Das Lager am Kavalleriesand

Da ich nach wie vor wenig Ideen habe, was ich mit dem Blog machen soll, habe ich mich entschlossen, nach und nach die Texte aus meinem alten Blog, die Themen behandelt haben, die ich hier noch nicht wieder erwähnt habe, auszugraben und neu zu veröffentlichen (bei Bedarf auch noch mal überarbeitet). Hier ist der erste davon. Die anderen folgen in unregelmäßigen Abständen, je nachdem wie ich grade Zeit dafür finde.

 

Unmittelbar nach der Besetzung der Stadt waren auf dem ehemaligen Militärgelände Am Kavalleriesand teilweise mehr als 22.000 Gefangene in einem Internierungslager untergebracht, dem Civil Internment Enclosure 91. Natürlich kamen bei Weitem nicht alle aus Darmstadt. Tatsächlich waren hier nach der Auflösung verschiedener kleinerer Lager alle hessischen Gefangenen untergebracht, darunter auch Philipp Prinz von Hessen, Großvater des heutigen Chefs des Hauses Hessen Donatus Prinz von Hessen, Otto Skorzeny, der 1943 an der Befreiung Mussolinis beteiligt war, und Konrad Goebbels, der Bruder von Joseph Goebbels.

Knapp zwei Drittel der Gefangenen lebten in Zelten, der Rest in Steinhäusern oder Holzhütten. Das Lagerleben durften sie im Großen und Ganzen selbst organisieren. Sie wählten aus ihrer Mitte Gemeindeälteste, einen Gemeinderat, einen Bürgermeister und sogar einen Oberbürgermeister, der dieses Amt mit aller Ernsthaftigkeit ausübte. Ribbentrops Fotograf unterhielt im Lager ein Aufnahmeatelier. In einem Pferdestall hatte man ein Theater eingerichtet, die oft gut ausgebildeten Insassen hielten für ihre Mitgefangenen sprachliche, ökonomische und physikalische Vorträge. Im April 1947 waren für dann immerhin noch 11.600 Internierte 26 Ärzte vorhanden. Das Lager war eine eigene Stadt.

Und besser versorgt als das eigentliche Darmstadt. In den Hungerjahren erhielten die Gefangenen deutlich größere Essensrationen als die sich in Freiheit befindlichen Bürger. Dies sorgte für Protest und Arbeitsverweigerung. Oberbürgermeister Ludwig Metzger trat dem mit einer Zwangsverordnung entgegen: jeder männliche Einwohner zwischen 16 und 60 Jahren, der nicht kriegsversehrt oder im Baugewerbe tätig war, musste einmal im Monat bei Aufräumarbeiten helfen. Wer das nicht tat, erhielt keine Lebensmittelkarten und damit folglich kein Essen!

Auch dagegen entstand Protest. Man wies verständlicherweise darauf hin, dass die internierten Nazis besser versorgt waren und mehr zu Essen bekamen, dafür aber in ihrem Lager nur Däumchen drehten. Hinzu kam zumindest der Eindruck einiger, dass auch die in Freiheit befindlichen ehemaligen Nationalsozialisten sich mithilfe guter Beziehungen in der Stadtverwaltung auffällig oft vor der Arbeit drücken konnten. Metzger wies die Kritik zurück. In seiner Autobiographie stellte er seine damaligen Kritiker als Drückeberger dar, die sich nur zu fein für schmutzige Arbeit waren. Die hessische Landesregierung sah dies aber offenbar anders, sie erklärte den Entzug der Lebensmittelkarten für ungesetzlich und wies den Juristen Metzger an, dies rückgängig zu machen.

Ein wenig bizarr wirkt die Tatsache, dass die Ex-Nazis im Lager am Kavalleriesand eine Art autonomen Nationalsozialismus im Kleinen aufführten, auch wenn es wohl eher Züge einer Farce hatte. Ehemalige Gestapo- und SS-Leute trugen weiße Armbinden mit den Buchstaben OD für Ordnungsdienst und waren innerhalb des Lagers für die Einhaltung der Ordnung zuständig, sogar die Kontrolle der Besucher unterlag ihrem Aufgabenbereich. Da versteht es sich, dass es eine Leichtigkeit war, einen Gefangenen heraus zu schmuggeln. So konnte auch Otto Skorzeny am 27. Juli 1948 fliehen. Zunächst floh er durch mehrere Länder, führte dann ab den 1950ern in Spanien ein unbehelligtes Leben im Wohlstand und blieb dabei ein überzeugter Nationalsozialist. Er war eine wichtige Figur des spanischen Rechtsextremismus der 1950er, 1960er und bis zu seinem Tod 1975 auch der 70er-Jahre. Unter anderem war er an der Gründung der CEDADE beteiligt, einer einflussreichen Neonazi-Organisation, die Geschichtsrevisionismus (vor allem die Leugnung des Holocausts) betrieb und nationalsozialistische Propaganda verbreitete.

Die meisten blieben dennoch, weil sie sich vom Entnazifizierungsprozess erhofften, nach der Gefangenschaft wieder in ihre alten Berufe zurückkehren zu können. Bei den meisten war das auch der Fall. Nur 179 wurden in die Kategorie 1, „Hauptschuldige“, und damit als Kriegsverbrecher eingestuft. Etwa 1.500 in die Kategorie 2, die – wie im Fall des Goebbelsbruders – mehrere Jahre Haft zufolge haben konnte. Das ist eine erstaunlich geringe Zahl angesichts der Tatsache, dass nur wenige Reue zeigten. Viele sprachen davon, dass sie ihrer Familie zuliebe vor der Spruchkammer „zu Kreuze kriechen“ wollten. Andere zeigten sich gänzlich uneinsichtig und sprachen auch Jahre nach dem Krieg noch davon, dass 70% der KZ-Häftlinge bloß „faule Elemente, denen man das Arbeiten beibringen wollte“ gewesen seien, und verklärten das KZ als eine Art Sanatorium.

Im Herbst 1948 wurde das Lager aufgelöst. Die Entnazifizierungsprozesse waren abgehandelt, die meisten Nationalsozialisten wieder in die neue Republik integriert. Der Mantel des Schweigens fiel über ihre Verbrechen.

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