Die Schlacht auf dem Bauwagenplatz

„Ich komme mir vor, als würde ich eine Schlacht planen“, sagte Einsatzleiter Vito Luckhaupt, „und alles nur wegen einer Bande Spinner und einer Bande intoleranter Kleinbürger.“

„Ich bin der Meinung, dass es mehr als Zeit dazu ist“, erwiderte sein Kollege Nikolaus Held, „diese Leute haben uns lange genug auf der Nase herumgetanzt. Und nur weil Menschen auf ihre Rechte bestehen, sollte man sie nicht als intolerant bezeichnen.“

Sie befanden sich am Rand des Waldes – oder am Rande der Stadt, je nachdem, wie man es sehen wollte, und alle sahen Luckhaupt still und gespannt an. Was erwarteten sie von ihm? Sollte er vor ihnen auf und ab schreiten und eine flammende Rede halten wie William Wallace vor der Schlacht von Stirling Bridge? Das hätte reichlich pathetisch und mittelschwer peinlich gewirkt. Außerdem war er sich nicht sicher, ob sie in dieser Geschichte nicht eher die Engländer waren, die Feinde der Freiheit, die notfalls mit Gewalt dafür Sorge zu tragen hatten, dass der Status Quo erhalten blieb.

„Also schön“, quälte er aus sich heraus, „bei der Räumung des Geländes ist mit starken Widerständen zu rechnen. Bis in die frühen Morgenstunden hat sich der Magistrat um eine gütliche Einigung mit den Bewohnern bemüht. Erfolglos! Die wenigsten werden das Gelände freiwillig verlassen, nur weil sie von uns dazu aufgefordert werden. Deshalb hat der Eigenschutz höchste Priorität. Ich will, dass heute Abend jeder gesund zu seinen Familien zurückkehrt.“

In der zweiten Reihe der Beamten flüsterte es: „Ich habe gehört, dass man ein brutales Aufnahmeritual über sich ergehen lassen muss, wenn man bei denen Mitglied werden will. Schwere Verletzungen und sogar Todesfälle soll es schon gegeben haben.“

„Und ich habe gehört“, zischelte eine andere Stimme, „dass man in deren Hierarchie nur aufsteigt, wenn man sich verstümmeln lässt. Ihr Anführer hat weder Arme noch Beine.“

„Boah, heftig, stell dir das mal vor, so zu leben. Ich glaube, ich würde mich erschießen.“

„Und wie, wenn du keine Hände hast?“

„Verdammt, du hast recht. Nicht mal das kann man dann noch selbst machen.“

Ein dritter Beamte mischte sich ein: „Mit was für einem Widerstand haben wir denn zu rechnen, wenn das alles Krüppel sind? Können die vielleicht zaubern?“

„Vielleicht haben sie irgendeinen schmierigen Journalisten von der Lokalpresse für sich gewinnen können, der dich fotografiert, wie du gerade so einen Krüppel hier wegschleppst. Wenn das in die Zeitung kommt, hast du morgen einen Lynchmob vor der Haustür, so mit Mistgabeln und Fackeln und so. Und dann brennen sie dir die Bude ab!“

„Bastarde!“

Einsatzleiter Luckhaupt hatte die ganze Zeit weitergesprochen und so getan, als hätte er das Geflüster nicht gehört, jetzt aber fühlte er sich genötigt, doch darauf einzugehen: „Es gibt keinen Grund, uns auf Gerüchte zu verlassen von Leuten, die das Gelände nie betreten haben, die nie einen direkten Kontakt mit den Bewohnern hatten. Wir sind sehr gut über die Situation in der Bauwagensiedlung informiert. Es finden dort weder rituelle Verstümmelungen noch Teufelsanbetungen statt.“

„Teufelsanbetungen?“ zischte es zurück. „Wer hat denn was von Teufelsanbetungen gesagt?“

„Niemand hat das gesagt“, versuchte Luckhaupt zu beruhigen, „das ist doch gerade der Punkt!“

„Ja, aber wieso erwähnen Sie es dann? Gibt es etwa Gerüchte, dass das Satanisten sind? Darüber habe ich neulich was gelesen: irgendwo in Amerika haben die ein Kind entführt, ermordet und das Blut getrunken.“

„Es gibt hier keine Satanisten!“

„Aber auffällig viele Kinder! Jeder, der auf dem Bauwagenplatz war, erzählt immer von den vielen Kindern, die dort leben. Wo kommen die denn her? Die können nicht alle von den paar Frauen sein, die da leben. Oder sind das schnelle Brüter?“

Gut gemacht, dachte Luckhaupt, du bist ein so großer Redner, ein so charismatischer Anführer, dass du es mit nur einem einzigen flapsig dahingesagten Wort geschafft hast, die Moral deiner Truppe völlig zu zerstören.

„Wir teilen uns in zwei Gruppen“, fuhr er fort. „Die erste besteht aus mir, Hauptkommissar Held sowie dem erfahrenen Team Silke Hansen und Klaus-Peter Böhringer. Wir bilden die Vorhut. Ich will die Bewohner nicht mit einer großen Invasion aufschrecken und zu irgendwas provozieren.“

„Die zweite Gruppe“, übernahm nun Nikolaus Held das Wort, „wird von Hauptkommissar Mylius angeführt. Er wird um den Wald herum ziehen und das Gelände von hinten abriegeln, damit sie sich nicht in den Wäldern verteilen und verstecken können und einfach wie die Kakerlaken zurückkommen, wenn wir wieder weg sind. Wir brauchen von allen die Personalien, damit wir belegen können, dass wir der entsprechenden Person das Lagern und Campieren auf dem Gelände verboten haben. Wer keine Personalien vorweisen kann, wird vorübergehend festgenommen. Sobald Bedarf besteht, das heißt sobald es Widerstand bei der Räumung gibt, wird die Einheit Mylius aus dem Wald auf das Gelände vorstoßen und bei der Durchsetzung der Räumung unterstützen. Noch Fragen? Nein? Gut, dann los!“

Es war absurd, dass es so weit hatte kommen müssen, das totale Versagen aller gesellschaftlicher Regulierungsmaßnahmen, ein wegen Lappalien eskalierter Konflikt, bei dem die Staatsgewalt zeigen musste, dass man sich nicht wie ein Stier an der Nase herumführen ließ.

Es hatte ganz harmlos begonnen, mit einem Zwerg in der Fußgängerzone, einem Straßenkünstler, der auf jedem denkbaren und auch nicht denkbaren Instrument ganz wunderbare Musik spielen konnte, von der nicht wenige sagten, sie würde sie in ferne, seltsame Länder entführen, Traumwelten, in denen andere Gesetze herrschten, andere Menschen lebten, statt Flugzeuge Fabelwesen am Himmel schwebten und auf jeder Straße ein Abenteuer lag, jeder Tag und jede Nacht ein Zauber in sich barg.

Aber nicht nur wegen seinen musikalischen Fähigkeiten war der Zwerg eine Attraktion. Er hatte neben seiner Kleinwüchsigkeit nämlich noch eine weitere Beeinträchtigung: aus Gründen, die Luckhaupt nie erfuhr, waren ihm beide Ohrmuscheln abhanden gekommen. Zwar waren seine Gehörgänge völlig intakt (wie sonst hätte er so wunderbare Musik machen können?), trotzdem war es so ungewöhnlich, dass jeder nur von dem singenden Zwerg ohne Ohren sprach.

Bald gesellten sich weitere Straßenkünstler zu ihm: eine Akrobatin, ein Zauberer, eine lebende Statue und eine dreiköpfige Theatergruppe, die verschiedene Szenen aufführten. Am beliebtesten war ein auf Motiven der Robin-Hood-Legenden beruhendes Stück, das sie in immer neuen Varianten zeigten. In einer besonders bizarren Fassung tauchte während eines Streitgesprächs zwischen Robin Hood und dem Sheriff von Nottingham im Sherwood Forest aus unerklärlichen Gründen Albert Einstein auf, der Geige spielend über die Äquivalenz und die Austauschbarkeit von Verbrechen und Gerechtigkeit philosophierte.

Es war ein großer Erfolg und lange fragte sich niemand, woher diese skurrile Gauklertruppe gekommen war und wohin sie verschwanden, wenn die Fußgängerzone sich abends leerte. Irgendwann aber zog jemand die richtigen Schlüsse und brachte sie mit der illegalen Bauwagensiedlung im Stadtwald in Verbindung. Daraufhin berichtete die örtliche Zeitung mehrfach von dem Platz und aus den gelegentlichen Beschwerden über die Bewohner der Bauwagen entwickelte sich eine mitgliederstarke Bürgerbewegung, die so großen Druck auf den Oberbürgermeister und den Magistrat machte, dass diese befürchten mussten, es könnte ihre Wiederwahl gefährden.

Am Anfang waren es nur Kleinigkeiten. Von Vermüllung war die Rede, von Ungeziefer und Seuchengefahr. Schon das entsprach nicht der Wahrheit. Ein Bauwagenplatz sieht naturgemäß unordentlicher aus als eine Kleingartenanlage, unhygienische Zustände konnten aber auch bei wiederholten, unangekündigten Kontrollen seitens der Behörden nie festgestellt werden.

Irgendwann hieß es, drei Mädchen würden in der Fußgängerzone stehlen gehen, könnten aber nicht zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie noch nicht strafmündig wären. Ob diese Mädchen wirklich vom Bauwagenplatz stammten, war nicht ganz klar, aber seither wurde praktisch jeder Diebstahl, jeder Einbruch, jede Sachbeschädigung und jede Körperverletzung mit den Bewohnern der Bauwagensiedlung in Verbindung gebracht.

Tatsächlich gab es mehrere Fälle von Sachbeschädigungen, ein Fall von Körperverletzung sowie einige Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, die einer oder mehreren Personen des Bauwagenplatzes zuzuordnen waren. Dass die Bauwagensiedlung aber, wie viele Bürger behaupteten, ein Hort der Kriminalität war und die Kriminalitätsrate in der Stadt massiv sinken würde, würde man diese Leute vertreiben, hatte mit der Realität nichts zu tun.

Luckhaupt ließ sich daher in einem kurzen Interview mit der regionalen Tageszeitung zu der Aussage hinreißen, die Leute würden die Bewohner der Bauwagensiedlung auch für das schlechte Wetter verantwortlich machen. Ein Sturm der Entrüstung war die Folge. Polizisten galten als Arbeitsverweigerer, der Magistrat als unfähig, die Leute vom Bauwagenplatz als diejenigen, die in der Stadt tatsächlich das Sagen hätten und tun könnten, was sie wollten, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Von einem Toleranzedikt zur Unterdrückung der Rechte der Mehrheit wurde schwadroniert. Die Regionalzeitung versuchte daraufhin, mit einigen differenzierteren Berichten die Wogen, die sie zuvor aufgepeitscht hatten, wieder zu glätten, doch sie wurden die Geister, die sie gerufen hatten, nicht mehr los, sondern selbst zur Zielscheibe. Sie wären doch ohnehin nur die Propagandaabteilung des Magistrats, hieß es, würden immer alles schön reden und die Wahrheit verschweigen. Dass der Bauwagenplatz überhaupt nur wegen eines Berichtes derselben Zeitung in den Fokus gerückt war, hatte man längst verdrängt. Menschen erinnern sich nicht an die Tatsachen, die nicht zu dem passen, was sie für die Wahrheit halten.

Täglich wurden die Gerüchte absurder. Der Fantasie der Bürger genügte es nicht, über tatsächlich stattgefundene Verbrechen zu spekulieren. Von sexuellen Ausschweifungen war die Rede, von Drogenpartys, bei denen am Ende jeder mit jedem schlafen müsste, auch (und gerade) Minderjährige. Die Vorstellungen von dem, was dort angeblich geschah, waren so detailliert, dass sie nur auf eigenen Erfahrungen oder – was wahrscheinlicher war – geheimen Wünschen beruhen konnten, denen sich die Bürger aus moralischen Gründen nie bewusst hätten stellen können. Es war ein bisschen wie bei den Hexenverfolgungen. Auch damals wollten die Verhörer es immer auffällig genau wissen, wie denn der Geschlechtsverkehr mit dem Teufel so war, wie groß des Teufels Gemächt und wie lange es dauerte. Und was sie da zu hören bekamen, erschütterte sie, denn so lange hätten sie auch gerne gekonnt.

Schließlich kamen Gerüchte über Verstümmelungen auf. Angeblich müsste man ein grausames Ritual über sich ergehen lassen, bei dem ein Körperteil abgeschnitten wurde. Die meisten sollen einen Fußzeh gewählt haben, wohl weil man diesen am ehesten entbehren kann, wer aber in der Hierarchie aufsteigen und möglichst angesehen sein wollte, musste schon etwas mehr einbringen.

So wie der Zwerg ohne Ohren hatten einige Bewohner des Bauwagenplatzes tatsächlich körperliche Behinderungen und Luckhaupt vermutete, dass daraus diese Gerüchte entstanden waren. Den Leuten war die Fantasie durchgegangen. Beängstigend empfand er allerdings die Hysterie, die um diese Gerüchte entstand. So wurde Luckhaupt zusammen mit einem Kollegen drei Wochen zuvor zu einem Einsatz zu Hilfe gerufen, bei dem sie einen Mann, dem infolge eines Motorradunfalls das rechte Bein amputiert worden war, vor einem wütenden Mob schützen mussten, der glaubte, einen der Anführer der Bauwagensiedlung erwischt zu haben. Wären sie nicht rechtzeitig gekommen, wäre die Situation wohl in Gewalt gegen den Mann ausgeartet. Nie zuvor hatte Luckhaupt eine Situation erlebt, die ihm bedrohlicher erschienen war. Diese Leute waren keine Gewaltverbrecher, keine soziale Randgruppe. Sie waren einfache Bürger, Familienväter. Sie engagierten sich in Sportvereinen, Kirchengemeinden, Ortsvereinen, gingen sonntags nach dem Mittagessen mit ihren Kindern im Wald spazieren, pflegten liebevoll ihre Gärten. Und ganz plötzlich waren sie fähig, einen Behinderten anzugreifen, einfach so, ohne irgendeinen vernünftigen Grund.

Schließlich explodierte eine Sprengladung in der Bauwagensiedlung. Es war pures Glück, dass niemand verletzt wurde. Dennoch suchte man nicht sehr engagiert nach dem Täter. Außer der Spurensicherung und einigen wenig aufschlussreichen Zeugenvernehmungen geschah praktisch nichts. Folgen hatte es aber trotzdem. Der Magistrat sah sich zum Handeln gezwungen und ordnete an, den Bauwagenplatz zu räumen und die Bewohner zu vertreiben. In einer triefend verlogenen Pressemitteilung behauptete man, es wäre zum Schutz der Bewohner der Bauwagensiedlung selbst, denn man müsste davon ausgehen, dass die Bombe Folge einer internen Streitigkeit gewesen wäre, da sich üblicherweise keine Fremden auf dem Bauwagenplatz aufhielten. Und nun musste ausgerechnet Luckhaupt, der einer der wenigen war, der immer zu mehr Verständnis mahnte, den Einsatz leiten.

Der Weg der vier Polizeibeamten führte durch eine Lichtung im Wald, bei der sich ein kleiner See befand, eine ehemalige Kiesgrube, die im Sommer vor allem von Jugendlichen zum Schwimmen genutzt wurde, bevor man am Abend ein Lagerfeuer entzündete und bis in die frühen Morgenstunden feierte. Auch das verschärfte die Situation, denn natürlich mischten sich auch Bewohner der Bauwagensiedlung unter die Jugendlichen, bei denen die künstlerischen Fähigkeiten der Bauwagenleute natürlich eine große Attraktion waren. Die Vorurteile der Bürger sorgten jedoch dafür, dass viele ihren Kindern verboten, an den See zu gehen, was die Sache für die Jugendlichen wiederum nur interessanter machte – eine verbotene Frucht. Ein zusätzlicher Konflikt drohte damit in der Stadt. Immer wieder äußerten Jugendliche im Streit mit ihren Eltern den Wunsch, auf den Bauwagenplatz zu ziehen, weil sie dort ohne die elterlichen und gesellschaftlichen Vorschriften frei leben könnten. Das war ein weiterer Grund für den Druck aus der Bürgerschaft, das Gelände räumen zu lassen. Die Bauwagenleuten verdarben die Jugend, ergo die Zukunft.

„Ich halte das ehrlich gesagt für keine gute Idee“, meinte Held, „die könnten hier ringsum im Wald sitzen und uns schon von Weitem kommen sehen, lange bevor wir auch nur ahnen können, dass sie da sind. Wir sind hier auf einem Präsentierteller.“

„Genau das ist meine Absicht“, erwiderte Luckhaupt, „sie sollen einschätzen können, dass wir nicht als Bedrohung über sie kommen. Ich will keine Gewalt provozieren. Deshalb gehen wir auch erstmal nur zu viert auf das Gelände.“

„Das ist ein Fehler. Wir sollten von Anfang an unsere Stärke zeigen, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen, Widerstand könnte erfolgreich sein. Wir müssen ihnen klar machen, dass sie jetzt überhaupt keine Wahl mehr haben.“

„Keine Wahl zu haben, führt nur dazu, das Unmögliche zu wählen.“

Sie hatten keine Zeit zum diskutieren, denn sie waren keineswegs allein auf der Lichtung. Am Ufer des Sees kauerte ein nackter Mann, der hin und wieder mit einem lauten Freudenschrei aufsprang, an eine andere Stelle lief und sich wieder hinkauerte. Zunächst schien er die Neuankömmlinge nicht zu bemerken. Als sie jedoch nur noch wenige Schritte von ihm entfernt waren, rief er, ohne sich dabei zu ihnen umzudrehen: „Vorsicht! Stört meine Steine nicht!“

Die Polizisten blieben stehen.

„Bitte, das ist wichtig“, sagte der nackte Mann, „sehen Sie diesen Stein? Das ist Aurora, er dürfte gar nicht hier sein. Er ist ein Exostein.“

„Ein was?“ fragte Luckhaupt.

„All diese Steine hier“, erklärte der Nackte, „bewegen sich nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Ich habe Jahre gebraucht, die entsprechenden Formeln aufzustellen. Dieser große Stein hier zum Beispiel, den habe ich Danu getauft, nach einer Figur aus der keltirischen Mythologie. Er lag gestern da vorne, hat sich heute hierher bewegt und wird nach meinen Berechnungen morgen dort hinten sein, aber Aurora hält sich einfach nicht an meine Berechnungen. Wie kann das nur sein? Was habe ich übersehen?“

Dem Polizisten Held war das zu dumm. Er bückte sich nach dem Stein und warf ihn kurzerhand in den See. Luckhaupt sah ihn verärgert an, weil er befürchtete, dass das diesen offenbar geistig verwirrten Mann in eine für ihn oder für andere gefährliche Ausnahmesituation versetzen könnte, doch der nackte Mann freute sich darüber.

„Genau! Da muss er sein!“ rief er. „Meine Formeln stimmen, ha, das wird dem alten Ezra Pound gar nicht schmecken. Ich hatte recht!“

„Schluss jetzt mit dem Quatsch“, sagte Held mit lauter, autoritärer Stimme. „Zeigen Sie mir mal Ihren Ausweis!“

Luckhaupt sah ihn an: „Wo soll er denn Ihrer Meinung nach einen Ausweis stecken haben?“

„Sie wissen, dass in Deutschland Ausweispflicht besteht“, sagte Held zu dem Nackten, der den Blick vom See nahm und sich den Polizisten zuwandte. Krampfhaft versuchten alle vier den Blick nicht zu tief fallen zu lassen, scheiterten aber mehrmals dabei und Luckhaupt bemerkte angesichts einer auch für ihn nicht zu übersehenden körperlichen Attraktivität des Nackten: „Zumindest dürften sich die Gerüchte über rituelle Verstümmelungen damit erledigt haben.“

„Nicht unbedingt“, widersprach Held und deutete in die Leistengegend des Mannes, wobei er weiterhin so tat, als würde er ihm in die Augen sehen. „Sind Sie Jude?“

„Ich bin Matt Emeritus“, erwiderte der Nackte und Held griff sofort zum Funkgerät.

„Überprüft mir mal ne Personalie“, sprach er hinein, „Matt Emeritus… ja, wie der Einsiedler, wahrscheinlich ein falscher Name, aber checkt das trotzdem mal, man weiß ja nie, vielleicht englischer oder amerikanischer Staatsangehörigkeit, eventuell auch Israelit. Und gebt mir mal die Personenbeschreibung von dem Exi durch, der kürzlich im Stadtpark rumgelungert hat. Ja, ich warte.“

„Eremit“, sagte der Nackte.

„Wie bitte?“

„Ein Einsiedler ist ein Eremit, keine Emerit.“

„Und was sind Sie?“

„Gesellig.“

Das Funkgerät knackste.

„Ja? Ihr habt nichts? Ja, das dachte ich mir schon, trotzdem danke“, Held wandte sich Luckhaupt zu, „ich schlage vorläufigen Gewahrsam zur Feststellung der Personalien vor.“

„Dann müsste ihn aber jemand von uns zu einem Streifenwagen bringen.“

„Das halte ich trotzdem für die bessere Lösung, der Mann ist ja offenbar verwirrt.“

„Verwirrt? Ich?“ erwiderte Matt Emeritus. „Es ist ein heißer Sommertag und Sie tragen mehr Kleidung am Leib als Scott und Amundsen. Das wirkt auf mich auch etwas verwirrt.“

„Desorientiert ist er ja nicht“, sagte Luckhaupt so, als würde er über jemanden sprechen, der gar nicht anwesend war. „Ich weiß nicht, ob wir ihn verhaften können, nur weil er nackt ist und Steinen Namen gibt.“

„Und sich nicht ausweisen kann! Und falsche Angaben macht! Warum tut er das denn? Vielleicht hat er etwas zu verbergen. Was, wenn ein Haftbefehl auf ihn ausgestellt ist?“

„Na schön“, stimmte Luckhaupt zu, „aber wir sind aus anderen Gründen hier.“

Und deshalb schickte er die Beamten Hansen und Böhringer mit dem Nackten zurück, während er zusammen mit Held weiter ging. Sie durchquerten das Waldstück, das zwischen dem See und dem Bauwagenplatz lag. Dunkel und kühl wurde der Weg und der Schweiß auf Luckhaupts Stirn eisig und unangenehm, bis die Sonne ihn wieder erwärmte, als sie auf der anderen Seite ankamen. Eine seltsame Atmosphäre des Lebens erfasste ihn, als er den Bauwagenplatz betrat. Vor einem der Bauwagen hatte sich ein halbes Dutzend Menschen versammelt, die Musik spielten, ungewöhnliche, unbekannte Musik, die Luckhaupts Eindruck eine fremde, eine neue Welt betreten zu haben, verstärkte. Es war der ohrlose Kleinwüchsige, den Luckhaupt bereits aus der Fußgängerzone kannte, der diese Musik spielte.

