Geschichte, Mythos und Identität

Vorbemerkung:

Ich habe etwas gezögert, ob ich diesen Beitrag veröffentlichen soll. Ich habe lange damit gekämpft, Struktur hineinzubringen und finde immer noch, dass diese etwas fehlt. Außerdem war es ursprünglich nicht geplant, den Standpunkt hauptsächlich über popkulturelle Bezüge deutlich zu machen. Das hat sich eingeschlichen, weil ich lange keine zufriedenstellende Einleitung fand. Als ich diese schließlich über Monty Python zu finden glaubte, wuchs dieser Bezug von ursprünglich einem kleinen Absatz auf ein Vielfaches davon. Auf der anderen Seite strich ich Ausführungen wie z.B. über den Mythos von Lilith, Pen&Paper-Rollenspiele oder dem Westerngenre, weil am Ende einfach zu viele Themen angerissen wurden. Es hätte die Argumentation zwar gestützt, aber schon so ist der Text meiner Meinung nach nicht pointiert genug. Mehr Bezüge hätten dies nur noch geschwächt.

Die Stupidität von Geißlerzügen hat wohl niemand so treffend dargestellt wie Monty Python in Ritter der Kokosnuss: Latein vor sich hin singende Menschen in Mönchskutten, die sich in regelmäßigen Abständen ein Brett vor den Kopf schlagen.

Dabei war Ritter der Kokosnuss natürlich kein Versuch, authentisches Mittelalter darzustellen. Es war eher ein Kommentar auf die gesellschaftliche Gegenwart. So werden Anarchisten parodiert, die an linke Studenten der 1960er/70er erinnern. Später plaudert ein Burgherr mit Sir Lancelot (der gerade ein Blutbad angerichtet hat) darüber, dass er reihenweise Wände in seiner Burg einreißen will, um mehr Platz zu schaffen.

In dem Raum, in dem sie sich befinden, ist aber nur eine große, mehrstöckige Wand zu sehen, die offenbar Teil der Fortifikation ist. Wenn man die einreißt, ist die Burg kaputt. Hintergrund der Szene ist ein Trend, der zur Entstehungszeit in den 1970er in Großbritannien grassierte, nämlich Trennwände zu entfernen, um die Räumlichkeiten des Hauses größer zu machen. Im Film landete es, weil damals scheinbar jeder Engländer davon sprach Wände einzureißen.

An anderer Stelle verlangen die „Knights who say Ni!“ von Artus „a shrubbery“ als Opfer, ein Gebüsch. Auch das ist weder eine mythologische noch eine historische Anspielung, sondern eine Parodie auf britische Vorgartenkultur.

Dekonstruktion von Geschichte und Mythen

Relativ bekannt ist der Grund, warum in dem Film überhaupt Kokosnüsse zum Einsatz kamen. Aus Budgetgründen konnten keine echten Pferde genutzt werden und mit Kokosnüssen imitierte man im Radio das Geräusch von Pferdehufen. Im Film funktioniert der Trick natürlich nicht mehr, doch obwohl Artus gleich zu Beginn darauf hingewiesen wird, dass er gar kein Pferd hat und nur Kokosnüsse zusammenschlagen lässt, hält er – und auch alle seine Ritter – bis zum Schluss die Darstellung aufrecht.

Der Humor des Films hat sehr viel mit Dekonstruktion zu tun, sowohl von filmischer Illusion als auch von historischen und mythischen Bildern. Der unbesiegbare Schwarze Ritter stellt sich als Wahnsinniger heraus, der seine Niederlage selbst dann nicht eingestehen will, nachdem ihm sämtliche Gliedmaßen abgeschlagen wurden. Als die Ritter der Tafelrunde Camelot erreichen, das offensichtlich nur eine zweidimensionale Pappkulisse ist, die mit einem mangelhaft angewandten perspektivischen Trick größer erscheinen soll, rufen alle begeistert aus: „Camelot! Camelot! Camelot!“

Dem Knappen, der darauf hinweist, dass es doch „only a model“ wäre, wird der Mund verboten, bevor man selbst feststellt, dass man lieber doch nicht nach Camelot gehen sollte: „It’s a silly place.“

Eine etwas verstörende Szene zeigt einen „berühmten Historiker“, der wie in einer Fernsehdokumentation am Originalschauplatz über die Artuslegende berichtet. Während er spricht, wird er von einem vorbeireitenden Ritter mit dem Schwert getötet. Dabei reitet der Ritter auf dem einzigen echten Pferd des ganzen Films, was bedeutungsvoller ist, als es zunächst vielleicht scheint. In diesem Moment bricht die Realität in den Film ein. Der Ritter hat ein echtes Pferd, jemanden das Schwert über die Rübe ziehen, ist keine Heldentat, sondern brutaler Mord und als Reaktion darauf nimmt die (moderne) Polizei alle fest und beendet den Film im wohl antiklimaktischsten Ende der Filmgeschichte.

Neben der britischen Gesellschaft der 1970er parodierte der Film auch unser Geschichtsbild, das symbolisch durch den „berühmten Historiker“ im Film personifiziert und brutal zerstört wird. Die Artussage eignet sich hierfür besonders gut, weil sie ein in weiten Teilen anachronistischer Mythos ist, dem immer wieder eine Form von Geschichtlichkeit angedichtet wird.

