Der grüne Drache

„Sieh dir das an“, sagte der junge Student zu seinem Kommilitonen, „die ganzen Tauben da oben auf der Burg. Ist ja wie bei Hitchcock!“

Tatsächlich hatten sich auf der Mauer am einstigen Wehrgang der alten Burg etwa zwei Dutzend Tauben nebeneinander aufgereiht und blickten auf den Marktplatz hinab wie mittelalterliche Ritter, abgemagert und verzweifelt nach einer monatelangen Belagerung. Nervös tippelte immer wieder eine Taube von einem Fuß auf den anderen, blickte hektisch nach rechts und nach links, dann wieder nach vorne, wo eine schwer zu kalkulierende Menschenmenge ständig neue Manöver vollführte, deren Ziel und Zweck völlig undurchsichtig war. Manchmal entstand der Eindruck, sie verfolgten gar keinen speziellen Plan, wären völlig harmlos, doch die vielen getöteten Tauben in den Straßen zeugten von ihrer grausamen Brutalität: vergiftet, überfahren, von einer Straßenbahn zu einem blutigen, schwammigen Brei zerquetscht, an dem jeder teilnahmslos vorbeilief, sich bestenfalls leise beschwerte, dass die Stadtreinigung die Überreste noch nicht entfernt hatte.

„Sieht echt schräg aus“, bestätigte der zweite Student die Beobachtung, „aber bei Hitchcock waren es keine Tauben, oder?“

Keine Ahnung, hab den Film nie gesehen.“

„Hm, mich erinnert es sowieso mehr an Animal Farm von George Orwell, weißt du, die Farmtiere, die eine Revolution gegen die Menschen machen.“

„Hab ich nie gelesen.“

„Ich auch nicht, aber den Zeichentrickfilm hab ich mal als Kind gesehen. Ich hab heulen müssen, als das Pferd zum Schlachter gefahren wurde.“

„Ja, du weißt ja, wenn wir sie nicht fressen…“

„…fressen sie uns“, ergänzte sein Kommilitone und blickte weiter zu der alten Burg hinauf, als erwartete er einen baldigen Ausfall der Tauben, eine gleichermaßen tückische wie verzweifelte Attacke. Doch auch wenn hin und wieder einmal ein Tier zu einem Aufklärungsflug von der Burg hinabflog, so waren sie der menschlichen Übermacht dennoch nicht gewachsen.

Eine der Tauben ließ sich auf der Schulter eines alten Mannes nieder, der keine zwei Meter von den Studenten entfernt an einem Brunnen stand und auf einen Zettel in seiner Hand starrte. Es war eine große, hagere Gestalt mit schütterem, ungepflegtem, grauem Haar, das ihm bis zu den Schultern wuchs. Sein Gesicht war eingefallen und kaum noch lebendig. Er trug trotz der angenehm warmen Temperaturen einen langen, sandfarbenen Mantel, der ihm fast bis zu den Knöcheln reichte und in dem sein dürrer Körper nicht mehr zu erahnen war. Er hätte auch ein auf einen Besen gesteckter Kopf sein können, es hätte nicht anders ausgesehen.

Die Taube auf seiner Schulter zupfte an seinen Haaren, doch entweder bemerkte er das Tier nicht oder es kümmerte ihn nicht. Einzig das, was auf seinem Zettel stand, schien ihn zu beschäftigen. Der Rest des Universums hatte aufgehört zu existieren.

Einer der Studenten wurde neugierig und sprach ihn an, fragte, ob es ihm gut ginge, ob er alleine hier wäre und ob er Hilfe bräuchte, doch der alte Mann reagierte auf nichts. Erst als der Student ihn auf den Zettel in seiner Hand ansprach, erwachte er zum Leben.

„Das muss ich finden“, sagte er mit schwacher Stimme und hielt dem Studenten den Zettel hin. Dort war die hochwertige Zeichnung eines Drachen zu erkennen, grün und mit gewaltigen Schwingen, die er spreizte, um sich in die Luft zu erheben. In seinen Fängen trug er eine große, goldene Harfe. Die Zeichnung war so detailliert und gekonnt ausgeführt, dass der Drache beinahe lebendig erschien. Als der Zettel im leichten Wind flatterte, veränderte sich der Drache. Er wurde dreidimensional, löste sich von dem Papier und flog davon, jagte die Taube, die aufgeschreckt wieder davonflatterte. Der alte Mann blickte ihnen hinterher, fasziniert und mit kindlicher Freude, als beobachtete er einen Schmetterling. Der Student jedoch verlor den Drachen aus den Augen, blickte suchend in alle Richtungen, sah selbst die Taube nicht mehr und stellte schließlich fest, dass der Drache wieder auf dem Zettel war, so als hätte er ihn nie verlassen.

„Welch beunruhigende Halluzination“, murmelte er und erntete unverständliche Blicke von dem alten Mann.

„Gibt es hier nicht?“ fragte er mit enttäuschtem Blick.

„Gibt es was nicht?“ erwiderte der Student. „Drachen? Nein, es gibt keine Drachen.“

„Gibt es hier nicht?“ wiederholte der alte Mann mit einem Zittern in der Stimme, das davon zeugte, dass es sehr anstrengend für ihn war, die Fassung zu bewahren. Groß muss seine Hoffnung gewesen sein, dass seine Suche hier von Erfolg gekrönt sein würde.

„Nicht nur hier“, erklärte ihm der Student, „es gibt nirgendwo Drachen.“

„Nirgendwo mehr?“ stammelte der alte Mann.

„Nein, und es gab auch nie welche! Das ist doch nur ein Mythos, eine Geschichte, keine Realität.“

„Aber…“, der alte Mann dachte angestrengt nach und hielt dann wieder den Zettel hoch, „das muss ich doch finden.“

„Ja, wieso denn?“

Nachdem er sich das Ganze eine Weile aus einigen Metern Entfernung angeschaut hatte, kam nun der andere Student hinzu und grinste schelmisch.

„Ich weiß, wo du einen grünen Drachen findest“, sagte er und sofort lächelte der alte Mann glücklich und voller Hoffnung. „Du musst einfach den Weg da vorne entlang gehen, dritte Abzweigung links, die nächste wieder rechts und dann geradeaus, bis du an einen kleinen Platz kommst. Da sind zwei Cafés, ein Italiener und ein Laden mit Musikinstrumenten. Im Laden nebendran findest du einen grünen Drachen.“

Der alte Mann nickte und zeigte lächelnd den Weg hinauf: „Da lang und rechts…?“

„Genau“, bestätigte der Student, „dritte links, dann rechts und dann geradeaus.“

Wieder lächelte der alte Mann, wieder nickte er und lief dann sich mehrmals bedankend davon. Die beiden Studenten blickten ihm hinterher.

„War das wirklich nötig?“ fragte der eine. „Der war doch voll verwirrt. Wir hätten ihm helfen sollen.“

„Haben wir doch“, widersprach der andere. „Er ist auf der Suche nach einem grünen Drachen, und ich hab ihm gesagt, wo er einen finden kann.“

„Aber du hast ihn doch nur verarscht!“

„Er wird dort einen grünen Drachen finden, oder nicht?“

„Nicht den, den er sucht.“

„Das weißt du doch gar nicht. Außerdem schien er glücklich zu sein. Was mehr kann man für einen Menschen tun?“

Der alte Mann lief leicht torkelnd aber doch zielstrebig durch die Fußgängerzone, beachtete weder die Schaufenster noch den Obdachlosen, der an eine kalte Mauer gedrückt um etwas Kleingeld bettelte, noch die beiden Ordnungsbeamten, die gerade die Ausweise einiger Punker überprüften, noch den Gemüsehändler, der lautstark seine Ware anpries. Selbst den singenden Zwerg, einen nicht einmal 1,20 Meter großen Straßenkünstler, der mit ständig wechselnden Instrumenten, Gitarren, Flöten und Trommeln in allen Größen und Formen für einen kleinen Menschenauflauf sorgte, ignorierte er.

