Ye Jacobites by Name

Die Melodie

Die Melodie von Ye Jacobites by Name gehörte spätestens ab dem 18. Jahrhundert zu den beliebtesten und am häufigsten gespielten Melodien Schottlands. Auch in England, Wales, Irland und Nordamerika war sie sehr verbreitet.

Der erste Hinweis auf die Melodie findet sich in dem 1549 veröffentlichten The Complaynt of Scotland, in dem eine ganze Reihe von Liedern aufgelistet wird, die damals in Schottland gesungen wurden. Darunter auch My lufe is lyand seik, send hym joy, send hym joy, dessen metrische Struktur bereits an Ye Jacobites by Name erinnert. Da allerdings nur diese eine Zeile des Liedes bekannt ist, kann man nicht mit Sicherheit sagen, dass es sich bereits um dieselbe Melodie gehandelt hat.

Abgesehen von Ye Jacobites by Name sind die bekanntesten Lieder zu dieser Melodie The Ballad of Captain Kidd, ein Lied über den schottischen Freibeuter William Kidd, und My Love’s in Germany, das der Legende nach unter dem Titel Germany Thomas Mitte des 17. Jahrhunderts auf den Orkney Inseln entstanden sein soll. Nachweisbar ist es erst ab 1794. Diese Version stammt vermutlich vom schottischen Dichter Hector Macneill (1746-1818). Anders als häufig behauptet wird, kann man ihn aber keineswegs als Urheber ansehen. Wie in der Folkloremusik seinerzeit üblich, nahm er lediglich eine weit verbreitete Melodie und ein ebenso verbreitetes Textschema, das er seinen Bedürfnissen anpasste. 

Das Lied ist der Klagesang einer jungen Frau, deren Mann oder Liebster bei einer Schlacht in Deutschland gefallen ist. Ob Macneill sich damit auf den 30-jährigen Krieg bezog, in dem etwa 50.000 schottische Soldaten im Dienste verschiedener Armeen kämpften, den Österreichischen Erbfolgekrieg, in dem sein Vater als Teil eines schottischen Regiments kämpfte, oder dem Siebenjährigen Krieg, der in Macneills Jugend stattfand, in einer Persönlichkeit prägenden Phase also, ist nicht klar. Der Hinweis in der Erstveröffentlichung, dass das Lied im Gegensatz zu den zu dieser Zeit deutlich populäreren Captain Kidd und Ye Jacobites by Name langsam gespielt werden soll und die auffällige Ähnlichkeit des Textes zu My lufe is lyand seik zeigt aber, dass Macneill bewusst auf eine mindestens 250 Jahre alte Tradition zurückgriff und sich nicht direkt bei denen erst im 18. Jahrhundert entstandenen Liedern mit gleicher Melodie bediente.  

Die bislang letzte bedeutende Entwicklung der Melodie ist das 1966 veröffentlichte If You Love Your Uncle Sam (Bring Them Home) der amerikanischen Folk-Legende Pete Seeger. Er nahm für dieses Lied deutliche Anleihen sowohl an Melodie als auch an den Texten von My Love’s in Germany und Ye Jacobites by Name, allerdings ist die Melodie und auch das metrische Schema bei ihm stark vereinfacht, wohl um seinem Publikum das Mitsingen leichter zu machen. Das Lied gilt daher üblicherweise als Eigenkomposition. Die Beeinflussung durch die traditionellen Lieder ist aber kaum zu leugnen.

Der Text

Ye Jacobites by Name erschien erstmals 1746 anonym mit dem Hinweis, dass es zu der Melodie von Captain Kidd gesungen würde. Der Text war ein Spottgesang auf die Jakobiten bzw. konkret den Jakobitischen Aufstand von 1745/46. Auffällig ist, dass die entscheidende Schlacht bei Culloden am 16. April 1746, die endgültige Niederlage der Jakobiten, nicht erwähnt wird, wohl aber die Belagerung und Eroberung Carlisles Ende Dezember 1745. Das legt die Vermutung nahe, dass das Lied zwischen Januar und März 1746 entstanden ist, also noch bevor der Konflikt endgültig entschieden war.

