Grundstraße soll Grundstraße bleiben …

… das fordert zumindest ein großer Anteil der Anwohner: https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/die-grundstrasse-soll-zur-grundstrasse-werden_20389054.

Forderungen dieser Art waren zu erwarten. Es ist nicht überraschend, dass Anwohner eher den persönlichen Aufwand (Adressänderung) sehen als die politische Dimension.

Tendenziell sehe ich es kritisch, mit Hilfe einer Gedankenverrenkung den alten Namen einfach zu behalten. So was ähnliches hat man seinerzeit beim Beyerweg gemacht, den man einfach nach dem Vater des eigentlichen Namenspatron „um“benannte. Damit ist man nicht das Problem angegangen, sondern hat all jenen, die es bis dahin ignoriert hatten, die Möglichkeit gegeben, nie wieder darüber reden zu müssen. Das war das genaue Gegenteil einer historischen Aufarbeitung, um die es ja bei den Umbenennungen eigentlich geht.

Bei dem konkreten Vorschlag zur Grundstraße bin ich allerdings ein wenig hin und her gerissen. Denn einige positive Sachen kann ich aus der Sache schon ziehen. Die erste und wichtigste ist: Die Leute diskutieren darüber. Das ist das wichtigste Ziel bei der ganzen Sache. Bislang hat man schlicht nicht darüber gesprochen, welche Leute hinter diesen Straßennamen stehen. Das hat keinen interessiert. In der Grundstraße kommt jetzt sogar heraus, dass vielen gar nicht bewusst war, dass sie nach einer Person benannt wurde.

Die Umbenennungen haben damit einen großen Teil ihres Zwecks schon jetzt erfüllt. Sie haben die Leute dazu gebracht, darüber zu diskutieren, sich mit den Biographien der Namenspatronen zu beschäftigen. So haben sie nun die Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden. Das kann natürlich auch dazu führen, dass manche zu dem Ergebnis kommen: „So schlimm finde ich das gar nicht, was Grund gemacht hat“. So ist das eben mit freier Meinungsbildung. Aber es bilden sich immerhin Meinungen, es ist nicht die pure Ignoranz und „ist mir doch wurscht“. Und das ist gut, das braucht eine Demokratie.

Einiges gefällt mir daran aber auch nicht.

Die Argumentation ist irgendwie widersinnig. Der Hauptgrund für den Wunsch nach Beibehaltung – eigentlich der einzige Grund – ist der Aufwand, der den Anwohnern entsteht. Da die StaVo bereits beschlossen hat, dass Kosten für das Umschreiben kommunaler Dokumente die Stadt übernimmt, besteht der Aufwand allein darin, Versicherungen, Arbeitgebern u.ä. die neue Adresse mitzuteilen (warum das erwähnte Grundbuchamt nicht unter den Beschluss der StaVo fallen soll, erschließt sich mir nicht).

Um diesen Aufwand zu verhindern, hat man eine Unterschriftenaktion gestartet, ist „4 Wochen von Tür zu Tür“ gegangen, will die Unterschriften den OB persönlich übergeben und hat sich außerdem bereit erklärt, das erklärende Zusatzschild an der Grundstraße „Zur Not“ selbst abzuschrauben. Das passt nicht zusammen. Die paar Benachrichtigungen an Versicherungen (die meisten davon dürfte man heutzutage ohnehin Online machen können) hätten deutlich weniger Arbeit gemacht.

Der Wunsch nach weniger Aufwand motiviert die Menschen offenbar zu einer Menge Aufwand. Das ist irgendwie lustig.

Trotzdem könnte ich persönlich bei der Grundstraße damit leben. Letztendlich ist es nämlich tatsächlich so, dass der Name nicht sofort eine dahinter stehende Person suggeriert und dadurch nicht, wie es beim Beyerweg der Fall ist, sofort die entsprechende Verknüpfung entsteht.

Man muss allerdings sehr vorsichtig sein: Die Grundstraße wäre da eine absolute Ausnahme. Man darf das jetzt nicht nutzen, um beispielsweise zu sagen: Dann ist die Hindenburgstraße ab sofort eben nach dem Luftschiff benannt. Weil – anders als in der Grundstraße – bleibt die spontane Assoziation bei vielen, vielen Menschen auch dann Paul von Hindenburg. Und das ist nicht akzeptabel.

Bei den übrigen Straßen würde es ohnehin völlig absurd werden. Sollte man auf die Idee kommen, die Von-der-Au-Straße nach der Uferlandschaft zu benennen, würde sich die Stadt über alle Maße hinaus lächerlich machen.

Fun Fact am Rande:
Ich habe etwas gelernt. Für das Darmstädter Echo sind ältere Damen- und Herrschaften, die aus unpolitischen Gründen für die Beibehaltung eines Straßennamens sind, „Aktivistinnen“. Ältere Damen- und Herrschaften, die aus politischen Gründen für die Umbenennung eines Straßennamens sind, sind dagegen „Senioren“.

Die Macht der Worte darf man niemals unterschätzen.

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