Er war völlig in seinen Gedanken und seiner Welt versunken. Ein Gesicht tauchte vor seinen Augen auf, ein junges Mädchen mit großen, braunen Augen, langen, dunklen Haaren und einem strahlenden Lächeln. Ein Lächeln so schön, dass er selbst jetzt glücklich zurück lächelte, obwohl es nur eine Erinnerung war. Wer war sie? Woher kannte er sie? Aus welcher Zeit stammte diese Erinnerung? Lebte sie noch? Hatte sie jemals existiert oder war sie nur ein Traum, der ihn manchmal bei Nacht heimsuchte, um ihm die Hoffnung auf ein Leben zu geben, das er niemals leben würde? Er wusste es nicht. Wie auch? Er konnte sich an nichts mehr erinnern. Wie alt war er? Wann hatte er sich auf seine Suche begeben? Und warum? Sein ganzes Leben war hinter einem grauen Schleier verschwunden, der nur von einzelnen, zusammenhangslosen Erinnerungsfetzen unterbrochen wurde. Alles, was vergangen war, war zerstört, sobald es aus seinem Gehirn wich und die Erinnerung sich auflöste. Für einen kurzen Moment lag ihm ein Name auf der Zunge, wollte er der Vision von diesem Mädchen hinterher rufen, als es transparent wurde und verschwand, dann aber hatte er sogar dieses wunderbare Gefühl vergessen, dass er spürte, als er ihr Gesicht sah.

Namen, Namen, Namen, wie war eigentlich sein eigener Name? Wer war er? Hörte er auf zu existieren, wenn er aufhörte sich zu erinnern? Hat er nie existiert, wenn sich niemand an ihn erinnert? Sein Leben nicht mehr als eine Quantenfluktuation im Angesicht der Ewigkeit des Universums?

formel

Ganz deutlich sah er diese Formel vor seinen Augen aufblitzen und in seinem Kopf ertönte eine flüsternde Stimme, die sagte: „Jede Formel halbiert die Verkaufszahlen eines Buches“. Sie war spiegelverkehrt und schwebte auf ihn zu, durch ihn hindurch, drehte sich um die eigene Achse und zersprang dann in Millionen kleine, bunte Teile, die wie Schmetterlinge davon flogen.

„Oh“, der alte Mann lächelte und blickte ihnen fasziniert hinterher. Niemand sonst konnte sie sehen und so war es ein ziemlich skurriler Anblick, wie er dort mitten im Fluss der Menschen stand und in das Nichts starrte, erfreut und glücklich. Niemand kümmerte sich um ihn. Viele bemerkten ihn nicht einmal, einige sahen bewusst weg, damit er nicht auf sie aufmerksam wurde oder damit sie behaupten konnten, sie hätten ihn nicht bemerkt. Ein Mann Mitte 30 jedoch wäre verträumt und in sich versunken beinahe in ihn hineingelaufen. Erst im letzten Moment konnte er ausweichen und sah den alten Mann erschrocken in die Augen. Es waren dieselben wie seine.

Dann erinnerte sich der alte Mann wieder daran, weshalb er hier war. Er war auf der Suche nach dem grünen Drachen und hatte einen eindeutigen Hinweis bekommen, wo dieser sich aufhielt. So lief er weiter durch diese seltsame Stadt mit diesen seltsamen Menschen, die alle zielstrebig nirgendwohin strömten. Schließlich fand er den Platz, dem man ihm beschrieben hatte. Es war der perfekte Hort für einen Drachen. Ruhig und abgeschieden gelegen, aber nicht weit entfernt von den Reichtümern der Menschen, die nur durch eine schmale Passage getrennt ihren materiellen Bedürfnissen nachgingen, nicht ahnend, wie nah sie ihm waren.

Der alte Mann betrat den Laden, in dem er den Drachen finden sollte, und zeigte einem dicklichen Verkäufer hinter einer Theke den Zettel mit der Zeichnung.

„Was soll das?“

„Das suche ich.“

„Und was wollen sie dann hier?“

„Ist nicht hier?“

„Was? Eine Figur davon oder was suchen Sie?“

Wieder hielt er den Zettel hoch.

