Die Revolte der Rindviecher

Offenes Land lag vor ihnen. Ein Wald erstreckte sich düster entlang des Weges. Die Blätter der Bäume raschelten geheimnisvoll, flüsterten, als erzählten sie sich Geschichten von den Menschen, den Tieren und all den anderen Dingen, die an ihnen vorbeigekommen waren und deren Existenz sie sich nicht erklären konnten. Was waren das für Wesen, die sich von einem Ort zu einem anderen bewegen konnten? Und warum taten sie das? War es Abenteuerlust? Neugier? Waren sie überhaupt real, wenn sie nur kurz an einem Ort erschienen und dann wieder verschwanden, als hätten sie nie existiert?

Auf der anderen Seite des Weges zogen sich Hügel so weit das Auge reichte, manche waren mit Wäldern bedeckt, andere nur mit Gras, wieder andere waren so hoch, dass sie in den Wolken verschwanden, die vereinzelt über den Himmel zogen. Jeder Hügel strahlte in einem anderen Grün, mal hell und satt, dann wieder dunkel und zurückhaltend, so dass es schwer war Entfernungen einzuschätzen, festzustellen, welcher Hügel weiter entfernt war und welcher näher. Sie schienen nicht ganz wirklich zu sein. Sie schlingerten und stampften, tauchten aus dem Nichts auf und verschwanden wieder. Es waren grüne, erstarrte Wellen eines tobenden Ozeans, die Momentaufnahme des niemals ruhenden Fluss der Zeit.

Die Wolken veränderten sich ständig. Niemals sah eine Wolke genauso aus wie die nächste und die gleiche Wolke sah schon wenige Momente später niemals so aus wie zuvor. Sie dehnten sich aus, teilten sich, brachen zusammen und bildeten sich aus dem Nichts neu.

„Seht nur!“, rief Sophie und zeigte in das Wolkenspiel. „Da hinten, die beiden Wolken. Sie sehen aus wie zwei Drachen, die über den Himmel schweben, ein kleiner und ein großer, der den anderen jagt.“

Ihre beiden Begleiter sahen nach oben und versuchten zu erkennen, was sie meinte. Tatsächlich war dort ein langgestrecktes Wolkenband, dessen Ausläufer entfernte Ähnlichkeit mit zwei gewaltigen Flügeln hatten, die jedoch schon stark verschmiert und zum Fliegen sicher nicht geeignet waren. Der Kopf des Wolkendrachens bestand aus einer spitzen Nase und einem aufgerissenen Maul, das versuchte in den hintersten Teil einer anderen, kleineren Wolke zu beißen.

„Stimmt“, bestätigte Matt Sophies Beobachtung. „Vielleicht sollten wir ihnen folgen und sehen, wo sie landen. Drachen aus der Nähe zu sehen, ist sicher beeindruckend.“

Er sagte das so, als meinte er es ernst, was Winnie, die Dritte im Bunde, dazu veranlasste fassungslos den Kopf zu schütteln.

„Ihr spinnt doch beide“, sagte sie. „Wenn ich euch nicht von dem gröbsten Unfug abhalten würde, würdet ihr auch das Ende des Regenbogens suchen.“

„Keine schlechte Idee“, erwiderte Matt. „Und sicher auch nicht blöder, als jeden Sonntag in die Kirche zu gehen.“

„Wie bitte?“

„Das meine ich ja nicht böse, aber gerade, wenn man religiös ist, muss einem doch klar sein, dass man etwas im Leben braucht, an das man sich festhalten kann. Etwas, das einen Sinn ergibt, das einen davon überzeugt, dass das Leben nicht nur ein sinnloser Zufall ohne Bedeutung und Ziel ist. Eine Religion kann da helfen, sich nicht einfach vor den nächsten Zug zu werfen. Und die feste Überzeugung, dass es das Ende des Regenbogens gibt, ist auch nicht schlechter als die Hoffnung auf göttliche Erlösung. Es ist die Hoffnung auf eine große Belohnung für all die Strapazen des Lebens. Was wirklich wahr ist, können wir doch sowieso nie begreifen oder auch nur ansatzweise erahnen. Wir müssen nur einfach etwas finden, das uns davon überzeugt, dass es sich zu leben lohnt. Ich persönlich finde das Ende des Regenbogens charmanter als ein körperloses, übernatürliches, allmächtiges, aber scheinbar reichlich desinteressiertes Wesen.“

„Wieso ist es eigentlich immer das Ende und nie der Anfang?“ fragte nun Sophie, ohne Winnie die Gelegenheit zu geben, auf Matts Pauschalvergleich jeglicher Religion mit folkloristischem Aberglauben zu reagieren. „Hat der Regenbogen etwa zwei Enden und keinen Anfang?“

„Er hat weder noch“, erwiderte Winnie, „es ist bloß eine verdammte optische Täuschung.“

Muuuuuhuuuuh, ertönte es von der Weide neben ihnen, von wo aus sie ein hellbraunes, stupide vor sich hin kauendes Rind mit grimmigem Blick fixierte.

„Es geht doch nicht darum, was es wirklich ist“, sagte nun wieder Matt. „Unsere Vorstellung, die wir uns davon machen, ist eine Kommunikation mit dem Universum. Das Ende des Regenbogens wird in dem Moment real, in dem wir davon überzeugt sind.“

Muuhuuuuh! bestätigte eine andere Kuh, was Winnies Meinung aber auch nicht änderte.

