Nachtwächter II

 „Ich kann mich nicht erinnern, dass er das letzte Mal schon den Teil mit den Kühen erzählt hat“, sagte Lara. „Es ging von dem Autounfall direkt zu dem Irren im Boot.“

„Beides kam heute nicht drin vor“, stellte Nikola fest.

„Stimmt, jetzt, wo du es sagst. Warum glaubst du, verändert er seine Geschichte auf diese Weise?“

„Keine Ahnung. Vielleicht hat es was mit der Atmosphäre der Nacht zu tun. Die ist ja jeden Abend ein bisschen anders. Wenn Wind herrscht und vielleicht Regen in der Luft liegt, erzählt er die Geschichte anders als in einer heißen Sommernacht. Auch das Publikum ist ja immer ein bisschen anders und in einer anderen Stimmung. Ich glaube, er hat das sehr gut im Blick.“

Der Nachtwächter hatte eine Pause gemacht und immer wenn er pausierte, schwieg er vollständig. Manche gingen zu ihm und sprachen ihn an, sagten ihre Meinungen zu den Geschichten oder zu den Veränderungen, die er seit dem letzten Mal gemacht hatte. Manche versuchten mehr über die Hintergründe der Geschichten zu erfahren und andere gaben einfach nicht auf, den Nachtwächter Persönliches zu fragen. Er gab auf nichts eine Antwort, aber manchmal stützte er sich auf seinen Wanderstab und lächelte milde. Wollte er damit etwas zum Ausdruck bringen? Darüber wurde viel diskutiert und es gab dazu mehr Meinungen als Diskutanten.

„Was mir aufgefallen ist“, sagte Lara, „ist die Fokusierung auf Geschichten, in denen Polizisten vorkommen. Das hatte er sonst nicht.“

„Und?“

„Und: letzte Woche war doch dieser Zwischenfall.“

„Ja, stimmt.“

Es war eigentlich keine große Sache gewesen, aber nach wie vor gab es Leute in der Stadt, die von diesen nächtlichen Zusammenkünften wenig begeistert waren. Immer wieder gab es Beschwerden wegen Lärmbelästigung und häufig rückten Polizei oder Ordnungsamt aus, um für Ruhe zu sorgen.

Dabei ließen sie den Nachtwächter üblicherweise in Ruhe, obwohl er rein rechtlich gesehen ihre einzige Handhabe gewesen wäre. Seine Erzählungen hätten sie als nicht zugelassene Veranstaltung werten können und ihm einen Platzverweis erteilen, wenn er nicht damit aufgehört hätte. Ansonsten aber war es nicht verboten, sich nachts auf dem Marktplatz aufzuhalten.

Es gab unterschiedliche Meinungen darüber, wieso die Polizei dem Nachtwächter gegenüber so nachsichtig war. Die meisten glaubten, die Polizei fürchtete einen Aufruhr, wenn sie ihn direkt angingen, und so hofften sie, es wäre deeskalierend, wenn sie einzelne Gruppen von Zuhörern unter fadenscheinigen Gründen dazu brachten, den Platz für diese Nacht zu verlassen. Was auch immer der Grund war, großen Erfolg hatten sie damit nicht. Die meisten kamen nach kurzer Zeit wieder oder blieben gleich und nach wie vor war der Platz jeden Abend gefüllt.

Vielleicht war es der Druck einiger einflussreicher Bürger, vielleicht war man bei den verantwortlichen Beamten aber auch nur der Überzeugung, dass nicht der Eindruck entstehen dürfte, man könnte die Polizei an der Nase herumführen, auf jeden Fall entschied man sich irgendwann zu einem radikaleren Vorgehen, pfiff auf Deeskalation und verhaftete den Nachtwächter zusammen mit seinem mysteriösen, schweigenden Freund in dem Kapuzenmantel, nachdem beide einem zum wiederholten Mal ausgesprochenen Platzverweis nicht nachkamen.

Drei Tage war der Nachtwächter verschwunden. Gerüchte machten die Runde, man hätte ihn in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert – oder dahin zurückgebracht. Dennoch trafen sich die Menschen jeden Abend auf dem Marktplatz und warteten. Manche erzählten sich die Geschichten des Nachtwächters von neuem und in ihren eigenen Versionen, andere versuchten sie zu interpretieren. Niemand war niedergeschlagen oder enttäuscht, wie es der Fall gewesen wäre, wäre eine Abendveranstaltung kurzfristig abgesagt worden, nein, statt dessen machten sie Musik, sangen und tanzten. Manche vollführten zur Unterhaltung der anderen kleine Kunststücke, bis es auf dem Marktplatz zuging wie auf einem Gauklertreffen. Die Polizei war sichtlich verwirrt und wusste nicht so recht, wie sie damit umgehen sollte, versuchte es erneut mit vereinzelten Platzverweisen und schien schließlich aufzugeben. Zumindest vorerst. Als dann der Nachtwächter zurückkehrte, war es ein Fest, als wäre er von den Toten auferstanden.

Von nun an unterbrach er seine Geschichten häufig, damit sein Publikum diese neu gefundene Kreativität ausleben konnte, Lieder singen, mit Feuerkegeln balancieren oder einfach einmal einen Purzelbaum schlagen. Auch der Kapuzenmann veränderte sein Verhalten. Zunächst blieb er längere Zeit verschwunden, eine Zeit, während der einige ihn zu vergessen schienen, andere behaupteten, seinen Schatten an einem der Fenster der alten Burg gesehen zu haben. Eines Nachts kehrte aber auch er zurück und von nun an hatte er immer ein Musikinstrument dabei, meistens Saiteninstrumente, die ein wenig an Lauten erinnerten, in ihrer speziellen Form und Klang jedoch mit keinem bekannten Instrument vergleichbar waren. Es mussten alles Einzelanfertigungen gewesen sein.

Gelegentlich spielte er auch Geige und fast ebenso häufig wie die Lauten spielte er auf allen denkbaren und auch undenkbaren Flöten die schönsten Melodien. Manchmal begleitete er in den Pausen die Musiker im Publikum, meistens aber spielte er zu den Erzählungen des Nachtwächters und verstärkte auf diese Weise die Atmosphäre der Geschichten. Manche behaupteten, seine Melodien würden Bilder vor ihren Augen erzeugen, so als würden die Orte, Personen oder Geschichten nur durch einen Schleier von ihnen getrennt existieren. Wenn man nach dem Schleier griff, konnte man für einen kleinen Moment den Windhauch einer anderen Welt spüren.

„Hm, du meinst also, die Häufung von Polizisten in seinen Geschichten ist eine Reaktion auf die jüngsten Ereignisse?“ sagte Nikola. „Aber wieso? Wieso erzählt er die Geschichte nicht so, wie sie wirklich war? Würde das der Sache nicht mehr Nachdruck verleihen? Ich meine, die Vorstellung, dass etwas wirklich so passiert ist und nicht nur eine Erzählung ist?“

Lara setzte zu einer Antwort an, doch eine weitere Person, ein Mann mittleren Alters mit abgewetzten Jeans und halb geöffnetem Hemd war an sie herangetreten und mischte sich in das Gespräch ein.

„Es stimmt doch bei ihm sowieso nie etwas“, sagte er hörbar verärgert. „So ist das nicht mal annähernd passiert. Ich muss es ja wohl wissen!“

„Und wieso?“ fragte Lara.

„Ich bin Vito Luckhaupt.“

„Was? Der Polizist aus der letzten Geschichte?“

„Ja, wundert dich das, dass ich hier bin? Du bist doch die Drachenlady.“

„Die was?“

Er deutete auf ihre Wade, auf der sich eine Tätowierung befand: ein grüner Drache, der eine goldene Harfe in den Klauen hielt und sich gerade in die Luft erhob.

„Und auch sonst stimmt alles, die Größe, die dunklen Haare in unterschiedlicher Länge, nicht immer sind sie in seinen Geschichten in allen Regenbogenfarben gefärbt. Sogar das leicht schielende Auge, das man im ersten Moment nicht bemerkt, es ist das Auge, das er x-Mal beschrieben hat. Er verklärt es gerne damit, dass du schielst, um mehr Dinge zu sehen, nicht nur eine Richtung zu blicken. Er nutzt es als Metapher für die Wichtigkeit kleiner Nebenhandlungen, die untergehen zu drohen, wenn die Haupthandlung zu spektakulär ist. Es geht wohl um Aufmerksamkeit für das, was andere übersehen. Doch in Wahrheit hat er nur dich gesehen und sich diese kunstvolle Interpretation erst hinterher ausgedacht. Er hat Bedeutung in eine Zufälligkeit gelegt. Das ist irgendwie enttäuschend.“

„Oder gerade das, worum es geht. Die Bedeutung eines Kunstwerks entsteht doch immer im Auge des Betrachters.“

„Wie auch immer, das ist mir egal. Seine Geschichten haben nichts mit der Realität zu tun oder dem, was wirklich geschehen ist. Du kommst in unzähligen seiner Geschichten vor und ich wette, du hast nicht eine davon so erlebt.“

„Und in deinem Fall heißt das“, schloss Lara daraus, „dass es den Bauwagenplatz gar nicht gab?“

„Doch, den gab es schon“, erwiderte Vito, „aber die Räumung lief völlig anders ab. Auch Leute mit Behinderungen gab es dort nicht, zumindest war mir niemand aufgefallen. Und dich gab es auch nicht, wie du sicher weißt.“

„Und was ist wirklich passiert?“

„Nichts Spektakuläres: die Leute waren illegal dort und wir haben den Platz geräumt. Es gab ein bisschen Widerstand, ganz freiwillig sind sie nicht abgezogen, aber es gab definitiv keinen Schusswechsel, weder mit Pistolen noch mit Pfeil und Bogen. Es gab auch bestimmt keine Tote und Schwerverletzte, ein paar Prellungen kann ich nicht ausschließen bei denen, die sich vehement weigerten, das Gelände zu verlassen. Das war’s aber auch schon.“

„Oh“, sagte Lara, „und da ich die Frau mit der Drachen-Tätowierung bin, ist der letzte Teil der Geschichte auch nicht geschehen?“

„Nein, es gibt hier überhaupt keine Industriebrache.“

„Warum hat er diesen Teil dann erzählt?“

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