„Jaja, ich hab’s gesehen“, erwiderte der Verkäufer barsch, „aber so was haben wir hier nicht.“

„Keinen Drachen?“

„Doch natürlich haben wir Drachen, jede Menge, wie Sie selbst sehen können.“

Der alte Mann blickte sich im Laden um und erkannte, dass er einem Betrug aufgesessen war. Ja, das hier war tatsächlich ein Drachenladen, es gab sie auch in allen Farben, selbst in grün. Doch es waren keine echten Drachen, es waren Sportdrachen, Segeltücher mit Leinen an einem Gestänge, die keinerlei Ähnlichkeit mit einem echten Drachen hatten.

Er verließ den Laden wieder, stand verloren auf dem kleinen Platz und blickte in den Himmel. Es war so ein schönes Blau, seine Enttäuschung verflog sofort wieder. Er fühlte einen sanften Wind durch seine Haare wehen und Gras, das seine Wangen kitzelte. Er lag auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Er hörte das sanfte Rauschen von Wasser und hob den Kopf, um zu sehen, woher es kam. Vor ihm senkte sich sanft ein Hügel in einen See, an dessen anderem Ende sich weitere Hügel erhoben. Es war eine bezaubernde Landschaft, so still und friedlich, fernab jeder Gefahr und jedes Unglücks. Neben ihm lag das junge Mädchen mit den langen, dunklen Haaren und blickte in die vorbeiziehenden Wolken. Sie wirkte etwas älter als in seiner anderen Vision, doch sie war es zweifelsfrei, ihre tiefen, braunen Augen waren unverwechselbar. Wenn sie lächelte, dann strahlten sie, sie funkelten im Sonnenlicht wie ein Regenbogen und er spürte, dass seine Seele von ihnen angezogen wurde wie Materie von einem Schwarzen Loch. Alles, was er war, würde von ihnen aufgesaugt und in ein anderes Universum transportiert werden. Ein Universum reinen Glücks.

Doch es war eine Illusion, das wusste er, eine Illusion in einer Erinnerung, also zweifach irreal, und so sehr er sich auch bemühte sie festzuhalten, auch diese Erinnerung verblasste schon wieder, ganz so wie damals die Liebe verblasste, weil es eine Liebe war, die diese Welt, dieses Universum nicht zulassen wollte. Gefangen in gesellschaftliche Normen, die sie selbst ablehnten und für falsch hielten, blieb ihnen nur dieser Tag, dieser kurze Moment, in dem sie zusammen glücklich sein durften. Es war der einzige Moment der Wahrheit in seinem Leben. Seither irrte er nur von einem Alptraum in den nächsten.

Dann veränderte sich die Vision. Er war in einem dunklen Zimmer und hörte lautes Geschrei, von dem er nichts verstand. Ein Mann stand vor ihm, ein Küchenmesser in der Hand, mit dem er drohte. Der alte Mann wehrte sich nicht, als er zustach.

„He, suchst du was?“ ertönte eine Stimme neben ihm. Der alte Mann hielt sich die Brust, als schmerzte sie, nickte dann fast unmerklich und hielt seinen Zettel hoch.

„Was soll das? Bist du stumm?“

Der Zustand des alten Mannes verschlechterte sich rapide. Immer wieder erschienen Fetzen von Erinnerungen vor seinen Augen, doch sie wurden zunehmend zusammenhangsloser. Er sah sich hinter dem Lenkrad eines Autos sitzen. Die Straße war schmal und ohne Fahrbahnmarkierungen. Links und rechts standen Felder nur mit Gras bewachsen. Am Horizont sah er Hügel, die in hellem Licht leuchteten. Dann lag er in einem finsteren, grauen Raum, Männer in weißer Kleidung mit verdeckten Gesichtern um ihn herum. Er hatte den unbändigen Drang zu fliehen und schon war er fort, umgeben von Menschen, die viel größer waren als er. Eine davon war seine Mutter, die ihn an der Hand hielt, Autoreifen quietschten, Teller schepperten, ein kleiner Junge mit leuchtenden blauen Augen blickte zu ihm auf, Regen fiel, er klappte den Kragen seiner Jacke nach oben, rannte durch die Straßen, stand auf der Spitze eines Berges und blickte in das Tal, stand an einem Pult vor Studenten, einige von ihnen schliefen, stand mit einer Gitarre in der Hand vor einem kleinen Publikum, lief allein und einsam durch die Straßen einer Stadt, in der niemand mehr zu leben schien.

„Ist das ein Bilderrätsel?“ der Mann, der ihn angesprochen hatte, sah sich den Zettel an. „Ein grüner Drache?“

Der alte Mann nickte und lächelte wieder.

„Den Alk kannst du dir selbst besorgen, das andere hab ich hier.“

Zusammengefallen saß er auf seinem Bürostuhl, sein Chef beschimpfte ihn und er sagte nichts. Er hörte eine alte Melodie, das Flattern von Vögeln in den frühen Morgenstunden und eine Stimme, die sagte: „Wenn du wissen willst, warum Menschen gestorben sind, musst du zuerst einmal herausfinden, warum sie gelebt haben“. Er sah einen kleinen Garten mit akribisch abgeteilten Beeten, zwei nackte, alte Männer, die mit einem Rechen Laub zusammenfegten, und dann einen blutüberströmten Körper.

„He, bleiben Sie mal stehen“, ertönte eine laute, autoritäre Stimme in leichtem ortsüblichem Dialekt. Vom anderen Ende der Fußgängerzone näherten sich zwei Uniformierte mit hastigem Schritt. Es wurde merklich ruhiger, während die meisten aus der Menschenmenge sich zu den Polizisten umdrehten, stehenblieben und abwarteten, was nun passierte. Einige ignorierten das Geschehen und gingen einfach weiter. Etwa ein Dutzend Personen, Männer wie Frauen, reagierten jedoch ungewöhnlich. Erschrocken zuckten sie zusammen, starrten die immer schneller laufenden Polizeibeamten an und stürmten dann in wilder Flucht davon, jeder in eine andere Richtung, durch kleine Passagen, kreuz und quer durch die Gassen oder einfach direkt die breite Einkaufsstraße hinunter in der Hoffnung, die Menschenmenge würde die Verfolger schon aufhalten. Auch der Drogenhändler, der den alten Mann angesprochen hatte, floh.

„He … eee … eee“, stammelte der alte Mann, was aber keinerlei Auswirkungen auf die nun folgenden Ereignisse hatte. Wie Raubtiere, die eine Herde attackierten, fixierten die beiden Polizisten einen der Fliehenden, stellten ihn und brachten ihn zu Fall. Der eine Polizist drückte sein Knie in den Rücken des Verdächtigen, während der andere ihn beschimpfte und dazu aufforderte, von seinem Recht zu Schweigen Gebrauch zu machen. In der Nähe des alten Mannes stand eine kleine Gruppe, die eben noch dem Kleinwüchsigen bei seiner Musik zugehört hatten.

„Irre“, sagte dieser angesichts der Szene, ohne dass klar wurde, wie genau er das meinte, doch während der Rest versuchte einzuordnen, was sie von all dem zu halten hatten, meldete sich ein Mann mit fürchterlichem, kaum verstehbarem Dialekt zu Wort, um sich laut zu beschweren.

„Ahso… so was, schlimm, schlimm, schlimm, die ganz Täkk hier, kann ma da denn nix duhn?“ sagte er und deutete auf den am Boden liegenden Verdächtigen.. „Dess wärrn alls mehr… unn alls Verbräscher, schdegg se innen Sack und haach druff, du triffst de Rischdsche.“

„Also, ich finde die Vorgehensweise schon etwas übertrieben“, widersprach der kleinwüchsige Musiker. „Was auch immer er getan haben soll, das wäre sicher auch anders gegangen.“

„Ach, der wädds schon verdient hawwe!“ erwiderte der Erregte. „Neunzsch Brozent, dess iss erwiese und unwiddelegba, neunzsch Brozent, isch mach kaa Witz, neunzsch Brozent alla Verbräsche in Daitschland wädde von Auslännern begange, dess iss erwiese.“

„Wer hat das bewiesen?“ fragte der Kleinwüchsige und wurde von dem Schimpfer angesehen, als hätte er bestritten, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Oder umgekehrt.

„Happder bei oisch uffem Zwäsche-Jaamackt kaa Zeidunge? Die Bollizai nadürlisch, wer dann sonst? Awwa man deff dess ja net laad sache, dess iss net bollidisch korreggt, isch sachet awwer trozzerdem, solle se misch deffür inne Knast stegge: unnern Schdaad bläst denne noch dess Gält innen Aasch und wär dess laad sache duht, wätt als Rassist gschimpft. So aafach macht mers denne. Weisde, dess war hier frier so e schee, ruisch Schdadd. Awwer seitdemmer die ganz Täkk hier hawwe… ach, isch kann dir sache… nur noch Gwalddfäbbräsche, Vergewaldigunghe, Raab, Mott, Döschda steches ab, wenn se m Daitschen mol zuzwinggert unn soga ann Kinner vergraafe se sisch!“

Er blickte sich um, als erwartete er eine Reiterarmee der Muselmanen, die mit gewetzten Messern und fletschenden Zähnen aus dem Hinterhalt eines Bekleidungsgeschäft für bauchfreie Nierentöter hervorbrach, behaart im Gesicht und sprachlich auf dem Niveau von Orks, mit abgeschlagenen Christenköpfe an ihren Sattelgurten und wildem Geschrei auf den Lippen. Es schrie aber nur der Verdächtige auf dem Boden, dem die Beamten mittlerweile Handschellen angelegt und ihn auf die Beine gezogen hatten. Gerade waren sie dabei, ihn sorgfältig zu durchsuchen.

„Solle se doch haam gehe. Isch hab se nett aagelade, nee, nee, was wenn aafach Daitsche in die Täkkei auswannern wüdde und dort üwwerall kristlisch Käsche baue wüdde? Dess wüdde die Täkke ja aah net zulasse… zu rescht… awwa baa uns däff ja jeder nei. Unn wer zahlt für? Mir! Die komme hierher, nehme uns die Awweit wesch oder finde kaa unn lasse sich denn fumm Schdaad Wohnung, Esse, Klaader und schicke Audos bezahle, während unseraans schwer awweidet unn trotzert kaam die Mieht bezahle kann. Wenn se denn wenigst gscheit daitsch spresche wüdde, awwer dess intressiert se ja nett. Die hawwe nämlisch gaa kaa Intress an unnern Guldur… nur an unnerm Gält!“

„Was halten Sie von Hegels These, dass wir im reinen Äußeren nur die destillierte Version unseres eigenen Wesens erkennen?“ fragte der Kleinwüchsige.

„Hä? Wass isch von wass halt? Wassn färrn Hähschel?“

„Schon gut. Nur der spontane Gedankengang eines Jahrmarkt-Zwergs“, erwiderte der Kleinwüchsige und bemerkte den verwirrten, hilflosen Blick des alten Mannes. „He, alles in Ordnung?“

Mittlerweile war Verstärkung eingetroffen. Insgesamt vier Polizisten und zwei Ordnungsbeamte hatten den einzelnen Verdächtigen umzingelt und sicherten die Lage. Der alte Mann sah es jedoch nicht mehr, denn er war wieder an einem anderen Ort, abgedriftet wie ein Schiffsbrüchiger auf hoher See, der nicht selbst darüber entscheiden konnte, wie lange er eine Szene oder einen Dialog verfolgte. Wieder sah er das Mädchen, das mittlerweile zu einer Frau und Mutter geworden war, ein vielleicht fünfjähriges Kind an ihrer Hand. Sie war älter geworden, hatte etwas zugenommen und eine einzelne graue Strähne hing ihr ins Gesicht, doch ihre Augen waren immer noch dieselben. Nichts hatte sich verändert. Die Zeit hatte nur Macht über ihren Körper, nicht über ihre Seele. Und somit auch nicht über seine.

„He, geht’s Ihnen gut?“ ertönte eine Stimme, doch es war nicht die des Kleinwüchsigen. Zwei der Beamten, nicht die beiden, die den Verdächtigen gestellt hatten, sondern ein Teil der Verstärkung, waren auf ihn aufmerksam geworden. „Haben Sie einen Ausweis dabei?“

Hinter den beiden stand ein Kamerateam, bestehend aus drei Leuten: ein Kameramann, ein Reporter, der hin und wieder Fragen stellte, und ein Tontechniker mit einem Mikrofon. Scheinbar filmten sie den Einsatz der Beamten für eine Fernsehdokumentation.

Der alte Mann lächelte die Polizisten an: „Ah… ja…“

„Aus-Weis!“ wiederholte der Beamte übertrieben langsam, laut und deutlich und als der alte Mann nur weiterlächelte, fügte er schnell und nuschelnd hinzu: „Sind Sie allein hier? Wo wollen Sie denn hin?“

„Stopp!“, sagte der Reporter. „Könnten Sie grade noch einmal auf den Mann zugehen und das noch mal sagen? Wir bräuchten noch eine andere Einstellung davon.“

„Wie? Schon wieder? Ich dachte, es geht darum, unseren beruflichen Alltag zu zeigen?“

„Ja, schon, aber den muss man ja auch richtig einfangen. Also, einfach noch mal zwei Schritte zurück und dasselbe noch mal sagen. Und vielleicht schauen sie so leicht schräg an ihm vorbei, nicht direkt in die Kamera, aber so, als stünde der Herr hinter der Kamera. Schauen Sie am besten mich an und sagen es noch mal.“

Der Beamte trat zwei Schritte zurück und sagte noch einmal: „Sind Sie allein hier? Wo wollen Sie denn hin?“

„Ja, sehr gut“, lobte der Reporter. „Und jetzt weiter mit der Maßnahme.“

„Oh… äh, ja, ähm, zeigen Sie mir mal Ihren Ausweis!“

„Der sacht nix“, erklärte der dialektgehandicapte Nörgler und machte eine kreisende Bewegung um seine Schläfe, „der iss net ganz rischdisch im Kopp.“

„Sie halten sich da bitte raus“, ermahnte der Beamte ihn und wandte sich wieder dem alten Mann zu. „Wie heißen Sie denn? Wo wohnen Sie? Können Sie sich ausweisen?“

„Ausweisen?“

„Ja, ausweisen, Personalausweis, Reisepass, Führerschein, haben Sie irgendwas einstecken?“

Der alte Mann hielt ihm den Zettel mit dem Drachen entgegen, während der zweite Beamte derweil dem Filmteam ein kurzes Interview gab.

„Ja, offenbar eine hilflose, desorientierte Person“, er hatte seine Stimme gesenkt, so als wollte er verhindern, dass jemand mithörte, was reichlich bizarr war, bedachte man, dass er es in eine Kamera sprach und seine Worte so zumindest ein paar hunderttausend Leute hören würden. „Der Kollege versucht herauszufinden, wie der Herr heißt und wo er wohnt. Gut möglich, dass er abgängig ist. Bei Demenzkranken ist das nicht ungewöhnlich, die hauen dann einfach ab und wissen nicht mehr, wie sie zurückkommen.“

„Empfinden Sie Mitleid in diesem Moment?“ fragte der Reporter.

„Mitleid? Ja klar, natürlich tun einem die Leute irgendwo leid. Die Vorstellung, dass es einem selbst einmal so gehen könnte, ist nicht schön, sein ganzes Leben zu vergessen. Man ist dann ja auch irgendwo nicht mehr dieselbe Person.“

„Ja, ja“, brüllte sein Kollege den alten Mann an, „deinen blöden Drachen hast du mir jetzt schon dreimal gezeigt. Deinen Ausweis will ich sehen! Ausweis! Personalausweis! Reisepass! Irrenidentifikationskarte! Herrschaftszeiten nochmal!“

„Aber man darf das nicht zu sehr an sich heranlassen“, fuhr der zweite Beamte fort, „wenn man alles mit nach Hause nehmen würde… mit der Zeit kriegt man ein dickes Fell. Wirklich helfen kann man ihm ja doch nicht, außer dass wir versuchen, ihn dorthin zurückzubringen, wo er hingehört.“

„Isch hab daa kaa Mitleid mit solsche Leid“, mischte sich der Meckerer wieder ungefragt ein. „Mitgriesche duht der eh nix mer. Dess iss wie eh Mott an mei Vorhäng, die klatsch isch gaputt unn duh er nochn Gefalle mit. So solld mers aach mit denne mache. Iss doch kaa Lewe net. Sinn doch eh all bekloppt. Aach die annern, die da ewe fottgelaufe sinn, alle färriggt. Aa Glick, dess die sisch net aanisch sinn, dess die all in verschieden Rischdunge gelaafe sinn. Wenn sisch die Irre alle einisch wärrn, dann hätt mer eh rischdisch Problem. Dess iss des bläde an de Demmograddie: wann die Irre sisch all aanisch sinn, sinn se in de Meerheid unn entscheide, wos zu duh iss. Was hawwe mir färrn Glick, dess die Welt sisch net derer Wahnvorstellunge undderwerfen duht.“

In diesem Moment hatte der alte Mann eine Erkenntnis. Plötzlich wurde alles klar und deutlich. Sein Gehirn funktionierte präzise und exakt. Zwar kam seine Erinnerung nicht zurück, doch ihm wurde bewusst, weshalb seine Suche nicht von Erfolg gekrönt war. Es lag an den Menschen: sie waren gar keine! Es waren Monster, Trolle, Kobolde, Zwerge und Schrate. Sie hatten sich die Erde untertan gemacht und die Menschheit ausgerottet. Er war der letzte Mensch auf Erden. Als seine Geisteskräfte zu schwinden begannen, musste er vergessen haben, dass er sich tagsüber nicht aus seinem sicheren Versteck trauen durfte.

Er hatte Glück. Die Vernichtung der Menschheit lag offenbar schon so lange zurück, dass all die Monster einen Menschen nicht mehr erkannten, ja, die jungen Monster hielten die Menschheit vermutlich nur für eine Legende, die man erfunden hatte, damit sie sich nicht allein in den Wald trauten, aus Angst, dort könnte doch noch ein Mensch überlebt haben.

Jetzt aber war er in Gefahr. Das Monster vor ihm hatte offenbar Verdacht geschöpft. Zu auffällig musste er sich verhalten haben und es würde nicht mehr lange dauern, dass seine Tarnung endgültig aufflog. Es blieb ihm jetzt nur eine Chance: er musste den Überraschungseffekt nutzen.

„He! He! Stehenbleiben!“ rief ihm der Beamte hinterher, als er losrannte und in der Menge verschwand. Reflexartig war er ihm hinterhergelaufen, verlor ihn aber nach kurzer Jagd aus den Augen.

„Verdammt ist der flink auf einmal“, sagte der andere Beamte staunend, während er erfolglos versuchte, den alten Mann im Auge zu behalten. Dann wandte er sich wieder der Kamera zu. „Ja, der Kollege versucht ihn jetzt einzuholen. Es ist ja offensichtlich, dass der Herr Hilfe braucht.“

„Was passiert, wenn sie ihn nicht finden?“

„Na dann… ich weiß nicht… Wenn er in einer Klinik vermisst wird, dann wird eine Suchmeldung rausgehen, wahrscheinlich auch über die Presse.“

„Und wenn ihn niemand vermisst?“

„Tja… dann… vergessen wir die Sache wohl einfach.“

Er schwebte durch grauen Nebel. Er hatte keine Schmerzen mehr. Vor ihm flatterte ein Zettel durch die Luft, den er bald aus den Augen verlor. Dann war weit und breit nichts mehr zu sehen. Nur der Nebel, die ewige Leere, ein Ort ohne Raum und Zeit, in dem nichts und niemand existierte. Nicht einmal er…

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