Gedankenfetzen zum Krieg (2)

Interessante neue Wortgebilde entstehen in diesen Tagen: „Sofa-Pazifismus“ oder „Lumpenpazifismus“ (offenbar eine Anspielung auf Marx‘ Lumpenproletariat). Der relativ neue Begriff „Unterwerfungspazifismus“ wirft bei Google aktuell bereits 1.070 Treffer aus. Sucht man ohne Anführungszeichen und findet damit dann auch Seiten, in dem Unterwerfung und Pazifismus nah beieinander stehen, sind es sogar 67.400 Treffer.

Es sind Begriffe, die dazu dienen, eine pazifistische Haltung im Ukraine-Krieg als moralisch verwerflich zu diskreditieren, bestenfalls als unterlassene Hilfeleistung. Niemand Geringeres als Ex-Bundespräsident Joachim Gauck nannte die pazifistische Haltung „gewissenlos“, was seltsam ist, weil irgendwie murrt mein Gewissen, wenn ich an die Lieferung schwerer Waffen in ein Kriegsgebiet denke.

Was ist eigentlich das Gegenteil des schlimmen Unterwerfungspazifismus? Eroberungskrieg?

Ich beneide Menschen, die aktuell keine moralischen Bedenken mit ihrer eigenen Haltung haben. Ich finde den Ukraine-Krieg moralisch kompliziert. Dass Russland die Ukraine überfallen hat und ihr militärisch trotz einiger Rückschläge weit überlegen ist, steht außer Frage. Das führt dazu, dass ein ukrainischer Soldat hilflos einem Angriff gegenübersteht und erschossen wird. Wir haben die Waffen, mit denen er sich verteidigen kann. Wenn wir sie ihm geben, retten wir vielleicht sein Leben. Tun wir das nicht, sind wir moralisch für seinen Tod mitverantwortlich, weil wir ihn möglicherweise hätten verhindern können. Die Ukraine ist das Opfer, das Opfer darf man nicht im Stich lassen.

Die Logik kann ich nachvollziehen. Nur hört es da halt nicht auf. Der Ukrainer, der unsere Waffen in die Hand gedrückt bekommt, kann sich dann vielleicht verteidigen und so überleben, dafür stirbt dann aber möglicherweise der Russe auf der anderen Seite. Auch der Russe hat zuhause Eltern, eine Familie und Freunde, zu denen er nie mehr zurückkehrt. Wegen unserer Waffe. Dafür sind wir dann aber moralisch nicht verantwortlich? Wieso nicht? Weil Russland den Krieg begonnen hat? Was hat das mit dem russischen Soldaten zu tun? Will der überhaupt kämpfen? Sicher, eine Menge Russen kämpfen voller Überzeugung in dem Krieg, viele aber auch nicht. Befehlsverweigerung ist nirgendwo einfach, und in Russland schon gar nicht.

Aber auch da hört es noch nicht auf. Was ist denn mit dem Ukrainer, der sich dann mit unseren Waffen verteidigt? Will der den Russen überhaupt erschießen? Klar, ehe er selbst erschossen wird, macht er das. Aber wieso ist er in der Situation? Aus freier Entscheidung sein Land zu verteidigen? Die Ukraine lässt wehrfähige Männer nicht ausreisen. Das heißt zwangsläufig, dass die Ukraine Menschen zum Schießen zwingt, entweder mit moralischem Druck oder schlicht einem militärischen Befehl. Befehlsverweigerung ist nirgendwo einfach, auch in der Ukraine nicht. Ob die wollen oder nicht, sie müssen töten. Auch für dieses Trauma, das wir bei diesen Menschen anrichten, sind wir moralisch nicht verantwortlich?

„But the thing that scared me most was when my enemy came close/And I saw that his face looked just like mine.“

(Bob Dylan: John Brown)

Ich persönlich empfinde da eine moralische Zwickmühle und ich bin der Meinung, darüber sollte vernünftig diskutiert werden, statt sich für jeden, der ähnlich empfindet, neue Beschimpfungen auszudenken und in die Nähe von Putin zu rücken oder als dessen nützlichen Idioten anzusehen (wer Marx und seine Ausführungen über das Lumpenproletariat wirklich gelesen hat, weiß, dass der „Lumpenpazifismus“ so gemeint gewesen sein muss).

Ja, ich beneide Menschen, die gerade keine moralischen Bauchschmerzen haben und ihre Welt so einfach in Gut und Böse teilen können ohne irgendeine Form von Differenzierung dazwischen. Sie gehen leichter durchs Leben, sind überzeugt davon, das Richtige zu tun und zu glauben. Ich bin das nicht. Ich bin nicht überzeugt.

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