Aus den Untiefen des Internets: das revolutionäre Pallaswiesenviertel

Unter rechtsradikalen Verschwörungstheoretikern, von denen einige – macht euch nichts vor – auch in der AfD sitzen, ist der Wunsch nach einer gewaltsamen Revolution in unserem Land weit verbreitet. Seit kurzem kursiert dort eine „[g]eheime Liste der BRD, wo es möglicherweise zuerst zu Bürgerkriegs-Zuständen kommen wird“ (ich verlinke bewusst nicht, um den Leuten nicht noch zusätzliche Klickzahlen zu verschaffen, lustigerweise haben diese rechten Pseudorevolluzer nämlich Amazon-Werbung auf ihren Seiten ;-))

Soweit ich das mit einer schnellen Internetrecherche nachvollziehen konnte, geht das Ganze ursprünglich auf einen Fake-Artikel einer unseriösen Internetseite zurück, in dem behauptet wurde, die CIA würde von einem baldigen Bürgerkrieg in Deutschland ausgehen. Die ganze Sache ist schon über ein Jahr alt und basiert seinerseits wohl auf einem Buch des Journalisten Udo Ulfkotte, der die letzten ca. 15 Jahre seines Lebens als Ikone rechtsradikaler Oberspinner verbrachte.

Das Buch ist 2013 2009 erschienen und Ulfkotte behauptet darin, dass die CIA 2008 davon ausging, dass 2020 „viele deutsche Stadtviertel“ unregierbar sein werden.

In dem Bericht, den er meint, ging der damalige CIA-Chef allerdings lediglich davon aus, dass durch den Zuzug muslimischer Einwanderer das Potential sozialer Unruhen in Europa steigen wird. Eine Unregierbarkeit ganzer Stadtviertel oder gar ein Bürgerkrieg in Deutschland ist der Fantasie Ulfkottes und anderer rechtsradikaler Ideologen entsprungen.

Die Meldung war also nur ein ungenaues Aufwärmen einer Behauptung, die selbst schon bestenfalls ungenau war. Darüber hinaus ist sie schon über ein Jahr alt, ohne dass irgendein deutsches Stadtviertel unregierbar geworden wäre. Das Potential für einen Bürgerkrieg scheint auch eher gering, was man daran sieht, dass Ereignisse, die so einen Bürgerkrieg auslösen können, wie in Chemnitz letztes Jahr oder der Mord an Walter Lübcke, zu keinen größeren Unruhen geführt haben. Lediglich in Chemnitz gab es Ausschreitungen, die aber größtenteils auf die Stadt beschränkt blieben. Potential für einen Bürgerkrieg gibt es in Deutschland aktuell also nicht.

In der rechten Szene, die durch die AfD einen enormen Selbstbewusstseinsschub bekommen hat, gefällt das aber nicht jeden und so ignoriert man, dass das Jahr 2020 so nahe gerückt ist, dass man davon ausgehen kann, dass Ulfkottes Vorhersage nicht zutrifft. So wie die Zeugen Jehovas, nachdem sie mehrfach widerlegt wurden, einfach kein genaues Datum mehr für den „nahen“ Weltuntergang festlegen, haben auch rechte Verschwörungsideologen einfach das Jahr 2020 entfernt und die Meldung mit einer „geheimen Liste“ der „BRD“ ergänzt.

Die Liste soll Stadtviertel benennen, in denen es „möglicherweise zuerst“ zu „Bürgerkriegs-Zuständen“ [sic! Die rechten Superdeutschen haben gerne eine eigenwillige Orthographie] kommen soll. Die Liste ist lang. Es gibt erwartbare Orte wie Marzahn und Neukölln darunter, aber unter D auch:

[…]
Darmstadt-Kranichstein
Darmstadt-Pallaswiesenviertel
Darmstadt / Eberstadt-Süd
[…]

Na, Holla die Waldfee! Da hol ich doch gleich mal Opas alten Stahlhelm aus dem Keller!

Ich frage mich, wie man auf genau diese so konkret erscheinenden Orte kommt. Gut, Kranichstein und Eberstadt-Süd sind als soziale Brennpunkte bekannt, auch wenn es klar ist, dass jemand, der soziale Unruhen dort erwartet, nie vor Ort gewesen sein kann. Oder wenn, dann nur jemand mit einer Angstneurose vor ausländisch aussehenden Menschen. Süd III und Neu-Kranichstein sind soziale Brennpunkte, ein Potential für soziale Unruhen gibt es dort aber nicht.

Spannender ist daher das „Darmstadt-Pallaswiesenviertel“. Nie gehört? Tatsächlich ist das der offizielle Name für den Bereich jenseits des Johannesviertels. Nur welcher Darmstädter nennt das wirklich so? Für mich als Kind war das das Industriegebiet, manchmal noch mit dem Zusatz Nord. Dementsprechend wohnen dort auch nicht mal 4.000 Menschen. Was sollen da für „Bürgerkriegs-Zustände“ entstehen?

Erstaunlich ist die Reichweite solchen Unsinns. Dass ich darauf gestoßen bin, war kein Zufall, ich habe mich vielmehr über ungeheure Zugriffszahlen auf meinen Artikel über die 1848er-Revolution gewundert. Das hat mit dieser Sache zwar rein gar nichts zu tun, aber wenn man bei Google Darmstadt + Revolution eingibt, bin ich auf der ersten Seite (wohl auch ein bisschen deshalb, weil kein normaler Mensch Darmstadt mit dem Begriff Revolution assoziieren würde).

Auch wenn einige Zugriffe auf den Artikel zufällig sein können, die Spitze fällt auf und die Vermutung eines Zusammenhangs mit dieser ominösen Liste ist naheliegend. Ein Artikel, der die wohl schon länger kursierende Liste unter rechten Verschwörungsspinnern offenbar breitenwirksam publik machte, ist am 12. August diesen Jahres erschienen. Das fällt mit den Zugriffen zusammen.

Und da fragt man sich schon, wie ernst die Leute so etwas nehmen. Und warum sie angesichts der doch recht langen Liste ausgerechnet nach Darmstadt gesucht haben. Wohnen hier so viele Leute in dieser Filterblase?

Nachtrag:

Ein bisschen Recherche kann nie schaden. Aus einigen anderen Webseiten, in denen die Liste auch auftaucht, ist zu schließen, dass sie wohl schon in Ulfkottes Buch steht. Schon da gab es eine wellenartige Verbreitung unter rechten Spinnern, die Bremer Bürgerschaft musste sich nach einer Anfrage der Wählervereinigung „Bürger in Wut“ mit der Liste beschäftigen. Ulfkotte war Mitglied der Wählervereinigung. Auch eine Möglichkeit Bücher zu vermarkten…

Spannend, dass das jetzt wieder auftaucht, und zwar ohne Ulfkotte als Quelle zu benennen, wohl um den Eindruck zu erwecken, dass es sich um eine neu aufgetauchte Liste handelt. Sonst würde vielleicht jemand fragen, warum in all den rund 150 Orten seit 10 Jahren so überhaupt nichts Revolutionäres und Unregierbares geschehen ist.

Nachtrag 2:
Auch spannend: Ulfkotte führte in seiner Liste Offenbach-Lohwald auf. Das gab es aber auch 2009 schon einige Jahre gar nicht mehr. Bei der aktuell die Runde machenden Liste fehlt es. Könnte sonst ja jemanden auffallen, dass Ulfkotte die Liste nur dilettantisch selbst erstellt hat.

Ulfkotte behauptete, dass es sich um eine geheime Liste handeln würde, die ihm Sicherheitsbehörden zugespielt hätten und die „2005 als Reaktion auf die schweren Unruhen in französischen Vorstädten erstellt“ wurde (siehe Artikel in der Welt). Lohwald wurde aber ab Mitte 2003 abgebrochen (siehe Wikipedia).

Ich habe bislang nicht genau herausfinden können, seit wann die Stadt offiziell vom Pallaswiesenviertel spricht, aber noch der Sozialatlas 2002 bezeichnet die Gegend als Industrieviertel. Eine offizielle Benennung kann also frühestens 2003 stattgefunden haben. Eine Liste, auf der Lohwald und Pallaswiesenviertel steht, ist also faktisch nicht möglich oder extrem schlecht recherchiert. Gäbe es in Sicherheitskreisen tatsächlich so eine Liste, wäre sie vollkommen unbrauchbar.

2 Responses to Aus den Untiefen des Internets: das revolutionäre Pallaswiesenviertel

  1. Marc says:

    Diese Liste enthält ganz banal die Fördergebiete des „Soziale Stadt“-Programms, dass von Bund, Ländern und Kommunen finanziert wird. Das Pallaswiesenviertel ist seit 2014 in dem Programm, das zehn Jahre läuft und dann ausläuft, in Eberstadt ist es zu Ende und die Kranichstein läuft es aus.

    Die Namen Pallaswiesen- und Mornewegviertel kommen von den statistischen Bezirken.

    https://zeitsturmradler.de/2014/12/05/jetzt-doch-soziale-stadt-forderung-im-westen-darmstadts/

    • Jörg says:

      Ja, auf die Soziale Stadt war ich auch gestoßen, allerdings stehen auch Viertel auf der Liste, die nicht in dem Programm sind und auch nicht reinpassen würden. Und das Pallaswiesenviertel ist bei Ulfkotte schon 2009 auf der Liste. Vielleicht ist bei der Aufnahme von Kranichstein und Eberstadt Süd das Pallaswiesenviertel als möglicher weiterer Kandidat erwähnt worden und er hatte es daher.

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