The Elfin Knight / Scarborough Fair

The Elfin Knight ist eine ältere Version des vor allem durch Simon & Garfunkel bekannt gewordenen Scarborough Fair. Es scheint so, als sei dieses Lied im Norden Schottlands entstanden und dann immer weiter in den Süden gewandert, wobei es sich ständig veränderte und dabei immer weniger Sinn ergab.

Schon in der ältesten bekannten Fassung sind einige Ungereimtheiten: eine junge Frau sieht eines Tages einen Elfen auf einem Hügel, der gerade in sein Horn bläst. Sie verliebt sich (oder wird dadurch verzaubert?) und erträumt ihn sich in ihr Bett. Tatsächlich erscheint er ihr daraufhin in der Nacht und bietet ihr sogar an, sie zu heiraten. Allerdings muss sie ihm vorher einen Gefallen tun. Und dann stellt er ihr eine Aufgabe, die nicht zu lösen ist.

Sie reagiert darauf, indem sie nun wiederum ihm eine Aufgabe stellt, die nicht lösbar ist. Darauf fällt ihm schlagartig ein, dass er doch eigentlich schon verheiratet ist und macht sich von dannen – gleich nach Norwegen – nur um sicher zu gehen.

Verlorene Elemente

Klar ist: wichtige Elemente der Erzählung müssen verlorengegangen sein, weil sie so keinen rechten Sinn ergibt. Wieso will sie ihn nicht heiraten? Und wieso stellt sie ihm dann eine eigene Aufgabe, statt einfach zu sagen, dass sie seine Aufgabe nicht lösen kann? Und wenn er ihr deshalb eine unlösbare Aufgabe gestellt hat, um sie nicht heiraten zu müssen, wieso sagt er dann nicht einfach seinerseits, dass er ihre Aufgabe nicht lösen kann, statt eine bereits existierende Familie aus dem Hut zu zaubern?

Wegen dieser Ungereimtheiten vermutete der amerikanische Philologe Francis James Child, dass es in der ursprünglichen Fassung der Ballade noch keinen Elf gab und sich dieser aus einer anderen, unidentifizierten Geschichte eingeschlichen hatte. Dann hätten wir es statt mit einem übernatürlichen Wesen mit einem sehr menschlichen Adligen zu tun, der mit seinem Charme eine junge Bauersfrau zum Geschlechtsverkehr überredet und sich danach etwas schäbig aus der Affäre zieht.

Der Bezug zu Norwegen könnte so gut erklärt werden, indem es sich um einen Soldaten handelt, der während eines Feldzuges ein bisschen Spaß mit den einheimischen Mädchen haben will, obwohl er zuhause bereits eine Familie hat. Das irische As I Roved Out und das schottische The Trooper and the Maid haben ähnliche Handlungen, eine solche Erklärung für The Elfin Knight stünde also in einer bekannten Erzähltradition. In dem mythologischen Wesen des Elfen käme dann lediglich die Andersartigkeit des Fremden aus dem fernen Norwegen zum Ausdruck und der Zauber des Elfen wäre eine Mythologisierung der Verführung.

Rätselballaden

Dagegen spricht allerdings, dass das Lied der Struktur von Rätselballaden folgt, nur dass die Rätsel hier eben jene unlösbaren Aufgaben sind. In Rätselballaden taucht fast immer ein übernatürliches Wesen auf. Üblicherweise muss sich ein Mensch durch ein Rätselduell mit dem übernatürlichen Wesen retten (Tolkien griff dieses Erzählmotiv im Hobbit wieder auf).

Denkbar also, dass in der ursprünglichen, verschollenen Fassung der Elf die junge Frau verzaubert und in die Anderswelt entführen will. Sie kann sich nur dadurch retten, dass sie seine Aufgabe löst, was sie dadurch tut, dass sie ihm eine ebenso unlösbare Aufgabe stellt, die er vorher lösen muss, woraufhin er sie freigibt.

Lady Isabel, Tam Lin, Heer Halewijn und Blaubart

Ein anderes altes Volkslied, Lady Isabel and the Elf Knight, hat einen solchen Handlungsverlauf und zumindest in einigen Varianten einige verdächtig ähnliche Textzeilen wie The Elfin Knight. Ebenfalls auffällig ist, dass es eine Variante von Lady Isabel gibt, die unter dem Titel The Outlandish Knight den Elf nicht nur zu einem Menschen macht, sondern seine Herkunft als „from the north lands“ bezeichnet, was die Highlands bezeichnen könnte, wahrscheinlicher aber – wie in der ältesten bekannten Fassung von The Elfin Knight – Skandinavien.