Die restlichen Bauwagen standen in keinem erkennbaren System chaotisch über das Gelände verteilt, verbunden durch ausgetretene Sand- und Kieswege. Viele Kinder sprangen herum, mehr als Erwachsene und während an den Kindern selbst nichts allzu Ungewöhnliches zu bemerken war, nichts allzu Ungewöhnliches für ein Kind zumindest, so schienen nahezu alle Erwachsenen dagegen irgendwelche Auffälligkeiten zu haben. Da war der Zwerg ohne Ohren, außerdem eine junge Frau mit Down-Syndrom, die in seiner unmittelbaren Nähe saß. Ein Mann von schwer schätzbarem Alter hatte hässliche Deformationen in seinem Gesicht, ein bisschen wie der Elefantenmensch, wenn auch nicht ganz so entstellend. Ein anderer musste ein schlimmes Unglück miterlebt haben, denn die gesamte linke Hälfte seines Kopfes wies Spuren schwerer Verbrennungen auf.

Eine weitere Frau war am ganzen Körper tätowiert, auch im Gesicht und auf dem kahlrasierten Schädel. Die Motive ihrer Tattoos hatten kuriose, dreidimensionale Effekte, so dass es schien, als wandelte sich ihre Gestalt, wann immer sie sich bewegte. Mal schien sie groß und kräftig zu sein, dann wieder sehr schmal. In einem bestimmten Winkel verschmolz sie wie ein Chamäleon mit dem Hintergrund und auch ihre Tätowierungen schienen sich ständig zu ändern. Einmal war sie über und über mit hirschähnlichen Fabelwesen übersät, dann drehte sie sich leicht in die Sonne und die Wesen verwandelten sich in Düsenjets. Etwas abseits saß außerdem ein Mann, dem man ein Bein amputiert hatte, es war jedoch nicht dieselbe Person, die Luckhaupt einige Wochen zuvor vor einem wütenden Mob gerettet hatte. Er pfiff fröhlich zu dem Lied, das der Zwerg spielte.

„Es ist also wahr“, sagte Held, „amputierte Beine, abgeschnittene Ohren, Verstümmelungen und Entstellungen. Hier finden fürchterliche Rituale ab.“

Fast niemand schien die beiden Polizisten zu bemerken. Lediglich ein paar der Kinder sprangen neugierig um sie herum, riefen Halt, Polizei oder fragten, wo denn ihr Polizeiauto wäre. Die Erwachsenen jedoch machten einfach mit dem weiter, was sie gerade getan hatten, ohne auch nur zu den Beamten aufzuschauen. Eine Gruppe von fünf oder sechs Personen saß um eine Feuerstelle, die jetzt am Tag aber nicht brannte. Die meisten waren Jugendliche, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt, allerhöchstens 18. Nur ein alter Mann mit langen grauen Haaren und kaum kürzeren grauen Bart saß unter ihnen und erzählte eine Geschichte.

„Los“, nickte Luckhaupt Held zu, „fangen wir da an.“

Der alte Mann schien seine Geschichte gerade zu beenden: „…Der Teufel soll dich holen, rief der Heilige Georg und stürmte dem Drachen entgegen. Er kletterte an seinen Schuppen hinauf zu seinem Hals, nahm sein Schwert und rammte es ihm mit aller Gewalt in den Leib. Aus der tiefsten Hölle noch stoße ich nach dir! Noch mit meinem letzten Atemzug spucke ich dir meinen Hass ins Gesicht. Dann erhob sich der Drache in die Lüfte, flog höher und höher und verschwand in den Wolken. Wie Salzsäulen erstarrten die Gefährten des Heiligen Georg, minutenlang verharrten sie mit Blick in den Himmel, der ruhig und regungslos, ja, regelrecht friedlich, als sei die Zeit eingefroren, über ihnen lag. Dann ertönte ein gewaltiges Rauschen wie von einer riesigen Welle im Ozean und der Drache brach aus den Wolken hervor. Mit aufgerissenem Rachen schwebte er so nah über ihren Köpfen hinweg, dass einige vom Windzug umgerissen wurden und zu Boden stürzten. Der Heilige Georg hing tot an den Seilen, mit denen sie zuvor erfolglos versucht hatten, den Drachen zu bändigen. Sie hatten sich komplett um seinen Körper gewickelt mit Ausnahme seines rechten Arms, der frei hin und her pendelte. Durch die Flugbewegungen des Drachens sah es aus, als winkte der Heilige Georg sie zu sich, forderte sie auf ihm zu folgen. Und so folgten sie ihm mit lautem Kriegsgeschrei, hetzten dem Drachen hinterher, jagten ihn über Hügel und durch Täler, folgten ihm über alle Ozeane und auf die höchsten Berge, ins Eis des Nordpolarmeeres und in die Wüsten Afrikas. Selbst heute noch, in lauen Sommernächten, wenn die Sterne besonders hell funkeln und sich in der Atmosphäre das Ende der drückenden Hitze ankündigt, kann man in der Ferne ihr wütendes und verzweifeltes Geschrei hören, ihren Ruf nach Rache, der nie erfüllt werden kann, da jede vollendete Rache nach neuer Rache verlangt.“

„So geht die Geschichte aber gar nicht“, sagte Luckhaupt, um einen möglichst deeskalierenden Einstieg zu finden.

„Tatsächlich?“ erwiderte der alte Mann und war damit der erste Erwachsene, der zugab, die beiden Polizisten wahrzunehmen. „Wer sagt das?“

„Unzählige Bücher, vermute ich.“

„Pah“, der alte Mann winkte ab, „Bücher lügen. Sie versuchen Gedanken zu bannen und festzuhalten, doch Gedanken sind immer im Fluss, sie bewegen sich, sie leben. Wer Gedanken in gedruckte Worte fixiert, tötet sie. Denken Sie nur an die Brüder Grimm. Wir feiern sie als diejenigen, die uns die alten Märchen und Sagen erhalten haben, bevor sie in Vergessenheit gerieten, doch in Wahrheit haben sie den Grund, warum Menschen Geschichten erzählen, nicht verstanden. Sie haben Geschichten, die sich über viele Jahrhunderte hin entwickelt hatten, auf dem Stand des frühen 19. Jahrhunderts fixiert und damit eine Originalfassung geschaffen, wo es kein Original gibt. Mit den Brüdern Grimm starb die Folklore. Es ist nicht ihre Schuld, hätten sie es nicht getan, hätte es jemand anderes, aber mit ihnen endete das Erzählen. Seither erzählen wir nicht mehr, wir lesen, aber lesen ist wie masturbieren. Man tut etwas alleine, was man mindestens zu zweit tun sollte. So was macht man nur, weil man nicht die Gelegenheit hat, es richtig zu tun. Und auch wenn es besser als gar nichts ist, in unserem tiefsten Inneren spüren wir immer, dass uns etwas fehlt. Wir lesen, weil wir aufgehört haben zu erzählen.“

„Wie auch immer…“, versuchte Luckhaupt das Gespräch auf das eigentliche Thema zu lenken, doch der alte Mann ließ nicht locker.

