Eigenverantwortung

Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher im Interview:

Aber es gibt Phasen: Im März etwa konnte der Lockdown nicht scharf genug sein. Bitte, sperrt uns ein! – das war der gesellschaftliche Tenor. Manchmal dachte ich: Meine Güte, wir sind schon sehr weit gegangen mit Restriktionen. Und jetzt sind wir in der radikalen Gegenbewegung, nach dem Motto: Wir haben die Faxen dicke, macht alles wieder auf, und zwar sofort! Interessant, wie schnell sich die Atmosphäre ändert.
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/ursula-nonnemacher-brandenburgs-gesundheitsministerin-ueber-die-corona-bekaempfung-a-6fa26bcd-fce3-444a-b505-b22737f943ad

Ja, die Beobachtung habe ich auch gemacht. Und es passt interessanterweise zu der Aussage von Ranga Yogeschwar, dass die Politik am 23. März populistisch gehandelt hat.

Es gibt aber auch jetzt sofort wieder Gegenreaktionen und Leute, die angesichts einzelner lokaler Ausbrüche wie bei einem Restaurant in Niedersachsen oder einer Kirche in Hessen schon wieder nahe an der Panik sind.

Dabei könnte man diese Fälle auch anders sehen: Der Ausbruch in dem Restaurant geht auf den 15. Mai zurück, nach nicht mal ganz einer Woche hatte man einen zumindest groben Überblick darüber. Es braucht also nicht die vollen 2 Wochen, bis man merkt, dass was schief läuft.

Und es war ja nicht das einzige Restaurant in Deutschland, das wieder aufgemacht hat, flächendeckend öffnen Lokale, flächendeckend treffen sich Menschen wieder mehr privat und auch außerhalb ihres Hausstandes. Die Zahlen sinken trotzdem noch, nur noch ganz leicht, aber bei 500/600 Fällen am Tag ist ein großes Absinken schon rein mathematisch schwierig, zumal die Zahlen mittlerweile so niedrig sind, dass auch kleinere lokale Ausbrüche die Statistiken überproportional versauen. Solange – zumindest gemittelt – jeden Tag mehr Leute gesund werden als neu erkranken, besteht kein Grund zur Sorge.

Wenn man jetzt in ein Restaurant geht, gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass man sich trotz Abstands- und Hygieneregeln ansteckt. Diese Wahrscheinlichkeit kann man nicht auf 0 senken, solange es den Virus gibt. Je näher man an die 0 kommt, desto schwerer wird es, sie weiter zu senken, desto mehr Aufwand für einen immer kleiner werdenden Effekt muss man betreiben. Man hat der breiten Bevölkerung die Bedeutung der Exponentialkurve nahegebracht, vielleicht sollte man es jetzt mit der Asymptote versuchen.

Wenn die Wahrscheinlichkeit aber nicht 0 ist, kommt es statistisch bei einer großen Menge an Menschen eben doch irgendwann einmal zu einer Infektion. Das ist wie Lottospielen. 6 Richtige sind unwahrscheinlicher als vom Blitz getroffen zu werden. Trotzdem haben regelmäßig Menschen 6 Richtige. Warum? Weil so furchtbar viel von furchtbar vielen Menschen gespielt wird. So muss man das jetzt auch mit den Restaurants sehen (oder Kirchen, private Zusammenkünfte, etc.). Auf die Masse der Bundesrepublik wird es regelmäßig Infektionen auf diese Weise geben. Es zählt aber nur, ob die so häufig werden, dass wir wieder ein exponentielles Wachstum bekommen. Solange das nicht geschieht, sollten solche Infektionsgeschehen eigentlich kein großes Thema sein.

Das einzige, was man besser noch unterlassen sollte, sind Urlaubsreisen. Da könnte in den Sommerferien noch mal was auf uns zukommen. Grundsätzlich verbieten wäre aber auch nicht verhältnismäßig. Auch da kenne ich die persönliche Lebenssituation jedes einzelnen Menschen nicht. Einem schwer Erkrankten einen letzten Urlaub am Meer verbieten? Menschlich nicht vertretbar. Sich selbst entscheiden, seinen Urlaub auf nächstes Jahr zu verschieben, wenn es dafür keinen Hinderungsgrund gibt? Völlig in Ordnung. Und auf die Masse gesehen reicht das, um das Infektionsgeschehen nicht außer Kontrolle geraten zu lassen.

Diese Rücksicht auf persönliche Lebenssituationen, die der Staat nicht in Verordnungen einbeziehen kann, hat zu Beginn der Krise eindeutig gefehlt. Und unter diesem Aspekt bleiben die harten Maßnahmen zu Beginn kritikwürdig. Wer das mit einem jetzt unbelegt postulierten „Präventionsparadoxon“ wegerklären will, macht es sich zu leicht.

Den Virus kann man nicht wegzaubern, Menschen kann man nicht dauerhaft von ihren sozialen Kontakten trennen, also müssen wir mit einer geringen Anzahl Neuinfektionen jeden Tag leben. Je eher jeder das Unvermeidliche akzeptiert, desto weniger Schaden richten wir an.

In diesem Rahmen sollten wir uns so normal wie möglich verhalten. Es macht auch nicht viel Sinn, sich wieder mit Freunden zu treffen, aber dann krampfhaft 2 Meter Abstand halten. Das wird in der Praxis so oder so nicht auf Dauer funktionieren. Lieber sich an der Stelle etwas mehr Normalität gönnen, um die Dinge, die leicht auch über Monate hinweg durchzuhalten sind (z.B. diesen Abstand gegenüber Fremden halten), konsequenter umzusetzen. Das braucht Konzentration und Fokussiertheit. Beides kann man aber nur haben, wenn man auch Phasen der Entspannung hat. Und damit diese Phasen der Entspannung nicht unkontrolliert auftauchen, sollte man sie bei sich selbst dort zulassen, wo sie einem besonders wichtig sind. Wo das ist, kann aber nur jeder selbst für sich persönlich entscheiden. Das kann weder der Staat noch die Gesellschaft.

3 Responses to Eigenverantwortung

  1. Carsten says:

    Ich kann eigentlich allem in deinem Beitrag zustimmen (vielleicht mit leichten Nuancen – aber um die soll es hier nicht gehen). Bis auf die Überschrift.
    Denn in Deutschland haben wir weniger ein Problem mit der Eigenverantwortung – das klappt ganz gut. Kaum jemand jammert zu Beispiel rum, wenn er die Gripp-Schutzimpfung geschwänzt hat und dann dran stirbt. Die meisten Menschen sind bereit die Konsequenzen ihres eigenen Handelns zu tragen – bis auch ein paar Großkonzerne (die ihr Fuck-ups bevorzugt auf die Taschen der Steuerzahler:innen abwälzen) und jene Menschen in der AfD, die immer anderen die Schuld an ihren Versäumnissen geben müssen.
    Womit wir aber ein Problem haben, ist die Fremdverantwortung. Also mit der Verantwortung, dass unser Handeln – direkt oder indirekt – schädliche bis tödliche Folgen für Menschen haben kann, die nichts falsch gemacht haben.
    Das sieht man in allen Diskussionen über Waffenexporte, Umweltschutz (z.B. bei der Diesel-Diskussion) und Klima, Verkehrsverhalten und eben auch beim Corona-Virus.
    Heute ist für viele die Definition von Freiheit: „Ich mache, was ich mir leisten kann.“
    statt die klassische Definition „Die Freiheit des Einen endet da, wo die Unfreiheit des Anderen anfängt.“ (nach Immanuel Kant – leicht editiert).

    Das geht soweit, dass sich Menschen staatliche Verbote wünschen, weil sie die Folgen ihres eigenen Handelns nicht gut finden -statt ihr Verhalten zu ändern. Wie eben beim Corona-Virus: Kaum einer hat freiwillig Gesichtsmasken (aus Fremdverantwortung) getragen – aber die überwiegende Mehrheit findet die Maskenpflicht richtig.

    Und ich fürchte, wenn man – wie du forderst – die staatlichen Verbote aufhebt, wird die Mehrheit der Menschen eben nicht freiwillig fremdverantwortlich handeln, sondern so viele Ansteckungsscheine ausfüllen, dass der Lottogewinn exponentielles Wachstum schnell Eintritt. Natürlich kann ich mich täuschen, aber wie viele zusätzliche (unnötige) Tote ist uns der Test (den ich durchaus intellektuell spannend finde) wert? Und ich würde mich sehr freuen, wenn sich meine Bedenken als falsch erweisen.

    Würdest du auf deinen Ansatz wetten? Wie viel?

    • Jörg says:

      Also erstmal glaube ich, dass wir hier mehr ein Problem mit der Begriffsdefinition haben. Eigenverantwortlichkeit beinhaltet meiner Meinung nach gerade auch, dass man verantwortlich gegenüber seinen Mitmenschen handelt. Es geht darum, den Abwägungsprozess den Menschen selbst zu überlassen und ihn nicht von Staat oder Gesellschaft aufzudrücken. Oder andersrum gesagt: es nicht auf den Staat abzuschieben.

      Würdest du auf deinen Ansatz wetten? Wie viel?

      Auf Menschenleben schließe ich keine Wetten ab. Davon abgesehen scheint es aber so zu sein, dass die Eigenverantwortlichkeit überwiegend geschehen ist. Die Entwicklung von R sowie Mobilitätsdaten legen nahe, dass die Bevölkerung die Kontaktsperren schon ca. eine Woche vor Einführung selbst vorweggenommen haben. Außerdem geht es nicht darum, keinerlei Regeln, Gesetze oder Verordnungen in diesem Bezug zu haben oder nicht von staatlicher Seite einzuschreiten, sondern dass die Menschen das eigenverantwortlich auslegen. Wenn die Infektionslage es notwendig macht, Sozialkontakte so weit wie möglich zu reduzieren, dann kann das der Staat von den Bürgern verlangen. Die Auslegung, welche Sozialkontakte aber mein persönliches Minimum sind, bleibt meine persönliche Sache.

      Die Abwägung an diesem Punkt muss man einem mündigen Bürger selbst überlassen. Was man ihm abverlangen kann, ist mündiges, verantwortungsvolles Handeln. Aber wenn er im Detail zu einem anderen Ergebnis kommt, bspw. sich aktuell mit einem dritten Hausstand gleichzeitig zu treffen, dann muss man ihm das auch zugestehen, dass er in diesen Detailfragen zu einer anderen Antwort kommt als der Rest der Gesellschaft.

      Merkel drohte vor Einführung der Kontaktbeschränkungen mit Ausgangssperren, sollten sich an dem Wochenende nicht alle vernünftig halten. Die allermeisten haben sich daraufhin vernünftig verhalten, in einigen Bundesländern gab es dann trotzdem Ausgangssperren, auch wenn man sie aus rechtlichen Gründen nicht so genannt hat. Das halte ich für mehr als fragwürdig. Gerade so macht man Bürger unmündig. Und wem man kein mündiges Handeln zugesteht, der wird auch nicht mündig handeln. Warum sollte er auch, wenn Staat und Gesellschaft ihm das Denken abnehmen?

      Ich bin kein Fan von Kant, aber ein berühmtes Zitat sollte jeder bei sich an der Wand stehen haben:

      „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. „

  2. Pingback: Corona Lockdown Tagebuch Teil 2 - Covid-19 | Neun Mal Sechs

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