Die irren Herrscher von Darmstadt (eine polemische Übersicht)

Manchmal ist es bemerkenswert, über welche Kleinigkeiten man sich immer wieder ärgern kann. Das harmlose Wörtchen „Zeithintergrund“ beispielsweise. Man müsse den Zeithintergrund beachten, das ist das immer wieder gebrachte Totschlagargument, wenn man auf Unmenschlichkeiten und Verbrechen von historischen Persönlichkeiten hinweist, auch dann wenn sich die Historikergemeinde dazu entschlossen hat, dass das „große Persönlichkeiten“ sind. Antisemitische Predigten Martin Luthers oder sein Aufruf Hexen zu verbrennen? „Das muss man vor dem Zeithintergrund sehen“. Das Blutgericht von Verden, bei dem Karl der Große der Überlieferung nach 4.500 Sachsen abschlachten ließ? Auch wenn die überlieferte Opferzahl wohl weit übertrieben wurde (man geht heute von vielleicht einem Zehntel dieser Zahl aus), es war trotzdem Massenmord! Gleichwohl wird Karl der Große in modernen Geschichtsdokumentationen als vorbildlicher Herrscher dargestellt, der ein Weltreich schuf, das wahlweise – je nach politischer Botschaft – entweder die Wurzel Deutschlands oder Europas war.

Obwohl wir in unserer heutigen Gesellschaft solch irrationale Auswüchse brutaler Gewalt zutiefst ablehnen, hat man den Eindruck, als rufe gerade diese unmenschliche Skrupellosigkeit gegenüber seinen Feinden eine gewisse Faszination hervor, so als wären es die Kanten und Risse von dem Idealbild eines „guten Herrschers“, die die Person erst „echt“ und respektabel im Auge des Betrachters machen. Das kommt daher, dass das meiste, was wir über historische Persönlichkeiten erzählt bekommen, nicht Geschichte ist, sondern Geschichten.

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Der Hainumstreit und die Entstehung der Fasanerie

Irgendwann zum Jahreswechsel 1648/49 ließ die Landgräfin Sophie Eleonore im Stadtwald 15 Bäume fällen und Teile des Waldes mit dem fürstlichen Waldzeichen markieren. Sie wollte dort einen Tiergarten einrichten. Das Ganze kam einer Enteignung gleich, denn der Stadtwald gehörte (wie der Name schon sagt) der Stadt. Der Stadtrat war entsprechend empört und die Bürgerschaft regelrecht entsetzt. Man muss bedenken: der 30-jährige Krieg, der die Landgrafschaft wie kein Ereignis zuvor oder danach an den Rand des Ruins und der totalen Auslöschung gebracht hatte, war erst seit wenigen Monaten beendet und die Ressourcen, die der Wald hergab, wurden dringend benötigt. Auch das Vieh weidete in den Lichtungen. Darauf zu verzichten, nur weil die Landgräfin sich einen Tiergarten für ihre Mußestunden leisten wollte, kam für die Stadt nicht in Frage.

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Der Brief Simon Leisrings an Landgraf Georg II.

Einer der wenigen ungeschönten Augenzeugenberichte aus dem Darmstadt des 17. Jahrhunderts ist der verzweifelte Hilferuf des damaligen Superintendenten Simon Leisring, den dieser am 19. Februar 1635 an den damals regierenden Landgrafen Georg II. schickte, der sich aufgrund des 30-jährigen Krieges mit seinem Hof und seinem Verwaltungsapparat im deutlich besser geschützten Gießen verschanzt hatte.

Es ist ein bestürzend eindringliches Dokument, macht es doch die Schrecken des 30-jährigen Krieges deutlich, fernab der überhöhten Darstellungen von zentralen Figuren wie Wallenstein, wie sie immer wieder betrieben werden und dabei an der Wirklichkeit des Krieges weit vorbeigehen, da sie sich letztendlich nur mit den politischen Folgen beschäftigen.

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