„Wer hat denn das Recht zu sagen, was das richtige Ende einer Geschichte ist? Glauben Sie etwa, der Heilige Georg hätte tatsächlich gegen einen Drachen gekämpft?“

„Natürlich nicht, Drachen gibt es nicht.“

„Und doch erzählen wir uns seit Jahrtausenden Geschichten von ihnen. Warum tun wir das?“

„Sind wir wirklich hier, um über Drachen zu diskutieren?“ beschwerte sich Held. „Lassen Sie uns endlich zur Tat schreiten! Oder soll ich das übernehmen?“

So schnell geht es, dachte Luckhaupt: wenn man als Anführer nicht das tut, was das Gefolge für richtig hält, wird man einmal gewarnt und dann gestürzt. Was die Deutschen wohl getan hätten, wäre Hitler auf die Idee gekommen, Krieg und Völkermord abzublasen? Ein Führer hat den Vorteil, dass man ihm die Schuld geben kann, wenn es schief läuft. Hitler war der Jahrhundertverbrecher, kein Zweifel, aber er war auch Frankensteins Monster, erschaffen von Millionen von Biedermeiern, die nach dem Krieg einfach weitermachten, als hätten sie nichts damit zu tun gehabt. Es waren dieselben Biedermeier, die Hitler die Macht gegeben hatten, die nun dafür sorgten, dass die Bauwagenleute vertrieben wurden.

„Also los“, sagte Held zu dem alten Mann, „Sie brauchen gar nicht versuchen abzulenken, das nützt Ihnen nichts. Sie wissen genau, weshalb wir hier sind. Sie werden jetzt Ihre Sachen zusammenpacken und das Gelände verlassen.“

„Und wo sollen wir hin?“ erwiderte der alte Mann. „Ganz egal, wo wir unsere Wagen aufstellen, so schlecht und ungenutzt der Platz auch sein mag, früher oder später werden wir vertrieben, obwohl wir niemanden stören. Es ist die Angst davor, das ihnen klar werden könnte, dass sie auch lieber so wie wir leben würden und das eigene Leben würde sich ja als Fehler herausstellen, sobald man feststellt, dass man falsch gelebt hat.“

„Wir sind nicht hier, um Lebensstile zu diskutieren“, sagte Held, ohne zu merken, dass er eben noch praktisch dasselbe über Drachen gesagt hatte. „Sie lagern hier ohne Genehmigung und das geht eben nicht. Sie werden vorübergehend in verschiedene Obdachlosenheime untergebracht werden, bevor Sie Sozialwohnungen zugeordnet bekommen.“

„Das heißt, Sie wollen unsere Familien auseinander reißen, nur weil Ihnen unser Lebensstil nicht gefällt?“

„Niemand wird auseinander gerissen“, versuchte Luckhaupt zu beruhigen, „Familien bleiben selbstverständlich zusammen.“

„Dann müssen wir hier bleiben, wir sind alle eine Familie.“

„Mütter und Väter bleiben bei ihren Kindern“, präzisierte Luckhaupt, „und Sie wollen ja wohl nicht behaupten, dass die Kinder hier von mehreren Frauen gleichzeitig geboren worden sind.“

„Nein, aber das ist nur Ihre Definition von Familie. Sie wollen unsere Kinder dazu zwingen, auch so aufzuwachsen, damit sie es als Erwachsene genauso naturgegeben empfinden wie Sie. Doch das ist eine Lüge. Mehr als 150.000 Jahre sind Menschen in Großfamilien durch die Welt gezogen und auch als sie sesshaft wurden, lebten sie zunächst in Langhäusern alle unter einem Dach, jeder kümmerte sich um die Kinder, auch wer kein biologisches Elternteil war. Monogamie ist gegen die menschliche Natur, sie unterdrückt eine natürliche und konfliktfreie Sexualität, die nicht auf Besitzdenken basiert. Die Reduzierung auf in kleine Wohneinheiten isolierte Minifamilien ist ein Instrument der Mächtigen zur Kontrolle, zur Formung der Massen nach ihrem Willen.“

„Das wird ja immer toller, jetzt diskutieren wir schon Menschheitsgeschichte“, erwiderte Held in einem Tonfall, der eine Mischung aus Hohn und Fassungslosigkeit war. „Ich muss Sie enttäuschen: wir sind gar nicht zum philosophischen Gedankenaustausch gekommen. Zeigen Sie mir mal Ihren Ausweis!“

Der alte Mann lächelte: „Hier hat niemand so etwas wie einen Ausweis.“

„Aber einen Namen haben Sie doch?“

„Taliesin.“

„Tallijässling und weiter? Das ist doch bestimmt wieder ein falscher Name. Ich schlage vor, dass jetzt genug geredet worden ist. Seit Wochen wird die Räumung mit immer neuem Gequatsche hingezogen. Wenn wir jetzt quasseln, bis es dunkel wird, wird’s wieder nichts. Also, wie wäre es, wenn Herr Tallerjesling anfängt und seine Habseligkeiten zusammenpackt“, dann rief er laut über den Platz: „Und ihr anderen auch: Abmarsch! Packt eure Sachen, der Platz wird jetzt geräumt! Feierabend!“

Niemand reagierte.

„Na gut“, sagte Held zu Luckhaupt, „ich denke, das reicht jetzt. Wir sollten Mylius‘ Einheit hinzuziehen, freiwillig passiert hier nichts.“

Dann forderte er per Funk die Einheit an. Luckhaupt tat nichts, ihm war längst klar, dass die Art seines Vorgehens nicht nur ungewöhnlich und ungewöhnlich ungeschickt war, sondern auch, dass deswegen seine Karriere schweren Schaden nehmen könnte, sollte die Räumung des Lagers scheitern. So blieb er still, während Held mit staatlicher Autorität erfolglos versuchte, einzelne Bewohner freiwillig zur Räumung des Lagers zu bewegen. Wohl zufällig geriet er dabei mit dem Kleinwüchsigen ins Gespräch.

„Ist das medizinisch, krankheitsbedingt, ein Unfall, Folge einer Körperverletzung oder ein Geburtsfehler?“ fragte er.

„Bitte was?“ erwiderte der Zwerg.

„Ihre Ohren.“

„Was soll die Frage? Ich frage Sie doch auch nicht, ob Ihr Gesicht ein Geburtsfehler ist. Ich bin so wie ich bin!“

„Womit wir wieder bei der eigentlichen Frage sind: wer sind Sie? Wo ist Ihr Ausweis? Wie ist Ihr Name?“

„Das habe ich doch gerade gesagt: John Barleycorn.“

„Ihren richtigen Namen, verdammt noch mal!“

Luckhaupt stand immer noch bei dem alten Mann, der sich Taliesin nannte. Er summte eine Melodie, die Luckhaupt seltsam bekannt erschien, so als hätte er sie vor langer, langer Zeit schon einmal gehört. Er konnte sich aber nicht daran erinnern, wann und wo das gewesen sein könnte. Es fühlte sich an wie ein Echo aus einem vergangenen Leben, einer undefinierten Zeit, in der es kein damals und kein Morgen gab, nur die schiere Existenz, kein Vergehen. Plötzlich hörte er diese Melodie viel lauter. Irgendwer hatte das Thema aufgenommen und spielte es nun in Variationen auf einer Geige. Luckhaupt sah sich um und sah den Zwerg, der auf einen der Bauwagen geklettert war und dort auf dem Dach stehend auf einer Fidel spielte. Er erhöhte das Tempo des Liedes, das einen an irische Folklore erinnernden Rhythmus hatte, und begrüßte damit die Einheit von Kommissar Mylius, die zwischenzeitlich auf dem Gelände eintraf. Dann verlangsamte er ganz unmittelbar das Tempo, spielte eine getragene, traurige Melodie, die Luckhaupt alles in Zeitlupe erscheinen ließ, aufgewirbelter Sand hing für einige Zeit in der Luft, bevor er zu Boden schwebte, Vögel flogen vorbei, als wären sie Fische, die im Wasser schwammen, und die Stimmen der Menschen verzerrten sich wie bei einer zu langsam laufenden Tonaufnahme. Gleichzeitig blieb die von dem Zwerg gespielte Melodie aber im richtigen Tempo.