Die Jakobiten waren die Anhänger des entmachteten Hauses Stuart, den einstigen schottischen Königen also, weshalb das Lied in seiner Urfassung als anti-schottisches Pamphlet gilt. Diese Urfassung ist heute aber von geringerer Bedeutung, da sie seit dem 19. Jahrhundert kaum noch gesungen wird, nachdem der schottische Dichter Robert Burns 1791 seine eigene Fassung geschrieben hatte (wobei das Entstehungsjahr nicht hundertprozentig gesichert ist, erschienen ist es 1792). Burns hat damit für einige Verwirrung gesorgt, die bis heute anhält. Der große schottische Poet, der mit My Heart’s in the Highlands eine der bekanntesten Liebeserklärungen an Schottland geschrieben hat, soll ein anti-schottisches Lied geschrieben haben?

Der Unterschied zwischen Jakobiten und Schottland

Das Problem ist, dass die Jakobiten-Aufstände von schottischen Nationalisten immer wieder als Freiheitskampf Schottlands gegen England stilisiert wurden und bis heute werden. Richtig ist, dass der Konflikt die Vereinigung Englands und Schottlands zu Großbritannien begünstigte und die Zerstörung der gälischen Kultur durch die sogenannten Highland Clearances eine Folge der Niederlage der Jakobiten war, da der Einfluss der Highland-Clans danach mehr oder weniger marginalisiert war und Großgrundbesitzer aus England, aber auch den schottischen Lowlands und den großen schottischen Städten die Highlands danach ohne größere Widerstände ausbeuten, die Bevölkerung enteignen und vertreiben konnten. Unmenschlichkeiten, die – teilweise bis heute – als „Verbesserung der Infrastruktur“ verklärt werden.

Trotzdem ist die Gleichsetzung der Jakobiten mit Schottland falsch. Die Stuarts waren nicht entmachtet worden, weil sie Schotten waren, sondern weil sie den Absolutismus durchsetzen wollten. Ihre Gegner waren daher nicht nur Engländer, sondern auch der Großteil der schottischen Oberschicht in den Lowlands und den großen Städten, deren Einfluss merklich gesunken wäre, wäre es den Stuarts gelungen, die Rechte des Parlaments einzuschränken oder dieses gar gänzlich abzuschaffen.

Der in diesem Zusammenhang häufig erwähnte religiöse Konflikt zwischen Katholiken und Anglikanern, war – wie häufig bei Konfessionskriegen – eher ein vorgeschobener Anlass zur Legitimierung der Absetzung des damaligen Stuart-Königs Jakob II./VII., nach dem die Jakobiten benannt sind. Wenn überhaupt war das religiöse Bekenntnis eher eine Folge und nicht die Ursache der Machtstrukturen in England, Schottland und Wales. Dass auf Jakobitischer Seite überwiegend Schotten kämpften, lag schlicht daran, dass die Stuarts ihre Hausmacht in Schottland hatten. Ihnen ging es aber um schottische Unabhängigkeit, sondern darum, die „drei Königreiche“ (England, Schottland, Irland) zu beherrschen, es ging ihnen also mindestens genauso um den englischen wie um den schottischen Thron.

Ein Aufruf gegen Krieg und Gewalt

Robert Burns entstammte zwar ärmlichen Verhältnissen, lebte aber durch seinen Erfolg als Dichter ein bürgerliches Leben, steckte voller liberaler Ideen und lehnte den Absolutismus folglich vollständig ab. In einem Manuskript gibt er einen alternativen Titel zu Ye Jacobites by Name an: Up black-nebs a’. Black-nebs war seinerzeit in Schottland eine umgangssprachliche Bezeichnung für Sympathisanten der Französischen Revolution im Speziellen und Demokratie im Allgemeinen. Auch Burns sympathisierte mit demokratischen Ideen. Unklar ist, ob es sich bei Up black-nebs a’ lediglich um einen alternativen Titel zu Ye Jacobites by Name handelt oder ob es ein eigenständiges Lied mit diesem Namen gab, das Burns als zusätzliche Inspiration nutzte und das heute verschollen ist.

Mit der Urfassung von Ye Jacobites by Name hat Burns Version nur die erste Strophe – von einigen Änderungen im Detail abgesehen – gemeinsam. Der Rest stammt von Burns selbst, der damit auch die Intention des Liedes änderte. War die Urfassung wenig intelligente Propaganda, die sich konkret, ausschließlich und extrem einseitig mit dem Jakobitischen Aufstand von 1745/46 beschäftigte, ist Burns Fassung eine schon sehr modern wirkende Anklage der Mächtigen, die Menschen für ihre persönlichen Interessen in blutigen Kriegen sterben lassen. Tatsächlich könnte man es als eines der ersten Antikriegslieder bezeichnen. Er richtete sich somit sowohl gegen die Jakobiten als auch gegen deren Gegner.

Es ist ein Aufruf gegen Krieg und Gewalt, gegen die Willkür des Stärkeren und für bürgerliche Freiheiten, das Recht, sich nicht um die politischen Interessen der Mächtigen kümmern zu müssen. Somit richtet es sich tatsächlich auch gegen den Nationalismus der Jakobiten, die zu Burns Lebzeiten die Hoffnung, den britischen Thron wieder zu übernehmen, durchaus noch nicht aufgegeben hatten. Anders als die Urfassung ist es aber nicht anti-schottisch gemeint. Burns sehnt eine neue Zeit herbei, in der diese sinnlosen Machtkämpfe, denen so viele Menschen zum Opfer gefallen sind (sein eigener Großvater litt sehr unter den Folgen des Jakobitischen Aufstands von 1745), für immer der Vergangenheit angehören.

Vermutlich schwebte ihm für Schottland eine Republik nach Vorbild von Frankreich und den USA vor. Darauf deutet zum Beispiel seine 1794 geschriebene Ode for General Washingtons Birthday hin, die nur am Rande eine Hommage an George Washington ist und sonst eher als Aufruf zum Widerstand gegen den amtierenden britischen König Georg III. zu verstehen ist, gegen den sich seinerzeit auch Washington erhoben hatte.

Urfassung von 1746:

You Jacobites by Name, lend an ear, lend an ear,
You Jacobites by Name, lend an ear;
You Jacobites by Name,
Your thoughts I will proclaim,
Some says you are to blame for this Wear.

With the Pope you covenant1, as they say, as they say,
With the Pope you covenant, as they say,
With the Pope you covenant,
And Letters there you sent,
Which made your Prince present to array.

Your Prince and Duke o’Perth2 where they go, where they go,
Your Prince and Duke o’Perth, where they go,
Your Prince and Duke o’Perth,
They’re Cumb’rers o’ the Earth,
Causing great Hunger and Dearth where they go.

He is the King of Reef, I’ll declare, I’ll declare,
He is the King of Reef, I’ll declare,
He is the King of Reef,
Of a Robber and o’ Thief,
To rest void of Relief when he’s near.

They marched thro’ our Land cruelly, cruelly,
They marched thro’ our Land cruelly,
They marched thro’ our Land
With a bloody thievish Band
To Edinburgh then they wan Treachery3.

To Preston4 then they came, in a Rout, in a Rout,
To Preston then they came, in a Rout;
To Preston then they came,
Brave Gard’ner5 murd’red then.
A Traitor did command6, as we doubt.

To England then they went, as bold, as bold,
To England then they went, as bold;
To England then they went,
And Carlisle7 they ta’en’t,
The Crown they fain would ha’en’t, but behold.

To London as they went, on the Way, on the Way,
To London as they went, on the way,
To London as they went,
In a Trap did there present,
No battle they will stent, for to die.

They turned from that Place8, and they ran, and they ran,
They turned from that Place, and they ran;
They turned from that Place
As the Fox, when Hounds do chace.
They tremble at the Name, Cumberlan’9.

To Scotland then they came, when they fly, when they fly,
To Scotland then they came, when they fly,
To Scotland then they came,
And they robb’d on every Hand,
By Jacobites Command, where they ly.

When Duke William10 does command, you must go, you must go;
When Duke William does command, you must go;
When Duke William does command,
Then you must leave the Land,
Your Conscience in your Hand like a Crow.

Tho’ Carlisle11 ye took by the Way, by the Way;
Tho’ Carlisle ye took by the Way;
Tho’ Carlisle ye took,
Short Space ye did it Brook,
These Rebels got a Rope on a Day12.

The Pope and Prelacy, where they came, where they came,
The Pope and Prelacy, where they came;
The Pope and Prelacy,
They rul’d with Cruelty,
They ought to hing on high for the same.

Anmerkungen:
1Anspielung auf den katholischen Glauben der Stuarts und die daher resultierende Unterstützung des Papstes. Der „Prince“ ist Charles Edward Stuart, auch bekannt als Bonnie Prince Charlie, der aus Sicht der Jakobiten rechtmäßige Thronfolger. Er lebte vor dem Jakobiten-Aufstand von 1745 im Exil in Rom und organisierte von dort aus die Invasion Großbritanniens.
2Duke O’Perth = James Drummond, 3rd Duke of Perth, kämpfte an der Seite von Charles Edward Stuart. Eigentlich war er Earl of Perth, der Titel Duke of Perth wurde seinem Großvater (ebenfalls ein James Drummond) von James II. (bzw. VII. nach schottischer Zählung) erst nach dessen Absetzung verliehen und war daher nicht offiziell.
3Die Revolte von 1745 begann in Glenfinnan in den Highlands. Charles Edward Stuart hatte sich dort die Unterstützung einiger Highland-Clans gesichert und marschierte mit deren Truppen nach Süden, wo er kurz darauf Edinburgh im Handstreich einnahm.
4Preston = Schlacht bei Prestonpans am 21. September 1745, die mit einem bedeutenden Sieg der Jakobiten endete und Charles die Kontrolle über Schottland gab.
5Brave Gard’ner = Colonel Jamens Gardiner, ein schottischer Offizier in britischen Diensten, starb während der Schlacht. Im Sterben liegend fielen plündernde Soldaten über ihn her, raubten ihm sogar die Kleidung, die er am Leib trug. Für die britische Seite wurde er so zum Symbol als Opfer brutaler und barbarischer Jakobiten.
6Traitor did command = zwei Erklärungsmöglichkeiten:
a) Lord George Murray, einer der Kommandanten der Jakobiten-Truppen. Noch einen Monat zuvor hatte er John Cope, dem Kommandanten der britischen Truppen, seine Unterstützung zugesichert und wurde von Cope daher zum Deputy-Sheriff von Perthshire ernannt.
b) John Cope selbst. Darauf deutet das „as we doubt“ hin, das keinen rechten Sinn ergibt, wenn Murray gemeint war. In dem Fall dient die Zeile dann der Ehrenrettung des britischen Kommandanten, denn nach der Schlacht machte das Gerücht die Runde, Cope wäre feige vom Schlachtfeld geflohen und hätte bereits seine Niederlage verkündet, bevor die Schlacht überhaupt beendet war.
7 Carlisle war das erste Ziel Charles Stuarts, als er seine Invasion von England begann.
8Trotz nahezu ungehinderten Vordringens machte Charles auf halbem Weg nach London kehrt, um sich in Schottland mit seinen Truppen neu zu sammeln. Die Gründe dafür waren vielfältig. Die Unterstützer der Jakobiten auf englischem Boden waren geringer als erhofft und auch die erwarteten Truppen französischer Verbündeter blieben aus.
9Cumberlan’ = Prince William, Duke of Cumberland, ein Sohn des britischen Königs, kämpfte bis dahin auf dem europäischen Festland im Österreichischen Erbfolgekrieg und wurde nun angesichts der Bedrohung Londons nach Groß-Britannien zurückbeordert, um die Truppen Charles Stuarts zu stellen.
10Duke William = William of Cumberland, s.o.
11Der Duke of Cumberland eroberte Carlisle Ende des Jahres 1745 nach einer 10-tägigen Belagerung zurück.
12rope on a day = die Gefangenen Jakobiten wurden in Carlisle Castle ohne Essen, Wasser und Sanitäranlagen eingeseperrt und kurz darauf wegen Hochverrats hingerichtet. „a rope on a day“ klingt lediglich nach „Erhängen“, tatsächlich wurden einige von ihnen aber gehängt, ausgeweidet und gevierteilt.

Version von Robert Burns:

Ye Jacobites by name, give an ear, give an ear,
Ye Jacobites by name, give an ear,
Ye Jacobites by name,
Your fautes I will proclaim,
Your doctrines I maun blame, you shall hear, you shall hear
Your doctrines I maun blame, you shall hear.

What is Right, and what is Wrang, by the law, by the law?
What is Right and what is Wrang by the law?
What is Right and what is Wrang?
A short sword, and a lang,
A weak arm and a strang for to draw, for to draw
A weak arm and a strang, for to draw.

What makes heroic strife, fam’d afar, fam’d afar?
What makes heroic strife fam’d afar?
What makes heroic strife?
To whet th’ Assassin’s knife,
Or haunt a Parent’s life wi’ bluidy war?

Then let your schemes alone, in the State, in the State,
Then let your schemes alone in the State
Then let your schemes alone,
Adore the rising sun,
And leave a man undone, to his fate, to his fate.
And leave a man undone, to his fate

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