„Dann wäre ja jeder Unfug real, wenn ich nur fest genug daran glaube. Ich bin aber ziemlich sicher, dass ich ziemlich tot sein werde, wenn ich von einem Hochhaus hüpfe, auch wenn ich fest davon überzeugt bin, dass ich fliegen kann.“

„Da Tote nicht mehr sprechen, ist das schwer zu beurteilen“, sagte Matt, „vielleicht bist du ja geflogen, man kann dich nur nicht mehr fragen, wie’s war.“

„Aber ich bin tot, verdammt“, fuhr ihn Winnie an. Sie war sichtlich verärgert darüber, dass Matt die Fähigkeit hatte, das Offensichtliche zu leugnen und damit durchkam. „Einen endgültigeren Beweis dafür, dass ich Unrecht hatte, kann es doch wohl nicht geben.“

„Richtig: die, die davon überzeugt waren, dass du nicht fliegen kannst, stellen nach deinem Versuch fest, dass du es nicht konntest. Aber für dich zählen doch diese Leute nicht. Du fliegst vermutlich ganz fröhlich zwischen den Wolken, während der Rest dich wegen deiner Dummheit betrauert.“

Muuuuuhuuuuh, schallte es wieder über die Felder. Erst jetzt bemerkten sie, dass Sophie schon seit geraumer Zeit stehengeblieben war. Sie stand still und regungslos einige Meter hinter ihnen und lauschte in die Ferne.

Winnie fragte, was denn los sein, doch Sophie machte eine Geste mit ihrer linken Hand, dass sie ruhig sein sollte. Matt nahm die Pause zum Anlass, sich in den Schatten eines Baumes zu setzen. Der Baum war auffällig kahl, so als sei er abgestorben, und befand sich auf der Weide in unmittelbarer Nähe der Kühe, die ihn kritisch beäugten, als er zwischen sie trat, sich an den Stamm setzte und versuchte seine Schuhe auszuziehen, wobei er ungewöhnliche Schwierigkeiten hatte. Der rechte Schuhe wollte ihm einfach nicht vom Fuß gehen.

„Merkt ihr das?“, flüsterte Sophie schließlich, „es ist auf einmal so still.“

Muuuhuuuuh, ertönte es gleich mehrfach von der Weide, so als wollten sich die Kühe damit über sie lustig machen.

„Die Vögel haben aufgehört zu zwitschern“, erklärte Sophie, „man hört auch kein Summen von Insekten mehr und auch wenn die Kühe noch muhen, schaut nur, sie sind alle stehengeblieben.“

Auch Winnie lauschte eine Weile in die Ferne, konnte Sophies Eindruck aber nicht bestätigen. Sie hörte ganz deutlich den Wind, der von weit herkam, den Wald streifte, durch die Blätter raschelte und über die Weide hinfort zog. Sie konnte sich auch nicht daran erinnern, ob sie an diesem Tag überhaupt Insektensummen wahrgenommen hatte und es war Hochsommer, da singen die Vögel nicht mehr so viel wie im Frühling.

„Vielleicht gibt es ein Erdbeben“, meinte Sophie. „Ich hab neulich gelesen, dass in China Tiere auf ein Erdbeben reagiert haben, Tage bevor es überhaupt passiert ist. Die sind scheinbar völlig grundlos aus ihrem Winterschlaf aufgewacht und davongelaufen. Einige Tage später lag eine Stadt dort in Trümmern.“

„Wie? Hellsichtige Tiere?“ erwiderte Winnie. „So ein Blödsinn!“

„Nein, nicht hellsichtig, die haben nur auf die Vorzeichen reagiert, bevor die Messgeräte es feststellen konnten. So’n Erdbeben kommt ja nicht aus heiteren Himmel, das kündigt sich an.“

„Und so’n Grottenolm erkennt Erderschütterungen, bevor es irgendwelche Geräte tun? Das stimmt doch bestimmt nicht! Bei irgendeinem Erdbeben haben sich irgendwelche Viecher kurz vorher auffällig verhalten, also heißt’s: supi, die haben’s gemerkt. Die 200.000 Erdbeben, bei dem kein…“

„Verdammte Flugsaurierscheiße!“ unterbrach sie Matt mit lautem Geschrei. „Ich krieg diesen Scheißschuh nicht mehr vom Fuß!“

„Was?“

„Na kuckt euch diesen Dreck an!“ schimpfte Matt, hüpfte auf einem Bein und versuchte seinen rechten Schuh über seinen Fuß zu bekommen, während er links barfuß war. „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“

Plötzlich ertönte ein Schnauben aus einer größeren Ansammlung von Kühen, nicht weit von Matt entfernt. Die Kühe wichen langsam zur Seite und schlurfende Hufgeräusche kündigten Unheil an. Matt bemerkte es nicht, doch Winnie und Sophie gefror das Blut in den Adern. Etwas kam, und es war gewaltig groß. Es verdrängte die Luft mit seinem heißen Atem. Es wühlte Staub auf. Es ließ die Erde beben. Stampfend wie ein Panzer durchpflügte es die Weide. Es war in eine Wolke aus Staub gehüllt, Feuerblitze loderten aus den Nüstern, der Atem entzündete die Luft. Die Waden waren kräftig und hinterließen tiefe Furchen im Boden, die ledrige Haut glitzerte in der Sonne, das Schnauben tönte wie Donner und nun verstummte selbst der Wind bei diesem Anblick.

„Matt“, zischte Sophie, zur Salzsäule erstarrt, während er nach wie vor mit seinem Schuh kämpfte, ohne irgendetwas mitzubekommen. „Matt!“

Das Monstrum hatte sie nun bemerkt und blieb stehen. Es zögerte. Seine Augen waren blutunterlaufen, doch der Rest des Gesichtes schien das Sonnenlicht wie ein Blitz zu reflektieren.

„Ich meine“, fuhr Matt lauthals fort, „der eine Schuh flutscht einfach runter und der andere nicht. Das ist doch völlig unlogisch! Meine Füße sind doch gleich groß.“

„Matt!“

„Seht euch doch nur mal diesen Mist an! Soll ich jetzt etwa dauernd auf einem Bein hüpfen? Ich mach mich hier doch nicht zum Aschenputtel!“

„Matt!“

„Jetzt mal ehrlich: ist mein Fuß angeschwollen? Bin ich von einer Biene gestochen worden und habe eine Allergie? Platzt mir gleich der Fuß? Spritzt Blut über den Boden? Oder ist der Schuh geschrumpft?“

„Matt, du Aushilfswahnsinniger! Da ist ein verdammter, viel zu groß geratener, ziemlich wütender, sich in deine Richtung bewegender, bedrohlich blickender…“

Matt ließ einen Schrei aus dem Mund entweichen, dann brüllte er noch dreimal, abgehackt und nach Luft ringend.

