Ortsnamen

Über den Ortsnamen Darmstadt habe ich bereits in meinem Beitrag zur Entstehung des Ortes ausführlich berichtet (siehe hier: Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4), so dass ich mir das hier spare. Statt dessen möchte ich mich einmal mit ein paar Ortsnamen in unmittelbarer Umgebung beschäftigen.

Arheilgen

Arheilgen sollte eigentlich am einfachsten zu erklären sein. In der frühesten bekannten Schreibweise, Araheiligon, ist das Wort heilig sogar noch völlig unverschliffen vorhanden. Dennoch nahm man in dem denkfaulen Wahn, alle nicht sofort völlig verständliche Ortsnamen auf Personennamen fiktiver Ortsgründer zurückführen zu müssen, an, Arheilgen wäre von einem ominösen Araheil gegründet worden. Die Behauptung scheint auf den Altgermanisten Alfred Götze zurückzugehen, der von 1925 bis 1946 an der Universität Gießen lehrte. Götze war Anhänger des Nationalsozialismus.

Für Götze konnte der Name Arheilgen daher natürlich nichts mit heilig zu tun haben, das war ihm zu ungermanisch. Folglich erfand er den germanischen Ortsgründer Araheil. Was der Altgermanist, der laut Homepage der Universität Gießen zu den „führenden deutschen Lexikographen und Namensforschern“ gehört, dabei geflissentlich übersah, ist, dass es den Namen Araheil überhaupt nicht gegeben hat. Die Namensdeutung war also allein von seiner völkisch-nationalen Ideologie motiviert.

Bezeichnend für die Denkfaulheit in der Regionalforschung ist, dass dieser Quatsch nach dem Krieg zwar von seinem ideologischen Ballast gelöst wurde, aber dennoch viele Jahrzehnte lang die einzige Erklärung zum Ortsnamen blieb. Selbst der eigentlich seriöse Friedrich Battenberg schreibt noch 1980 stumpfsinnig Götzes Quatsch ab, als er über Arheilgen und Bessungen ausführt:

Bäuerliche Gehöfte der alemannischen Edlen Araheil und Bezzo dürften der Ausgangspunkt der beiden, sicher ins 5. Jahrhundert zu datierenden Siedlungen gewesen sein, deren Namen damit als „bei den Leuten des Araheil“ bzw. „bei den Leuten des Bezzo“ zu deuten sind.

Die Deutung der -ingen-Orte Südhessens als alemannische Gründungen geht vermutlich ebenfalls auf Götze zurück und ist ebenso Unsinn. Die dem zugrundeliegende Behauptung, Orte, die auf -ingen enden, gäbe es nur im alemannischen Siedlungsgebiet, ist schlicht falsch. Und dass die Datierung ins 5. Jahrhundert auch völlig unhaltbar ist, werden wir gleich noch sehen. Mittlerweile ist man von Araheil loskommen, so dass diese Hypothese von niemanden, der ernst zu nehmen ist, noch vertreten wird. Das hartnäckige Festhalten an Fehlern findet aber immer noch statt. So hatte Heinrich Tischner den Namen für einige Zeit als „zu den Botenheiligen“ gedeutet. Mittlerweile hat er das verworfen. Auf Wikipedia steht es trotzdem noch und zwar alternativlos.

Einwandfrei fest steht, dass das Glied „heilig“ in der ursprünglichen Schreibweise des Ortsnamens nichts anderes bedeutet, als was es auch heute noch bedeutet. Das Wort heilig kam erst mit den iro-schottischen Mönchen ab dem 7. Jahrhundert bei uns auf. Auffällig in diesem Zusammenhang ist, dass sich einer dieser Mönche, Kilian, im Wappen Arheilgens findet, das wiederum auf das Patrozinium der Arheilger Kirche zurückgeht (Ergänzung vom 29.06.2015: bei der Deutung des Wappens wird gelegentlich angezweifelt, dass es sich um Kilian handelt. Statt dessen soll es ein unidentifizierter Bischof sein). Da das Wort heilig das ältere wih/weih nicht sofort mit der Ankunft von ein paar Mönchen abgelöst haben wird und die Kilianverehrung erst durch Burkard Mitte des 8. Jahrhunderts begann, dürfte Arheilgen frühestens im späten 8. Jahrhundert gegründet worden sein, wahrscheinlich sogar erst im 9., denn vorher war Kilians Verehrung wohl sehr regional auf den Würzburger Raum beschränkt.

