlinge aufnehmen. Leute, die das infrage stellen, sind in Wahrheit diejenigen, die unsere Werte infrage stellen.

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5 Responses to Insel der glückselig Besorgten

  1. spbrunner says:

    Danke sehr. Auf den Punkt.

  2. Danke.

  3. rwadel says:

    Ich kann ihre Erfagrungen sozusagen von der anderen Seite her bestätigen: In meiner Heimatstatt Rastatt war bis in die 70er Jahre hinein ein zentrales Aufnahmelager für Vetriebene und Aussiedler. Diese Menschen waren nicht wohlgelitten! Es gab unglaublichen Neid, wenn sich Vetriebene am Ort niederließen, in Eigen- und Nachbarshilfe Siedlungshäuser bauten. Ein viel erzählter Witz: Warum rauchen die Vetriebenen alle HB? Weil HB heißt: Hier bin ich, hier bleibe ich, hier bau ich.
    Ähnliches passierte in den 90er Jahren mit den Rußlanddeutschen. Die Ablehnung war groß, die Zeitungen voll mit Berichten über Schlägereien und gewaltätigen Übergriffen, vor allem von Jugendlichen. Heute sind die Rußlanddeutschen die stärkste Wählergruppe der AfD. Sitzt man im Schlosspark wird man von einem alkoholisierten Rußlanddeutschen in gebrochenen Deutsch gefragt, warum es hier so viele Schwarze gibt. Auf der Straße hört man mehr russisch als badisch, Aber die neuen Flüchtlinge sind die Ausländer, die unbedingt verschwinden sollen. Mich packt manchmal die kalte Wut.

    • Ähnliches passierte in den 90er Jahren mit den Rußlanddeutschen

      Ja, das hatten wir in Süd III ja ähnlich. Die oft so gescholtenen Türken und Türkischstämmigen waren dort damals eigentlich gut integriert. Es gab eher so eine Art Lokalpatriotismus für das Quartier. Dann zogen die Russlanddeutschen da hin und legten eine seltsame Art von Patriotismus an den Tag, indem sie sich als frisch Eingereiste für deutscher hielten als die Leute, die schon seit Jahrzehnten oder länger in Deutschland lebten. Und plötzlich wurde alles problematisch. Die Russlanddeutschen schimpften auf die Türken, die Türken/Türkischstämmigen solidarisierten sich in der Folge dann untereinander, was wiederum zu einer Entfremdung gegenüber den Deutschen, mit denen sie vorher gut zusammenlebten, führte. Wenn wir jeden Menschen immer erst mal als Individuum sehen würden und nicht als Teil einer Gruppe oder Ethnie gäbe es viel weniger Probleme. Auch dann würden natürlich noch eine Menge Arschlöcher rumlaufen, in jeder sozialen Gruppe, aber es gäbe für die vernünftigen Leute viel weniger Gründe sich mit den Arschlöchern zu solidarisieren.

      • PS: passend dazu übrigens: http://taz.de/Russlanddeutsche-in-Berlin/!5335943/ Da wird auch die Doppelmoral der AfD sehr deutlich.

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