„Ein Stier!“ rief er. „Ein verdammter Stier!“

„Sag ich doch die ganze Zeit“, erwiderte Sophie.

„Ein verdammt wütender Stier!“

„Sag ich doch die ganze Zeit.“

„Ein verdammt wütender Stier, der sich auf mich zubewegt.“

„Sag ich doch die ganze Zeit.“

„Sophie?“

„Was?“

„Sophie?“

„Was ist?“

„Er kommt auf mich zu!“

„Sag ich doch die…“

„Scheiße, beweg dich!“ brüllte jetzt Winnie. „Der macht dich platt!“

Nachdem er zunächst nur sehr langsam in Bewegung kam, hatte der Stier mittlerweile schon eine recht ordentliche Trabgeschwindigkeit erreicht und senkte den Kopf, damit die Hörner Matts Brust genüsslich aufspießen konnten.

„Komm her!“, rief Winnie. „Schnell! Spring über den Zaun!“

Matt stolperte rückwärts, fiel auf den Hintern, rappelte sich wieder auf, stürzte erneut und konnte sich dann gerade noch rechtzeitig vor dem heranstürmenden Stier zur Seite werfen. Winnie versuchte den Stier zu reizen, um ihn so von Matt abzulenken. Der Stier fiel darauf herein, griff zweimal den Zaun an und schaffte es tatsächlich alle drei Holzbalken einzudrücken. Glücklicherweise war der Zaun stabil genug, um diesen Angriff zu überstehen.

Matt hatte sich mittlerweile davon geschlichen. Irgendwie war es ihm endlich gelungen, auch den zweiten Schuh von seinen Füßen zu bekommen und so konnte er auf den Baum klettern und sich in Sicherheit bringen.

„Und jetzt?“ fragte Winnie. „Wie kommst du da wieder weg?“

„Irgendwann wird er schon das Interesse verlieren und dann kann ich mich zum Zaun schleichen.“

„Es sei denn, eine der Kühe öffnet das Tor da vorne“, meinte Sophie.

„Es sei denn, was?“

„Na, schaut doch!“

Einige Meter entfernt befand sich ein Gatter, das von mit einem dicken, verknoteten Seil geschlossen gehalten wurde. Eine braune Kuh mit weißen Flecken hatte den Kopf durch des Gatter gesteckt und kaute an dem Seil.

„Das glaube ich ja nicht“, sagte Winnie, „das sieht wirklich so aus, als würde sie ganz bewusst das Tor öffnen wollen. Das kann doch gar nicht sein. Dazu ist das Viech doch nicht intelligent genug. He, he, hör auf damit!“

Winnie lief zu dem Gatter, fuchtelte mit den Armen und schrie die Kuh an. Die ließ sich davon nicht beeindrucken, muhte ungehalten zurück und kaute dann weiter an dem Seil. Schließlich fiel es lose herab, die Kuh trat zur Seite und das Gatter schwang auf.

„Das… kann… doch… gar… nicht… sein“, stammelte Winnie und versuchte das Gatter festzuhalten.

„Lass das sein“, brüllte Matt, „Das Biest stampft schon wieder los, das schubst dich mitsamt dem Tor einfach weg. Kommt her, ihr müsst auf den Baum rauf, das ist der einzige sichere Ort weit und breit!“

Sophie war dieser Aufforderung schon gefolgt, noch bevor Matt sie ausgesprochen hatte. Winnie blieb dagegen wie angewurzelt stehen und so drehte Sophie noch einmal um. Sie packte Winnie am Arm und zerrte sie fort. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Stier sie auf die Hörner genommen hätte. Nur um wenige Zentimeter verfehlte er sie, doch jetzt hatte das Schwergewicht so viel Geschwindigkeit aufgenommen, dass es nicht mehr bremsen konnte und quer über den Weg walzte, bis es im Wald auf der anderen Seite ankam. Erst dort konnte er stehenbleiben und blickte sich verdutzt um.

Sophie und Winnie rannten dennoch so schnell sie konnten in Richtung des Baums, auf dem Matt saß. Sie waren bald so schnell, dass Winnie die Kurve nicht bekam und auf dem Kies des Weges ausrutschte und stürzte. Dabei riss sie sich ein großes Loch in ihre Jeans und die Haut darunter blieb auch nicht ganz heil.

„Au, verdammt!“ rief sie, rappelte sich wieder auf und humpelte Sophie hinterher, die schon halb den Baum hinaufgeklettert war. Winnie lief demonstrativ langsam, nicht nur, weil sie Schmerzen hatte und nicht richtig auftreten konnten, sondern auch weil die Situation so absurd war, dass sie sie nicht mehr ernst nehmen konnte. Der Stier hatte zwar wieder aus dem Wald gefunden, doch der letzte Baum vor dem Weg beanspruchte nun seine volle Aufmerksamkeit. Genüsslich grunzend rieb er sich daran das Ungeziefer vom Hintern.

„Ist das wirklich nötig?“ fragte Winnie, während sie unter starken Schmerzen den Baum hinaufkletterte. „Offenbar hat er das Interesse an uns schon wieder verloren.“

„Vielleicht sollten wir einen Moment abwarten, wie es sich entwickelt“, meinte Sophie. „Diese Tiere verhalten sich sehr merkwürdig. Das sieht fast so aus, als würden sie lauern.“

„Lauernde Kühe?“ sagte Winnie. „Das sind doch nur Rindviecher. Die wissen gar nicht, was lauern ist. Das sind Pflanzenfresser!“

„Und wir essen Fleisch“, erwiderte Sophie. „Wir sind deren natürliche Feinde. Seit Jahrtausenden haben wir sie unterjocht, zu Arbeitssklaven gemacht, Milch- und Fleischproduzenten. Wir halten uns diese Tiere, um sie zu essen! Würdest du dich da nicht wehren?“

„Aber das wissen die doch nicht!“

Matt war derweil bis zur Baumkrone hinaufgeklettert, was enorm gefährlich war, denn die Äste waren morsch und brüchig. Er wirkte beunruhigt.