Lady Isabel wiederum führt uns in ein nicht überschaubares Feld alter Volksballaden, die in ganz Europa verbreitet waren. In Schottland selbst findet sich noch Tam Lin, ein Lied, das sich von vergleichbaren Balladen hauptsächlich dadurch unterscheidet, dass hier die Verführung keine Gefahr ist, sondern Liebe offenbart, die zur Rettung der Hauptfigur führt.

Ähnliche Erzählmotive wie in Lady Isabel finden sich auch in dem holländischen Heer Halewijn und in den Geschichten um Blaubart. Die Übergänge zwischen all diesen Legenden sind fließend, so dass es sehr schwer ist, eine Grenze zu ziehen zwischen jenen, die noch zum selben Erzählkreis wie The Elfin Knight gehören, und jenen, welche nicht. Blaubart beispielsweise hat nur noch einige sehr rudimentäre Gemeinsamkeiten mit The Elfin Knight, so dass man eine Verbindung bezweifeln müsste. Lady Isabel dagegen hat große Gemeinsamkeiten mit beiden, was deutlich macht, dass alles zum selben Erzählkreis gehört. Daran erkennt man die Komplexität mündlicher Überlieferung, die sich nur mit viel Haken und Ösen kategorisieren lässt, eben weil Folklore zum einen auf alte Überlieferungen zurückgreift, sich zum anderen aber auch ständig verändert und neue Elemente hinzufügt.

Scarborough Fair

So erklärt sich auch, dass aus The Elfin Knight irgendwann Scarborough Fair werden konnte. Dieses vereinfachte die längst unübersichtlich gewordene Handlung deutlich und machte sie lebensnaher. In Scarborough Fair geht es um einen Mann, der seiner ehemaligen Geliebten eine Nachricht zukommen lässt, dass er sie zurücknähme, sobald sie für ihn eine Reihe von unlösbaren Aufgaben erfüllt hat. Sie erwidert, dass sie das erst macht, wenn er vorher ihre ebenso unlösbaren Aufgaben erfüllt.

Das ursprüngliche Erzählmotiv ist also noch da, ansonsten ist das Ganze aber nur das zynische Geplänkel eines ehemaligen Liebespaares, das nichts mehr miteinander zu tun haben will.

Viele Leute haben mit dieser Interpretation Schwierigkeiten, was wohl hauptsächlich daran liegt, dass sie wenig zu der von vielen als sehr romantisch oder auch mystisch empfundenen Melodie passt. Dabei muss man sich aber daran erinnern, dass das Lied in seiner Ursprungsfassung eine völlig andere Geschichte erzählte.

Weil aber so viele Menschen Schwierigkeiten mit der sarkastischen Interpretation haben, wurde Scarborough Fair in einigen späteren Fassungen eine weitere Strophe hinzugefügt, die dem Ganzen einen anderen Sinn gibt, nämlich den, dass man für wahre Liebe bereit sein muss, auch unmögliche Dinge zu tun. Die ursprüngliche Intention stellt das natürlich auf den Kopf, aber auch das ist Folkmusik: die ständige Weiterentwicklung und Anpassung ist auch eine Folge der Kommunikation mit dem Publikum.

Parsley, Sage, Rosemary and Thyme

Die wiederholte Aufzählung der vier Kräuter parsley, sage, rosemary and thyme (Petersilie, Salbei, Rosmarin und Thymian) ist etwas rätselhaft. Ohne Bezug zum Rest des Textes wirkt das wiederholte Aufzählen fast wie eine magische Formel, ein Schutzzauber oder auch ein Fluch.

Über die Symbolik der Kräuter ist daher auch viel spekuliert wurden, eine dieser Spekulationen kann man auf Wikipedia lesen. Sie ergibt aber wenig Sinn, da sie von der erst später entstandenen Interpretation ausgeht, dass hier zwei Liebende wieder zusammenkommen wollen. In der Fassung, die zum ersten Mal diese Formel verwendete, ist aber genau das Gegenteil der Fall. Hier geht es um Trennung.

Die tatsächliche Erklärung dürfte daher ganz einfach sein: alle vier Kräuter gelten auch als Heilpflanzen. Das Lied ist eine letzte Nachricht an eine Liebe, die gescheitert ist, ein endgültiger Abschied, ein Schlussstrich, folglich die Heilung von dem als Krankheit empfundenen Verliebtsein in diese Person. Dieser Heilvorgang wird mit Heilpflanzen veranschaulicht.

Whittingham Fair

Auch um den Ort Scarborough gab es einige Diskussionen, denn die Scarborough Fair war bereits im Mittelalter eine wichtige Handelsmesse. 1788 fand sie zum letzten Mal statt, wobei es danach (bis heute) kleinere Veranstaltungen mit diesem Namen gab und gibt.

