Der 18. September in Darmstadt

18. September 1780
In einem Brief an Herzog Karl August von Sachsen-Weimar berichtet Johann Heinrich Merck von den Zuständen am Hofe Landgraf Ludwigs IX. Dessen Mätresse, Louise Madeleine Françoise Simon, von ihm zur „Madame de Bickenbach“ ernannt, soll nicht nur ständig betrunken gewesen sein, sondern auch regelmäßig mit einem Bediensteten in ein Dorf auf dem Land gefahren sein, um dort nackt im Brunnen zu baden und den Bewohnern ihren blanken Hintern mit den Worten: „N’ai-je pas le Cul plus beau que vos visages“ (Ist mein Arsch nicht schöner als eure Gesichter?) zu präsentieren. Den Landgrafen selbst beschreibt er als desinteressiert an den Regierungsgeschäften. Große Teile des Tages verbringt er damit, seinen beiden Kapellmeistern auf einem Klavier mit 2 Fingern Märsche vorzuspielen, die er selbst komponiert haben will. Bis zu 300 Märsche will er so an manchen Tagen komponiert haben. Gnadengesuche werden von ihm nebenbei mit einem schlichten Ja oder Nein abgehandelt, wobei es für einen positiven Bescheid meistens ausreicht, wenn der Landgraf getrunken hat.

Es ist aus heutiger Sicht unklar, wie viele von Mercks Beschreibungen der Realität entsprechen und wie viele Polemik gegenüber einem Landgraf sind, der nicht zuletzt auch wegen seiner Sparreformen unbeliebt war. Die Mätressengeschichte erinnert an manch unhistorische Anekdote vom Hof Ludwigs XIV. Andererseits ist jedoch aus anderen, von Ludwig selbst stammenden Quellen bekannt, dass er am Ende seines Lebens tatsächlich der Meinung war, mehr als 90.000 Märsche komponiert zu haben. Dass er das Darmstädter Bürgermeisteramt einmal auswürfeln ließ und, nachdem sich die beiden Kandidaten weigerten, das zu tun, ohne weitere Begründung einen der beiden ernannt hat, spricht für die von Merck beschriebene Angewohnheit, Beschlüsse im Vorbeigehen nach seiner momentanen Laune zu treffen. Ach ja, und dann waren da ja auch noch die Geister…

18. September 1866
Wenige Wochen nach Abschluss des Friedensvertrags von Prag verlassen die preußischen Besatzungstruppen Darmstadt. Der nach München geflohene Hof kehrt zurück.

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