„Ich glaube, hier ist irgendwas im Busch“, sagte er.

„Ja“, erwiderte Winnie abfällig, „wir.“

„Nein, stimmt“, bestätigte dagegen Sophie, „sieh doch nur mal genau hin. Die Kühe!“

Winnie sah genau hin, konnte aber nichts besonders daran erkennen.

„Voll surreal“, erklärte Sophie. „Wie früher in dem alten Geschichtsbuch, weißt du noch, mit den Formationen der römischen Legionen?“

Winnie erinnerte sich an kleine gezeichnete Legionäre, die in Formationen zusammengepfercht waren, Phalangen, Dreiecke, Quadrate, Kreise, ja sogar eine Testudo war dabei, und auch wenn Winnie damals nicht gewusst hatte, dass man diese Formation Testudo nannte, war ihr schon da klar, dass diese Zeichnungen zu großen Teilen der Phantasie des Schulbuchautoren entsprungen waren und nur wenig damit zu tun hatten, wie die Römer wirklich Krieg führten.

„Das sieht wirklich genauso aus“, sagte nun auch Matt, doch Winnie widersprach.

„Doch!“ beharrte er. „Komm hier hoch, dann siehst du es besser, die Rindviecher versammeln sich und bilden Kriegsformationen. Die bereiten sich auf eine Revolte vor.“

„Die Revolte der Rindviecher?“ Winnie blickte noch einmal in die Ferne. Nicht weit entfernt sah sie zwei Pferde auf einer Weide, etwas weiter hinten eine kleine Gruppe Kühe, dazwischen balgten sich zwei Raben um etwas, das sie aus der Entfernung nicht erkennen konnte. „Also, ich sehe gar nichts!“

„Ja, hast recht“, bestätigte Sophie, „sie müssen bemerkt haben, dass wir sie beobachten und tun jetzt ganz unauffällig. Aber es ist ganz klar, dass die einen Krieg planen.“

„Einen Krieg? Aber gegen wen?“ Winnie schüttelte kräftig seinen Kopf, so als wollte ich einen unangenehmen Gedanken vertreiben. „Moment mal, wir reden hier von Kühen. Die können keinen Krieg führen!“

„Warum nicht?“

„Wie warum nicht? Weil es bloß Kühe sind, gottverdammt, das ist gar nicht in deren genetischen Programm drin, dass sie sich zu einer großen Nation zusammenrotten und strategisch irgendwelche Gebiete besetzt halten. Dazu fehlt ihnen als allererstes Mal die Intelligenz und als zweitens der Wille, das Bewusstsein, dass man gegen irgendwen überhaupt aufbegehren könnte.“

Muuuuuuh! ertönte es vom Boden.

„Irgendwie kann ich mir das auch nicht vorstellen“, sagte nun Matt.

„Na, Gott sei dank, ich hatte schon Angst, dass ihr mir hier oben jetzt wirklich komplett abdreht.“

„Dass die Kühe ausgerechnet hier rebellieren würden“, präzisierte Matt. „Das wäre eine ziemliche blöde Revolution.“

„Wer behauptet, dass Revolutionen immer intelligent sein müssen…“, Winnie zögerte, schüttelte den Kopf und gab einen undefinierbaren, stöhnenden Laut von sich. „Jetzt steig ich schon auf den Blödsinn ein.“

„Aber denkt doch mal nach“, fuhr Matt vor. „Sie hatten eine Menge Zeit die ganze Aktion zu planen und Verbindungen zu knüpfen. Sie würden hier gegenüber uns gewiss nicht so selbstbewusst auftreten, wenn sie heute erst auf die Idee gekommen wären, dass man die Menschheit ja stürzen könnte.“

„Was? Stürzen?“ Sophie blickte sorgenvoll von ihrem Ast in die Tiefe, ein Sturz würde wehtun. „Denkt das doch mal zu Ende. Kühe sind ja nicht die einzigen Nutztiere: Schafe, Hühner, Schweine, Vegetarier… die stecken da alle mit drin.“

„Vegetarier?“

„Kollaborateure“, nahm Matt den Ball auf.

„Ich fass es nicht“, brach es aus Winnie heraus. „Und was ist die Aufgabe der Hühner in dieser grandiosen Revolution? Sollen sie den Menschen mit zu frühem Kikeriki-Geschrei den Schlaf rauben? Psychologische Kriegsführung?“

„So ein Unsinn! Dazu bräuchte man doch nur Hähne. Bei einer Revolution sitzt aber niemand herum und schaut zu. Hühner sind subtiler. Sie rotten sich in Massen zusammen, sie sind verschlagen, legen mal braune und mal weiße Eier, nur um uns zu verwirren.“

„Und vor lauter Verwirrtheit über braune und weiße Eier kapitulieren wir und übergeben den Hühner die Weltherrschaft?“

„Nein, aber als Teil eines großen Verwirrspiels beschäftigen sie uns damit und lenken von ihren Ränkeschmieden ab. Welches Tier würde wohl picken, wenn nichts mehr zu picken da ist? Solch eine Energieverschwendung hätte die Evolution niemals zugelassen! Vielleicht ist es ein geheimes Kommunikationssystem, eine verschlüsselte Botschaft, von den Schweinen an die Pferde, von den Kühen an die Katzen. Die Hühner sind die Vermittler.“

„Aber wir haben diese Tiere schon seit Jahrtausenden domestiziert! Warum rebellieren sie erst jetzt?“

„Die Menschheit ist sehr mächtig, klug und hat gewaltige Waffen. Die Tiere haben nichts. Es bedarf eines exzellenten Plans, um uns zu stürzen. Der muss bis ins letzte Detail ausgearbeitet werden. So was kann noch ein paar Jahrhunderte dauern. Wer weiß? Vielleicht aber ist der Plan schon Morgen vollendet und wird ausgeführt. Immerhin haben die Tiere schon längst auch Verbündete, Informanten und Denunzianten bei den Menschen gefunden. Auch das ist Teil ihres Plans.“

„Verbündete bei den Menschen? Wen? Die Vegetarier?“

„Vegetarier, Tierschützer, Naturforscher. Doch wenn die Tiere sich erheben, werden sie von ihnen als das angesehen werden, was sie sind: Verräter an der eigenen Gattung. Sie werden sie noch vor uns hinrichten, wenn sie sie nicht mehr brauchen. Und dann werden sie alle nackt herumlaufen! Sieh dich doch nur mal um! Keine dieser Kühe trägt eine Hose!“

Muuuuuhuuuuh! tönte es über die Felder und Sophie und Matt brachen in solch ein schallendes Gelächter aus, dass sich die Ansammlung Kühe unter dem Baum verstört auflöste. Ganz offenbar konnte man Kriege mit Lachen besiegen. Dennoch beschlossen sie sicherheitshalber noch eine Weile auf dem Baum sitzen zu bleiben. Der Stier war immer noch in der Nähe, wirkte mittlerweile zwar friedlich, doch sie konnten nicht sicher sein, dass er nicht wieder aggressiv reagieren würde, sobald sie vom Baum stiegen. Es war die ungefährlichere Variante einfach abzuwarten, bis es dem Stier zu langweilig wurde und er sich fortbewegte.

Tatsächlich fanden sie es bald auch gar nicht so unangenehm auf dem Baum. Mehrere große Äste waren außerordentlich günstig gewachsen, wuchsen in einem sanften Bogen nach oben, so dass sie sich in bequemer Haltung hinlegen, den schönen Tag und den Blick über die Landschaft genießen konnten. Und so lagen sie lange im lauen Abendwind, während am Horizont die Sonne die Hügel erst in Orange, dann in tiefe Rottöne färbte, bis sie zu glühen schienen.

In der Dämmerung stieg der Vollmond auf, der sie zu einem beruhigte, da sie so nicht in völliger Dunkelheit durch die Nacht laufen mussten, zum anderen aber auch beunruhigte, da weniger Mondlicht auch den Stier schlechter hätte sehen lassen. Kurzzeitig bestand die Idee, einfach auf dem Baum zu übernachten, dann aber fasste sich Winnie ein Herz – oder verlor als erste die Nerven – und kletterte hinab. Sophie und Matt zögerten noch.

„He, siehst du das auch?“ rief Matt Winnie hinterher. „Da hinten auf dem Hügel.“

„Was? Ich sehe gar nichts“, rief Winnie zurück. „Hört auf mich dauernd zu verarschen!“

„Nein, ich seh’s auch“, erwiderte Sophie.

„Ach? Und das soll mich jetzt ernsthaft überzeugen?“

Winnie deutete an, dass sie einfach ohne die beiden weiterlaufen würde, doch trotz des hellen Mondlichts schreckte sie bald vor dem Gedanken zurück, allein durch die Dunkelheit laufen zu müssen. So stand sie verloren auf der Wiese, eine einzelne, jedoch friedliche (oder feige?) Kuh in ihrer Nähe, und starrte in die Nacht. Immer noch konnte man die Hügel in der Ferne erkennen, auch wenn sie jetzt schwarz geworden waren. Wolken schienen dort aufzuziehen und Winnie glaubte Donner zu hören.

„Das musst du doch auch von da unten sehen“, rief Sophie wieder, „dieses Licht da hinten auf dem Hügel, wo die alte Ruine steht.“

Winnie erinnerte sich an die Ruine. Sie war den ganzen Tag gut sichtbar gewesen. Es waren die Überreste einer alten Burg, von der kaum mehr als die Grundmauern und eine einzelne, halb eingestürzte Mauer übrig geblieben zu sein schien. Jetzt aber war sie nicht mehr zu erkennen.

„Ich sehe gar nichts!“

„Das kannst du doch nicht übersehen! All die Farben!“

„Was für Farben? Es ist dunkel!“

„Alle Farben, wie bei einem Regenbogen, der ganze Hügel leuchtet in sämtlichen Farben.“

Winnie sah noch einmal genau hin, aber außer ein paar kleine, herumschwirrende Lichter, vielleicht Glühwürmchen, sah sie immer noch nichts.

„Kommt, das müssen wir uns näher ansehen!“ sagte Matt und kletterte zusammen mit Sophie vom Baum. Der Stier, der immer noch irgendwo in der Nähe sein musste, beunruhigte sie nicht mehr. Schon seit einiger Zeit hatten sie die Gefahr nicht mehr sonderlich ernst genommen und jetzt verdrängte die Neugier alles andere in den Hintergrund. Was sollte der Stier im Dunkeln schon tun können? Er würde sie ja kaum sehen.

Zu dritt liefen sie durch die Nacht. Winnie brachte immer wieder ihren Unmut zum Ausdruck und bezeichnete die beiden anderen wahlweise als verrückt oder bekifft, wahrscheinlich aber beides. Trotzdem war sie die erste auf dem Hügel.

Viel fand sie nicht mehr von der einstmals stolzen Burg: eine halbverfallene Mauer, ein paar übereinander gestapelte Steine und der Stumpf eines Bergfrieds, der keineswegs mehr das gewaltige, zentrale, alles überragende Bauwerk einer wehrhaften Festung war, sondern in seinen erbärmliche Überresten eher wie ein großer Brunnen wirkte.

„Hier ist weit und breit kein Licht, geschweige denn farbiges.“

Winnie schritt den alten Grundriss der Burg einmal ab, kletterte auf eine der Grundmauern, die ihr nicht einmal mehr bis zur Hüfte reichten, und blickte den Hügel auf der anderen Seite hinab. Das Tal lag dunkel vor ihr. Das bleiche Licht des Mondes glitzerte im Wasser eines Baches. Bäume erhoben sich wie schwarze Riesen, in einem Zauber erstarrt dazu verdammt, still und starr dort zu stehen und sich trotz all ihrer Kraft nicht wehren zu können, wenn eine Horde Helden mit Äxten kam, um sie zu Fall zu bringen.

„Das ist ja fantastisch“, rief Sophie. „Hast du das gesehen?“

Winnie drehte sich wieder dem Inneren der einstigen Burg zu und sah Matt und Sophie, wie sie mit leuchtenden Augen und faszinierten Blick ziellos von einer Mauer zur nächsten irrten.

„Was denn?“ fragte Winnie. „Was ist an den paar Steinen so spannend?“

„Ja, aber das Licht, Winnie, siehst du denn das Licht nicht?“

Winnie sah nichts, nur Matt und Sophie, die wie Betrunkene vor ihr hin und her torkelten.

„Seid ihr bekifft?“

„Es ist einfach nur fantastisch“, sagte Matt und drehte sich einmal im Kreis, „als würde man mit dem Licht und den Farben durch das Universum schweben. Seht nur! Ich kann auf diesem Streifen aus Licht rutschen wie auf einer Rampe. Hui!“

Winnie sah Matt mit einiger Wucht auf den Hintern fallen, was zweifelsfrei schmerzhaft gewesen sein musste. Er aber schien nichts zu spüren, legte sich mit dem Rücken auf den Boden und machte Schwimmbewegungen. Sophie stand einige Schritte entfernt und streichelte einen Stein.

„Ein großartiges Kunstwerk“, sagte sie, „all das Gold und die Edelsteine. Habt ihr bemerkt, dass die Augen aus Rubinen bestehen? Und diese seltsamen Kristalle hier? Was das wohl ist? Ich glaube, da ist Wein drin eingeschlo… oh… guten Tag, ich hab sie gar nicht bemerkt. Wer sind sie denn? Wie? … Hihihi, lustiger Name und was tun sie hier? Aha. Na, das hatte ich mir fast gedacht, ich meine, bei ihrer Größe … jaja, da haben sie natürlich recht, das ist ein blödes Klischee. Was? Ich soll was machen? Hihihi, okay.“

Winnie versuchte nicht in Panik zu geraten. Dass die beiden zur selben Zeit komplett ihren Verstand verloren hatten, war ziemlich unwahrscheinlich und so blieb als einzige Erklärung, dass sie auf Drogen waren. Im ersten Moment ärgerte sich Winnie darüber, dass sie ihr nichts abgegeben hatten. Sie konnte zwar mit Drogen eigentlich nichts anfangen, aber dass sie nicht einmal gefragt worden war, bedeutete, dass die beiden sie nicht voll integrieren wollten, ja, regelrecht schnitten. Sie hatten Geheimnisse, die Winnie nicht wissen durfte. Es gab aber keine Geheimnisse zwischen Winnie und Matt, die Sophie nicht wissen durfte, oder zwischen Winnie und Sophie, die Matt nicht wissen durfte. Winnie war diejenige, die nur wissen durfte, was alle wussten. Und was alle wissen durften, hatte mit der Wahrheit meist nur wenig zu tun.

Und jetzt musste sie zu allem Überfluss auch noch die große Schwester spielen und aufpassen, dass den beiden nichts geschah, während sie ihren Spaß hatten. Dabei fragte sie sich, wie es wohl wäre, würde die eigene Fantasie die Wahrnehmung so sehr ändern, dass man davon überzeugt war, in einer anderen Welt zu sein. Tatsächlich kann niemand sicher sein, dass das, was er für real hält, die tatsächliche Realität ist oder bloß die krampfhafte Fehlinterpretation, das Anpassen und Hineinpressen in die gesellschaftlich aktuell akzeptierte Wahnvorstellung. Ob man nun die Bibel neu interpretiert oder mithilfe der Quantenmechanik und den Relativitätstheorien die Welt zu erklären versucht, immer ist es nur der Versuch, die Willkürlichkeit des Universums in kausale, vorhersagbare Strukturen zu pressen. Was aber, wenn es gar keine Kausalitäten gibt? Wenn der Tanz der Galaxien und der Tanz der Atome nur eine Illusion ist? Was ist denn eine Kausalität anderes als eine Geschichte, die jemand anhand dessen, was er glaubt beobachtet zu haben, erzählt?

Trotzdem muss es doch eine Realität geben, fand Winnie, die sich hinter unserer manipulierten Wahrnehmung verbirgt. Raum und Zeit mögen bloß eine hartnäckige Illusion sein, aber es muss doch eine Realität hinter allem geben. Ich kann mir meine eigene Existenz doch nicht nur eingebildet haben.

Sie stand nun wieder außerhalb der alten Mauern und überließ Matt und Sophie ihren Wahnvorstellungen. Sie würde warten müssen, bis die beiden beschlossen, in eine Welt zurückzukehren, die Winnies Welt ähnlich genug war, dass man damit gemeinsame Entscheidungen treffen konnte.

Die Nacht war mild und angenehm, ein leichter Wind wehte und es gab keinen Grund, weshalb sie nicht im Freien übernachten sollten. Für einen Menschen dürfte es in der gesamten Weltgeschichte und darüber hinaus keinen Zeitpunkt gegeben haben, so gefahrlos den Mond und die Sterne genießen zu können. Es war ein Privileg, dass man viel zu selten nutzte, seit die Verstädterung der Menschheit einsetzte. Stadtluft macht frei, hieß es früher, doch das war politisch gemeint, denn tatsächlich ist niemand in der Stadt frei. Frei kann man nur in der Wildnis sein.

Winnie setzte sich mit dem Rücken an einem Mauerrest ins Gras und blickte in die Ferne. Es war erstaunlich, wie weit sie trotz der Dunkelheit immer noch sehen konnte. In einer ständig erleuchteten Stadt verlor man das Gefühl dafür, wie hell der Mond leuchten konnte, wenn es nur dunkel genug war.

Wieder hörte sie Donner. Am Horizont blitzte es über den Hügeln, doch der Donner passte nicht dazu, denn er war stetig, schwoll an und wieder ab, änderte die Frequenz und bewegte sich von einem Ort zum anderen. Nie wurde er auch nur kurzzeitig unterbrochen und bald wurde Winnie klar, dass es kein Donner sein konnte. Was sie hörte, war Hufgetrampel, Dutzende, nein, Hunderte von Pferden im vollen Galopp.

Sie sprang auf und suchte nach den Urhebern. In der Ferne, nahe den Hügeln, über denen die Blitze zuckten, näherte sich mit hoher Geschwindigkeit eine dunkle Wolke, die über dem Boden schwebte. Es würde nicht allzu lange dauern, bis sie die Burg erreichte und Winnie war sofort bewusst, dass sie auf der Stelle verschwinden mussten. Wer oder was auch immer sich näherte, es bedeutete nichts Gutes.

„Los, schnell“, rief sie, „wie müssen hier weg!“

Sie lief zurück zu Matt und Sophie und fand die beiden in der Mitte der Ruine, wie sie zusammen tanzten. Es wirkte auf dem ersten Blick wie ein Walzer, doch die Schrittfolge war zu unregelmäßig und variabel, als dass sie dabei tatsächlich einen ¾-Takt im Kopf haben konnten. Es hätte Winnie sicher erstaunt, wie einig sie sich trotzdem dabei waren, wie dieser Tanz abzulaufen hatte und welchem ständig wechselnden Rhythmus gefolgt werden musste, doch sie war zu sehr davon abgelenkt, dass die beiden splitternackt waren.

„Um Gottes Willen, warum seid ihr denn nackt?“ empörte sie sich.

„Unter unseren Kleidern sind wir doch alle nackt“, erwiderte Matt und unterstützte Sophie zärtlich bei ihrem Versuch, sich viermal um die eigene Achse zu drehen. Dann tat er es ihr gleich, wohlwissend, was die Fliehkräfte bewirkten, wenn er sich unbekleidet auf der Stelle drehte. Seltsamerweise wirkte es weder komisch noch anzüglich.

Vieles wirkt nicht mehr anzüglich, wenn man erst mal ausgezogen ist, dachte Winnie und schüttelte kräftig den Kopf, als müsste sie sich aus einer Trance reißen. Hatte sie vielleicht doch etwas von den Drogen, die Matt und Sophie genommen haben mussten, abbekommen, ohne es bemerkt zu haben oder ohne sich daran zu erinnern?

„Seht her!“ rief Matt, sich immer noch drehend. „Ich bin das Foucaultsche Pendel, die Erde dreht sich um mich, hui!“

Sophie kicherte: „Sie dreht sich unter dir, Matt, unter dir, nicht um dich.“

„Egal, Hauptsache sie dreht sich! Hui!“

Winnie überlegte kurz, ob sie die beiden einfach aus der Ruine zerren sollte in der Hoffnung, das würde ihre Halluzinationen abschwächen, doch abgesehen davon, dass sie keinen vernünftigen Grund dafür finden konnte, weshalb das funktionieren sollte, wäre sie körperlich nicht dazu in der Lage gewesen, vor allem Matt gegen seinen Willen irgendwohin zu ziehen.

Also blieb ihr nicht viel anderes übrig, als wieder zurück zu gehen und zu überprüfen, ob es die Reiterhorde wirklich gab und ob sie weiterhin auf die Burg zuhielt.

Das erste, was ihr auffiel, als sie die alten Mauern hinter sich ließ, war, dass es dunkler geworden war. Der Mond war hinter einem dünnen Wolkenschleier noch gut sichtbar, aber deutlich abgeschwächt. Zum Ausgleich strahlten die Sterne heller, Winnie hatte jedoch keine Gelegenheit, diesen Anblick auf sich wirken zu lassen, denn die dunkle Wolke war näher gekommen. Sie war verdammt groß und kleine rote Lichter blitzten überall in ihr auf, schienen zu tanzen, sich um die eigene Achse zu drehen und wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. Der Donner war jetzt ohrenbetäubend laut und ohne Zweifel der Lärm hunderter Hufen, die den Boden wie ein Erdbeben erschütterten. Noch einmal lief Winnie zurück in die Ruine. Noch einmal versuchte sie, Matt und Sophie dazu zu bewegen, zu fliehen. Doch es war hoffnungslos. Die beiden reagierten nicht auf Warnungen und Winnie musste hilflos darauf warten, dass die Reiter die Burg erreichten.

Sie hörte, wie sie immer wieder um die Burg jagten, siebenmal, schätzte sie, konnte das aber nicht mit Sicherheit sagen, da der Donner bald von allen Seiten gleichzeitig kam. Die Spitze des Reiterheeres musste in ihrer Kreisbewegung ihr eigenes Ende eingeholt haben wie eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss.

Wir sind verloren, dachte Winnie und wünschte sich, sie würde von all dem genauso wenig mitbekommen wie Matt und Sophie. Sie verkroch sich in eine Ecke, umklammerte ihre Beine und presste sie verängstigt an ihren Oberkörper. So saß sie eine Weile und wartete, was nun geschehen würde, als der Donner plötzlich leiser wurde. Erstaunt hob sie den Kopf und hörte genau hin. Ja, es bestand kein Zweifel, die Reiter entfernten sich wieder.

Sie lief hinaus, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen und tatsächlich: die dunkle Wolke war schon wieder ein ganzes Stück weitergezogen und wurde stetig kleiner. Winnie atmete tief durch. Sie war erleichtert und glücklich. Doch gerade als sie zurück in die Ruine gehen wollte, um geduldig abzuwarten, bis Matts und Sophies Trip nachließ, sah sie ihn.

Es war überraschend, dass sie ihn nicht früher bemerkt hatte, denn er stand kaum hundert Meter von ihr entfernt, doch vermutlich war sie so sehr auf die Wolke fixiert, dass sie ihn in seiner Regungslosigkeit nicht wahrnehmen konnte.

Es war kaum mehr als ein schwarzer Schatten in der Silhouette eines Reiters. Winnie erkannte eine Kapuze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, als wollte er sich vor Regen schützen, und einen langen Umhang, der im Wind flatterte. Doch das nahm sie nur am Rande, fast unterbewusst wahr. Was sie voll Schrecken anstarrte, waren die Augen des Pferdes, die in einem tiefen, dämonischen Rot leuchteten.

Sie war wie erstarrt, als die schwarze Silhouette sich auf sie zuzubewegen begann. Langsam und erschöpft war der Schritt des Pferdes und auch wenn der Reiter sich aufrecht und gerade hielt, sah man an seiner Körperhaltung, dass die Last von Jahrhunderten auf seinen Schultern ruhte. Es war eine der Existenz überdrüssige Gestalt, die nur aus falschem Stolz nicht aufgegeben hatte.

Ganz nah kam das Pferd Winnie, so nah, dass sie den heißen, glühenden Atem des Tieres spüren konnte. Die leuchtenden roten Augen starrten sie an. Es gab kein Blinzeln, keine Bewegung und keine Veränderung, abgesehen von einem gelegentlichen Flackern, einer leichten Veränderung der Frequenz, der Schattierung. Winnie konnte nicht sagen, ob sie es sich nur einbildete, ob es vielleicht nur kleine Bewegungen ihrerseits waren, die ein leicht anderes Abbild auf ihrer Netzhaut erzeugten. Vielleicht war sie nur nicht fähig, das Leuchten so wahrzunehmen, wie es war, und ihr Gehirn variierte die Interpretation ihrer verwirrenden, ungenauen Netzsignale in dem erfolglosen Versuch, ein korrektes Abbild in ihrem Bewusstsein zu erzeugen.

Schließlich ertönte die tiefe, dunkle Grabesstimme des Reiters: „Bist du der Besitzer der Burg?“

Winnie war so erstaunt von dieser Frage, dass sie zunächst nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Der Reiter wartete regungslos. Er wurde nicht ungeduldig, er wiederholte die Frage nicht, er wartete nur.

„Äh…“, stammelte Winnie nach unendlich langem Schweigen, „nein.“

„Vor langer Zeit war sie einmal mir gewesen“, erklärte der Reiter, ihre Antwort offenbar ignorierend. „Damals war sie die schönste Burg weit und breit, die Mauern stark und fest. Kein Angreifer hätte sie erobern können.“

Wieder entstand eine Pause, während der Reiter auf die Reste der Burg schaute und sie vor seinem geistigen Augen wieder aufzubauen schien. Winnie war immer noch zu Tode erschrocken, doch sie fand nun die Kraft, eine sinnvolle Frage zu stellen: „Wieso habt ihr sie verlassen?“

„Der Krieg“, antwortete der Reiter überraschend schnell. „Ich zog in den Krieg. Ist es denn nicht immer so?“

„Der Krieg ist lange vorbei“, erwiderte Winnie, doch der Reiter schüttelte traurig den Kopf.

„Der Krieg ist nie vorbei“, sagte er, „er tobt seit dem Anbeginn der Zeiten und wird erst enden, wenn diese Welt zugrunde geht. Wir werden den Bannern immer folgen, wenn der Ruf ertönt. Dazu sind wir bestimmt, zum Morden und zum Sterben. Alles andere sind nur kurze Ruhepausen, in denen wir sehen dürfen, wie ein glückliches Leben sein könnte. Doch das sind nur Träume, die man uns zeigt, damit wir weiterkämpfen.“

Er zerrte an den Zügeln und das Pferd setzte sich in Bewegung.

„Sie könnten doch einfach hier bleiben“, schlug Winnie vor, „hier bei ihrer alten Burg. Man könnte sie wieder aufbauen.“

Der Reiter zögerte und dachte darüber nach. Dann aber sagte er: „Nein, die Zeit verläuft nur in eine Richtung. Man kann nicht zurück an die Orte und zu den Menschen, die man zurückließ. Auf mich wartet der Krieg. Er hat es immer getan. Er ist geduldig und er vergisst niemanden. Auch dich nicht.“

Dann gab er seinem Pferd die Sporen und jagte durch die Nacht davon. Winnie blickte ihm noch lange hinterher, bis ihr die Beine schwer wurden und sie sich setzen musste. In der Ferne hörte sie wieder Donner, doch er war anders. Es waren keine galoppierenden Pferde mehr. Diesmal war es Kanonendonner.

 

Winnie, Matt und Sophie erwachten, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Sie lagen auf dem Rücken im Gras und alle waren nackt.

„Mann, was war das für ein komisches Zeug, das ihr mir da angedreht habt?“ beschwerte sich Winnie. „Ich hatte die heftigsten Halluzinationen meines ganzen Lebens. Fast hätte ich wirklich geglaubt, alles wäre echt.“

„Keine Ahnung, was du meinst“, erwiderte Matt, „aber ich hab dir nichts angedreht.“

„Ihr wollt mir doch nicht erzählen, dass ihr gestern keine Halluzinationen hattet?“

„Ich nicht“, sagte Sophie, „Aber ich habe das Ende des Regenbogens gefunden. Und du hast behauptet, das gäbe es gar nicht.“

„Tut es auch nicht.“

„Und was hab ich dann gesehen?“

Alle drei prusteten vor Lachen, so laut, lang und heftig, dass sie Bauchschmerzen bekamen und immer wieder nach Luft schnappten. Matt und Sophie kicherten immer noch, als Winnie ganz still wurde und in die Wolken sah.

„Seht doch“, sagte sie. „Die Wolke da sieht aus wie ein Drache. Vielleicht sollten wir nachsehen, wo er landet.“

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: