Die irren Herrscher von Darmstadt (eine polemische Übersicht)

Manchmal ist es bemerkenswert, über welche Kleinigkeiten man sich immer wieder ärgern kann. Das harmlose Wörtchen „Zeithintergrund“ beispielsweise. Man müsse den Zeithintergrund beachten, das ist das immer wieder gebrachte Totschlagargument, wenn man auf Unmenschlichkeiten und Verbrechen von historischen Persönlichkeiten hinweist, auch dann wenn sich die Historikergemeinde dazu entschlossen hat, dass das „große Persönlichkeiten“ sind. Antisemitische Predigten Martin Luthers oder sein Aufruf Hexen zu verbrennen? „Das muss man vor dem Zeithintergrund sehen“. Das Blutgericht von Verden, bei dem Karl der Große der Überlieferung nach 4.500 Sachsen abschlachten ließ? Auch wenn die überlieferte Opferzahl umstritten ist (einige Historiker gehen von etwa einem Zehntel dieser Zahl aus), es war trotzdem Massenmord! Gleichwohl wird Karl der Große in modernen Geschichtsdokumentationen als vorbildlicher Herrscher dargestellt, der ein Weltreich schuf, das wahlweise – je nach politischer Botschaft – entweder die Wurzel Deutschlands oder Europas war.

Obwohl wir in unserer heutigen Gesellschaft solch irrationale Auswüchse brutaler Gewalt zutiefst ablehnen, hat man den Eindruck, als rufe gerade diese unmenschliche Skrupellosigkeit gegenüber seinen Feinden eine gewisse Faszination hervor, so als wären es die Kanten und Risse von dem Idealbild eines „guten Herrschers“, die die Person erst „echt“ und respektabel im Auge des Betrachters machen. Das kommt daher, dass das meiste, was wir über historische Persönlichkeiten erzählt bekommen, nicht Geschichte ist, sondern Geschichten.

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Darmstadt und die Revolution

Darmstadt galt im Vormärz und während der 1848/49er Revolution als eine Hochburg der Reaktion. Hier herrschte das „System du Thil“, benannt nach Karl du Thil, dem Regierungschef des Großherzogtums, der mit seinem autoritärem Führungsstil zum Hassobjekt der liberalen und demokratischen Bewegung wurde, mehr noch als das Staatsoberhaupt Großherzog Ludwig II.

Letzterer war eine politisch blasse Erscheinung, der es sich gleich zu Beginn seiner Herrschaft 1830 mit dem Landtag verscherzte bei dem dreisten Versuch seine in seiner Zeit als Erbprinz angehäuften Privatschulden in Millionenhöhe auf den Landeshaushalt zu übertragen. Die zweite Kammer des Landtags lehnte diesen Antrag mit der überwältigenden Mehrheit von 41 zu 7 Stimmen ab. Der Antrag der Regierung, das Schloss für mehr als eine halbe Million Gulden auszubauen, wurde daraufhin kleinlaut zurückgezogen. Der Großherzog war demontiert und die liberalen Kräfte gestärkt. Da nützte es auch nichts, dass man versuchte schlechte Stimmung zu erzeugen, indem man das Gerücht streute, der Großherzog erwäge es mitsamt seinem Hof nach Gießen umzuziehen. Noch 1830 konnte der Landtag eine Lockerung der staatlichen Zensur durchsetzen, so dass erstmals auch kritische politische Zeitungen im Land erlaubt wurden.

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