Historisierung von Mythen

Als sich das frühere Bild von einer Art Idealkönig in einem hoch- bis spätmittelalterlichen Setting nicht mehr aufrecht erhalten ließ, machte man Artus zu einem Römer des 5. Jahrhunderts, am prominentesten wohl in dem Film King Arthur von 2004. Historisch gesehen ist der Film aber auch Unfug. Man machte sich die schlechte Quellenlage zu Nutze und verband eine Collage fragmentarischen Wissens zu einer halbwegs kohärenten Geschichte. Im Detail merkt man aber schnell, dass man auch das mangelnde Wissen des Publikums ausnutzte, interessanterweise mangelndes Wissen über Inhalt und Entstehungshintergrund der Artussage, weniger von den historischen Ereignissen in der Spätantike (auch wenn einige Anachronismen in dem Film schon sehr haarsträubend sind).

Dass sarmatische Lanzenreiter zur Artuslegende beigetragen haben sollen, aufgrund eines nur sehr spärlich überlieferten Ritus der Sarmaten, der in irgendeiner Form ein in den Boden gestecktes Schwert beinhaltete, ist nicht nur historisch gesehen Nonsens, es zeugt auch von einem nur sehr oberflächigen Wissen von der Entwicklung der Artuslegende und Mythen an sich.

In einem berühmten Mythos aus unserer Gegend haben wir übrigens eine ähnliche Entwicklung: Seit einiger Zeit kursiert die These vom Ursprung des Nibelungenliedes in der Schlacht am Teutoburger Wald. Obwohl eigentlich sehr eindeutig ist, dass der Mythos von Siegfried und dem Drachen mit anschließendem Bad und nahezu Unverwundbarkeit an gesamteuropäische Erzähltraditionen anknüpft, wird behauptet, der Mythos ginge auf die Varusschlacht zurück, Siegfried wäre der germanische Name von Arminius und der Drache ein Symbol für die Römer, die sich, schwer gepanzert, eine Drachenstandarte vorne weg tragend, wie ein Lindwurm durch den Wald schlängelten.

Ernst genommen wird diese These von Historikern nicht. Trotzdem hat sie eine weite populärwissenschaftliche Rezeption erhalten, die in Fernsehproduktionen für das seriöse öffentlich-rechtliche Fernsehen gipfelte, in der das alles auch entsprechend mit Reenactment-Gruppen „nachgestellt“ wurde.

Die These ist auf jeder Ebene – historisch, mythologisch, erzähltechnisch – unsinnig, aber sie hat eine große Wirkkraft, weil wir dazu neigen, Mythen historisieren zu wollen. Tatsächlich dürften viele Erzählmotive primär aber eher psychologisch bedingt sein und nur sekundär durch wirkliche Ereignisse beeinflusst – eher wie kollektive Träume als im Laufe der Zeit unkenntlich gewordene historische Ereignisse.

Ein sich veränderndes Geschichtsbild

Obwohl neue Fakten nur spärlich und über langwierige Erkenntnisprozesse ans Tageslicht kommen, kaschieren wir ständig an unserem Geschichtsbild herum. Eher selten mit wissenschaftlicher Methodik, sondern mehr mit Selektion einzelner Fakten oder vermeintlicher Fakten und Ausblendung oder Verkleinerung anderer Fakten.

Terry Gilliam, einer der beiden Regisseure von Ritter der Kokosnuss, war immer sehr stolz darauf, dass der Film so schmutzig aussieht. Er selbst drehte kurz darauf eine weitere Persiflage auf das Mittelalter: Jabberwocky. Oft fälschlicherweise auch als Python-Film angesehen, treibt Gilliam die Dekonstruktion des Mittelalterbildes hier noch weiter auf die Spitze, teilweise zu Lasten des Humors, weshalb der Film kein so bedeutenden Einfluss auf die Popkultur hatte wie die eigentlichen Python-Filme.

Beide Filmen stellten sich damit gegen das Mittelalterbild, das vor allem in der Jugend der Pythons vorherrschte, die Zeit der großen epischen Filme, der strahlenden Ritter und edler Helden. Gilliams Stolz auf die Schmutzigkeit dieser Filme war Ausdruck eines sich verändernden Mittelalterbildes, nach dem das alte als unrealistisch empfunden wurde.

Diese Dekonstruktion hält bis heute an. In den 1980ern zeichnete die Fernsehserie Robin of Sherwood erstmals ein negatives Bild von Richard Löwenherz, der seit mehreren Jahrhunderten bereits in der Geschichte die Rolle des zurückkehrenden Königs und damit die eines Heilsbringers spielte. Ein Erzählmotiv, das wir in der Artuslegende genauso finden wie bei der Kyffhäusersage um den entrückten König Friedrich Barbarossa oder auch im 20. Jahrhundert im Herrn der Ringe, dessen dritter Band den Titel Die Rückkehr des Königs trägt, und auch wenn Aragorn nicht wie Löwenherz in Robin Hood überraschend als deus ex machina auftritt, ist es dasselbe Erzählmotiv (was im Film nicht deutlich genug gemacht wird: Aragorn gilt zu Beginn, als er auf die Hobbits trifft, seit Jahrzehnten als verschollen).

