Geschichten, Anekdoten und Blödsinn

Dieser Beitrag ist eine entschärfte und versachlichte Version eines ursprünglich viel kürzeren Isch-wollt-misch-ma-e-bissi-uffräsche-Rant. Wenn man sich dann mal aufgeregt hat, ist es aber auch raus und man merkt schnell: naja, ganz so ist es dann doch nicht. Also habe ich es überarbeitet, versachlicht (nicht völlig), verlängert und gemerkt, dass die eigentliche Argumentation durch interne Verlinkungen ganz gut angesprochen wird, was ich so in diesem Blog selten mache.

Selektive Wahrnehmung

Was ich immer wieder bemerkenswert finde, ist, welche geschichtlichen Aspekte Darmstadts Beachtung finden und welche nicht.

Klar ist, dass Sehenswürdigkeiten die Aufmerksamkeit erhöhen. Allein, dass die Bauten auf der Mathildenhöhe da sind, erzeugt Interesse an der Geschichte dahinter. Geschichtliche Ereignisse, für die man erst mal lange Texte in oft wenig talentierten Erzählstil durcharbeiten muss, haben da natürlich deutlich schlechtere Karten.

Trotzdem ist es erstaunlich, welche Geschichten sich verbreiten, was Teil dessen wird, was abends in Kneipen Erwähnung findet, was man Besuchern erzählt, für Quizfragen dient oder bei Stadtführungen erwähnt wird. Und andererseits, welche Geschichten diese Aufmerksamkeit nicht bekommen.

Erzähltradition und Wiedererzählung

Die meisten Geschichten gehen nach wie vor auf die Heimatforschung des 19. Jahrhunderts zurück. Aus dieser Zeit stammt der Wildhübner Darimund, der überwiegende Teil archäologischer Funde inkl. Interpretation derselben und die ein oder andere Anekdote und Sage wie z.B. jene vom Teufel auf dem Herrgottsberg. Irgendwie auch der Heiner, aber das ist eine reichlich undurchsichtige Geschichte.

Entscheidend scheint mir allerdings zu sein, was davon in der Nachkriegszeit als „wiedererzählenswert“ erachtet wurde. Das merkt man auch daran, dass einige Geschichten in Varianten im Umlauf sind, wie sie erst nach dem Krieg aufkamen. Manch alte Texte wurden einfach wörtlich neu abgedruckt, andere zusammengefasst oder nacherzählt und dabei zum Teil stark verändert. So entfernte beispielsweise Fritz Deppert den triefenden Rassismus aus der Anekdote von einem rein hypothethischen Mordanschlag auf Landgraf Ludwig VIII, der die ursprüngliche Geschichte in nahezu jedem Satz in einem Maße durchzog, dass man sich dafür nur fremdschämen kann.

So löblich es sein mag, Rassismus nicht zu wiederzuholen, die Geschichte selbst gab danach keinerlei Sinn mehr. Entweder hätte man sie unverändert lassen und den Rassismus klar benennen sollen oder einfach die ganze Geschichte nicht mehr erzählen, da ihr Zweck ursprünglich einzig antiziganisch war. Es ging um kein tatsächliches historisches Ereignis.

Nationalsozialisten und Holocaustleugner

Viele Geschichten stammen nahezu ungefiltert aus dem „Darmstädter Antiquarius“ bzw. dessen überarbeiteten Fassung „Darmstadt wie es war und wie es geworden“ von Philipp Alexander Ferdinand Walther (1857 bzw. 1865), auch für 19. Jahrhundert-Verhältnisse eher eine Anekdoten-Schleuder als ein historisches Werk ohne klare Trennung zwischen historischen Fakten, Hörensagen, Mythen und politisch und ideologisch motivierten Interpretationen.

Bemerkenswert ist die stark unterschiedliche Breitenwirkung von Veröffentlichungen, auch wenn diese sich in ihrer Auflagenhöhe kaum unterschieden haben. Obwohl längst bessere Arbeiten existieren, wird beispielsweise bei der Brandnacht immer wieder Bezug genommen auf Aussagen des Holocaustleugners David Irving, ohne ihn jedoch selbst als Quelle zu nennen, was daran liegen dürfte, dass seine Behauptungen so oft abgeschrieben wurden, dass es gar nicht mehr als Einzelmeinung eines Geschichtsrevisionisten wahrgenommen wird, sondern als Fakt.

Beim Thema Ortsnamenforschung gehen viele Behauptungen auf den Nationalsozialisten Alfred Götze zurück. Und bei beiden muss man ausdrücklich betonen, dass sie nicht auch Holocaustleugner und auch Nationalsozialist waren, sondern dass ihre Ausführungen zum Thema durch ihre Ideologie stark beeinflusst wurden.

Wie sehr das nachwirkt, kann man an Arheilgen sehen, dessen Namen Götze auf den in Wahrheit nicht existierenden, angeblich germanischen bzw. alemannischen Personennamen Araheil zurückführte. Im Stadtlexikon steht diese Deutung zwar nicht mehr, dennoch wird die Gründung des Ortes ins 5./6. Jahrhundert datiert, wofür es überhaupt keine Hinweise gibt. Dass man das Ganze als „frühfränkische Zeit“ bezeichnet, obwohl frühestens ab 496 eine fränkische Oberherrschaft existierte und die Bevölkerung definitiv noch lange alemannisch war, ändert nichts daran, dass Götzes Deutung hier noch nachwirkt. Arheilgen ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vor dem 9. Jahrhundert entstanden.

Die Sehnsucht nach besseren Geschichten

Beim Thema Hexenverfolgung wird deutlich, wie wichtig die Breitenwirkung ist. Obwohl die Fälle von 1582 eine deutlich bessere Quellenlage haben, wird immer ein Fall aus dem Jahr 1586 herausgestellt, der nur sehr oberflächig dokumentiert ist. Grund hierfür dürfte sein, dass heimatkundliche Bücher den Fall bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erwähnen, der andere war bis in die 1960er vollkommen unbekannt.

Und das verstärkt sich dann mit jeder kleinen Veröffentlichung. Katja Behrens schlecht recherchierter, klischeehafter „Roman von einem Feld“ greift nur den Fall 1586 auf und musste dabei irgendwelche unhistorischen Anekdoten zusätzlich erfinden, weil der Fall selbst für eine kurze Erwähnung zu wenig hergab. Hätte Behrens sich nicht nur auf die verhältnismäßig weit verbreiteten, teils sehr fehlerhaften Veröffentlichungen beschränkt, hätte sie eine viel bessere Geschichte erzählen können.

Auf der anderen Seite ist oft gerade der Wunsch, eine bessere Geschichte zu erzählen, der Grund, weshalb die historische Wahrheit in den Hintergrund gerät. So griff Michael Kibler kürzlich die angebliche Totenmaske Shakespeares wieder auf, obwohl die Behauptung, dass diese authentisch wäre, hanebüchener Unsinn ist. Hier hat sicher das Stadtlexikon einen unrühmlichen Beitrag geleistet, werden da doch die unplausiblen Thesen von Hildegard Hammerschmid-Hummel zu dem Thema vollkommen unkritisch wiedergegeben, ohne zu erwähnen, dass die Fachwelt das zurecht für Blödsinn hält.

Unauslöschliche Altlasten

Auf der anderen Seite ist das Stadtlexikon oft auch überraschend wirkungslos. Dass die weit verbreitete Behauptung, die Ersterwähnung Arheilgens stamme aus dem Jahr 836 nicht haltbar ist, steht ausdrücklich in dem entsprechenden Artikel. Trotzdem liest man es nach wie vor an vielen Stellen, 2011 hat man allen Ernstes sogar 1175 Jahre Ersterwähnung gefeiert.

Auch der Wildhübner Darimund ist so ein Thema. Seit fast 200 Jahren wird er mitgeschleppt. Ob Darmstadt auf einen mythologischen Gründer mit Namen Darmund zurückgeht oder nicht, ist kompliziert, aber dass dieser Darmund Wildhübner im Wildbann Dreieich war, ist erstens Quatsch, zweitens Blödsinn und drittens Unfug. Es ist anachronistisch, verkennt die örtlichen Begebenheiten im Frühmittelalter und grundlegende Voraussetzungen für die Wildhuben im Wildbann Dreieich. Natürlich gab es Orte bei den Wildhuben mit gegenseitigen Abhängigkeiten. So was nennt man Infrastruktur. Aber diese Orte waren nicht die Wildhuben und die Wildhübner nicht Eigentümer dieser Orte.

Man wusste es im 19. Jahrhundert nicht besser und es gab gerade einen Germanen-Hype, daher kam die Idee auf, aber seither haben wir zwei Weltkriege verloren, zweimal die Demokratie eingeführt und viermal die Fußballweltmeisterschaft der Herren gewonnen. Ein Update könnte nicht schaden.

Die Wirkungskraft von Promis

Unabhängig von der Rezeption im 19. Jahrhundert sind ansonsten vor allem Themen, die überregional bekannte Persönlichkeiten betreffen, von größerem Interesse, auch wenn sie Darmstadt nur am Rande gestreift haben, vor allem die russische Verwandtschaft der Großherzöge. Während in Darmstadt selbst hauptsächlich die Russische Kapelle den Bezug herstellt, merke ich es hier an meinem Blog an dem Artikel über die Behauptung, Anastasia Romanowa hätte die Mordnacht überlebt, der zu den am häufigsten aufgerufenen Seiten dieses Blogs zählt (aktuell Platz 8).

Aber das ist eigentlich kein Thema aus der Darmstädter Stadtgeschichte. Wobei man auch hier sieht, dass der Wunsch, eine bessere Geschichte zu erzählen, die tatsächliche Geschichte häufig in den Hintergrund drängt, denn das Anastasia-Konstrukt ist natürlich auch Blödsinn. Und jetzt könnte man noch auf Johann Conrad Dippel eingehen, bei dem man sich fragen muss, ob vergessen zu werden, wirklich schlimmer gewesen wäre.

Häufig wurden auch Persönlichkeiten, die Darmstadt nur gestreift haben, umfassend vereinnahmt. Man denke beispielsweise an Matthias Claudius. Der hielt sich in Darmstadt nur ein Jahr auf und fand es hier ziemlich doof. Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, sein berühmtes Abendlied („Der Mond ist aufgegangen“) wäre des nächtens am Darmbach bzw. Landgraben entstanden.

Etwas bizarr mutet der Eintrag zu Buffalo Bill im Stadtlexikon an. Der Eintrag ist länger als beispielsweise der von Peter Behrens oder Ernst Elias Niebergall. Von jenen, die gar keinen eigenen Eintrag haben, ganz zu schweigen. Buffalo Bill scheint also eine enorm wichtige Person für Darmstadt zu sein. Warum? Keine Ahnung, offenbar, weil er hier mal in eine Zuschauermenge gewunken hat. Ein Wunder, dass keine Straße nach ihm benannt ist (und irgendwo auch Glück, denn wir dürften sie sonst sicher nicht umbenennen, weil irgendein Depp vor 100 Jahren das mal dufte fand).

Archäologische Funde

Archäologische Funde sind viel bedeutender als die viel häufiger genutzten schriftlichen Quellen, denn archäologische Funde sind etwas Objektives, schriftliche Quellen sind subjektiv und selektiv.

Das Stadtlexikon trägt dem Rechnung, indem es einen kompletten, verhältnismäßig umfangreichen Artikel „Archäologie in Darmstadt“ aufführt. Kurios ist dabei, dass dieser allein auf einem Aufsatz von Georg Wiesenthal aus dem Jahr 1953 basiert. Weitere Quellen wurden nur für allgemeine Bezüge der Fundlage in Hessen an sich, aber nicht konkret für Darmstadt genutzt.

Neuere Funde, wie die Menhiranlage auf der Scheftheimer Wiese, werden daher gar nicht erst erwähnt, obwohl sie sich bei der Erwähnung der Grabhügel westlich der Scheftheimer Wiese ja geradezu angeboten hätte. Übersehen haben kann man das nicht, denn dieselbe Autorin hat auch einen eigenen Artikel über die Anlage verfasst. Er besteht aus ganzen 5 Sätzen.

Erwähnt wird, dass die Anlage „bisher einmalig in Hessen“ ist. Warum dann kein größeres Interesse? Unzählige Werke behaupten immer noch, dass es die Megalithkultur bei uns gar nicht gab. Und da haben wir es vor der Haustür sozusagen in Stein gemeißelt, dass das nicht stimmt. Und keinen juckt’s! Uffwache, es gibt noch Dinge zu entdecken!

Die Macht der Täter

Ich bin vermutlich zu voreingenommen. Ich habe eine große Abneigung gegen unsere Landgrafen und Großherzöge, auch wenn ich der Meinung bin, dass diese Abneigung vielleicht unfair, aber gut begründet ist. Georg Büchner hin oder die Brandnacht her, ich kann mich nicht von dem Eindruck lösen, dass wir weit abseits jeder Verhältnismäßigkeit den Tätern gedenken und nicht den Opfern, ob das fassungslos machende Einzelschicksale wie das der Dorothea Daniel oder die ungezählten, ungenannten Opfer des Jahres 1635 sind. 

Die Macht, durch die diese Leute überhaupt erst zu Tätern werden konnten, wirkt immer noch nach. Sie sind lange tot, aber sie üben diese Macht immer noch aus, indem sie überlebensgroß in der Geschichte stehen. In unserer Erinnerungskultur unterdrücken sie immer noch ihre Opfer.

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5 Responses to Geschichten, Anekdoten und Blödsinn

  1. Max says:

    Im Eintrag zu Buffalo Bill steht, dass er an der Ecke Frankfurter/Pallaswiesenstraße aufgetreten wäre. Auf dem Bild ist da überall nur Brache. Sollte da nicht schon das Blumenthalviertel stehen? Das wurde doch schon früher gegründet, oder? Oder hat es so lange gedauert, bis alle Häuser gebaut waren?

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