Eine Hilfe bei der Interpretation des Liedes ist das aber nicht, denn der Name scheint nur eine Regionalisierung gewesen zu sein, die es rein zufällig zu Weltruhm geschafft hat. Neben einigen anderen Varianten gibt es nämlich auch ein Whittingham Fair, das außer den veränderten Ort nahezu identisch mit Scarborough Fair ist. Und Whittingham Fair ist allem Anschein nach eine ältere Version.

Whittingham ist ein kleines Kaff in Northumberland. Eine Whittingham Fair dürfte keine größere Bedeutung gehabt haben. Außerdem gibt es noch einen Bezirk namens Whittingham in Lancashire, der aber auch nur aus einigen wenigen kleinen Dörfern besteht.

Variante des Texts aus dem 17. Jahrhundert:

My plaid awa, my plaid awa,
And ore the hill and far awa,
And far awa to Norrowa (1),
My plaid shall not be blown awa

The elphin knight sits on yon hill,
Ba, ba, ba, lilli ba (2)
He blaws his horn both loud and shrill,
The wind hath blown my plaid awa (3)

He blowes it east, he blowes it west,
Ba, ba, ba, lilli ba
He blowes it where he lyketh best.
The wind hath blown my plaid awa

‘I wish that horn were in my kist (4),
Ba, ba, ba, lilli ba
Yea, and the knight in my armes two.’
The wind hath blown my plaid awa

She had no sooner these words said,
Ba, ba, ba, lilli ba
When that the knight came to her bed.
The wind hath blown my plaid awa

‘Thou art over young a maid,’ quoth he,
Ba, ba, ba, lilli ba
‘Married with me thou il wouldst be.’
The wind hath blown my plaid awa

‘I have a sister younger than I,
Ba, ba, ba, lilli ba
And she was married yesterday.
The wind hath blown my plaid awa

‘Married with me if thou wouldst be,
Ba, ba, ba, lilli ba
A courtesie thou must do to me.
The wind hath blown my plaid awa

‘For thou must shape a sark (5) to me,
Ba, ba, ba, lilli ba
Without any cut or heme,’ quoth he.
The wind hath blown my plaid awa

‘Thou must shape it knife-and-sheerlesse,
Ba, ba, ba, lilli ba
And also sue it needle-threedlesse.’
The wind hath blown my plaid awa

‘If that piece of courtesie I do to thee,
Ba, ba, ba, lilli ba
Another thou must do to me.
The wind hath blown my plaid awa

‘I have an aiker of good ley-land (6),
Ba, ba, ba, lilli ba
Which lyeth low by yon sea-strand.
The wind hath blown my plaid awa

‘For thou must eare (7) it with thy horn,
Ba, ba, ba, lilli ba
So thou must sow it with thy corn.
The wind hath blown my plaid awa

‘And bigg a cart of stone and lyme,
Ba, ba, ba, lilli ba
Robin Redbreast (8) he must trail it hame.
The wind hath blown my plaid awa

‘Thou must barn it in a mouse-hell,
Ba, ba, ba, lilli ba
And thrash it into thy shoes sell.
The wind hath blown my plaid awa

‘And thou must winnow it in thy looff (9),
Ba, ba, ba, lilli ba
And also seck it in thy glove.
The wind hath blown my plaid awa

‘For thou must bring it over the sea,
Ba, ba, ba, lilli ba
And thou must bring it dry home to me.
The wind hath blown my plaid awa

‘When thou hast gotten thy turns (10) well done,
Ba, ba, ba, lilli ba
Then come to me and get thy sark then.’
The wind hath blown my plaid awa

‘I’l not quite (11) my plaid for my life;
Ba, ba, ba, lilli ba
It haps (12) my seven bairns and my wife.’
The wind shall not blow my plaid awa

‘My maidenhead I’l then keep still,
Ba, ba, ba, lilli ba
Let the elphin knight do what he will.’
The wind’s not blown my plaid awa

Anmerkungen:

(1) Norrowa = Norwegen

(2) Die wiederholten Nonsense-Silben könnte auf eine verlorengegangene Textzeile – vielleicht auf Gälisch– hindeuten, wahrscheinlich soll es aber bloß die Melodie nachahmen, die der Elf auf seinem Horn spielt.

(3) Plaids sind ein Bestandteil traditioneller schottischer Kleidung, Vorläufer des Kilts. Die Formulierung “The wind hath blown my plaid awa” ist wohl eine sexuelle Anspielung.

(4) kist = chest, sie wünscht sich also, dass sein Horn in ihrer Truhe wäre, auch das ist offensichtlich eine sexuelle Anspielung.

(5) sark = Hemd

(6) ley-land = unbestelltes Land

(7) eare = pflügen

(8) Robin Redbreast = poet. für Rotkelchen

(9) looff = Handfläche

(10) turns = Aufgaben

(11) quite = verlassen (wohl von quit)

(12) haps = bedeckt/schützt/versteckt

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: