Prolog

Eines Nachts war er plötzlich da. Niemand wusste, woher er gekommen war oder wohin er tagsüber verschwand. Manch einer versuchte, ihm im Morgengrauen hinterherzuschleichen, dorthin zu folgen, wo seine mysteriöse Erscheinung zu einer langweiligen, bedauernswerten, belanglosen Alltäglichkeit wurde, doch irgendwie gelang es ihm immer seine Verfolger abzuschütteln, ohne Mühe, ohne Hast, ohne Aufregung. Es war, als löste sich seine Existenz mit den ersten Strahlen der Morgensonne auf, als wäre er nur ein Traum des Universums, das diesen beim Aufwachen schlicht vergaß.

Sie nannten ihn den Nachtwächter, denn in den ersten Wochen seines Erscheinens stand er in seltsamer Kleidung gehüllt, mit einem langen Wanderstab in der Hand still und regungslos auf dem Marktplatz, das Gesicht zur alten Burg gewandt. Kein Wort sprach er, keine Regung gab er von sich. Er stand einfach nur dort.

Natürlich versuchten viele, ihn zu einer Reaktion zu bewegen. Sie zogen Grimassen, erzählten Witze, traten ihm auf den Fuß, zogen an seiner Nase und an den Ohren. Jugendliche bewarfen ihn mit rohen Eiern, drückten ihm eine Torte ins Gesicht und sahen es als besonders eklige Mutprobe an, sie anschließend wieder abzulecken. Er ertrug Ohrfeigen und Schubser, ließ sich Haare ausreißen und in den Hintern treten. Er reagierte auf nichts und ertrug alles mit einer solch ausdrucksstarken Würde, dass mehr und mehr Menschen sich veranlasst sahen, ihn vor diesen Provokationen und Demütigungen zu schützen. Jeden Abend wurden es mehr, die nur deshalb auf den Marktplatz kamen, um den Nachtwächter zu bewachen.

Nach einiger Zeit erhielt er an manchen Nächten Besuch. Eine weitere, nicht weniger mysteriöse Gestalt gesellte sich zu ihm. Sie trug einen langen, dunklen Mantel mit einer Kapuze, die sie tief in ihr Gesicht gezogen hatte, so dass niemand sagen konnte, wie es aussah, ja nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau war. Die Beschützer des Nachtwächters waren bereits so zahlreich, dass niemand es wagte, dem Neuankömmling die Kapuze aus dem Gesicht zu ziehen.

Die neue Gestalt war vielen unheimlich. Manche versuchten, ihre Ängste hinter rationalen Diskussionen zu verstecken. Sie fragten sich, ob das Ganze vielleicht nur eine groß angelegte Kunstperformance war, ob der Neue nur ein Trittbrettfahrer war oder ob die beiden es von Anfang an so geplant hatten. Doch niemand fand eine zufriedenstellende Antwort darauf und die Gestalt in der Kapuze schwieg auch dann noch, als der Nachtwächter zu sprechen begann.

Es kam ganz plötzlich und unerwartet und wer in diesem Moment anwesend war, wird die eigenartige Atmosphäre, die es auslöste, nie mehr vergessen. Tage, Wochen, Monate hatte er jede Nacht dort gestanden und niemals auch nur ein Wort gesagt, kein Husten, kein Niesen, nicht einmal ein lautes Schnaufen von sich gegeben. Und nun sprach er flüssig und in klaren, deutlichen Worten.

Er sprach zu niemanden direkt, ja, es schien sogar, als spräche er eher mit der Nacht, dem Wind, den Bäumen, den Mond und den Sternen als mit irgendeinem Menschen. Zunächst schien es nicht einmal sicher, dass er überhaupt wahrnahm, ob ihm Menschen zuhörten.

Er hielt keine Reden, machte keine Bemerkungen über das Wetter oder sein persönliches Empfinden, nein, er erzählte Geschichten, Geschichten von anderen Menschen, manchmal auch von Tieren, Pflanzen, Steinen, dem Ozean oder dem Sternenhimmel. Auf dem ersten Blick schienen diese Geschichten nichts gemeinsam zu haben, manche waren lang, manche eher kurz, manche waren abenteuerlich, manche lustig, manche tragisch, manche berührten Philosophisches, andere Belanglosigkeiten. Doch nach einigen Tagen und Wochen, in denen er jede Nacht hindurch Geschichten erzählte, erahnte man Zusammenhänge. Dieselben Charaktere traten immer wieder auf, nicht immer in einer logischen Folge zu ihrem letzten Erscheinen, teilweise in völlig unterschiedlichen Zeitaltern und Welten. Dennoch akzeptierte man bald, dass es dieselben Personen waren, auch wenn es keine kausalen Zusammenhänge gab.

Manche Geschichten erzählte er immer wieder, doch jedes Mal anders. Nicht nur anders im Wortlaut, auch das Verhalten der Figuren, die Motive, die Intention und die Atmosphäre wechselte. Manchmal waren es nur Nuancen, leicht andere Schattierungen, dann wieder schienen es komplett andere Geschichten zu sein, Bösewichte zu Helden zu werden.

Nach einiger Zeit wurde deutlich, dass er die Menschen, die sich jede Nacht versammelten, um ihm zuzuhören, nicht nur wahrnahm, sondern ihnen mindestens genauso zuhörte wie sie ihm. Die Überraschung war groß, als einige feststellten, dass Figuren seiner Geschichten ihre Namen trugen, noch größer war die Überraschung, dass diesen Figuren dasselbe geschah, was ihren Namensvettern in der Wirklichkeit geschehen war.

Und doch war es anders. Es waren keine Nacherzählungen oder Dramatisierungen der Realität, nein, eher wie in einem Traum flossen ihre Erlebnisse als Erzählmotive in eine Geschichte ein, die der Nachtwächter schon lange gekannt haben muss, bevor er das erste Mal auf dem Marktplatz erschienen war, und so verstand man, wie seine Geschichten entstanden sein mussten und warum er zunächst so lange geschwiegen hatte: wohin er auch ging, er hörte den Menschen zu, suchte die Essenz ihrer Erzählungen, veränderte sie wieder und wieder, indem er ihnen neue Elemente hinzufügte und alte entfernte. Am Ende waren es kollektive Geschichten, die mehr waren als die Summe von Plot, Charaktere und Stil. Es waren Erzählungen im ursprünglichen Sinn, so wie es Menschen schon vor Jahrtausenden getan hatten, lange bevor jemand auf die Idee kam die Schrift zu erfinden.

Es waren Geschichten mit einem Eigenleben, sie veränderten sich, atmeten. Sie waren ein mystisches Lebewesen, das von den Seelen der Menschen ernährt wurde. Es war der Ursprung jeglicher Kultur, jeglichen Denkens, das über die grundlegenden Bedürfnisse hinausging, die Suche nach einem Sinn in den Zufälligkeiten des Universums.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: