30 Jahre Vertreibung

Das Echo hat einen der vor 30 Jahren aus Darmstadt vertriebenen Roma gesprochen: „Niemand hat uns gewollt“

Auch eine Chronologie der Ereignisse gibt es: Darmstadt und die Roma – eine Chronik.

Ich bin keine 50 Meter von dem Haus in der Wormser Straße, bei dem damals der Sprengsatz losging, aufgewachsen. Obwohl ich noch ein kleines Kind war, kann ich mich bis heute noch gut an das „Zigeunerhaus“ erinnern und dass wir Kinder davor gewarnt wurden, dort hinzugehen. Der Effekt war natürlich, dass ich dadurch neugierig darauf wurde. Ich weiß auch noch sehr gut, dass ich das Gelände um das Haus sehr unordentlich fand, ansonsten habe ich mich aber schon damals gefragt, wo denn das Problem mit den Bewohnern sein soll, dass man Angst vor ihnen haben müsste. Die damaligen Ereignisse sind vermutlich Schlüsselereignisse meiner Kindheit. Ich bin 1977 geboren, war also wirklich noch zu jung, um irgendwelche Zusammenhänge zu verstehen, es vergingen auch viele Jahre, bis ich auch nur anfing, noch einmal darüber nachzudenken. Im Nachhinein glaube ich jedoch, dass es prägend war, sozusagen der erste Riss, den ich in der scheinheiligen Fassade des bürgerlichen Lebens wahrnahm.

In diesem Zusammenhang sei auch noch einmal auf meinen Blogeintrag vom 02. Juni 2012 verwiesen, in dem ich mich an einer kurzen Übersicht der gesamten Geschichte der Roma in Darmstadt versucht hatte: Fahrendes Volk.

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Fahrendes Volk

In Darmstadt tauchen Roma, Sinti, Jenische und ähnliche, abwertend als „Zigeuner“ bezeichnete Gruppen lange Zeit nur sporadisch in den Dokumenten auf, meistens als Verurteilte oder in diskriminierenden Verordnungen, die die Menschen nur als Stereotype darstellen. Landgraf Wilhelm II. verbietet 1502 den „zegevnern“ den Aufenthalt in Hessen. 1524 weist Landgraf Philipp seine Amtsleute an „Zegeuner odder Heyden“ nicht in ihrem Bezirk zuzulassen und auszuweisen. Dass er in den Folgejahren, vor allem 1539 und 1543, seine Anweisung noch einmal ausdrücklich wiederholen und präzisieren muss, ist jedoch auch ein Hinweis darauf, dass viele seiner Untertanen durchziehende Roma offenbar toleriert haben. Philipp dagegen beschuldigt die Roma „böser unchristlicher händel“ und „Falschem warsagen“ und dokumentiert damit nur seine Vorurteile, behauptet er doch, diesen Betrug würden sie „irer art nach“ begehen.

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