Gesellschaftliche Veränderungen im Spiegelbild der Fantasy-Literatur

Es gab dann immer wieder vereinzelte Rückgriffe auf ältere Erzählmotive, am ehesten fällt mir hier die Robin-Hood-Verfilmung von 1991 mit Kevin Costner in der Hauptrolle ein, in der man, trotz einiger Anleihen bei Robin of Sherwood, Löwenherz wieder als den strahlenden, zurückkehrenden König darstellte, wobei Sean Connerys schottischer Akzent der Szene eine gewisse, durchaus erfrischende Ironie gab, ist es doch unsicher, ob Richard Löwenherz überhaupt Englisch sprach.

Die Tendenz das Mittelalter nicht mehr als Idealbild des für gerechte Ordnung stehenden Rittertums darzustellen, sondern als düstere Dystopie mit über weite Strecken pessimistischem Menschenbild, hält aber an und hatte kürzlich ihren vorläufigen Höhepunkt in A Song of Ice and Fire, besser bekannt unter dem Titel der darauf basierenden Fernsehserie: Game of Thrones. Ähnlich wie bei dem stärker mythologisierten Herr der Ringe kann der Fantasy-Aspekt, sprich die fremde, fiktive Welt, die dort entworfen wird, kaum die deutlichen Anleihen an unser Mittelalterbild leugnen. Deutlich mehr als die fantastischen Elemente aus dem Fantasy- und Horrorgenre dürften bei Game of Thrones die Rosenkriege Pate gestanden haben.

Das Ganze geht einher mit gesellschaftlichen Veränderungen, einer grundlegenden Skepsis gegenüber dem Staat und Vertretern der staatlichen Ordnung in Zeiten größerer Transparenz und Ausdifferenzierung von Informationshierarchien. War in Der Herr der Ringe noch die Bedrohung von Außen und die kollektive Begegnung desselbigen das Leitmotiv, ist die Gefahr in Game of Thrones eine innere und individuelle, das persönliche Machtstreben Einzelner.

Auch wenn Tolkien dies stets empört zurückwies, der Einfluss der politischen Entwicklung in der Entstehungszeit von Der Herr der Ringe ist unbestreitbar. An allen Enden spiegelt sich das wieder, angefangen bei der großen, die gesamte Ordnung bedrohenden äußeren Gefahr, über die schwierige Einigung unterschiedlicher Fraktionen, die an verschiedenen Stellen mehrfach stattfindet, bis hin zu der ebenfalls mehrfach thematisierten Angst vor Verrätern im Inneren, die den gesamten Kriegsverlauf auf den Kopf stellen könnten. Das ist das Weltbild der Alliierten im 2. Weltkrieg. Dass die Erzählmotive selbst viel älter sind, ändert daran nichts. Entscheidend ist die Selektion, also welche Erzählmotive empfindet man an welcher Stelle als richtig.

Der Herr der Ringe war auch als Verfilmung im 21. Jahrhundert ein großer Erfolg. Die Gründe hierfür sind allerdings komplexer. Teilweise wurde die Erzählung moderneren Sichtweise angepasst. Tolkiens erzkonservatives Frauenbild wurde im Film durch einige Nebenstränge der Handlung und eine etwas andere Charakterzeichnung zentraler weiblicher Figuren etwas aufgepeppt, damit das einstmals als Genre für pubertierende Jungs verschriene Fantasy auch Identifikationsfiguren für moderne Mädchen und Frauen bietet. Vor allem aber wird es heute eher als mythologische, und damit veraltete, Erzählung wahrgenommen. Faschistische, imperialistische und rassistische Elemente, die in dem Werk durchaus auszumachen sind, treten durch die Kategorisierung als Mythos in den Hintergrund. Orks sind keine anderen Ethnien, sie sind ein Schattenarchetyp, der deshalb böse ist und ohne Mitleid niedergemetzelt werden kann, weil er das menschliche Selbstbild bedroht, die moralische Ordnung.

Der Ringkrieg verfehlt unser heutiges Weltbild so sehr, dass ihn auch Pazifisten, Feministen und Anarchisten mit Genuss akzeptieren können, weil man es wie eine alte Erzählung betrachten kann, ähnlich dem Nibelungenlied, der Artuslegende oder auch dem Beowulf, der großen Einfluss auf Tolkien hatte. Was das Werk so erfolgreich macht, ist, dass es trotzdem auch für uns heute noch Identifikationsfiguren bietet. Die zu Beginn eher wie Antihelden wirkenden Hobbits, die nach dem Schema eines Bildungsromans im Laufe der Handlung über sich selbst hinauswachsen, der innere Kampf zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir gerne wären, wird hier in einem epischen, im wörtlichen Sinn weltenentscheidenden Kampf bedient.

Die Illusion des Realismus

Spricht man mit Leuten über Game of Thrones, so wird deutlich, dass diese Erzählung als sehr viel realistischer wahrgenommen wird als Der Herr der Ringe. Von daher werden antimoderne Verhaltens- oder Denkweisen den Figuren deutlich übler genommen als im Herrn der Ringe. Anders als im Herrn der Ringe verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse nicht entlang einer Kriegsgrenze, die allenfalls von dem bereits erwähnten Erzähltypus des Verräters durchbrochen wird. In Game of Thrones verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse im Inneren und zwar sowohl politisch als auch individuell, was sich in der Ambivalenz einiger wichtiger Figuren äußert.

