Straßennamen und Identitäten

Der Vorschlag eines Anwohners einer jener Straßen, die jetzt umbenannt werden soll, ist: „Fickt-Euch-Allee„. Eine grundsätzlich andere politische Meinung, als beispielsweise ich sie habe, hat diese Person nicht. Auch andere Personen aus demselben politischen Spektrum wie ich sind zumindest eingeschränkt skeptisch der Entscheidung gegenüber.

Man könnte lange und vermutlich ergebnislos darüber diskutieren, ob das Ganze ein eher semiotisches als politisches Problem ist. Was ich mich aber aus diesem und anderen Gründen vermehrt frage, ist, warum die Umbenennung einer Straße, genauer der Straße, in der man wohnt, offenbar als großer Eingriff ins Persönliche wahrgenommen wird. Die Straße selbst, das wird niemand bestreiten, ist öffentlicher Raum. Das Private beginnt an der Grundstücksgrenze, bei Mehrparteienhäusern eigentlich sogar erst an der Wohnungstür (wobei der Hausflur eine Art halbprivater Zwischenraum ist).

Für sein Haus, seine Wohnung und die Umgebung hat man sich bewusst entschieden, der Name der Straße, in der man wohnt, ist aber ein Zufallsprodukt. Niemand hat sich seine Wohnung, sein Haus oder sein Baugrundstück nach dem Namen der Straße ausgesucht. Die Frage stellt sich also, warum die amtliche Umbenennung der Straße dann so viel ablehnende Emotion auslöst.

Ein Grund mag sein, dass ein von Amts wegen auferlegter Aufwand immer Ablehnung erzeugt. Man selbst hatte kein Problem mit dem Straßennamen oder sah es zumindest nicht als allzu wichtig an, muss sich jetzt aber um so einige Dinge kümmern und sei es nur Versicherungen, Krankenkassen, Arbeitgebern, Geschäftspartnern, etc. mitzuteilen, dass sich die eigene Adresse geändert hat. Das ist nicht mehr Aufwand wie nach einem Umzug, aber es ist ein Aufwand, der einem unnötig erscheint und zu dem man dennoch durch die Obrigkeit gezwungen wird.

Per se ist die Ablehnung daher nicht politisch.

Was aber auffällt, ist der Widerspruch, dass man es auf der einen Seite als unwichtig empfindet, wenn eine Straße nach jemanden benannt ist, der irgendwie ins Nazi-System verstrickt war, gleichzeitig aber bei einer Umbenennung nicht einfach mit den Schultern zuckt. Nur dann wäre es einem ja tatsächlich egal, wie die Straße heißt. Der Akt des Umbenennens scheint ein weitaus größeres Problem zu sein als das politisch fragwürdige Verhalten der Person hinter dem Straßennamen.

So zufällig man zu „seinem“ Straßennamen auch gekommen sein mag, er wird Teil der eigenen Identität. Ob im Rubrum eines Gerichtsurteils oder einem privatrechtlichen Vertrag wie z.B. einem Arbeitsvertrag, häufig nutzt man zu einer genauen Identifizierung der beteiligten Parteien neben dem Namen die vollständige Anschrift. Auch das Geburtsdatum nutzt man hierfür, doch ist die Verwechslungsgefahr hier deutlich größer, zumindest bei geläufigen Namen.

Tatsächlich wechseln die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens mehrmals ihren Wohnsitz. Oft ist das aber mit einer markanten Veränderung in ihrem Leben verbunden. Die erste eigene Wohnung bezieht man meistens, wenn man sich von der Vollversorgung durch die eigenen Eltern abnabelt, ein eigenes Leben beginnt. Irgendwann zieht man dauerhaft mit einem Partner zusammen, auch hier ist der Wohnsitzwechsel mit einer Veränderung der eigenen Identität verbunden, dann hat man Kinder und braucht mehr Wohnraum, zieht in eine größere Wohnung oder ein Haus – auch das ein einschneidender, markanter Punkt im Leben einer Person, wieder verbunden mit einer Änderung der Anschrift. Ein Jobwechsel und irgendwann vielleicht ins Altersheim sind weitere Beispiele, bei denen Adressänderungen eng mit einschneidenden Veränderungen des eigenen Lebens und damit der eigenen Identität verbunden sind.

Und jetzt wird man von Außen zu solch einer Identitätsänderung gezwungen. So gesehen ist „Fickt-Euch-Allee“ kein schlechter Vorschlag.

Was dabei aber übersehen wird, ist, dass Straßennamen nicht nur Teil von persönlichen Identitäten sind, sondern auch von der Identität einer Stadt. Und während die Bewohner der Straßen irgendwann die Straße auf die ein oder andere Weise verlassen, bleibt die Stadt bestehen.

2 Responses to Straßennamen und Identitäten

  1. Max says:

    Mein erster Gedanke bei dem Namen war eher, dass die Person von dem hin-und-her genervt ist. 😀 Aber du wirst die Person ja kennen und daher besser über die Hintergründe informiert sein. 🙂

    • Jörg says:

      Naja, er wohnt halt nicht in der Hindenburgstraße, sondern in einer der anderen, von daher gab es da kein großes hin-und-her, das ist für Leute, die sich bislang nicht dafür interessiert haben, schon etwas überfallartig. Das ist auch das eigentliche Problem, das ich bei der Sache sehe. Die Leute in der Hindenburgstraße haben meiner Ansicht nach keinen Grund sich zu beschweren.

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