Früheste Siedlungsstruktur in Eberstadt

Die ersten Häuser Eberstadts scheinen nicht, wie man spontan vielleicht annimmt, am Markt gelegen zu haben, sondern bei der Kirche entlang der bogenförmig verlaufenden heutigen Odenwaldstraße im Bereich zwischen Heidelberger- und Ringstraße. Es war also vermutlich ein Reihendorf entlang der Überlandstraße (Karten dazu am Ende des Artikels).

Das ist für Darmstadt selbst insoweit sehr interessant, als die heute verschwundene Langegasse, die ich (im Gegensatz zu einigen – aber nicht allen! – Historikern) für den alten Überlandweg halte, an dem das ursprüngliche Dorf entstanden ist, einen ganz ähnlichen Verlauf hatte. Auch der jenseits des Baches, außerhalb der Siedlung liegende Marktplatz ist eine auffällige Parallele zwischen Darmstadt und Eberstadt.

Die naheliegende Erklärung dafür ist, dass der Marktplatz in beiden Orten erst entstanden ist, als die Grundstruktur des Dorfes schon seit längerem stand. Es ist zu vermuten, dass die ersten Häuser ungeplant entstanden sind und die Erweiterung mit Marktplatz dann geplant. In Darmstadt ist das eigentlich auch nachweisbar, denn der Marktplatz entstand wohl im Zuge des Baus der Wasserburg und dem damit einhergehenden Baus von Burgmannenhöfen rund um den Marktplatz. In Eberstadt war der Anlass vielleicht der Bau der Wildhube, was hier natürlich auch den oft herangezogenen, mystischen Wildhübner namens Ebar als Ortsgründer ausschließen würde, weil das Dorf demnach da ja schon längst existierte. Auch entspricht diese Reihenform des Dorfes nicht mal annähernd den Vorgaben einer Wildhube!

Interessant ist auch die Kirche. Ist diese unnatürliche S-Form der Straße der Sanddüne geschuldet, auf der die Kirche steht und die man beim Bau der Straße umgehen wollte? Oder verlief die Straße ursprünglich gerade und wurde erst mit dem Bau der Kirche verlegt? Beides ist möglich, ich vermute aber letzteres, denn verlängert man die heutige Büschelstraße vor der Kurve stur geradeaus, trifft man ziemlich genau auf die Odenwaldstraße und hat somit jene Kreuzung der Verkehrswege, die schon die Römer genutzt haben, wobei ich annehme, dass auch die Kurve der alten Bergstraße (heute Seeheimer Straße) erst mit der Anlage der Heidelberger Straße entstand und die Bergstraße ursprünglich geradeaus weiter verlief. Die Kurve der Odenwaldstraße ist dann so zu erklären, dass es darum ging, eine geeignete Stelle über die Modau zu finden. Derselbe Grund dürfte den Verlauf der Langegasse in Darmstadt bestimmt haben, dort halt, um eine geeignete Stelle über den Darmbach zu finden. Vielleicht ging es bei der Anlage dieser Dörfer also um die Kontrolle dieser Brücken, z.B. für die Erhebung von Zöllen?

Wenn es nicht darum ging, die Sanddüne zu umgehen, dann ist die Kirche erst deutlich nach dem Dorf entstanden. Gab es dann überhaupt ursprünglich eine Kirche? Ein Pfarrer in Eberstadt (und damit indirekt auch eine Kirche) ist erst ab dem 13. Jahrhundert nachweisbar. Meine Vermutung ist ja, dass die auf -stat endenden Orte überwiegend von Alemannen gegründet wurden, die in der Anfangszeit der fränkischen Herrschaft im Gegensatz zu den christlichen Franken noch überwiegend heidnisch waren. Trotz der starken Bemühungen zur Christianisierung konnten die fränkischen Oberherren diesen kleinen, aus vermutlich weniger als 10 Höfen bestehenden alemannischen Dörfchen keinen eigenen Pfarrer samt Kirche bieten, weshalb diese von den originär fränkischen Siedlungen wie beispielsweise Bessungen aus kamen.

Was bei dieser Siedlungsstruktur natürlich etwas fraglich wird, ist meine Vermutung, dass die -stat-Orte ursprünglich militärisch-strategische Gründe gehabt haben könnten. Etwas, das ich aus der Art der Verteilung dieser Orte in Südhessen, viel deutlicher aber noch in der Wetterau geschlossen habe. Ich glaube nicht, dass sich an solchen militärischen Stellungen Reihendörfer bilden würden, sondern eher Haufendörfer. Die Anlehnung an eine Zollstation zur Kontrolle einer Brücke über die Modau dürfte da wahrscheinlicher sein. Wenn die Idee mit militärischen Stellungen nur nicht so schön elegant Vieles erklären würde, müsste man sie an dieser Stelle verwerfen. Zumindest muss aber überdacht werden, wie ein Reihendorf in diesem Zusammenhang erklärbar ist. Da fällt mir spontan nichts ein.

Allerdings muss man auf der anderen Seite auch sagen, dass die häufig herangezogenen Wildhübner als Ortsgründer dadurch keineswegs wahrscheinlicher werden, im Gegenteil, eine Wildhube war, was Größe, Struktur und selbst was die notwendigen Wirtschaftsgebäude betrifft, klar strukturiert und vom König/Kaiser vorgegeben. Ein Reihendorf passt da nichts ins Bild.

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(Links: Ausschnitt aus einer Karte von 1850/51, Mitte: zu vermutender ursprünglicher Straßenverlauf, Rechts: Straßenverlauf heute).

Die historische Karte habe ich – mal wieder – so bei Kristof Doffing gefunden (Link). Dafür gebührt ihm ein großes Dankeschön. Es ist aber auch nach wie vor unverständlich, warum eine Privatperson in seiner Freizeit es auf die Reihe bekommt, für das Internet historische Karten in hoher (!) Auflösung anzubieten, die offiziellen Stellen bei Stadt und Land aber nicht. Das ist zwar zugegebenermaßen in den letzten Jahren deutlich besser geworden, aber als ich versuchte zu recherchieren, wann die Eberstädter Kirchstraße ihren Namen erhalten hat, hätte ich mir bei dem Versuch, auf einem entsprechenden Digitalisat auf dem Server des Archivinformationssystems Hessens (Arcinsys) Straßennamen zu entziffern, beinahe die Augen ruiniert. Warum macht man sich die Mühe, eine Karte zu digitalisieren, deren Scan dann nahezu unbrauchbar ist?

Datierung des Achteckhauses

Heute hat das Echo über die Neugestaltung der Freiflächen am Achteckhaus (Jazzclub) berichtet. In der Bildunterschrift wird bemerkt, dass das Haus 1627 erbaut worden sei. Als ich kürzlich einen Beitrag über die Pankratius-Vorstadt verfasst habe, war ich etwas vorsichtiger und sprach vage von einem vermutlichen Bau der 1630er-Jahren, weil mir die Quellen dazu nicht ganz eindeutig erscheinen. Ich habe den Beitrag jetzt aber trotzdem geändert und ein „vielleicht 1627“ eingefügt.

Die Datierung auf das Jahr 1627 geht auf eine Tauschurkunde zwischen Landgraf Georg II. und seinem Kanzler Dr. Antonius Wolff von Todenwarth vom 11. Oktober 1627 zurück. Dort ist von einem neuaufgebauten Haus zu Darmstadt am Aschaffenburger Tor stadteinwärts links zwischen Stadtwaage und Jägerhaus, vorne mit zwei Toren zur Gasse, hinten am Hundsgarten die Rede. Mit dem Aschaffenburger Tor (ein sonst nicht üblicher Name) kann eigentlich nur das Jägertor gemeint gewesen sein, das sich an der Ecke Alexanderstraße/Mauerstraße befand. Wo sich damals die Stadtwaage befand, ist mir grad nicht ganz klar, aber stadteinwärts links, ist für mich eigentlich die andere Straßenseite, also nicht dort, wo das Achteckhaus steht. Zudem dürfte mit dem Hundsgarten das Gelände der beiden Hundeställe des Jagdhauses gemeint gewesen sein. Auch diese dürften auf der anderen Straßenseite, also heute Richtung Erich-Ollenhauer-Promenade/Merckstraße, gelegen haben.