Da wir selbst von guten und schlechten Eigenschaften durchzogen sind, scheint es zunächst nicht verwunderlich, dass wir eine solche Darstellung als realistischer betrachten. Aber auch Der Herr der Ringe ist voller innerer Konflikte, auch wenn sie teilweise, wie bei Gollum oder Frodo, dem Grundmotiv der äußeren Gefahr folgend ebenfalls von Außen (durch die Macht des Rings) einzudringen versuchen (übrigens ein interessanter Interpretationsansatz: Spiegelt sich Frodos innerer Kampf mit der Macht des Rings im Ringkrieg?).

Der Unterschied zwischen den beiden Werken liegt also darin, dass Game of Thrones eher unserem heutigen Geschichtsbild folgt. Und dieses Geschichtsbild wiederum folgt einem veränderten gesellschaftlichen Blick auf Politik und Politiker. Kein Kampf Gut gegen Böse mehr, sondern ein Kampf um Macht und Einfluss bei der irgendeine Form von Gesinnung bloß Mittel zum Zweck ist. Man hebt damit auch einen klassischen Dualismus auf, was wiederum einhergeht mit einem veränderten Blick auf Religion, bei der der klassische Dualismus, Gott auf der einen, der Teufel auf der anderen Seite, auch keine große Rolle mehr spielt.

Mit dem tatsächlichen Mittelalter hat aber weder das veraltete, idealisierende, noch das moderne, misanthropische Bild viel zu tun. Im Kern bleiben nämlich auch bei den modernen Erzählungen die Helden dasselbe: anachronistische Platzhalter unserer eigenen Vorstellungen, von dem was gerecht und richtig ist, dass sich je nach Stil mehr in aktiven Verhalten der Helden der Erzählung oder mehr im Verhalten der Bösewichter zeigt, die dann natürlich auf eine Weise handeln, die wir besonders intensiv ablehnen.

Der Da Vinci Code und Päpstin Johanna

Als ich auf dem Höhepunkt des Hypes um den Da Vinci Code auf die massiven inhaltlichen Fehler des Romans hinwies, bekam ich vorgeworfen, dass ich wohl alles glauben würde, was die Katholische Kirche sagt, obwohl ich die Katholische Kirche gar nicht erwähnt hatte, sondern allein auf historische Fakten und die Interpretationen von Historikern hiervon hingewiesen hatte sowie auf simple Plausibilitäten.

Man konnte da aber nicht wirklich diskutieren, weil weniger als historische Ereignisse oder kunsthistorische Aspekte erzeugte der Roman deshalb so großes Interesse, weil er das weit verbreitete Bild von der Katholischen Kirche als archaische Organisation, die aus Machtinteresse Wahrheiten unterdrückt, so gut bediente, dass es egal war, wenn es an irgendeiner Stelle in Absurditäten abdriftete.

Es ging nicht darum, was der Gral ist, wie der Mythos dazu entstand oder ob Jesus von Nazareth Kinder gehabt haben könnte, es ist das Ergebnis eines veränderten Weltbildes. Frauen haben mittlerweile einen höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft, deshalb müssen sie auch eine größere Rolle bei der Entstehung des Christentums gespielt haben. Das Christentum oder gar Jesus selbst ist noch zu prägend für unsere Gesellschaft, als dass man ihn einfach so über den Haufen werfen könnte, also muss man die Geschichte nachträglich anpassen. Es mag ein bisschen fair sein, weil die Katholische Kirche über viele Jahrhunderte dasselbe getan hat, Jesus und seine Lehren wurden schon seit dem Frühchristentum immer den gesellschaftlichen Wunschvorstellungen angepasst, nicht umgekehrt, aber wahrer ist es sicher auch nicht. Man projiziert die gegenwärtige Gesellschaft in die Vergangenheit hinein. Das ist die Basis jeden Mythos.

Einige Jahre später war Päpstin Johanna ein großes Thema. Auch hier haben wir historisch keine Substanz, aber auch hier wird eine der größten gesellschaftlichen Veränderungen, die rechtliche und zunehmend auch gesellschaftliche Gleichstellung der Frau, thematisiert und durch eine Rückverlegung in die ferne Vergangenheit legitimiert. Das ist nichts anderes als die Fantasiekönige oder mythischen Dynastiegründer, die in vielen Adelshäusern erfunden wurden.

Moderne Interpretationen feminisierten den Mythos mit einer Frau, die auch im übelsten Patriarchat Erfolg hat, weil sie schlauer ist als die Kerle. Den Mythos aber hat man damit auf den Kopf gestellt. Schon in seiner ursprünglichen Form dürfte er als Angriff auf das Papsttum gedacht gewesen sein, allerdings um das Papsttum als korrumpiert darzustellen, gerade weil eine Frau Papst war. Es war ursprünglich also ein sehr frauenfeindlicher Mythos. In der modernen Variante gilt die Katholische Kirche dagegen nicht als korrumpiert, weil eine Frau Papst war, sondern weil sie es nicht zugibt.

Die Entwicklung des Hexenmythos

Ein gutes Beispiel hierfür sind die sich ändernden Vorstellungswelten bzgl. der Hexen. Ganz ursprünglich war es wohl einfach ein erklärender Mythos. Das Wetter folgt auf einer Seite einer Struktur, die es ermöglicht, es bis zu einem gewissen Grad vorherzusagen. Das konnte man, weniger genau, aber im Prinzip im Mittelalter schon so wie heute. Im Detail aber ist das Wetter unberechenbar. Jahr um Jahr hat man mit derselben Methode tolle Ernten eingefahren und dann kommt da dieses eine Jahr, in dem plötzlich alles anders zu sein scheint, der Sommer ist verregnet und kühl, der Winter will nicht zu Ende gehen und die Flüsse treten viel mehr über die Ufer als sonst. Das muss doch einen Grund haben! Man war noch lange von einem Konzept für chaotische Systeme entfernt, also schuf man einen erklärenden Mythos: die Hexe, die mit Zauberei das Wetter beeinflusst.

Infolge von Fundamentalisierungstendenzen in der frühen Neuzeit setzte sich das Bild von der Hexe als mit dem Teufel im Bunde stehenden Zauberin durch, wurde also vom archaischen Volksmythos zur auch von der Oberschicht getragenen, religiös unterfütterten Ideologie.

Übrigens haben wir hier ein weiteres Beispiel für die Wirkkraft gesellschaftlicher Mythen. Die Reformation war eine fundamentalistische Bewegung. Sie wird aber eher umgekehrt dargestellt: Zum 500-jährigen Jubiläum hatte man Luther wider aller Fakten mit einem obskuren Freiheitsbegriff in Verbindung gebracht. Die Moderne begann aber nicht 1517, das war eher sogar ein Backlash. Mit der Kritik am Ablasshandel allein kann man da nicht zu einer positiven Bewertung kommen. Nur würde man damit der zweitgrößten Konfession in Deutschland vor den Kopf stoßen. Etwa jeder Vierte ist Protestant. Also pflegt man weiter Mythen – wenn man es genau nimmt aus religiösen Gründen.

Hebammen und Kräuterfrauen

Mit der Aufklärung gab es einen schrittweisen Paradigmenwechsel. Man erkannte, dass Hexen Opfer waren, nicht Täter und versuchte zu verstehen, wieso sie zu Opfern werden konnten. Da man auch dafür keine Denkkonzepte hatte, schuf man verschiedene neue Mythen, die politisch von ganz links bis ganz rechts reichten und sich auffällig ähnlich waren. Heute sind eigentlich nur noch zwei von Aktualität: Ganz rechts betont man den historisch nicht gegebenen Zusammenhang mit der Hexe als germanische Kräuterfrau, als Teil einer ursprünglichen, in dieser Form so auch nicht existenten germanischen Kultur und Religion, die das Christentum mit den Hexenverfolgungen angeblich gezielt auslöschen wollte. Im linken Feminismus stilisierte man die Kräuterfrauen als weise Frauen, die ebenso gezielt vom patriarchalen System unterdrückt werden sollten. Die esoterische Szene verbindet dabei beide politische Extreme.

Tatsächlich sind Hebammen oder Kräuterfrauen nicht signifikant häufiger unter den Opfern der Hexenverfolgung zu finden. Der Grund, dass hauptsächlich Frauen Opfer wurden, lag weniger an einem gezielten Femizid. Das Problem war wohl eher, dass Frauen, vor allem alleinstehende Frauen, Witwen, etc., deutlich weniger Möglichkeiten hatten, sich gegen entsprechende Anschuldigungen zu wehren, als der mit Bürgerrechten ausgestattete Mann oder gar der Adlige (es gibt allerdings auch einige Beispiele, bei denen es gerade Menschen aus der Oberschicht traf, in zumindest einem Fall ist nachgewiesen, dass es dabei allein darum ging, an die Besitztümer der Opfer zu gelangen).

Die Hexenverfolgungen waren also kein gezielter Femizid, ein gesellschaftlich indizierter Femizid aber durchaus, denn es wurden deshalb deutlich mehr Frauen Opfer, weil sie in einer extrem frauenfeindlichen Gesellschaft lebten. Mit dem vom Feminismus seit den 1970ern/80ern propagierten weisen Frauen, die man ihrer Fähigkeiten wegen ausmerzen wollte, hatte das aber nichts zu tun. Da wurde eine aktuelle politische Problematik in die Historie projiziert und ein übersteigerter Mythos erzeugt.

Mythologisierung von gesellschaftlichen Verhältnissen 

Sowohl der rechte Germanenmythos als auch der linke Weise-Frauen-Mythos ist historisch gesehen Unsinn. Dennoch ist beides nicht gleichwertig. Das feministische Hexenbild sagt wenig über die tatsächlich als Hexen hingerichteten Frauen aus (und zu einem geringen Prozentsatz waren ja auch Männer Opfer), aber es ist eine Mythologisierung der in unserer Gesellschaft nach wir vor vorhandenen strukturellen Benachteiligung der Frauen. In der weisen Frau, die von einem patriarchalen System ausgemerzt wird, spiegeln sich die schlechteren Karrierechancen hochqualifizierter Frauen in der Gegenwart. Man könnte es also als Plädoyer für mehr gesellschaftlichen Einfluss der Frauen werten.

Der rechte Germanenmythos ist dagegen ein Plädoyer für monokulturelle Abschottung und Nationalismus. Die Wertung dieser beiden Mythen hat also nichts mit unserer Vergangenheit zu tun, sondern mit unserer Zukunft. Wohin soll sich unsere Gesellschaft entwickeln?

Man kann allerdings sowohl einen politischen Standpunkt einnehmen als auch historisch korrekt bleiben, indem man die Opfer in den Vordergrund stellt und die Täter auch in der Funktion als Täter darstellt und nicht – wie man es rein aus den historischen Quellen heraus vielleicht auch machen könnte – als Opfer ihrer Angstpsychose, unter der zumindest einige gelitten haben müssen.

Das ist erzählerische Selektion, aber das geschieht in der Geschichtsforschung immer. Schon wenn man historische Fakten mittels Kausalitäten miteinander verbindet, schafft man eine Erzählstruktur. Aus einer Erzählstruktur wird zwangsläufig eine Erzählung und aus jeder Erzählung irgendwann ein Mythos.

Fixpunkte der Geschichte

Die britische Science-Fiction Serie Doctor Who, die – wie praktisch alle Geschichten, die sich im Kern um Zeitreisen drehen – das Problem hat zu erklären, warum der Doktor nicht einfach in die Vergangenheit reist und beispielsweise Hitler verhindert oder das Attentat auf Franz Ferdinand, löst das Problem mit dem Konzept der „Fixed-Points-in-Time“, das sind Ereignisse, die auch der zeitreisende Doktor nicht verändern darf, so gerne er es auch wollte.

Das Ganze ist etwas holprig. Die Konsequenzen sich nicht an diese Regel zu halten, sind im Laufe der Serie sehr unterschiedlich. Einmal wird durch einen eher kleinen Eingriff in die etablierte Zeitlinie die Weiterexistenz jeglicher Realität bedroht, das andere Mal ist es eher ein psychologisches und damit sehr individuelles Problem für den Doktor, der von so viel Macht korrumpiert werden würde, was dann wiederum eine Bedrohung für das Universum wäre.

Man muss auf die Metaebene gehen, um das Konzept zu verstehen: Es ist schlicht unplausibel, dass ein Wesen mit der Fähigkeit durch Raum und Zeit zu reisen, das zudem auffällig häufig als Retter der Erde auftritt, angesichts solcher Bedrohungen wie dem Nationalsozialismus untätig bleibt, zumal er an anderer Stelle bereit ist, die klar vom Faschismus inspirierten Daleks als Spezies komplett auszulöschen. Völkermord an Völkermördern, das ist schon ein sehr düsteres Thema für eine ursprünglich für Kinder und Jugendliche entwickelte Serie, das eigentlich nur durch das nicht ernstzunehmende Aussehen der Daleks als überdimensionierte Pfefferstreuer abgemildert wird.

Vor diesem Hintergrund macht es aber um so weniger Sinn, dass der Doktor beim Nationalsozialismus untätig bleibt, was den Machern der Serie sicher auch bewusst ist, denn sie parodieren dies mehrfach, am deutlichsten in einer Folge, in der der Doktor versehentlich einen anderen Zeitreisenden unterbricht, als dieser gerade dabei ist, Hitler zu töten. Als Hitler sich darauf hin beim Doktor bedankt, weil er ihm das Leben gerettet hat, bemerkt der Doktor sichtbar geschockt: „Believe me, it was an accident!“

Plausibel oder logisch sind die fixed-points-in-time daher nicht, erzähltheoretisch gesehen machen sie aber Sinn: Der Zuschauer kommt mit fremden, imaginierten Welten zurecht, er kommt mit Welten zurecht, die eine andere Physik haben, in denen Magie und Fabelwesen existieren, aber er braucht immer Bezugspunkte, um sich in die Welt hinein zu denken, hinein zu imaginieren. Das sind die fixed-points-in-time, Ankerpunkte, die dem Zuschauer einen Standpunkt in der imaginierten Welt geben. Bestimmte Ereignisse zu verändern, würde die Identität dieser imaginierten Welt so sehr verändern, dass wir darin zu wenige Bezugspunkte hätten, um uns hinein zu denken. Daraus kann man schließen, dass sich unsere eigene Identität auch über bestimmte historische Ereignisse, positive wie negative, definiert. Fixed-points-in-time eben.

Han shot first

Natürlich gibt es auch das Konzept der alternativen Geschichte und gerade da auch Szenarien, in denen die Nazis den Krieg gewonnen haben, doch das sind zwangsläufig Dystopien. Bestimmte historische Ereignisse sind für uns so prägend, dass selbst dann, wenn wir an ihnen herumschrauben, sie dieselbe Wirkung haben. Der Nationalsozialismus war eine Ideologie, in der wir nicht leben wollen, und wenn wir eine Welt imaginieren, in dem der Nationalsozialismus gewonnen hat, dann ist das zwangsläufig eine Welt, in der wir nicht leben wollen. Identifikationsfiguren in solchen Szenarien sind Widerständler und Unterdrückte. Es ist nicht der Schalterbeamte, der sich aus jeglicher Politik raushält und nach der Arbeit ganz entspannt ein vielleicht sogar glückliches Familienleben führt, weil er weder als Freund noch als Feind für Machthaber wie Widerständler von Bedeutung ist.

Die bürgerliche Freiheit, sich raushalten zu dürfen, finden wir weder sonderlich sympathisch noch sonderlich interessant, legen sie selbst aber mehr oder weniger ausgeprägt an den Tag. Wie viele Dinge laufen in der Welt oder auch in unserem Land schief, über die wir allenfalls nur den Kopf schütteln und uns dann kurz während des Grillabends mit Freunden darüber echauffieren, bevor wir in den Alltag zurückkehren. Wir identifizieren uns also nicht mit Figuren, die wie wir sind, sondern die so sind, wie wir gerne wären.

Wer an dieser Stelle einwendet, dass Romane, Filme und Fernsehserien dieser Art primär der Unterhaltung dienen und Erzähltheorie nicht so große Bedeutung für den Leser/Zuschauer hat, der soll mal einen Star-Wars-Fan fragen, ob Han Solo zuerst geschossen hat. Seit George Lucas in einer neuen Schnittfassung ein winziges Detail änderte, ist er dem Vorwurf ausgesetzt, die komplette Charakterzeichnung der Figur auf den Kopf gestellt und zerstört zu haben. Die Leute beschäftigen sich selten mit Erzähltheorie, sie haben ihre Strukturen aber so verinnerlicht, dass die neue Schnittfassung von einigen Zuschauer regelrecht als Beleidigung empfunden wurde.

Geschichte ist Konstruktivismus

Wenn ich hier in diesem Blog Abneigungen gegen z.B. Landgraf Georg I. zum Ausdruck bringe, dann nicht nur, weil es historische Fakten gibt, die eine solche Interpretation zulassen, sondern vor allem weil ich damit etwas über unsere Welt heute und meine Vorstellung von unserem Zusammenleben, wie es sein sollte, zum Ausdruck bringe. Würde ich mir gerne mehr repräsentative Architektur, mehr geordnete, weniger flache Hierarchien, einen autoritäreren, wehrhafteren Staat oder ähnliches wünschen, würde ich andere Aspekte aus Georgs Biographie in den Vordergrund stellen, seine Bemühungen Hessen-Darmstadt zu einem einheitlichen Territorialstaat weiterzuentwickeln oder die Vereinheitlichung der Gesetzgebung (faktisch der erste Schritt zur Rechtsstaatlichkeit). Für alles, was man heute als Law & Order-Agenda bezeichnen würde, gibt es mannigfaltige positive Beispiele in der Biografie Georgs.

Diese Aspekte seiner Biographie waren die Aspekte, auf die die Rezeption in der Vergangenheit fokussiert war. Das sagt aber weniger über Georg aus als über die Vorstellungswelten der Rezipienten. Themen wie seine Hexenverfolgungen wurden nicht verschwiegen, aber sie waren in den Bewertungen seiner Biographie so platziert, dass sie von den positiven Eigenschaften überlagert wurden.

Natürlich wird Geschichte dadurch nicht willkürlich. Wenn ich über Georg etwas behaupte und jemand weist auf einen historischen Fakt hin, der dem widerspricht, dann ist meine Behauptung falsifiziert. Da ist die wissenschaftliche Methodik voll am Werk. Anders als Naturwissenschaften hat die Geschichtsforschung aber das Problem, dass man Hypothesen nicht mit Experimenten überprüfen kann. Und Reproduzierbarkeit dürfte man sich bei vielen wichtigen historischen Ereignissen wirklich nicht wünschen.

Geschichte ist immer auch Erzählung. Erzählung folgt Regeln und ist ein Dialog zwischen Sender und Empfänger. Das heißt nicht, dass jedes Geschichtsbild und jede Interpretation gleichwertig ist. Es gibt Fakten, die man einordnen und bewerten kann. Diese Fakten allein ergeben aber noch kein vollständiges Geschichtsbild und an diesem Punkt setzt sich unser Gegenwartsbild durch.

In der zurückhaltendsten Form geschieht dies über die Auswahl der Themen, die uns interessieren, es hat seine Gründe, warum das Alte Ägypten mehr Leute interessiert als – sagen wir – die Chatten. Häufig nutzt man die Geschichte aber als Spiegelbild der Gegenwart. Man denke zum Beispiel an den häufig zu hörenden Vorwurf der „Hexenjagd“, wenn eine Person mit Kritik überschüttet wird. Unser Geschichtsbild sagt also konkret etwas über uns persönlich aus, vor allem darüber, wie wir uns unsere heutige Gesellschaft wünschen.

Sich auf die Meinung versteifen, dass Historiker so nicht arbeiten dürfen, sondern allein auf Fakten setzen sollten, ist natürlich im Kern richtig, verkennt aber, dass historische Fakten immer lückenhaft sind. Geschichtsforschung ist insofern eine wissenschaftliche Disziplin, dass sie, wie gesagt, falsifizierbar ist, es ist aber kein geschlossenes System und bietet daher unendlich viele Ansatzpunkte, wie man Fakten plausibel miteinander verbindet. Und jeder neu entdeckte Fakt verändert das Bild. Was dabei als plausibel empfunden wird, ist aber in erster Linie von unserem Gesellschaftsbild und auch von unserem Selbstbild geprägt.

3 Responses to Geschichte, Mythos und Identität

  1. Günter Barudio hat mal gesagt, dass Geschichte schon deshalb immer eine wertende Wissenschaft ist, weil sie stets eine werdende ist. Stimmt.

  2. R.A. says:

    Ein sehr guter und schön langer Text.

    EInige nicht ganz so lange Sachen, die mir dazu einfallen.

    Zum Thema Artus empfehle ich unbedingt die Trilogie von Bernard Cornwell:
    https://www.bernard-cornwell.de/buchreihe/die-artus-sage-erzaehlt-vom-krieger-derfel/
    Die ist historisch erstaunlich korrekt. Natürlich ist das meiste frei erfunden – schließlich sind die historischen Überlieferungen zu Artus minimal und zu seiner Zeit auch nicht sehr reichlich.
    Aber was da ist, wird sehr gut verarbeitet: So könnte es gewesen sein. Und dabei wird auch der Mythos und seine Entstehung wunderbar ironisch aufs Korn genommen – der Protagonist erzählt seine Lebensgeschichte am Hofe Arturs und beklagt sich immer wieder bitterlich, daß die „modernen“ Geschichtenerzähler alles verfälschen und übertreiben würden …

    Herr der Ringe: “ Faschistische, imperialistische und rassistische Elemente, die in dem Werk durchaus auszumachen sind.“
    In der Tat. Und in der Verfilmung (die mir ansonsten meist gut gefällt) ist das fast noch stärker.
    Auch hier eine Leseempfehlung:
    https://en.wikipedia.org/wiki/The_Last_Ringbearer
    Da wird die Geschichte aus der Sicht der Orcs erzählt. Und erscheint dabei deutlich logischer als bei Tolkien …

    Game of Thrones: „Der Unterschied zwischen den beiden Werken liegt also darin, dass Game of Thrones eher unserem heutigen Geschichtsbild folgt.“
    Ich hätte ja eher darauf verwiesen, daß GoT sich so deutlich vom „no sex please, we’re british“ Tolkiens absetzt 😉
    Aber Deine Erklärung ist besser. Über diesen Aspekt habe ich bisher nicht nachgedacht (alleine schon, weil ich im wesentlichen den Büchern folge und daher noch nicht wirklich weiß, wie es ausgeht).

    Hexen: „also schuf man einen erklärenden Mythos: die Hexe, die mit Zauberei das Wetter beeinflusst.“
    Richtig. Aber natürlich nicht erst im späten Mittelalter. Diesen Glauben an Hexerei gab es ja schon lange vorher, ziemlich in allen Kulturen und führte nicht zu Hexenverfolgungen. Jedenfalls nicht als größeres Phänomen – bei schlimmen Ereignissen konnte schon mal ein einzelner „Schuldiger“ bestraft werden.
    Die europäischen Hexenverfolgungen sind ein Produkt der Neuzeit und der Aufklärung. In einer modernen und wissenschaftlichen Gesellschaft konnte nicht mehr geduldet werden, daß Hexer ihr Unwesen trieben, deswegen versuchte man das systematisch zu erfassen und zu beseitigen.

    Hexenjagd: „Man denke zum Beispiel an den häufig zu hörenden Vorwurf der „Hexenjagd“, wenn eine Person mit Kritik überschüttet wird.“
    Kritik alleine reicht eigentlich nicht. Sondern den Vergleich mit einer Hexenjagd kann man eigentlich erst bringen, wenn dem Angeklagten keine echte Verteidigung mehr erlaubt wird. Siehe aktuell einige der „metoo“-Fälle: Da reicht die Anklage, um jemand schuldig zu sprechen und Konsequenzen zu fordern (z. B. berufliche Ächtung). Ob das wirklich belegt ist interessiert dabei nicht, alleine die Tatsache einer Anklage „beweist“, daß diese zu 100% berechtigt ist.

    • Jörg says:

      Da wird die Geschichte aus der Sicht der Orcs erzählt.

      Klingt interessant. Ist bisher an mir vorbeigegangen. Die Cornwell-Romane sind ja recht verbreitet (obwohl ich selbst sie bislang auch nicht gelesen habe), aber von dem anderen hatte ich bisher nichts gehört. Ich habe nur leider noch so viel auf meiner Lesens-To-Do-Liste ;-).

      daß GoT sich so deutlich vom „no sex please, we’re british“ Tolkiens absetzt

      Gut, der viele Sex in Game of Thrones ist halt auch ein bisschen Mode, etwas, was in der Vergangenheit ein Tabubruch gewesen wäre, heute, wo es keinen breiten Protest mehr dagegen gibt, exzessiv zu nutzen, ist eigentlich ein recht banaler Erzähltrick. Man suggeriert dem Leser/Zuschauer einen Tabubruch, der Reiz eine Regel zu brechen wird bedient, man geht aber nicht das Risiko ein, wirklich eine Regel zu brechen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: