Fahrendes Volk

Es dürfte so etwa 10 Jahre her sein, da hatte ich ein etwas kurioses Gespräch mit einem Roma, der sich selbst ausdrücklich als Zigeuner bezeichnete. Ich habe natürlich etwas verwundert nachgefragt und er hatte gleich zwei Erklärungen dafür parat.

Die erste bezog sich darauf, dass sich – anders als im übrigen Europa – in Deutschland nicht der Oberbegriff Roma allein, sondern die Doppelbezeichnung Sinti und Roma etabliert hat. Von manchen Roma wird diese Doppelbezeichnung als diskriminerend empfunden, da die Sinti streng genommen eine Untergruppe innerhalb der Roma sind und durch diese Herauslösung andere Untergruppen marginalisiert werden. Es kommt mittlerweile vereinzelt sogar vor, dass kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen dem Doppelkonstrukt Sinti & Roma und der Untergruppe Sinti. (es gibt aber auch Gruppen, die den Begriff Roma ablehnen und sich ebenfalls selbst Zigeuner nennen, dort sind die Ursachen aber andere)

Die zweite Erklärung hatte dagegen etwas Schelmisches. Wenn man sich selbst als Zigeuner bezeichnet, so sagte er, würde man am Gesicht des Gegenübers den Rassisten erkennen. Diese Leute gingen dann stolz durch die Welt mit der Behauptung: die bezeichnen sich doch selbst so. Und sie würden von der Begegnung mit ihm erzählen, wann immer sie irgendwer bei der Verwendung des Begriffs Zigeuner in Sinti und Roma korrigiert. Er glaubte offenbar, dass er damit den etablierten Begriff unterminieren würde. Er lehnte diese Doppelbezeichnung so leidenschaftlich ab, dass ihm sogar Zigeuner lieber war.

Wie gesagt, ein etwas kurioses Gespräch, aber jahrhundertelange Diskriminierung führt vielleicht manchmal zu einer eigenen Sicht der Dinge.

Eine „unchristliche Rotte falscher Wahrsager“

In Darmstadt tauchen sogenannte „Zigeuner“ lange Zeit nur sporadisch in den Dokumenten auf, meistens als Verurteilte oder in diskriminierenden Verordnungen, die die Roma nur als Stereotype darstellen. Landgraf Wilhelm II. verbietet 1502 den „zegevnern“ den Aufenthalt in Hessen. 1524 weist Landgraf Philipp seine Amtsleute an „Zegeuner odder Heyden“ nicht in ihrem Bezirk zuzulassen und auszuweisen. Dass er in den Folgejahren, vor allem 1539 und 1543, seine Anweisung noch einmal ausdrücklich wiederholen und präzisieren muss, ist jedoch auch ein Hinweis darauf, dass viele seiner Untertanen durchziehende Roma offenbar toleriert haben. Philipp dagegen beschuldigt die Roma „böser unchristlicher händel“ und „Falschem warsagen“ und dokumentiert damit nur seine Vorurteile, behauptet er doch, diesen Betrug würden sie „irer art nach“ begehen.

Vor allem ab Ende des 17. Jahrhunderts – mit der Regierungsübernahme durch Landgraf Ernst Ludwig – häufen sich Verordnungen gegen das „Zigeunerunwesen“. Alle paar Jahre wird ihre Ausweisung befohlen bzw. die Abweisung an den Stadttoren, was zweierlei beweist: zum einen die andauernde Diskriminierung aufgrund von Vorurteilen (Ernst Ludwig nennt sie „böse Rotte“), zum anderen aber auch die dauerhafte Anwesenheit von Roma.

Nicht alle scheinen ihnen feindlich gegenüber gestanden zu haben, denn Ernst Ludwig sah sich 1708 dazu veranlasst, jeden hart zu bestrafen, der Zigeunern Unterschlupf gewährte. Denunziation wurde dagegen belohnt. Man sieht, die Methoden, die später die Nazis anwandten, hatten eine lange Tradition.

Zum Abschuss freigegeben

Nach einer Reihe von Hinrichtungen erklärte Ernst Ludwig alle „Zigeuner“ 1734 gar für vogelfrei. Mehr noch, er erlaubte ausdrücklich:

Männer und Weiber oder erwachsene Kinder beyderley Geschlechts […] zu verfolgen und entweder todt zu schiessen oder gefänglich einzulieffern.

Die Belohnung dafür war nicht zu verachten. Man durfte sich den gesamten Besitz des „Zigeuners“ aneignen und erhielt für einen gefangenen Zigeuner 6, für einen toten immerhin noch 3 Reichstaler. Aus dem Zigeunerjagen konnte man ein Geschäft machen und sich den Lebensunterhalt damit verdienen.

Das Ganze hielt sogar Einzug in die örtliche Sagenwelt. Noch im 19. Jahrhundert erzählte man sich in Darmstadt eine durch und durch rassistische Legende von einem Mordanschlag einiger „Zigeuner“ auf Landgraf Ludwig VIII. Aus dieser Legende geht jedoch auch erstmals hervor, dass Roma offenbar in Darmstadt und Umgebung integriert wurden. Vorausgesetzt, sie gaben ihre traditionelle Lebensweise auf.

Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus

Auch die Aufklärung brachte nur geringfügige Verbesserungen für die Roma. Immerhin konnten sie nun Bürgerrechte erlangen, doch wer von ihnen an ihrer traditionellen Lebensweise festhielt, wurde nach wie vor verfolgt. Sowohl im Kaiserreich als auch in der Weimarer Republik galten sie durchweg als kriminell und asozial. Dass das großherzögliche Innenministerium während des 1. Weltkriegs befahl, „Zigeuner scharf zu überwachen“ und sie „in der Nähe von Militärbauten“ keineswegs zu dulden, belegt das nach wie vor große Misstrauen gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe. Warum sollten sie ausgerechnet von Militärbauten ferngehalten werden? Welchen Schaden hätten sie dort anrichten können?

Auch in der Weimarer Republik verbesserte sich die Lage kaum. Flächendeckend wurden die Fingerabdrücke von Roma erfasst, einfach nur, weil man sie alle für Asoziale und Verbrecher hielt.

Mit den Nürnberger Gesetzen setzten die Nazis 1935 die Roma mit den Juden nahezu gleich, was bedeutete, dass sie von nun an auch dieselben Repressalien erdulden mussten, Diskriminierung, Ausgrenzung, Heiratsverbot, Zwangssterilisation, Deportation und schließlich grausame Ermordung in Vernichtungslagern. Etwa 70 Darmstädter Roma wurden im sogenannten „Zigeunerlager Auschwitz„, einem Abschnitt des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, ermordet oder starben an den Folgen der unmenschlichen Haftbedingungen oder Mengeles Experimenten.

Der Begriff „Zigeuner“ war damals aber ganz unabhängig von der politischen Gesinnung extrem negativ besetzt. Das wird an einem Strafprozess aus dem Jahr 1940 deutlich. Damals musste sich ein 71-jähriger Eberstädter vor Gericht verantworten, weil er Adolf Hitler beleidigt hatte. Dabei bezeichnete er „das Dritte Reich“ auch als „Huren- und Zigeunerstaat“.

Nach dem Krieg

Angesichts dessen war es wohl wenig überraschend, dass die Diskriminierung der Roma auch nach dem Ende des Nazi-Terrors anhielt. Anders als gegenüber den Juden weigerte sich Hessen nach 1946 anzuerkennen, dass die Roma als Gesamtgruppe verfolgt worden waren. Jeder Roma musste eventuelle Ansprüche auf Entschädigung als Individuum geltend machen, angesichts der nach wie vor tiefsitzenden Vorurteilen und nicht selten auch gerichtlichen Gutachtern, die in der Nazi-Zeit selbst bei der Deportation von Roma geholfen hatten, ein eher schwieriges Unterfangen.

Erst in den 1970ern begann sich die Lage etwas zu bessern. In Deutschland und – zumindest zunächst – auch in Darmstadt. 1979 fand ein „Musikfest der Zigeuner“ auf dem Messplatz statt, eine musikalische Großveranstaltung, die ausdrücklich auch zum Abbau von Vorurteilen dienen sollte. Bei einem Empfang zur Eröffnung des Festes sagte der damalige Oberbürgermeister Heinz Winfried Sabais in Anspielung auf die Diskriminierung der Roma in früheren Jahrhunderten:

Wenn Sie wieder in diese Stadt kommen, wird Sie kein Gendarm an der Stadtgrenze abweisen.

Nichts überfordert einen Politiker mehr, als beim Wort genommen zu werden, und so reagierte man vollkommen hilflos, als kurz darauf tatsächlich etwa 50 Roma in Darmstadt sesshaft werden wollten. Gegenüber dem Spiegel hieß es von Seiten der Stadt, Sabais hätte mit seiner Bemerkung doch nur „durchreisende Zigeuner“ gemeint und – da wird es dann etwas bizarr – „nur Sinti, nicht die fremdländischen Roma“.

Erneute Vertreibung

Sabais und der Rest der Stadtverwaltung fanden keine Lösung für das Problem. Statt dessen bildeten sich Bürgerinitiativen, die ausdrücklich die Vertreibung der Roma forderten. Im Januar 1982 eskalierte die Situation, als eine Bombe an einem der drei Häuser, die die Roma mittlerweile bewohnten, explodierte. Nur durch Glück kam niemand zu Schaden. Der Täter wurde nie ermittelt.

Der neue Oberbürgermeister Günther Metzger nahm sich des Problems an und löste es auf eine Weise, die ihm schwere Vorwürfe, unter anderem auch von Nobelpreisträger Heinrich Böll, einbrachte. Während ein Teil der Roma auf einer Verkaufsreise waren, ließ er deren Haus einreißen, angeblich aufgrund von „Seuchengefahr“. Weil die Roma nun wieder obdachlos waren und unter menschenunwürdigen Zuständen nahe der Kläranlage leben mussten, konnte Metzger die Integration der Roma offiziell als gescheitert betrachten und sorgte in der Folgezeit mit Mitteln, die später vom Verwaltungsgericht Darmstadt als rechtswidrig bezeichnet wurden, dafür, dass ein Teil der Roma ausgewiesen wurde, woraufhin auch die übrigen kurz darauf den Ort, an dem sie offenbar – wieder einmal – nicht erwünscht waren, verließen.

Danach wurde es ruhig um die Roma in Darmstadt. Immerhin: 1997 schaffte man es zumindest ein Mahnmal für die Verfolgung der Sinti und Roma in nationalsozialistischer Zeit aufzustellen. Ansonsten aber sind Roma aus der öffentlichen Wahrnehmung in Darmstadt verschwunden.

 

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One Response to Fahrendes Volk

  1. rwadel says:

    Sabais und Günther Metzger: Beide hoch verehrt in dieser Stadt!

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