Fest steht, dass Wolff von Todenwarth im Besitz des Hauses war. Dieser hatte aber noch mehr Grundbesitz in der Gegend. Unter anderem verkaufte der Landgraf ihm 1632 auch den Arheilger Garten vor dem Sporertor zu Darmstadt zwischen dem Weg gen. der guthe mann und der Alten Straße nach der Bannwiese. Der Weg „der guthe mann“ entspricht etwa der heutigen Lauteschlägerstraße. Mit der Bannwiese könnte die Bangertswiese gemeint sein, muss aber nicht. Dann wäre die „Alte Straße“ vermutlich in etwa die heutige Pankratiusstraße. Wenn aber nicht, dann könnte das Achteckhaus auch erst nach 1632 von Todenwarth selbst erbaut worden sein.

Die Pankratius-Vorstadt

Neulich war ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass in meinem Überblick über die Stadtentwicklung bis 1900 die Ausführungen über die damals sogenannte Pankratius-Vorstadt (gelegentlich auch Bangertsviertel genannt), aus der sich das heutige Martinsviertel entwickelte, etwas unpräzise wären. Die Frage, die vor allem „Watzeverdler“ interessieren dürfte, ist, wann genau dieses Viertel denn nun entstanden ist.
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Jubiläum einer Namensfindung

Marcs Artikel zum diesjährigen Grenzgang hat heute meine freie Zeit zwischen Arbeit und Fußball in Anspruch genommen ;-). Nicht so sehr, weil das Echo (bestimmt ausschließlich aus Platzgründen) die zwei kritischen Sätze zu Landgraf Ludwig VIII. herausgestrichen hat (Wortlaut nachzulesen auf Marcs Blog), sondern weil ich mich gefragt habe, wie man auf die Idee kommt, der Stadtteil Kranichstein würde dieses Jahr „450 Jahre alt“ werden. So zumindest (unter anderem) unser geschätzter Oberbürgermeister, der das vor Ort auf Gläsern mit dem Kranichsteiner Pseudowappen nachlesen konnte.

Ich war da etwas verwirrt darüber. Wann genau Orte gegründet wurden, ist meistens nicht mehr genau festzustellen. Deshalb zieht man für Jubiläen meist die Ersterwähnung heran. Kranichstein wird jedoch, da noch unter der Bezeichnung Einsiedel-Rod, bereits 1399 erwähnt, also vor 615 Jahren. Seither hieß es Kranichsrod nach seinem „Besitzer“ Henne Kranich von Dirmstein (was für’n Name! Armer Kerl). Erstaunlich, dass man nicht dieses Datum herangezogen hat, sonst neigt man doch eher zur Übertreibung wie z.B. in Arheilgen, wo man vor 3 Jahren 1175 Jahre Ersterwähnung gefeiert hat, was auf eine ziemlich dumme Fehldatierung zurückzuführen ist.

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Das Echo mal wieder…

Ich sollte beim Echo mal zum Korrekturlesen anheuern…

Weil es für solche Sachen bei Echo-Online irgendwie nie eine Kommentarfunktion gibt, erwähne ich es mal hier (dann ist auch mal wieder ein Beitrag im Blog 😉 ). Aus dem Artikel „Von der fränkischen Siedlung zur Heinerstadt“ über einen Vortrag des Professors für Denkmalpflege und Baugeschichte Frank Oppermann (http://www.echo-online.de/region/darmstadt/Von-der-fraenkischen-Siedlung-zur-Heinerstadt;art1231,4743216)

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Die Eingemeindung Bessungens

Bessungen und Darmstadt hatten schon lange bevor eine Vereinigung der beiden Orte diskutiert wurde eine sehr enge Verbindung, mehr als zu allen anderen Nachbarorten. Im Hochmittelalter waren beide Orte Teil einer kleinen Grafschaft, deren Hauptort Bessungen war. Noch bis 1369, also 39 Jahre nach der Verleihung der Stadtrechte, mussten die Darmstädter zum sonntäglichen Gottesdienst nach Bessungen gehen. Erst danach wurde die kleine Darmstädter Kapelle zur eigenen Pfarrkirche erhoben.

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