Datterich gestern

War da jemand gestern zufällig dabei und weiß näheres?: http://www.echo-online.de/nachrichten/kunstundkultur/Demonstration-stoert-Datterich-Auffuehrung-in-Darmstadt;art1161,6296896
Wirkt auf mich etwas unkoordiniert.

Zumindest, was man eigentlich zum Ausdruck bringen wollte, sollte rüberkommen. Das einzige, was ich halbwegs zu erkennen glaube, ist ein Hinweis darauf, dass das Stück teilweise von Lokalprominenz gespielt wird, deren Biographie eher dem Gegenteil der Rollen, die sie verkörpern, entspricht. Aber dass auch Stücke, die im weitesten Sinne von der sozialen Unterschicht handeln (stimmt beim Datterich ja nicht mal 100%-ig), später von der Oberschicht zur Selbstbeweihräucherung vereinnahmt werden, ist ja ein eher gewöhnliches Phänomen. Die lokale Selbststilisierung eines Markwort finde ich auch eher was zum fremdschämen. Aber deswegen eine Theateraufführung zu unterbrechen? Wenn man stört, dann so, dass auch klar und nachvollziehbar wird, warum das geschieht. Sonst tut man dem Publikum, an das man das richtet, und dessen Fähigkeit zur Selbstreflektion auch gewaltig unrecht und sorgt dann erst recht dafür, dass man selbst nicht ernst genommen wird.

Update:

also, aus der weiteren Berichterstattung lässt sich erschließen, dass es wohl hauptsächlich darum ging, dass Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Springer, im Stück den Bennelbächer gespielt hat. Angesichts der Griechenland-Berichterstattung der BILD wurde es wohl als unpassend und zynisch empfunden, dass Döpfner in einem Stück über einen notorischen Schuldner mitspielt. Die Aktion war wohl sehr spontan und dementsprechend unbeholfen und undurchdacht wirkt sie auch. Ein inhaltlicher Vergleich zwischen Datterich und Griechenland, nur weil bei beidem irgendwo mal das Wort Schulden auftaucht, ist aber eher konfus und weit hergeholt und eigentlich sogar ein Eigentor, wenn man sich das Stück mal ganz genau ansieht.

Man könnte nämlich durchaus der Meinung sein, dass der Datterich an seiner Misere ein wenig selbst schuld ist – zumindest Bennelbächer ist im Stück dieser Meinung: „Ich for mei Dahl spiel net mer mit em: ma kann nor bei em valihrn. Mit seine poor Batze, wo er in seim brodkrimmelige Sack hot, will er Ahm des Geld erausluppern: wie er gewinnt, do werd’s vafresse un vasoffe, un Ahm sei Geld is aus dem Spiel. Valihrt er, do bleibt er’sch Ahm schullig un ‚mer krikt nix, un iwwadem bemohkelt er, daß mer’m net genug uf die Finger gucke kann. Mich soll er lahfe losse.“ – so gesehen war Döpfner vielleicht sogar die Idealbesetzung ;-).

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34 Responses to Datterich gestern

  1. spbrunner says:

    Mir ist der ganze Datterich-Hype zwei Nummern zu groß; ich habe bisher weder eine der Datterich-Aufführungen noch die „Schulden“-Geschichte gesehen (dazu hat Stefan Benz kürzlich geschrieben, und ich habe keinen Zweifel, dass er recht hat: http://www.echo-online.de/freizeit/kunstkultur/theater/schauspiel/Auftakt-der-Theaterserie-Schulden-im-Darmstaedter-Carree;art1090,6281089). Auch ein Vidoe-Schnipsel aus dem Zelt, den ich gesehen habe, wirkte befremdlich-bemüht und überhaupt nicht souverän. „Hamse’s nich ’ne Nummer kleiner“ ist ein Tucholsky-Merksatz, der gar nicht oft genug berücksichtigt werden kann. Und unter dieser Maxime ergibt sich die Kritik an dem Promi-Darsteller-Spektakel von ganz alleine.

    • Ich hab ja wirklich nix dagegen, seine Kritik an diesem Schaulaufen zum Ausdruck zu bringen, aber vor einer doch erheblichen Protestaktion wie dieser sollte man sich doch erst mal gründlich überlegen, was man damit erreichen will und wie man das wirklich erreicht, sonst ist das auch ein wenig selbstgefällig, nämlich ein Protestieren des Protestierens Willen, nicht um was zu ändern.

  2. Der „Datterich“ hat mich seit meiner Jigend begleitet, und ich hasb ihn mit nie nachlassender Freude x-mal gelesen. Mit Datterich-Zitaten wurde und wird auch niemand in meinem Umfeld verschont. Aber auch hier greift die Frage der Dosierung. Übermaß verursacht Überdruß. Daß leider seit Jahren die gesamte Darmstädter Prominenz sich dieses Stücks angenommen, es vereinnahmt und mehrmals durchgekaut hat, war wahrscheinlich kaum vermeidbar, hat das Renomé des Stücks aber nicht eben zum besseren befördert. Offenbach! Ich sag nur: Offenbach. Von da an ging’s bergab. Hättet besser Renneisens Walter beizeiten rangelassen!

    • Ich finde das Stück ja insgesamt ein wenig feige, wobei ich das Niebergall nicht wirklich vorwerfen kann, weil ich selbst wohl genauso feige gewesen wäre ;-).

      • Peter Edelmann says:

        Ob das „ein wenig feige“ nicht Teil des Erfolgsrezepts ist? Weil sich die „Heiner“ da tatsächlich bis heute wiedererkennen können, ohne daß etwas weh tut?

  3. Der Datterich-Hype hat in Darmstadt ja schon Tradition. Das Darmstädter Tagblatt hat zur Aufführung gestern, bereits heute Nacht online auch was veröffentlicht: http://darmstaedter-tagblatt.de/newsreader-kultur/Promi-Datterich-mit-Stoerfaktor-Darmstadt-2384.html

    • Dass die zweimal drauf hinweisen müssen, dass Harald Schmidt im Publikum war, was hat das denn für eine Relevanz? Soll das Klicks über Suchanfrage bei Newsreadern geben?

      • Das eine ist der Teaser / sozusagen der Anriss, die Zusammenfassung. Das andere der Artikel. Daher zweimal die Nennung.

      • spbrunner says:

        Dass Schmidt wegen der Promis und nicht wegen Niebergall anwesend war, sollte allen sowohl bzgl. Niebergall wie bzgl. Schmidt zu denken geben.

        • Ja. Das sagt viel über den Menschen Schmidt aus.

        • Hulda says:

          Und warum?

  4. Peter Edelmann says:

    Jetzt auch bei meedia
    http://meedia.de/2015/06/11/anti-bild-protestler-stoert-die-datterich-promi-auffuehrung-mit-mathias-doepfner-und-helmut-markwort/

  5. Carsten says:

    Ich fand es unmöglich, dass Döpfner als Verantwortlicher der ganzen BILD Hetze eingeladen wurde und bedauerlich, dass er Mitspieler gefunden hat.

    • Carsten says:

      Nachtrag: Ich kann zwar zur Protestaktion nichts sagen (war nicht dabei) – aber ich finde es besser, es gib einen schlecht artikulierten Widerspruch als gar keinen Widerspruch. Und würde nicht die kritisieren die wenigstens etwas tun, sondern mich fragen, warum ICH es nicht besser gemacht habe.

      • Ich hab überhaupt keine Veranlassung irgendwas „besser“ zu machen. Wenn Döpfner oder wer auch immer den Datterich aufführen will, soll er das tun. Wer bin ich denn, dagegen was unternehmen zu wollen, nur weil ich die Aufführung irgendwie peinlich finde?

