Der Fall Dorothea Daniel

Hätte es 1602 in Darmstadt schon eine Boulevardzeitung gegeben, auf diesen Fall hätte sie sich wohl nur allzu begierig gestürzt. Ehebruch und Inzest bzw. „Blutschande“, wie man es damals nannte, eine Gruppe angesehener, älterer Bürger, die eine junge Frau zum Geschlechtsverkehr nötigen, dazu ein Ehemann, der seine gerade 19-jährige Frau aus unklaren Gründen anderen Männern zu eben diesem Geschlechtsverkehr „überlässt“, ah, da würde sich jeder Chefredakteur doch erfreut die Hände reiben und sich die tollsten Bindestrich-Wortkreationen als Spitznamen für die junge Frau ausdenken, das Ganze mit einem Ton der Empörung vorgetragen, gleichzeitig aber kein schmutziges Detail auslassend.

Doch die Geschichte ist bei naher Betrachtung das erschütternde Schicksal einer jungen Frau, die – ganz ähnlich den Opfern der 12 Jahre zuvor in Darmstadt zu Ende gegangenen Hexenprozessen – erst das Opfer kurioser Lebensumstände wurde, wie man sie höchstens in sehr abgelegenen kleinen Odenwalddörfern vermutet hätte, um dann anschließend noch einmal Opfer einer widersinnigen Justiz zu werden.

Mehr von diesem Beitrag lesen

Werbeanzeigen