Luckhaupt fragte sich, was das bedeutete. Er hatte das Gefühl, aus einem zähen, stumpfsinnigen Traum zu erwachen, zum ersten Mal seit langer Zeit die Wirklichkeit wiederzusehen, die sich jahrelang hinter einem Schleier der Betäubung versteckt hatte und nur dann und wann durchblitzte, wenn sein Geist besonders aufnahmefähig war, wenn er bereit war sich zu erinnern, wenn er sich wehrte gegen die ständigen Ablenkungen, die ihn taumeln ließen durch falsche Wirklichkeiten, die ineinander übergingen wie Träume in einer unruhigen Nacht, bei denen einzelne Brocken von einer Sequenz in die nächste mitgeschleppt wurden, um seinem betäubten Bewusstsein vorzugaukeln, es wäre alles noch dieselbe Welt. Er verspürte den Wunsch alles zurückzulassen, fortzugehen, die unerforschte Wirklichkeit zu bereisen, loszukommen von den Wahnvorstellungen des Alltags, dem Delirium des Seins, das immer dann am größten ist, wenn wir uns besonders wach und klar fühlen, wenn wir glauben, alles irgendwie zu verstehen, wenn Dinge einen Sinn zu ergeben scheinen. Doch die Welt ergibt keinen Sinn, nur Geschichten tun das.

Plötzlich war er ganz weit weg. Irgendwie sah er das Bauwagengelände, die Bewohner und die Polizisten noch, doch es war alles hinter einem Schleier verborgen. Er nahm alles wahr, aber nichts davon gelangte in sein Bewusstsein. Jemand musste ihn unter Drogen gesetzt haben, schoss es ihm durch den Kopf, doch bevor er darüber nachdenken konnte, wer es war, wie er es getan hatte und was Luckhaupt jetzt dagegen unternehmen konnte, verlor sich der Gedanke wieder in dem grauen Nichts. Er verlor das Verständnis für kausale Zusammenhänge. Nichts ergab mehr einen Sinn. Wenn ein Blatt von einem Baum abbrach und zu Boden flog, dann glaubte er, es hätte schon immer dort gelegen. Ein Vogel, der – von schnellen Füßen aufgeschreckt – vom Boden aufflatterte, war nie dort gewesen und alles, was sich bewegte, existierte nicht. Alles Leben war nur eine Quantenfluktuation im Angesicht der Ewigkeit.

Luckhaupt taumelte. Alles drehte sich. Er konnte seinen Blick auf nichts mehr fixieren. Alles verschwamm wie ein Bild aus Wasserfarben, das noch nicht trocken war und das man kräftig schüttelte. Er stürzte. Seine Knie schmerzten und auf allen vieren kauernd versuchte er sich auf den Boden vor sich konzentrieren. Immer noch war ihm schwindlig, doch er konnte Sand erkennen, in dem sich seine Hände vergruben. Dann spürte er einen brennenden, beißenden Schmerz auf seinem Rücken. Er hörte Schreie in einer Sprache, die er nicht kannte, das Rasseln von Ketten, ein rhythmischer Gesang und er spürte den Boden unter unzähligen Füßen erbeben.

Dann wieder dieser Schmerz. Er schrie laut auf und kämpfte sich auf die Beine. Über ihm schien der Mond, Sterne funkelten und ein leichter Wind wehte durch sein Haar. Seine Füße waren in Ketten gelegt, sein Oberkörper nackt und von tiefen Narben übersät. Er sah nach links und nach rechts in ein weites, weites Tal, an dessen fernem Ende sich Hügel erhoben, und was er in diesem Tal sah, erschütterte ihn zutiefst. Hunderte, nein, Tausende, die genauso waren wie er. Halbnackt konnten sie sich vor Schmerzen kaum noch auf den Beinen halten und stolperten doch immer weiter, angetrieben von dämonischen, in schwarz gekleideten Wesen mit schmalen, feurigen Schlitzen anstelle von Augen und einer silberblitzenden Peitsche in der Hand, mit der sie nach jedem schlugen, der eine Pause verlangte oder in seinem Marsch zögerte. Erneut spürte er den Schmerz und erneut war er fürchterlich. Doch diesmal war es anders. Er wusste, dass er diesmal nicht stürzen, dem Schmerz widerstehen würde, dass er sich umwenden könnte zu… bei allen Göttern! Was war das für ein Wesen?

„Deckung!“ rief Held und schubste Luckhaupt zur Seite. Ein Surren peitschte durch die Luft.

„Verdammt, was soll das?“ erwiderte Luckhaupt, während er über einen etwas größeren Stein stolperte und auf den Hintern fiel. Ein Pfeil landete direkt neben ihm im Boden und vibrierte sekundenlang nach, als wollte er verdeutlichen, mit welcher Wucht er abgeschossen worden war.

„Das war ein klarer Mordanschlag auf einen Polizeibeamten“, sagte Held, der über Luckhaupt gestolpert und ihm dabei zweimal mit dem Absatz ins Gesicht getreten war. „Dafür werden diese Schweine bezahlen!“

Luckhaupt rappelte sich auf und sah sich um. Die Szenerie hatte sich verändert. Die Bewohner des Bauwagenplatzes waren zu großen Teil verschwunden. Dafür wuselten überall Uniformierte herum, die panisch nach Schutz suchten, sich hinter Wagen versteckten oder einfach auf den Boden warfen. Immer wieder zischten Pfeile durch die Luft. Sie kamen aus dem Wald von Bogenschützen, die sich kaum unterschieden von den Ästen der Bäume, auf denen sie saßen.

„Da, hinter den Wagen“, rief Held und zerrte Luckhaupt mit sich. „Runter!“

Während ein weiterer Pfeil gegen den Bauwagen, hinter dem sie sich versteckten, prallte, jedoch nicht steckenblieb, wurde Luckhaupt bewusst, dass ihm Held damit in wenigen Sekunden wahrscheinlich zum zweiten Mal das Leben gerettet hat.

„Was ist denn nur mit denen los?“ sagte Luckhaupt. „Sie haben nie zu derartigen Aggressionen geneigt.“

„Na, die sind irre, was denn sonst?“ erwiderte Held. „Wahrscheinlich voll von irgendwelchen Drogen. Mit Pfeil und Bogen auf uns zu schießen! Das ist doch nicht das Mittelalter!“

Luckhaupt wagte sich vorsichtig ein Stück aus ihrem Versteck, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die Polizisten lagen verstreut auf dem Boden hinter dem kleinstmöglichen Schutz in Deckung. Zumindest einer von ihnen war schwer verletzt und hatte einen Teil des Pfeils, der ihn getroffen hatte, noch abgebrochen in der rechten Schulter stecken. Er schrie vor Schmerzen. Die Bauwagenleute waren strategisch auf den Bäumen verteilt. Immer war ein leerer Baum zwischen einem besetzten. Des Weiteren saßen sie alle in einer anderen Höhe und schossen nach einem schwer zu kalkulierendem System. Ganz links auf dem am weitesten entfernten Baum schoss ein offenbar besonders schneller Schütze jeden zweiten Pfeil. Die anderen etwa 6 oder 7 Personen wechselten sich ab, wobei auch sie in einem unterschiedlichen Rhythmus schossen.

„Die schießen nach einem System“, sagte Luckhaupt, „das können wir nutzen, um näher ranzukommen.“

„Lassen Sie das! Das kann doch nur eine Falle sein“, erwiderte Held, „Warum sonst sollten sie vorhersagbar schießen?“

„Weil das System, in dem sie schießen, extrem effektiv ist, um eine Annäherung an die Bäume zu verhindern. Da müssen sie lang drüber nachgedacht haben… und auch geübt, so perfekt, wie das funktioniert.“

„Sie meinen, die haben das seit Wochen geplant und geprobt? Das ist also ein geplanter Anschlag auf uns? Dafür werden sie bezahlen!“

„Nein, warten Sie! Nicht!“

Doch Luckhaupt konnte ihn nicht mehr aufhalten. Held zog seine Dienstwaffe, sprang aus der Deckung hervor und schoss wie ein Irrer um sich, immer in die Bäume hinein. Erst traf er nur ein paar Äste, die je nach Dicke hin und her flatterten oder absprangen und zu Boden fielen. Dann aber fiel einer der Bogenschützen vom Baum und blieb regungslos liegen.

„Ha!“ rief Held triumphierend und schoss weiter.

Den anderen Polizisten gab das die Gelegenheit zur Flucht. Ein großer Teil verließ das Gelände, um durch den Wald auf der gegenüberliegenden Seite zum See zu gelangen. Der Schwerverletzte wurde von zwei Kollegen gestützt. Nur einer der Beamten blieb, um Held zur Seite zu stehen. Wie in einem Western verschanzten sie sich hinter einem Bauwagen und feuerten weiter. Auch die Bogenschützen feuerten weiter, doch ihr System war zerstört und es waren nur noch vereinzelte Schüsse, die zu nicht mehr gut war, als die Polizisten hinter ihrer Deckung zu halten. Luckhaupt bemerkte, dass einer nach dem anderen durch die Bäume hangelte und zu fliehen versuchte. Unbemerkt von Held und seinem Kollegen folgte Luckhaupt den Flüchtigen.

Mehrfach stolperte er über Wurzeln, während er darauf bedacht war, den Anschluss nicht zu verlieren, ohne dabei bemerkt zu werden. Immer wieder verlor er sie kurzzeitig aus den Augen, mehrmals dachte er, dass sie nun endgültig davon gekommen waren, dann aber lichtete sich der Wald und eine kleine, mit brüchigem Teer bedeckte Ebene öffnete sich vor Luckhaupt.

Es war das Gelände einer alten Industriebrache, die seit mehr als 10 Jahren dem Verfall preisgegeben wurde und von manchen Jugendlichen als eine Art Abenteuerspielplatz genutzt wurde. Die Anlage war aufgegeben worden, nachdem die Firma, der sie gehörte, pleitegegangen war. Nichts Schlimmes war hier geschehen, doch wann immer Luckhaupt diesen Ort betrat, machte er auf ihn den Eindruck einer verlassenen Stadt nach einem furchtbaren Krieg.

Das Gelände hatte keine nachvollziehbare Struktur, die leeren Gebäude waren chaotisch verteilt und schienen in Eile verlassen worden zu sein. Die meisten Fenster waren zerbrochen, manches Dach eingestürzt und es wuchsen bereits wieder Gras und Sträucher durch den Asphalt. Die Natur war dabei, sich das Land zurückzuholen. Zentrales Bauwerk waren die Überreste eines Hochofens, dessen offene Zugangsplattform auf halber Höhe als Treffpunkt für Jugendliche bekannt war, trotz wiederholter Versuche des Ordnungsamts, sie von diesem gefährlichen Ort fernzuhalten, an dem jeder falsche Tritt einen tödlichen Sturz in die Tiefe bedeuten konnte. Der Bogenschützentrupp der Bauwagenleute war gerade dabei, die Treppe hinauf zu der Plattform zu betreten. Luckhaupt rannte hinterher.

Während er die Treppe nach oben hetzte, fragte er sich, ob das nicht eine vollkommen verblödete Idee war. Die Bauwagenleute waren in der Überzahl und auch wenn er mit seiner Pistole die bessere Bewaffnung hatte, konnte er sie doch nicht einfach erschießen. Was, wenn sie sich weigerten, seinen Anweisungen Folge zu leisten? Was, wenn sie ihn einfach die Plattform hinunter schubsten? Würde er dann in Notwehr doch jemanden erschießen müssen? Oder gar alle, wenn selbst das sie nicht aufhalten sollte? Wäre es für alle Beteiligten nicht besser, er bliebe einfach fern von diesem Ort, ließe sie ziehen? Wessen Leben wäre danach schlechter?

Schwer schnaufend kam er auf der Plattform an. Er sah nur eine Frau. Sie stand mit dem Rücken zu ihm am Rande der Plattform. Den Bogen neben sich auf den Boden gestützt, blickte sie in die Ferne über die Baumkrone des Waldes zu der Stadt, die in der schimmernden Ferne der Sommerhitze unwirklich verschwamm, so als wäre sie dabei in eine andere Dimension zu verschwinden.

Die Frau trug einen Rock, der ihr nicht ganz bis zum Knie reichte. Er hatte ein tartanartiges Muster und erinnerte an einen schottischen Kilt. Sie war barfuß und Schmutz hatte sich bis zu ihren Knöcheln hinauf verteilt. Auf ihrer Wade prangte die auffällige und sehr gut ausgearbeitete Tätowierung eines grünen Drachen, eine ganz hervorragende Arbeit, viel zu gut und damit zu teuer für die finanziellen Möglichkeiten der Bauwagenleute. Dafür musste sie auf so manch anderes, eigentlich Wichtigeres verzichtet haben. Das Auffälligste an ihr waren aber ihre Haare. Sie hatte unzählige Strähnen in allen Farben des Regenbogens gefärbt, so als wären ein Dutzend Farbtöpfe über ihrem Kopf explodiert. Hinzu kam, dass keine dieser Strähnen auch nur annähernd dieselbe Länge hatte. Man konnte das Ende des Regenbogens nicht finden, weil jeder Streifen – und auch schmale Abschnitte von Streifen – an einer anderen Stelle endete. Es gab kein Ende des Regenbogens, weil er sich langsam auflöste, mit dem Universum verschwamm. Der Regenbogen existierte in der physikalischen Welt nicht, dennoch war er ein Effekt der Physik, der Brechung von Licht. Es war die menschliche Wahrnehmung, die ihn existent machte. So wie das Verrinnen der Zeit.

„Dieser Ort ergibt keinen Sinn mehr, denkst du nicht auch, Vito?“ sagte sie.

„Woher kennen Sie meinen Namen?“

Sie sah ihn an und lächelte: „Ich kenne deinen Namen, weil du einer von uns bist.“

Nervös fuhr Luckhaupt herum. Wo waren die anderen hin? Sie mussten irgendwo hinter ihm sein und hätten ihm ohne Probleme einen Pfeil in den Rücken schießen können! Er griff nach seiner Waffe, zog sie leicht aus dem Holster, hielt sie aber nach unten, um keinen Verteidigungsreflex bei den Bogenschützen zu provozieren. Er lief auf der Plattform einmal um den Hochofen herum, fand jedoch niemanden Er rannte noch ein zweites Mal im Kreis, weil er befürchtete, die Flüchtigen hätten sich nur geschickt immer auf der anderen Seite des Hochofens aufgehalten, so dass er sie nur nicht sehen konnte. Doch sie waren einfach verschwunden.

Er ging zurück zum Rand der Plattform und blickte über das Gelände. Die einzige Erklärung, die es gab, war, dass sie ungesehen die Treppe wieder hinabgeklettert waren, während die Frau ihn abgelenkt hatte, doch wohin er auch blickte, nirgendwo war ein Mensch zu sehen. Das Gelände wirkte, als sei es seit Jahrzehnten nicht mehr betreten worden. Selbst die Stadt wirkte von hier aus leer und tot. Die Gebäude lugten hinter den Bäumen des Waldes hervor wie verlassene Mayaruinen im Regenwald von Yucatán. Der Wald schien viel dichter zu sein, so als hätte die Zivilisation den Kampf gegen die Natur verloren und würde von ihr langsam aufgefressen werden. Luckhaupt hatte den Eindruck, als wären Jahrhunderte vergangen, vielleicht mehr, denn selbst die Hügel in der Ferne erschienen ihm von diesem Blickwinkel höher als sonst. Sie leuchteten seltsam, glühten rotgolden wie in der untergehenden Sonne. Doch so spät konnte es noch gar nicht sein.

Über den Hügeln flog etwas Großes. So groß, dass er es zunächst für ein Flugzeug hielt, doch die Bewegungen, die es vollzog, waren eher die eines Vogels, die Richtung änderte sich ständig, es flog nach unten und nach oben und die Flügel, die es zu haben schien, bewegten sich, schlugen kräftig, wenn es aufstieg. Nach einer Weile verlor Luckhaupt es aus den Augen und er blickte wieder über den Wald. Feuer stieg auf an mehreren Stellen.

„Verdammt, der Wald brennt“, sagte er und griff nach seinem Funkgerät, doch noch bevor er hineinsprechen konnte, knisterte es bereits aus dem Lautsprecher.

„EL, bitte kommen!“ es war die Stimme von Held.

„Kommen!“ erwiderte Luckhaupt.

„Situation ist unter Kontrolle. Etliche Festnahmen. Man sollte die Bauwagen schnellstmöglich abtransportieren, sonst nisten die sich wieder ein. Wir haben vier verletzte Beamte, einer davon schwer, aber nicht in Lebensgefahr.“

„Und der Bogenschütze, der getroffen wurde?“

„Ex…“

Luckhaupt senkte sein Funkgerät. Er sah die Frau neben sich an, die aufmerksam aber ohne emotionale Regung zurückblickte.

„War es das wirklich wert gewesen?“ fragte er sie. „Ihr Freund ist gestorben.“

„Aus deiner Sicht vielleicht“, erwiderte sie.

„Das ist keine Frage des Standpunkts.“

„Doch. Sein Leben hat schon immer an diesem Punkt geendet. Wer dorthin geht, wird ihn tot finden, aber wir gehen einfach an einen anderen Ort und werden ihn dort wieder lebend finden. Die Realität ist keine gerade Linie, sie ist ein Irrgarten, ein Rhizom. Es gibt keine zentralen Wege, Raum und Zeit kreuzen sich, drehen sich, verschränken sich und am Ende kommt man an einem Ort oder eine Zeit, an der man schon einmal war und alles wird sich anders ereignen. Und dann wird es schon immer so gewesen sein.“

Es knisterte wieder aus Luckhaupts Funkgerät: „Wo ist ihr Standpunkt?“

„Wiederholen?“ funkte er zurück.

„Ihr Standpunkt! Wo sind Sie?“

„Auf dem alten Industriegelände.“

„Brauchen Sie Unterstützung?“

„Nein, ich habe eine Person vorläufig festgenommen, die anderen sind flüchtig“, Luckhaupt blickte wieder über den Wald, von dem immer noch an verschiedenen Stellen Rauch aufstieg. „Ich kann hier mehrere Brände beobachten. Können Sie das bestätigen?“

„Nein, hier ist nichts, aber ich werde mal rückfragen.“

Nachdem Luckhaupt sein Funkgerät wieder weggesteckt hatte, packte er die Frau am Arm und forderte sie auf mitzugehen. Sie ging zwei Schritte, dann riss sie sich los und sprang von der Plattform.

„Nein!“ rief Luckhaupt ihr hinterher, sah sie aber nur noch fallen und auf dem Boden aufschlagen. Regungslos blieb sie liegen. Er rannte die Treppe hinab, stolperte dabei und rutsche die letzten Meter. Seine Hose riss auf und er blutete an der Wade.

„Verdammter Mist“, schimpfte er vor sich hin, während er zu der Stelle humpelte, wo sie aufgeschlagen war. Doch sie war verschwunden. Erstaunt blickte er sich um, erst nach links und dann nach rechts, schließlich drehte er sich trotz seiner Schmerzen im Bein noch einmal komplett um 360 Grad, doch sie war nirgends zu entdecken. Er beugte sich zu einem Fleck vor ihm auf dem Boden, berührte ihn und roch dann an seinem Finger. Es war eindeutig Blut, frisches Blut, aber es gab keine Blutspur, die wegführte. Im ersten Moment hatte er geglaubt, sie hätten den Sturz unmöglich überleben können. In jedem Fall war sie aber schwer verletzt, wie hätte sie da so schnell verschwinden können, noch dazu ohne eine Spur zu hinterlassen?

Nach einer Weile erfolglosem Suchens kehrte Luckhaupt zum Bauwagenplatz zurück. Dort hatte man bereits angefangen, die Bauwagen wegzuschaffen. Von den Bewohnern war niemand mehr vor Ort. Held kam ihm aufgeregt entgegengelaufen.

„Die Leiche ist weg!“ sagte er.

„Was?“

„Die Leiche ist weg“, wiederholte Held. „Wir wissen nicht, wie sie es angestellt haben und keiner sagt was, aber in all dem Trubel muss es ihnen gelungen sein, die Leiche fortzuschaffen. Und das ohne irgendeine Spur. Diese Leute sind echt krank! Was machen die mit einem Leichnam?“

„Eine Illusion aufrecht erhalten“, erwiderte Luckhaupt, „Es geht darum, uns davon zu überzeugen, dass ihre Illusion der Realität entspricht.“

„Und was bringt ihnen das?“

Luckhaupt fasste sich an seine Wade. Sie blutete und schmerzte stark.

„Wenn alle dasselbe glauben, wird es zur Wahrheit“, sagte er. „Sie leben allein in ihrer eigenen Vorstellungskraft.“

„Sag ich doch: irre sind die.“

„Ja, aber sind wir anders? Wir sehen Dinge, nehmen die Realität auf verzerrte Weise wahr und passen unsere Beobachtungen dann unserem Weltbild an. Die tatsächliche Realität bleibt uns immer verschlossen. Wieso sollte ihre Interpretation weniger richtig sein als unsere?“

„Weil ihre Interpretation dazu geführt hat, dass einer von ihnen tot ist!“

„Das ist er auch in unserer Interpretation.“

„Ja, aber doch nur deshalb, weil sie eine andere Interpretation hatten!“

„Richtig“, nickte Luckhaupt, „sie haben vollkommen recht. Sie haben ihn erschießen müssen, weil er eine andere Interpretation der Realität hatte wie Sie. Ist das nicht immer der Grund dafür, dass Menschen sich gegenseitig umbringen?“

„Ich habe mich nur verteidigt“, erwiderte Held, „ich bin nicht schuld.“

Ein Schatten huschte über die Lichtung und ließ sie aufschrecken. Jeder blickte nach oben und sah doch nur den blauen Himmel.

„Mann, habt ihr das gesehen?“ rief irgendwer. „Was für ein Riesenvogel war das denn?“

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