        • spbrunner says:

          Wie Carsten finde ich auch, dass es Grund genug gibt, gegen Döpfner auf der Bühne im „Datterich“ zu protestieren. Wie Carsten bedaure ich, dass ich darüber nicht früher nachgedacht habe.

          • Könnte man jetzt aber auch Tucholsky zitieren 😉

            • Carsten says:

              Sehr gerne: aus; „Preußische Presse“
              ——————————–
              Deutschland! hast du eine Lammsgeduld!
              Läßt dir heute nach diesem allen
              Frechheit von Metzgergesellen gefallen?
              Lern ihre eiserne Energie!
              Die vergessen nie.
              Die setzen ihren verdammten Willen
              durch – im lauten und im stillen
              Kampf, und sie denken nur an sich.
              Deutschland! wach auf und besinne dich!

              Nur einen Feind hast du deines Geschlechts!
              Der Feind steht rechts!
              ——————————–

              Der ganze Text (falls nicht bekannt); http://www.textlog.de/tucholsky-presse-preussen.html

              Oder vielleicht lieber Büchner

              „Ein einziger Aufwiegler taugt manchmal mehr als alle Abwiegler zusammen.“

              „Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen.“

              Mehr:
              http://neunmalsechs.blogsport.eu/2013/buchner-zitate/

        • Carsten says:

          Nicht die Qualität der Aufführung (oder andere Peinlichkeiten) sind hier dass Problem, sondern die Doppelmoral, mit der Herr Döpfner Millionen damit verdient, eine Publikation herauszugeben, die Tag ein Tag aus gegen „die Griechen“ wegen Schulden hetzt, die ihre Oberschicht gemacht hat, und sich dann als Promi in einem Theaterstück feiern lässt, dass einen Schnorrer zum Helden erhebt.
          Ich halte es für legitim dagegen aufzustehen.

          • Man kann sich auch in was reinsteigern. Ich finde es etwas befremdlich, Leuten vorschreiben zu wollen, in welchen Theaterstücken sie mitwirken dürfen und in welchen nicht.

  6. Hulda says:

    Meine Tante sah gestern Abend das Stück und hat überhaupt nicht verstanden, was da los war. So funktioniert Kritik dann irgendwie nicht…

  7. Peter Edelmann says:

    Bevor isch misch offresch, ess mers liewer egal.

  8. Inzwischen ist im Internet ein Video-Mitschnitt aufgetaucht, den das Tagblatt in seinen Artikel eingefügt hat: ( Video.

    • Wie schön, daß man bei Beidem nicht dabei sein musste.

  9. spbrunner says:

    Ich hab mir jetzt das Video (https://youtu.be/r-UcOE4nwYM) angesehn und bin ganz einverstanden damit, das unübersehbar saturierte Publikum und die honorigen Akteure mit dem Satz:

    „Sie haben nicht das Recht, den Datterich zu spielen,
    denn sie wissen nicht, wie es ist, ein Datterich zu sein”

    zu konfrontieren.

    Und das am Ende Markword sagt: „Das ist eine Demonstration gewesen, die uns nicht erschrecken kann” wird hoffentlich nicht als Aufforderung zum Handeln verstanden.

    Jedenfalls ist mir die Annährung an Niebergall, die die Demonstranten versuchten, wesentlich näher und sympathischer als die Hofschranzen-Aufführung.

  10. rwadel says:

    „Sie haben nicht das Recht, den Datterich zu spielen,
    denn sie wissen nicht, wie es ist, ein Datterich zu sein”
    könnte darauf hinauslaufen, vor einer Inszenierung erstmal die Schauspieler zu scannen, ob sie auch wirklich der zu spielenden Rolle biographisch entsprechen. Wer spielt im Faust dann den Mephisto?
    Ich dachte immer, Rolle und Schauspieler sind was Verschiedenes. Döpfner kann man mit Recht zu Vielem kritisieren, aber dass er in einem Theaterstück mitspielt?
    Shakespeare: „Viel Lärm um nichts“.

    • Peter Edelmann says:

      so isses.

      • spbrunner says:

        Nein, so isses nicht. Das war nicht irgendweine gewöhnliche Theaterinszenierung mit professionellen Schauspielerinnen, (für die Ihr Recht hättet). Das war eine Selbstinszenierung vor einem Publikum, das an den Akteuren und der eigenen Inszenierung mehr interessiert war als am Stück und seiner Aussage. Daher geht hier jede Kritik, die die Veranstaltung behandelt wie ein gewöhnliches Theaterstück, ganz irre. Und Akteure und Publikum sind bei der stattgehabten Störung ganz schön gut weggekommen.

        • In diesem Fall, lieber Peter Brunner, wäre es besser gewesen, den Ausbruch der Pest in Darmstadt zu verkünden. Das im Theater versammelte bessere Volk hätte sicherlich sofort die Türen des großen Saals von innen verrammelt, um sich vor dem hochinfektiösen Plebs da draußen zu schützen. Irgendwann, in angemessenem Zeitraum, hätte man die Türen von außen wieder geöffnet. Oder auch nicht.

        • Ich glaube keiner von denen auf der Bühne, ob nun Döpfner, Markwort oder wer auch immer, hat den eigenen Auftritt auch nur annähernd so politisch gesehen, zumal es ja ein völlig unpolitisches Stück ist. Das Ding ist ein ziemlich banales Volksstück, das vergessen wir wegen dem regionalen Bezug, den wir haben, und weil es eine Handvoll schöner Zitate hat, gerne mal. So was passt zu so Leuten schon irgendwie. Ich habe auch Schwierigkeiten mit der Aussage, dass das Stück einen Schnorrer zum Helden erheben würde. Der Datterich ist ein klassischer Antiheld. Das reale Vorbild (wie hieß er gleich?) soll Niebergall angeblich sogar Prügel dafür angedroht haben. Wenn die jetzt Dantons Tod aufgeführt hätten (wobei sie auch dazu das Recht gehabt hätten), könnte ich die Kritik ja irgendwie nachvollziehen, aber beim Datterich? Wirklich nicht.

          • So hatte ich das in einer Fatzkenbuch-Debatte formuliert: Mir als Landei ist das alles a bisserl überinterpretiert. Kleinbürger auf verschiedenen Stufen des Alltagswahnsinns unter sich, auf divergierenden Stufen des vermeintlichen Aufstiegs oder schlecht getarntem Verfalls. Anarchisten kommen meines Erachtens keine vor, denn dazu fehlt jede Bewußtheit. Man richtet sich ein, so gut man eben kann (oder halt auch nicht kann) und lebt irgendwie miteinander. Datterich selbst wurde ja bekanntlich nach seiner Saufphase wieder ein angesehens Mitglied dieser Kleinbürgergesellschaft. Für mich ein amüsantes Sittenbild aus dem Mief einer Gernegroßstadt, deren Insassen sich über ferne Dinge erregen, von denen sie nun wirklich keine Ahnung haben (Dummbach) oder im täglichen Kleinkrieg jeder gegen jeden durchzukommen suchen. Nicht zu Unrecht DAS Theaterstück Darmstadts.

            • Im Großen und Ganzen zutreffend. Dummbach dürfte aber vor allem deswegen nur über ferne Dinge reden, weil Niebergall Angst vor der Zensur hatte. Dummbachs Ausführungen scheinen eine Art Best-Of dessen zu sein, was Niebergall in Kneipen zu hören bekommen hat. Da wird aber sicher auch jede Menge Innenpolitisches dabei gewesen sein. Das hat er wohl nur weggelassen.

  11. Carsten says:

    Habe nun auch dazu bebloggt und dich erwähnt, Jörg, deshalb zu deiner (und aller) Info:
    http://neunmalsechs.blogsport.eu/2015/drama-in-drei-akten-wenn-der-doepfner-in-darmstadt-den-datterich/

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