Bleibt die Frage, was die erste Silbe „ar“ bedeutet. Das ist rätselhaft. Prof. Helmut Castritius vertritt die Auffassung, dass es sich dabei ursprünglich um ein al- oder ala- gehandelt haben könnte, woraus sich dann für den Ortsnamen die Bedeutung „bei den Ganzheiligen“ ergebe. Er vermutet ein besonders heiliges, nicht überliefertes Geschehen an diesem Ort. Was sicher dafür spricht, ist die Wallfahrtskirche, die Landgraf Philipp der Großmütige irgendwann zwischen 1527 und 1535 im reformatorischen Eifer auflösen und einreißen ließ. Diese Kirche wird bereits 1412 als aufwendiger Bau beschrieben und besaß mindestens 5 Altäre. Das war ein Riesending von größter Bedeutung, zu dem es sicherlich enorme Pilgerströme gab, denn nur so war eine solch große Kirche an diesem Standort zu finanzieren. Der Name der Kirche „Unser Lieben Frauen“ lässt eine Marienerscheinung als jenes „heilige Ereignis“ vermuten, das der Ursprung des Ortsnamens ist. Der Ort könnte dann infolge der Pilgerströme entstanden sein, von denen er wohl eine Zeitlang gut lebte.

Bessungen

Bessungen wird üblicherweise auf die Gründung eines alemannischen Adligen namens Bezzo zurückgeführt. Das ist wohl halbwegs richtig. Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass es eine fränkische Gründung ist, da ähnliche Ortsnamen (z.B. Nieder- und Ober-Bessingen in der Nähe von Gießen) überwiegend im fränkischen Siedlungsgebiet zu finden sind, und auch archäologisch in Bessungen die Alemannen nicht nachweisbar sind, die Franken dagegen schon. Darüber hinaus dürfte es keinen Ortsgründer namens Bezzo gegeben haben, sondern die Bessinger (oder so ähnlich) dürften eine einflussreiche fränkische Sippe gewesen sein, die im Laufe der Zeit mehrere Orte gründeten. Vielleicht war es ursprünglich auch ein Kleinstamm, der in den Franken aufgegangen war.

Eberstadt

Eberstadt wird meistens auf den Personennamen Ebar oder Ebur, Kurzformen von Eberhard zurückgeführt. Man weist die Möglichkeit, dass es sich dabei um das Tier handeln könnte, mit einem klassischen Zirkelschluss zurück, indem man sowohl auf sämtliche, an Tiernamen erinnernde -stat-Orte hinweist, als auch auf die verschiedenen Eberstadts und Eberbachs, die es in anderen Gegenden noch gibt, die auch alle auf Personennamen zurückgehen sollen. Nur dass die deswegen auf einen Personennamen zurückgehen sollen, weil alle anderen, also auch unser Eberstadt auf einen Personennamen zurückgehen sollen. Es gibt keinen plausiblen Grund, die Möglichkeit, dass es sich hier um das Tier handelt, auszuschließen, zumal es nicht nur in Südhessen auffällig viele an Tiernamen erinnernde Orte, die auf -stat enden, gibt, sondern auch in der Wetterau, Orte, die von ihrer Verteilung zudem eher auf einen „staatlichen“, strategischen Hintergrund schließen lassen als auf eine Besiedlung von „Privatpersonen“, die langgestreckte Verteilung, die nur teilweise alten Straßen folgt, ist bei einer Besiedlung abseits eines strategischen Hintergrunds nicht plausibel.

Die -stat-Orte dürften daher von „staatlicher“ Seite aus geplant gewesen sein und damit auch zunächst Königsbesitz, was auch erklären würde, warum in Relation von den insgesamt eher seltenen -stat-Orten so viele später den beiden königlichen Bannforsten Dreieich und Forehari angehörten. Das wiederum macht eine Benennung nach kleinen Adligen unwahrscheinlich. Die Benennung fand dann eventuell nach Ortsmarken statt, in diesem Fall vielleicht ein großer Bestand von Wildschweinen.

Mir persönlich gefällt aber auch die Spekulation, dass es die Feldzeichen der an diesen Stellen stationierten militärischen Einheiten gewesen sein könnten, was zu dem wahrscheinlichen militärischen Hintergrund der Orte passen würde. Was den Zeitpunkt der Ortsgründung betrifft, so hängt das sehr von der nicht eindeutig beantwortbaren Frage ab, ob Eberstadt von den Alemannen oder den Franken gegründet worden ist. Erwähnt wird es erstmals 782. Damit dürfte der Zeitrahmen der Gründung zwischen dem späten 5. und dem frühen 8. Jahrhundert liegen, aber wohl eher früher als später.

Wixhausen

Wixhausen taucht als Wikkenhusen in einem Vergleich zwischen den Eberbacher Zisterziensermönchen und der Pfarrei Griesheim auf. Dort tritt ein „Berward von Wikkenhusen“ als Zeuge auf. Exakt datierbar ist dieser Vergleich nicht, er muss jedoch spätestens 1172 erfolgt sein. Auch die -hausen-Endung spricht für eine relativ späte Gründung, wahrscheinlich nicht vor dem 9. Jahrhundert. Gedeutet wird es häufig als „Häuser an einem Weiher“. Aber auch der Personenname Wigo wurde schon in Erwägung gezogen. Denkbar wäre außerdem eine sprachliche Verwandtschaft mit Weiler, ein Begriff, der auf das mittellateinische villare zurückgeht, das k könnte aus dem lateinischen vicus stammen.

Ebenfalls denkbar wäre eine Ableitung von wikka = winden, wenden, weichen. Der Weg von Arheilgen aus machte früher eine etwa 90 Grad Biegung, kurz bevor man Wixhausen erreichte, Wixhausen wären dann die Häuser hinter der Windung. Die Erklärung mit dem Weiher erscheint aber die plausibelste. So grausam können Ortsnamen sein, die Häuser am Weiher klingt irgendwie sympathischer als Wixhausen ;-).

Pfungstadt

Pfungstadt wird 785 erstmals als Phungestat erwähnt. Wie üblich ist auch hier ein Personenname, Pungo, die von Ortsnamenforschern bevorzugte Erklärung. Man ist schon ein wenig erstaunt, welch eine Vielfalt an Personennamen die Menschen im Frühmittelalter gehabt haben müssen. Viele dieser Namen sind aber nur über Rekonstruktionen aus Ortsnamen überliefert und daher eher fragwürdig. Wahrscheinlicher ist daher der ebenfalls des Öfteren geäußerte Zusammenhang mit dem althochdeutschen phung, das in Nebenformen auch als pfung und punga vorkommt, womit ein Beutel, auch ein Geldbeutel bezeichnet wurde. Vielleicht war Pfungstadt die Ansiedlung eines Kaufmanns?

Bislang nur von mir in die Runde geworfen, ist die Bachbunge. Hildegard von Bingen nannte sie Pungo. Ich bin kein Pflanzenexperte, aber Wikipedia bezeichnet die Bachbunge als Sumpfpflanze. Im Lorscher Codex ist bzgl. dem Hessischen Ried die Rede von trägen, morastigen und übel riechenden Wasserläufen, von schilfigem Röhricht und von Schlamm, den Pferde nur mühsam durchwaten könnten. Denkbar also, dass Pfungstadt an einem Ort gegründet wurde, an dem die Bachbunge auffällig verbreitet war. Zwar müsste man eine Pflanze in einem Ortsnamen als Kuriosum ansehen, andererseits wenn man alles, was man nicht vollständig versteht, zu einem Personennamen macht, sind ähnliche Ortsnamen vielleicht auch nur nicht bekannt, weil man sie falsch deutet.

Griesheim

Endlich mal eine ganz eindeutige Sache: das 1165 erstmals erwähnte Griesheim bedeutet schlicht Sandheim und heißt deshalb so, weil es an einer der in unserer Gegend häufigen Sanddünen liegt. Der Ort dürfte eine fränkische Gründung aus der Zeit nach der Unterwerfung der Alemannen sein, frühestens also aus dem 6. Jahrhundert stammen. Wahrscheinlich etwas später.

Weiterstadt

Weiterstadt wird 948 als Widerestat erwähnt. Auch hier wird gerne wieder ein Personenname bemüht, ein Wido, immerhin zumindest ein auch anderweitig nachgewiesener Name (verwandt mit Guido), soll den Ort gegründet haben. Der Ort würde dann heute aber wahrscheinlich eher Widenstadt oder Weidenstadt heißen, das geholperte Widere spricht schon sehr deutlich für das Tier. Weiterstadt hat also seinen Namen vermutlich vom Widder.

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4 Responses to Ortsnamen

  1. Wunderbar! Die Pungo-Geschichte habe ich nie geglaubt, und die Geldbörse kommt mir auch ziemlich dahergeraten vor.
    Wie bist Du auf die Hildegard-Buche gekommen? Pungo gegoogelt?

  2. Andreas Schierle says:

    Klasse, „Bachbunge ist endlich eine superbefriedigende Erklärung für Pfungstadt und nicht mal ganz Kuriosum, wenn man alle Rohrheims und Dornheims bedenkt. Vom Tierbezug und Befestigungscharakter vieler -stadt-Orte als Feldzeichen dortig stationierter militärischer Einheiten an bin ich auch überzeugt ( was ganz besonders ein Stierstadt erklärt).
    Andererseits kann man Bessungen vielleicht doch ein zeitgleiches alamannisches Alter zugestehen, da dafür wiederum die Lage an einer römischen Strassenkreuzung spricht, ganz gleich ob hier bis heute lediglich ein fränkisches Gräberfeld gefunden wurde. Der Schmeichelname Berzo/Bezzo, für Berold, Berulf, Ber(nh)ard, etc. war ein sehr häufig gebräuchlicher Germanenname (genauso wie etwa ein Immo, Betto, Henso, Eppo usw.), der auch mehreren Ortsnamen in Süddeutschland Pate stand. Aufgrund der weit auseinanderliegenden Verbreitung kann man daher einen Volksstamm oder zusammenhängenden Sippenverband ausschließen.

    Vielleicht könntest du auch mal einen Bericht über einstige, kurzzeitige Burgen wie etwa in Wixhausen oder Arheilgen bringen, auch wenn da ja wenig bekannt ist.
    LG

    • Andererseits kann man Bessungen vielleicht doch ein zeitgleiches alamannisches Alter zugestehen

      Kann man. Ich halte die Franken dennoch für wahrscheinlicher, auch wegen der Mittelpunktfunktion, die Bessungen noch im Hochmittelalter für die Gegend gehabt haben muss: der Name der damaligen Grafschaft, die hervorgehobene Bedeutung der Bessunger Kirche, die auffällig große Gemarkung des Dorfs, all das sieht für mich so aus, als hätte man den Ort mitten zwischen einige bereits bestehende alemannische Siedlungen gepflanzt, um diese kontrollieren zu können.

      Aufgrund der weit auseinanderliegenden Verbreitung kann man daher einen Volksstamm oder zusammenhängenden Sippenverband ausschließen.

      Die weit auseinanderliegende Verbreitung wäre dadurch erklärbar, dass ja gerade einflussreiche Sippen am ehesten Land in den neu eroberten Gebieten zugewiesen bekommen haben dürften, um das Gebiet mit zuverlässigen Leuten abzusichern. Und gerade bei kinderreichen Familien musste ja jeder auch sehen, wo er bleibt.

      Vielleicht könntest du auch mal einen Bericht über einstige, kurzzeitige Burgen wie etwa in Wixhausen oder Arheilgen bringen, auch wenn da ja wenig bekannt ist.

      Mal schaun, alles eine Frage von Zeit und Lust ;-). Die südhessische Burgenkette ist ein eher komplexes Thema und dazu nur mäßig erforscht. Die Machtstruktur zwischen den einzelnen Grundbesitzern zur Katzenelbogener Zeit ist etwas undurchsichtig.

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